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Full text of "Das Buch vom Es. Psychoanalytische Briefe an eine Freundin. [3. Auflage]"

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GEORG G RODDECK 

DAS BUCH VOM ES 
























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DAS BUCH VOM ES 

PSYCHOANALYTISCHE BRIEFE 
AN EINE FREUNDIN 






VON 



GEORG GRODDECK 

1 



DRITTE AUFLAGE 
(6.-8. TAUSEND) 



1934 

INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 









COPYRIGHT 1923 

BY INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER 

VERLAG IN WIEN 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




PRINTED IN AUSTRIA 

DRUCK DER JOHANN N. VERNAY A. G. 

WIEN IX. 



I. 

LIEBE FREUNDIN, SIE WÜNSCHEN, DASS ICH IHNEN SCHREIBE, 
nidits Persönliches, keinen Klatsch, keine Redensaiten, sondern ernst, 
belehrend, womöglich wissenschaftlidi. Das ist sdilinim. 

Was habe idi Armer mit Wissenschaft zu tun ? Das bißdien, was 
man als praktischer Arzt nötig hat, kann idi Ihnen doch nidit vor- 
führen, sonst sehen Sie, wie löchrig das Hemd ist, das unsereiner 
unter dem Staatsgewande der Approbation als Arzt trägt. Aber viel- 
leicht ist Ihnen mit der Erzählung gedient, warum ich Arzt wurde 
und wie ich zu der Abneigung gegen das Wissen gekommen bin. 

Ich besinne mich nicht, daß ich als Knabe besondere Neigung für 
das Arztsein gehabt habe, vor allem weiß ich bestimmt, daß ich nie, 
audi später nidit, mit diesem Beruf mensdienfreundlidie Gefühle ver- 
bunden hätte ; und wenn ich midi, was wohl geschehen ist, mit solchen 
edlen Worten zierte, so verzeihe mir ein mildes Gericht mein Lügen. 
Arzt wurde ich, weil mein Vater es war. Er hatte all meinen Brüdern 
verboten, diese Laufbahn einzusdilagen, vermutlich weil er sich und 
andern gern einreden wollte, seine finanziellen Sdiwierigkeitcn seien 
durch die schlechte Bezahlung des Arztes bedingt, was durdiaus nicht 
der Fall war, da er bei alt und jung als ein guter Arzt gerühmt 
und dementsprechend entlohnt wurde. Aber er liebte es, wie sein 
Sohn auch und wie wohl ein jeder, nach außen zu blicken, wenn er 
wußte, daß in ihm selber etwas nidit stimmte. Eines Tages fragte er 

1 G r o d d e c k, Das Buch vom Eb 



mich,- warum, weiß id. nicht - ob ich nicht Arzt werden wolle, und 
wexl id, ,n dieser Frage eine Auszeichnung meinen Brüdern gegen- 
über sah, sagte ich ja. Damit war mein Schicksal entschieden, sowohl 
für meine Berufswahl, als audx für die Ar*, wie ich diesen Beruf aus- 
geübt habe. Denn von da an habe ich meinen Vater bewußt nach- 
geahmt, so stark, daß eine alte Freundin von ihm, als sie mich viele 
Jahre später kennen lernte, in die Worte ausbrach: „Ganz der Vater, 
nur kerne Spur von seinem Genie." 

Bei jener Gelegenheit erzählte mir mein Vater etwas, was mich 
spater, als die Zweifel an meinen ärztlichen Fähigkeiten kamen, an 
meiner Arbeit festhielt. Vielleicht kannte ich die Geschichte schon 
vorher, aber ich weiß, daß sie mir in der gehobenen Stimmung des 
Joseph, der besser war als seine Brüder, tiefen Eindruck machte. Er 
habe mich, erzählte er mir, als dreijährigen Jungen mit meiner etwas 
älteren Schwester, meiner ständigen Spielkameradin, beim Puppen- 
spielen beobachtet. Lina verlangte, daß der Puppe noch ein Kleid an- 
gezogen werden solle, und ich gab es nach langem Kampfe mit den 
Worten zu: „Gut, aber du wirst sehen, sie erstickt" Daraus habe er 
den Schluß gezogen, daß ich ärztliche Begabung hätte. Und ich selber 
habe diesen so wenig begründeten Schluß auch gezogen. 

Ich erwähne dieses kleine Ereignis, weil es mir Gelegenheit gibt 

von einem Zug meines Wesens zu sprechen, von einer seltsamen 

Ängsdichkeit geringfügigen Dingen gegenüber, die mich plötzlich und 

scheinbar unmotiviert befällt. Angst ist, wie Sie wissen, die Folge 

eines verdrängten Wunsches; es muß in jenem Augenblick, als ich 

den Gedanken äußerte, die Puppe werde ersticken, der Wunsch in 

mir lebendig gewesen sein, irgend ein Wesen, dessen Stelle die Puppe 

vertrat, zu töten. Wer dieses Wesen war, weiß ich nicht, vermute 

nur, daß es eben diese meine Schwester war; ihrer Kränklichkeit 

halber wurde ihr von meiner Mutter manches zugeteilt, was ich als 

Jüngster für mich beansprudite. Da haben Sie nun, was das Wesent- 

lidie des Arztes ist : ein Hang zur Grausamkeit, der gerade so weit 



verdrängt ist, daß er nützlich wird, und dessen Zuditmeister die 
Angst ist, weh zu tun. Es lohnte sich, diesem feingefügten Wider- 
spiel von Grausamkeit und Angst im Mensdien nadizugehen, weil es 
gar wichtig im Leben ist. Aber für den Zweck eines Briefes genügt 
es wohl festzustellen, daß das Verhältnis zu meiner Schwester viel 
mit der Entwicklung und Bändigung meiner Lust am Wehtun zu tun 
hat. Unser Lieblingsspiel war Mutter und Kind spielen, wobei es 
darauf ankam, daß das Kind unartig war und Schläge bekam. Daß 
alles milde verlief, war durch die Kränklichkeit der Schwester bedingt 
und spiegelt sich in der Art wider, wie ich meinen Beruf ausgeübt 
habe. Neben der Scheu vor dem blutigen chirurgischen Handwerk 
habe ich die Abneigung gegen das Giftmischen der Apotheke und 
bin so zur Massage und zur psychischen Behandlung gekommen ; 
beide sind nicht weniger grausam, aber sie lassen sich besser der 
individuellen mensdüidien Lust am Leiden anpassen. Aus den täglich 
wechselnden Anforderungen heraus, die Linas Herzleiden an mein 
unbewußtes Taktgefühl stellten, wuchs dann die Neigung, mich mit 
chronisch Kranken zu besdiäftigen, während mich die akute Erkrankung 
ungeduldig macht. 

Das ist so ungefähr, was ich vorläufig über die Wahl meines 
Berufes mitteilen kann. Wenn Sie es nur ein wenig in Ihrem Herzen 
bewegen, wird Duien schon allerlei über meine Stellung zur Wissen- 
schaft einfallen. Denn wer von Kindheit an auf den einzelnen Kranken 
eingestellt ist, wird schwerlich systematisch rubrizieren lernen. Aber 
auch da ist wohl das Wichtigste die Nachahmung. Mein Vater war 
ein Ketzer unter den Ärzten, war sich selbst Autorität, ging eigene 
Wege und Irrwege und von Respekt vor der Wissenschaft war weder 
in Worten nodi in Taten viel bei ihm zu spüren. Ich besinne midi 
noch, wie er über die Hoffnungen spottete, die sich an die Entdeckung 
des Tuberkel- und Cholerabazillus knüpften, und mit weldiem Hoch- 
genuß er erzählte, daß er gegen alle physiologischen Lehrsätze ein 
Wickelkind ein Jahr lang nur mit Bouillon gefüttert habe. Das erste 



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• 



medizinische Buch, das er mir in die Hände gab, - ich war damals 
noch Gymnasiast - war die Erfahrungsheillehre Rademachers, 
und da darin die Kampfstellen wider die Wissenschaft dick angestrichen 
und reichlich mit Randbemerkungen versehen waren, so ist es wohl 
kein Wunder, wenn ich schon vor Beginn meines Studiums geneigt 
war zu zweifeln. 

Diese Lust am Zweifel war noch anders bedingt. Als ich sechs 
Jahre alt war, verlor ich zeitweise die ausschließliche Freundschaft 
meiner Schwester. Sie wendete ihre Neigung einer Schulkameradin 
zu, die den Namen Alma trug, und was besonders schmerzlich war, 
sie übertrug unsere kleinen sadistischen Spiele auf diese neue Freundin 
und schloß mich von der Teilnahme daran aus. Es gelang mir ein 
einzigesmal, die beiden Mädchen beim Geschiditenerzählen, was sie 
besonders hebten, zu belauschen. Alma phantasierte von einer bösen 
Mutter, die ihr unartiges Kind zur Strafe in eine Abtrittsgrube steckte, 
- man muß sich dabei einen ländlichen primitiven Abtritt vorstellen. 
Noch heutigen Tages geht es mir nach, daß ich diese Geschichte nicht 
zu Ende gehört habe. Die Freundsdiaft der beiden Mädchen ging 
vorüber und meine Schwester kehrte zu mir zurück. Aber jene Zeit 
der Einsamkeit hat genügt, um mir eine tiefe Abneigung gegen den 
Namen Alma einzuflößen. 

Und nun darf ich Sie wohl daran erinnern, daß die Universität 
sich Alma Mater nennt. Das hat mich stark gegen die Wissensdiaft 
eingenommen, noch mehr, weil das Wort Alma Mater auch für das 
Gymnasium angewendet wurde, in dem ich meine humanistische 
Bildung erhielt und in dem idi viel gelitten habe, von dem ich viel 
erzählen müßte, wenn es darauf ankäme, Ihnen meine menschlidie 
Entwicklung begreiflich zu machen. Aber darauf kommt es ja nicht 
an, sondern nur auf die Tatsache, daß ich all den Haß und das Leid 
meiner Schulzeit auf die Wissenschaft übertrug, weil es bequemer ist, 
Trübungen der Seele aus dem äußeren Geschehen herzuleiten, statt 
sie in den Tiefen des Unbewußten zu suchen. 



Später, erst sehr spät, ist mir klar geworden, daß das Wort Alma 
Mater, „nährende Mutter", an die ersten und schwersten Konflikte 
meines Lebens erinnert. Meine Mutter hat nur das älteste ihrer 
Kinder genährt; sie bekam damals schwere Brustentzündungen, durch 
die die Mildadrüsen verödeten. Meine Geburt muß wohl ein paar 
Tage früher stattgefunden haben, als beredmet war. Jedenfalls war 
die Amme, die für midi bestimmt war, noch nidit im Hause und ich 
bin drei Tage kümmerlich von einer Frau gestillt worden, die zwei- 
mal am Tage kam, um mir die Brust zu geben. Es hat mir nichts 
geschadet, sagte man mir, aber wer kann die Gefühle eines Säuglings 
beurteilen? Hungern müssen ist kein freundlicher Willkommengruß 
für einen Neugeborenen. Ich habe hie und da Leute kennengelernt, 
denen es ähnlich gegangen ist, und wenn ich auch nicht beweisen 
kann, daß sie Sdiaden an ihrer Seele gelitten haben, so ist es mir 
doch wahrscheinlich. Und im Vergleich zu ihnen glaube ich noch gut 

weggekommen zu sein. 

Da ist zum Beispiel eine Frau, - ich kenne sie viele, viele Jahre, - 
deren Mutter sich von dem neugeborenen Kinde abwandte, sie nährte 
es nidit, obwohl sie es bei den andern Kindern tat, und überließ es 
dem Kindermädchen und der Flasdie. Das Kind aber hungerte lieber, 
als daß es am Gummipfropfen sog, es kränkelte dem Tode entgegen, 
bis ein Arzt die Mutter aus ihrer Antipathie aufrüttelte. Da wurde 
aus der fühllosen Mutter eine besorgte. Eine Amme kam ins Haus 
und die Mutter ließ keine Stunde vergehen, ohne nach dem kleinen 
Mäddien zu sehen. Das Kind gedieh nun und ist zu einer kräftigen 
Frau herangewachsen. Sie wurde der Verzug der Mutter, die bis zu 
ihrem Tode werbend hinter der Tochter herlief. Aber in der Tochter 
blieb der Haß. Ihr Leben ist eine stahlharte Kette der Feindschaft, 
deren einzelne Glieder von der Rache geschmiedet sind. Sie hat die 
Mutter gequält, so lange sie lebte, sie ist vom Sterbebett der Mutter 
fortgereist, sie verfolgt, ohne daß sie es weiß, jeden, der an die Mutter 
erinnert, und sie wird bis an ihr Lebensende den Neid behalten, den 

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ihr der Hunger eingeflößt hatte. Sie ist kinderlos. Menschen, die ihre 
Mutter hassen, sind kinderlos, und das ist so wahr, daß man bei un- 
fruchtbaren Ehen ohne weiteres annehmen kann, einer von beiden 
Teilen ist Feind seiner Mutter. Wer seine Mutter haßt, der fürchtet 
sich vor dem eigenen Kind ; denn der Mensch lebt nach dem Satz : 
Wie du mir, so idi dir. Dabei wird sie verzehrt von dem Wunsche, 
ein Kind zu gebären. Ihr Gang ist der einer Schwangeren, wenn sie 
einen Säugling sieht, schwellen ihre Brüste, und wenn ihre Freundinnen 
schwanger werden, bekommt sie einen dicken Bauch. Jahrelang ist sie, 
die vom Leben und Reichtum Verwöhnte, täglich als Hilfsschwester in 
eine Entbindungsanstalt gegangen, hat die Kinder gereinigt, Windeln 
gewaschen und Wöchnerinnen versorgt und in wahnsinniger Begierde 
die Neugeborenen, verstohlen wie eine Verbredierin, an ihre milch- 
losen Brüste gelegt. Aber sie hat zweimal Männer geheiratet, von 
denen sie vorher wußte, daß sie zeugungsunfähig waren. Sie lebt vom 
Haß, der Angst, dem Neid und der lüsternen Qual des Hungerns nach 
Unerreichbarem. 

Da ist eine andere, die hungerte auch in den ersten Tagen nach 
der Geburt. Sie hat sich nie entschließen können, sich den Haß gegen 
die Mutter einzugestehen, aber das Gefühl, die früh verstorbene 
Mutter gemordet zu haben, quält sie unablässig, so irrsinnig dieser Ge- 
danke ihr auch scheint. Denn die Mutter starb während dieser Ope- 
ration, von der das Mädchen vorher nichts wußte. Seit vielen Jahren 
sitzt sie einsam und krank in ihrem Zimmer, nährt sich vom Haß 
gegen alle Menschen, sieht niemanden, neidet und haßt. 

Was midi selbst betrifft, so ist schließlich die Amme gekommen 
und sie ist drei Jahre bei uns im Hause geblieben. Haben Sie sich 
schon einmal mit den Erlebnissen einen kleines Kindes beschäftigt, 
das von der Amme genährt wird? Die Sache ist etwas kompliziert, 
wenigstens wenn das Kind von der Mutter geliebt wird. Da ist eine 
Mutter, in deren Leibe hat man neun Monate gesessen, sorglos, warm 
und in allen Freuden. Sollte man sie nicht lieben? Und dann ist da 



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ein zweites Wesen, an dessen Brust man täglich liegt, deren Mildi 
man trinkt, deren warme frisdie Haut man fühlt und deren Geruch 
man einatmet. Sollte man sie nicht lieben? Zu wem aber soll man 
halten? Der Säugling, der von der Amme gestillt wird, ist in den 
Zweifel hineingestellt und wird den Zweifel nie verlieren. Seine 
Glaubensfähigkeit ist im Fundament erschüttert und das Wählen 
zwischen zwei Möglichkeiten ist für ihn schwerer als für andere. Und 
was kann einem solchen Menschen, dessen Gefühlsleben man von 
Beginn an halbiert hat, den man um die volle Kraft der Leidcnsdiaft 
betrügt, das Wort Alma Mater anderes sein als ein Hohn und eine 
Lüge? Das Wissen aber wird ihm von vornherein unfruchtbar erscheinen. 
Er weiß, die eine dort, die dich nicht nährt, ist deine Mutter und sie 
beansprucht dich als ihr Eigentum, die andere aber nährt dich und 
doch bist du nicht ihr Kind. Man steht vor einem Problem, das sich 
durdi Wissen nicht lösen läßt, vor dem man fliehen muß, gegen 
dessen aufdringlidie Frage man am besten in das Reich der Phan- 
tasie flüchtet. Und wer in diesem Reidi heimisch ist, erkennt irgend- 
wann einmal, daß alle Wissenschaft nichts anderes ist als eine Abart 
der Phantasie, ein Spezialfach sozusagen, mit allen Vorzügen und mit 
allen Gefahren der Spezialität ausgestattet. 

Es gibt auch Menschen, die sidi im Reich der Phantasie nicht 
heimisch fühlen, und von einem solchen will ich Rinen kurz berichten. 
Er sollte nicht geboren werden, wurde aber doch geboren, trotz Vater 
und Mutter. Da versiegte die Milch der Frau und eine Amme kam 
ins Haus. Das Söhnchen wuchs inmitten seiner glücklicheren Ge- 
schwister, die an der Mutterbrust lagen, heran, aber er blieb zwischen 
ihnen ein Fremdling, sowie er auch den Eltern fremd blieb. Und 
ohne es zu wollen oder auch nur zu wissen, hat er allmählich die 
Bande zwischen den Eltern gesprengt. Sie sind unter dem Druck halb- 
bewußter Schuld, die fremden Augen aus der seltsamen Behandlung 
des Sohnes deudich wurde, vor einander geflohen und wissen nichts 
mehr voneinander. Der Sohn aber wurde ein Zweifler, sein Leben 






wurde halb. Ued weil er nicht wagte, phantastisch zu sein, - denn er 
sollte ein ehrbarer Mensch werden, und seine Träume waren die des 
ausgestoßenen Abenteurers, - begann er zu trinken, ein Schicksal, das 
manchen begegnet, der in den ersten Lebenswochen Liebe entbehren 
mußte. Aber wie alles, ist auch die Trunksucht bei ihm halb. Nur 
zeitweise, für einige Wochen oder. Monate, kommt es über ihn, daß er 
trinken muß. Und weil ich ein wenig seinen Irrgängen nachgespürt 
habe, weiß ich, daß immer diese kindische Ammensache auftaucht, 
ehe er zum Glase greift. Das gibt mir die Gewißheit, daß er genesen 
wird. Und nun etwas Seltsames: dieser Mann wählte ein Mädchen 
zum Weibe, das ebenso tief im Haß gegen die Eltern steckt wie er, 
das ebenso wie er kindernärrisch ist und doch das Kinderkriegen wie 
den Tod fürchtet. Und weil das seiner zerrissenen Seele noch keine 
Sicherheit gab, ob ihm nicht doch ein Kind geboren werden könnte, 
das ihn strafte, erwarb er sidi eine Ansteckung und gab sie seinem 
Weibe weiter. Es steckt im Mensdienleben viel unbekannte Tragik ! 

Mein Brief ist zu Ende. Aber darf ich die Geschichte meiner 
Amme weiter erzählen? Ich besinne mich nicht mehr, wie sie aussah, 
weiß nichts mehr als ihren Namen: Berta, die Glänzende. Aber ich 
habe eine deutliche Erinnerung an den Tag, an dem sie wegging. Sie 
schenkte mir zum Abschied einen kupfernen Dreier und ich weiß 
genau, daß ich, statt wie sie wollte, Zuckerzeug dafür zu kaufen, mich 
auf die steinerne Treppe der Küche setzte und das Dreierstück auf 
den Stufen rieb, damit es glänzte. Seitdem hat mich die Zahl drei ver- 
folgt. Wörter wie Dreieinigkeit, Dreibund, Dreieck haben etwas An- 
rüchiges für mich und nicht nur die Wörter, auch die Begriffe, die 
damit verbunden sind, ja ganze Ideenkomplexe, die ein eigensinniges 
Knabengehirn darum herum gebaut hat. So ist der heilige Geist als 
Dritter schon in früher Kindheit von mir abgelehnt worden, die Lehre 
von den Dreieckskonstruktionen ist mir in der Schule eine Plage ge- 
wesen und die einst vielgepriesene Dreibundspolitik wurde von mir 
von vornherein getadelt. Ja, die Drei ist eine Art Schicksalszahl für 



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midi geworden. Wenn ich mein Gefühlsleben rückschauend betrachte, 
so sehe ich, daß ich, so oft mein Herz sprach, als Dritter in ein bestehendes 
Neigungsverhältnis zweier Menschen eingedrungen bin, daß ich stets 
den einen, dem meine Leidenschaft galt, von dem anderen getrennt 
habe, und daß meine Neigung erkaltete, sobald mir das gelungen war. 
Ja ich kann verfolgen, wie ich, um diese schwindende Neigung am 
Leben zu erhalten, von neuem einen Dritten zugezogen habe, um ihn 
wieder zu verdrängen. So sind in einer und gewiß keiner unwichtigen 
Richtung die Affekte des Doppelverhältnisses zu Mutter und Amme 
und der Kampf des Abschiedes ohne Absicht, ja, ohne Wissen von 
mir wiederholt worden ; eine nachdenkliche Sache, die zum mindesten 
zeigt, daß in der Seele eines dreijährigen Kindes seltsam verworrene 
und doch einheitlich gerichtete Dinge vor sich gehen. 

Ich habe meine Amme später - etwa mit acht Jahren - noch ein- 
mal für wenige Minuten wiedergesehen. Sie war mir fremd und ich 
hatte ein schweres Gefühl des Bedrücktseins in ihrer Gegenwart 

Von dem Wort Dreier muß idi noch zwei kleine Geschichten er- 
zählen, die Bedeutung haben. Als mein älterer Bruder anfing, Latein 
zu lernen, fragte ihn mein Vater beim Mittagessen, was die Träne 
heiße. Er wußte es nicht ; aus irgendeinem Grund hatte ich mir das 
Wort lacrima vom Abend vorher, als Wolf seine Vokabeln laut 
memorierte, gemerkt und beantwortete nun an seiner statt die Frage. 
Ich bekam zum Lohn ein Fünfgroschenstück. Nach Tisch aber boten 
mir meine beiden Brüder an, dieses Fünfgroschenstück gegen einen 
blankgeputzten Dreier einzutauschen, was ich mit Freuden tat. Neben 
dem Wunsdi, die überlegenen Knaben ins Unrecht zu setzen, müssen 
dumpfe Gefühlserinnerungen mitgesprodien haben. - Wenn Sie es 
wünschen, erzähle ich Ihnen später einmal, was das Wort lacrima 
und Träne für mich bedeutete. 

Das zweite Ereignis bringt mich in heitere Stimmung, so oft ich 
daran denke. Ein Menschenalter später habe ich für meine Kinder 
ein kleines Stück geschrieben, in dem eine vertrocknete, dürre, alte 



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Jungfer vorkommt, ein gelehrtes Wesen, das griediischen Unterricht 
gibt und weidlich verladit wird. Und diesem Kind meiner Phantasie, 
brüstelos und kahl wie sie war, gab ich den Namen Dreier. So hat 
die Flucht vor dem ersten unerinnerbaren Abschiedsschmerz aus dem 
leben- und liebestrotzenden Mädchen, das mich stillte und an dem 
ich hing, das Abbild dessen gemacht, was mir die Wissenschaft ist. 

Es ist wohl ernst genug, was ich Ihnen schrieb, ernst für mich. 
Aber ob es das ist, was Sie für unsern Briefwechsel wünschen, wissen 
die Götter. Sei dem wie ihm sei, ich bin wie immer ihr ganz getreuer 






PATRIK TROLL. 

. . 

* 

LIEBE FREUNDIN, SIE SIND NICHT ZUFRIEDEN; ES IST ZU 
viel Persönliches in meinem Brief; und Sie wollen mich objektiv 
haben. Ich glaubte, ich sei es gewesen. 

Lassen Sie uns sehen : ich schrieb über Berufswahl, Abneigungen 
und innerem Zwiespalt, der von Kindheit an besteht. Allerdings sprach 
ich von mir selber ; aber diese Erlebnisse sind typisch. Übertragen Sie 
sie auf andere Menschen, so wissen Sie über vieles Bescheid. Vor 
allem das Eine wird Ihnen klar, daß unser Leben auch von Kräften 
regiert wird, die nicht offen zutage liegen, die erst mühsam aufge- 
sucht werden müssen. Ich wollte an einem Beispiel, an meinem Beispiel 
zeigen, daß sehr vieles in uns vorgeht, was außerhalb unseres ge- 
wohnten Denkens liegt. Aber vielleicht sage ich Ihnen besser gleich, 
was ich mit meinen Briefen beabsichtige. Sie können dann entscheiden, 
ob der Gegenstand ernst genug ist Wenn ich einmal in Klatsch oder 
in Redensarten versinke, sagen Sie es; dann ist uns beiden geholfen. 
Ich bin der Ansicht, daß der Mensch vom Unbekannten gelebt 
wird. In ihm ist ein Es, irgend ein Wunderbares, das alles, was 
er tut und was mit ihnT geschieht, regelt Der Satz „ich lebe« ist nur 
bedingt richtig, er drückt ein kleines Teilphänomen von der Grund- 



10 



Wahrheit aus : Der Mensch wird vom Es gelebt. Mit diesem Es werden 
sich meine Briefe beschäftigen. Sind Sie damit einverstanden? 

Und nun noch eins. Wir kennen von diesem Es nur das, was 
innerhalb unsere Bewußtseins liegt. Weitaus das meiste ist unbetret- 
bares Gebiet. Aber wir können die Grenzen unsere Bewußtseins durch 
Forschung und Arbeit erweitern und wir können tief in das Unbe- 
wußte eindringen, wenn wir uns entsdilicßen, nidit mehr wissen zu 
wollen, sondern zu phantasieren. Wohlan, mein schöner Doktor Faust, 
der Mantel ist zum Flug bereit. Ins Unbewußte . . . 

Ist es nicht merkwürdig, daß wir von unsern drei ersten Lebens- 
jahren nichts mehr wissen? Hie und da kramt einer noch eine 
schwache Erinnerung an ein Gesicht, eine Türe, eine Tapete oder 
sonst irgendetwas aus, was er in seiner frühesten Kindheit gesehen 
haben will. Aber ich habe noch nie jemanden getroffen, der sidi an 
seinen ersten Schritt erinnert hätte oder an die Art, wie er sprechen, 
essen, sehen, hören gelernt hat. Und das alles sind doch Erlebnisse. 
Ich könnte mir vorstellen, daß ein Kind, wenn es zum ersten Male 
durch die Zimmer rutscht, tiefere Eindrücke bekommt als ein Er- 
wachsener durch eine Reise nach Italien. Ich könnte mir vorstellen, 
daß ein Kind, das zum ersten Male erkennt, der Mensch dort mit 
dem gütigen Lädieln ist die Mutter, tiefer davon ergriffen wird, als 
ein Mann, der seine Geliebte heimführt. Warum vergessen wir 
das alles i 

Darauf läßt sich vieles sagen ; aber eine Erwägung muß erst er- 
ledigt werden, ehe man an die Antwort gehen kann. Die Frage ist 
falsch gestellt. Wir vergessen jene drei ersten Jahre nicht, die Erinne- 
rung daran scheidet nur aus unserm Bewußtsein aus, im Unbewußten 
lebt sie fort, bleibt sie so lebendig, daß alles, was wir tun, aus diesem 
unbewußten Erinnerungsschatze gespeist wird: wir gehen, wie wir 
es damals lernten, wir essen, wir sprechen, wir empfinden in der Art, 
wie wir es damals taten. Es gibt also Dinge, die vom Bewußtsein 
verworfen werden, obwohl sie lebensnotwendig sind, die, weil sie not- 



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wendig sind, in Regionen unsere Wesens aufbewahrt werden, die 
man das Unbewußte genannt hat. Warum aber vergißt das Bewußt- 
sein Erlebnisse, ohne die der Mensdi nicht bestehen kann ? 

Darf ich die Frage offen lassen ? Ich werde sie noch oft stellen 
müssen. Aber jetzt liegt mir mehr daran, von Ihnen als Frau zu er- 
fahren, warum die Mütter so wenig von ihren eignen Kindern 
wissen, warum auch sie das Wesentliche dieser drei Jahre vergessen. 
Vielleicht tun die Mütter auch nur so, als ob sie es vergäßen. Oder 
vielleicht kommt auch ihnen das Wesentliche nicht zum Bewußtsein. 
Sie werden schelten, daß idi mich wieder über die Mütter lustig 
mache. Aber wie soll ich mir anders helfen ? In mir lebt die Sehn- 
sucht. Wenn ich trübe bin, ruft mein Herz nach der Mutter und 
findet sie nicht. Soll ich mit Gott und der Welt grollen ? Da ist es 
besser, über sich selbst zu lachen, über dieses Kindsein, aus dem man 
nie herauskommt. Denn mit dem Erwachsensein ist es solch eine 
Sache ; man ist es selten, nur auf der Oberfläche, spielt es nur, wie 
das Kind auch Großsein spielt. Sobald wir tief leben, sind wir Kind. 
Für das Es gibt es kein Alter, und das Es ist unser eigentliches 
Leben. Sehen Sie sich doch den Menschen in den Augenblicken tiefsten 
Leidens, tiefster Freude an: das Gesicht wird kindlich, die Bewegun- 
gen werden es, die Stimme bekommt die Biegsamkeit wieder, das 
Herz klopft wie in der Kindheit, die Augen glänzen oder trüben sich. 
Gewiß, wir suchen das alles zu verstecken, aber es ist doch deutlich 
da und wir bemerken es nur nicht ohneweiteres, weil wir die 
kleinen Zeichen, die so laut reden, an uns selbst nicht wahrnehmen 
wollen und sie deshalb auch bei andren übersehen. Man weint nicht 
mehr, wenn man erwachsen ist? Doch bloß, weil es nicht Sitte ist, 
weil irgend ein dummer Teufel es aus der Mode brachte. Mir hat 
es immer Spaß gemacht, daß Ares wie zehntausend Männer schrie, 
als er verwundet wurde. Und daß Achill Tränen über Patroklos ver- 
gießt, setzt ihn nur in den Augen des Gernegroß herab. Wir 
getrauen uns nicht einmal, aufrichtig zu lachen. Aber das hindert 

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dodi nicht, daß wir, wenn wir etwas nicht können, wie Schuljungen 
aussehen, daß wir denselben Ausdruck der Angst haben, den wir 
als Knaben hatten, daß uns kleine Gewohnheiten des Gehens, 
Iiegens, Sprechens unablässig begleiten und jedem, der es sehen will, 
sagen: Sieh da, ein Kind. Beobadrten Sie jemanden, der allein zu 
sein glaubt, sofort kommt das Kind zum Vorschein, manchmal in sehr 
komischer Form, man gähnt, man kratzt sich ungeniert am Kopf und 
Hintern, man popelt gar in seiner Nase und -ja es muß gesagt sein - 
man pupt. Die feinste Dame pupt. Oder beobachten Sie Mensdien, 
die ganz versenkt in irgend eine Tätigkeit, in irgend ein Denken 
sind, schauen Sie sich Liebende an oder Kranke oder Greise; sie alle 

sind hie und da Kinder. 

Wenn man es sich ein wenig zurecht legt, kommt einem das 
Leben wie ein Maskenfest vor, zu dem man sich verkleidet, vielleidit 
zehn-, zwölf-, hundertmal verkleidet, aber man geht doch hin als 
das, was man ist, bleibt unter der Verkleidung inmitten der Masken, 
was man ist, und geht wieder davon genau so, wie man hin- 
ging. Das Leben beginnt mit dem Kindsein und geht auf tausend 
Wegen durch das Mannesalter hin nach dem einen Ziel, wieder Kind 
zu werden, und nur der einzige Unterschied ist zwischen den Men- 
schen, ob sie kindisch werden oder kindlich. 

Dasselbe Phänomen, daß in uns etwas ist, was nach eigenem Be- 
lieben in allen möglichen Altersstufen auftritt, können Sie auch bei 
Kindern sehen. Das Greisenhafte im Säuglingsantlitz ist bekannt und 
oft besprochen. Aber gehen Sie über die Straße und sehen Sie sidi 
die kleinen drei-, vierjährigen Mädchen an, - bei ihnen ist es deut- 
licher als bei den Knaben, wofür sich wohl ein Grund angeben ließe ; 
- sie sehen mitunter aus, als ob sie ihre eignen Mütter wären. Und 
zwar alle, nicht nur hie und da eine, die früh vom Leben angefaßt 
ist, nein, eine jede und ein jeder hat diesen seltsam alten Ausdruck 
zu Zeiten. Da ist eine, die hat den zänkischen Mund der verbitterten 
Frau, dort eine, deren Lippen die Neigung zum Klatsch verraten, dort 



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13 



weder sehen Sie die alte Jungfer und dort die Koke«e im A 
«e oft sieht man die Mutter schon in, kleinsten \ r ' 

^'Nachahmung allein, es ist das F, A , ^ fo to ' ü<bt 

scheut sich nicht zu sagen dTe mitt 7 "** ^ 

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Und das sind nicht nur Wortklänoe Q;„ j, .. 

/ Wissenschaft Nun, da ß der M^TlZ^ ^Z" " 1 t 

•doch wohl eine wissensohaftii* begründete Tall "'' * 

auch nicht in, Denken und Reden be^^Ift - " * 

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Diese Misdiung von Mann und Weib ist mW.™, j.» 

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tft nl^e Tb T "^ aUdl ' *" «* - metoe Sd »~ 

g Ie.chguft,g , b,er erzähle id, es nochmal, Vor beinal, zwanzig Jahren 
14 



MH^B 



nörl'OfflniDaimn 



wudis mir ein Kropf am Halse. Ich wußte damals noch nicht, was ich 
jetzt weiß oder zu wissen glaube. Genug, ich lief zehn Jahre lang mit 
einem dicken Hals durch die Welt und hatte mich damit abgefunden, 
dies Ding vor meiner Kehle mit ins Grab zu nehmen. Dann kam die 
Zeit, wo ich das Es kennen lernte, und ich sah ein, - auf weldiem 
Wege ist nicht nennenswert, - daß jener Kropf ein phantasiertes Kind 
sei. Sie haben sich selbst gewundert, wie ich jenes monströse Ding los 
werden konnte, ohne Operation, ohne Behandlung, ohne Jod und 
Thyreoidin. Ich bin der Ansicht, daß der Kropf verschwand, weil mein 
Es einsehen lernte und mein Bewußtsein einsehen lehrte, daß ich 
wirklich wie jeder Mensch ein doppeltes Geschlechtswesen und -leben 
habe, daß es unnötig ist, das handgreiflich durch eine Geschwulst zu 
beweisen. Weiter, jene Frau, die ohne Not im Wöchnerinnenheim 
die Wonne fremder Entbindungen genoß, hat Zeiten, in denen ihre 
Brüste ganz verkümmern ; dann wacht in ihr das Mannsein auf und treibt 
sie unwiderstehlich dazu, im Liebesspiel den Mann unter sich zu legen 
und auf ihm zu reiten. Das Es der dritten, jener Einsamen ließ zwischen 
ihren Schenkeln ein Gewächs entstehen, das wie ein Schwänzchen 
aussah, und - seltsam zu denken - sie pinselte es mit Jod, wie sie 
glaubte, um es zu beseitigen, in Wahrheit um dem Kopf des Gebildes 
den roten Schein der Eichel zu geben. Dem letzten Ammenkind, das 
ich erwähnte, geht es wie mir, ihm schwillt der Bauch in phantastischer 
Schwangerschaft. Und dann hat er Gallenkoliken, Entbindungen, wenn 
Sie wollen, vor allem aber hat er mit dem Blinddarm zu tun - wie 
alle, die gern kastriert werden, Weib werden wollen; denn das Weib 
entsteht - so glaubt das kindische Es, - aus dem Mann durch Ab- 
schneiden der Geschlechtsteile. Drei Anfälle von Blinddarmentzündung 
kenne ich bei ihm. Bei allen dreien ließ sich der Wunsch, Weib zu 
sein, nadiweisen. Oder habe ich ihm den Wunsch nur eingeredet, 
Weib zu sein? Das ist schwer zu sagen. 

Idi muß Ihnen noch von einem fünften Ammenkind erzählen, 
einem mit Talent reidi begabten Manne, der aber als Wesen mit zwei 



15 



. vj 



/ 



Müttern in allem halb ist und der Halbheit mit Pantopon Herr zu 

werden sucht. Aus Aberglauben, behauptet die Mutter, hat sie ihn 

nicht genährt; zwei Söhne waren ihr gestorben, diesen dritten hat sie 

nicht an die Brüste gelegt. Er aber weiß nicht, ob er Mann oder Weib 

ist, sein Es weiß es nicht. In früher Kindheit wurde das Weib in ihm 

lebendig, da lag er lange krank an einer Herzbeutelentzündung, einer 

phantasierten Herzschwangerschaft. Und später hat sich das wiederholt 

als Brustfellentzündung und homosexueller unwiderstehlicher Zwang. 

Lachen Sie ruhig über mein abenteuerliches Märchenerzählen. Ich 

bin gewöhnt, verlacht zu werden, und habe es gern, mich ab und zu 

von neuem dagegen abzuhärten. 

Darf ich Ihnen noch eine kleine Geschichte erzählen ? Ich habe sie 
von einem Mann, der längst begraben ist, vom Krieg verschlungen. 
Er ist fröhlich in den Tod hineingesprungen, denn er gehörte zu dem 
Typus der Helden. Er erzählte davon, wie der Hund seiner Schwester, 
ein Pudel, eines Tages, er mochte damals siebzehn Lebensjahre zählen, 
sich an seinem Beine gerieben, onaniert habe. Er habe interessiert 
zugesehen, als dann aber der Samen über sein Bein geflossen sei, 
habe ihn plötzlich die Idee gepackt, daß er nun junge Hunde gebären 
werde, und diese Idee sei ihm Wochen und Monate lang nachgegangen. 
Wenn Sie Lust hätten, könnten wir uns jetzt ein wenig ins 
Märchenland begeben, von den Königinnen sprechen, denen statt der 
echten Söhne neugeborne Hunde in die Wiege gelegt werden, und 
könnten daran allerlei Betrachtungen über die seltsame Rolle knüpfen, 
die der Hund im verschwiegenen Leben des Menschen spielt, Betrach- 
tungen, die ein helles Licht auf den pharisäischen Abscheu des Men- 
schen vor perversem Empfinden und Handeln werfen. Aber vielleicht 
wäre das ein wenig zu intim. Bleiben wir lieber bei der Schwanger- 
schaft des Mannes. Sie ist recht häuBg. 

Das Auffällige bei einer Schwangeren ist der dicke Bauch. Was 
sagen Sie dazu, daß ich vorher behauptete, auch beim Manne sei der 
dicke Bauch als Schwangerschaftserscheinung zu deuten ? Selbstverständ- 



16 



lidi hat er nidit wirklich ein Kind im Leib. Aber sein Es sdiafft sidi 
diesen dicken Baudi an, durch Essen, Trinken, durch Blähungen oder 
sonstwie, weil er schwanger zu sein wünscht und infolgedessen 
schwanger zu sein glaubt. Es gibt symbolisdie Schwangerschaften und 
symbolische Geburten, sie entstehen im Unbewußten und dauern mehr 
oder weniger lange, sie verschwinden aber unbedingt, wenn die unbe- 
wußten Vorgänge in ihrer symbolischen Bedeutung aufgedeckt werden. 
Das ist nicht ganz einfach, aber hie und da gelingt es, namentlich bei 
Auftreibungen des Bauches durch Luft oder bei irgend welchen 
symbolisdien Entbindungssdimerzen in Leib, Kreuz, Kopf. Ja, so 
sonderbar ist das Es, daß es sich gar nidit um die anatomisch- 
physiologisdie Wissenschaft kümmert, sondern selbstherrlich die alte 
Sage von Athenes Geburt aus dem Haupt des Zeus wiederholt. Und 
idi bin Phantast genug anzunehmen, daß dieser Mythus - ähnlich 
wie andere - dem Walten des Unbewußten entsprungen ist. Der Aus- 
druck, mit Gedanken sdiwanger gehen, muß wohl tief drin im Menschen 
sitzen, ihm besonders wichtig sein, daß er ihn zur Sage umgestaltet hat. 

Selbstverständlich kommen solche symbolische Schwangerschaften 
und Geburtswehen auch bei gebärfähigen Frauen vor, vielleicht sind 
sie bei ihnen noch häufiger; sie entstehen aber ebensogut bei alten 
Frauen, scheinen sogar während und nach dem Klimakterium eine 
große Rolle in den verschiedensten Krankheitsformen zu spielen ; ja 
auch Kinder geben sich mit solchen Phantasiefortpflanzungen ab, selbst 
solche, von denen ihre Mütter annehmen, sie glaubten an den Storch. 

Soll ich Sie noch ein wenig mehr durch abenteuerliche Behaup- 
tungen ärgern ? Soll ich Ihnen sagen, daß auch die Nebenerscheinungen 
der Gravidität, die Übelkeit, die Zahnsdimerzen - ab und zu - sym- 
bolische Wurzeln haben ? Daß Blutungen aller Art, vor allem natürlich 
unzeitgemäße Gebärmutterblutungen, aber auch Blutungen aus Nase, 
After, Lungen in engem Zusammenhang mit Geburtsvorstellungen 
stehen ? Oder daß die Plage der kleinen Mastdarmwürmer, die manchen 
Menschen sein ganzes Leben hindurch verfolgt, häufig in der Assozia- 

17 

2 G r o (1 (1 e c k, Das Buch vom Es 



4 



tion Wurm und Kind ihren Ursprung hat und versandet, sobald 
den Würmchen der Nährboden des unbewußten symbolischen Wunsches 
entzogen ist? 

Ich kenne eine Frau, - sie gehört auch zu den kinderliebenden, 
kinderlosen, denn sie haßt ihre Mutter - die verlor für fünf Monate 
ihre Periode, ihr Leib schwoll an und ihre Brüste, und sie hielt sich 
für schwanger. Eines Tages sprach ich lange mit ihr über den Zu- 
sammenhang der Würmer mit Schwangerschaftsideen bei einem ge- 
meinsamen Bekannten. Am selben Tage gebar sie einen Spulwurm 
und m der Nacht bekam sie ihr Unwohlsein und der Bauch flachte ab 
Damit wäre ich schon auf die Gelegenheitsursachen solcher Ge- 
dankenschwangerschaften gekommen. Sie gehören - man kann wohl 
sagen alle - in das Gebiet der Assoziation, von der ich eben als 
Bersprel Wurm und Kind nannte. Meist sind diese Assoziationen sehr 
weitläufig, vielgestaltig und, weil sie aus der Kindheit stammen, sind sie 
nur mühsam in das Bewußtsein zu bringen. Aber es gibt auch einfache 
schlagende Assoziationen, die sofort einem jeden einleuchten. Einer 
meiner Bekannten erzählte mir, daß er in der Nacht vor der Ent- 
bindung seiner Frau dieses nach seiner Ansicht qualvolle Erlebnis auf 
eine eigentümliche Art auf sich zu nehmen suchte. Er träumte nämlich 
daß er selbst das Kind bekäme, träumte es in allen Einzelheiten, wie* 
er sie bei früheren Geburten kennen gelernt hatte, wachte im Moment, 
als das Kind zur Welt kam, auf und hatte, wenn auch nicht ein 
Kindchen, dodr etwas Lebenswarmes aus sich herausbefördert, wie er 
es seit seiner frühen Knabenzeit nicht mehr getan hatte. 

Nun, das war ein Traum ; aber wenn Sie sich bei ihren Freunden 
und Freundinnen umhören, werden Sie zu Ihrer Überraschung ent- 
decken, wie gewöhnlich es ist, daß Ehemänner oder Großmütter oder 
Kinder die Entbindung ihrer Verwandten gleichzeitig am eigenen Leibe 
mit durchmachen. 

So deutliche Beziehungen sind jedoch nicht nötig. Es genügt oft 
der Anbück eines kleinen Kindes, einer Wiege, einer Milchflasche. Es 

18 






genügt auch) bestimmte Dinge zu essen. Sie werden ja selbst genug 
Menschen kennen gelernt haben, die einen aufgetriebenen Leib nach 
Kohl bekommen oder nach Erbsen, Bohnen, nach Möhren oder Gurken. 
Mitunter stellen sich dann auch Geburtswehen in Gestalt von Bauch- 
schmerzen ein, ja die Geburt selbst in der Form des Erbrechens oder 
des Durchfalls kommt zustande. Die Verbindungen, die das Es, für 
unsern hochgeschätzten Verstand töricht genug, im Unbewußten macht, 
sind geradezu lächerlich. So findet es zum Beispiel im Kohlkopf Ähn- 
lichkeiten mit dem Kindskopf, Erbsen und Bohnen liegen in ihren 
Hülsen wie das Kind in der Wiege oder im Mutterleibe, Erbsensuppe 
und Erbsenbrei erinnern es an Windeln, und nun gar Möhren und 
Gurken : Was denken Sie von denen ? Sie kommen nicht darauf, wenn 
ich Ihnen nicht helfe. 

Wenn Kinder mit einem Hunde spielen, ihn beobachten und in 
allen seinen Tätigkeiten mit lebhaftem Interesse verfolgen, sehen sie 
zuweilen, daß dort, wo der Apparat für seine kleinen Geschäfte an- 
gebracht ist, ein spitzes rotes Ding zum Vorschein kommt, das wie 
eine Möhre aussieht. Sie zeigen dieses seltsame Phänomen der Mutter 
oder wer gerade in der Nähe ist, und erfahren durch Worte oder den 
verlegenen Bück des Erwachsenen, daß man von so etwas nicht spricht, 
es überhaupt nicht bemerkt. Das Unbewußte hält dann den Eindruck 
fest, mehr oder minder deutlich, und weil es Möhre und des Hundes 
rote Spitze einmal identifiziert hat, bleibt es hartnäckig bei der Idee, 
auch die Möhren seien verbotene Dinge, und es antwortet auf das 
Angebot, sie zu essen, mit Abneigung, Ekel oder nüt symbolischer 
Schwangerschaft. Denn audi darin ist das kindliche Unbewußte seltsam 
dumm im Vergleich zu unserm hodigelobten Verstand, daß es glaubt 
die Keime zum Kinde kämen durch den Mund, durch Essen in den 
Bauch, in dem sie dann wachsen ; etwa wie Kinder auch glauben, daß 
aus einem versdiluckten Kirschkern ein Kirsdibaum im Leibe wächst. 
Daß aber das rote Ding des Hundes etwas mit dem Kinderkriegen zu 
tun hat, das wissen sie in ihrer dunkeln Kinderunschuld ebenso gut 



19 



oder ebenso verworren, wie daß der Keim zum Brüderchen oder 
Schwesterchen, ehe er in die Mutter hineingeriet, irgendwie und 
irgendwo in dem merkwürdigen Anhängsel des Mannes oder Knaben 
sitzen muß, das so aussieht wie ein an falscher Stelle angebrachtes 
Schwänzchen, an dem ein Säckchen mit zwei Eiern oder Nüssen hängt 
und von dem man auch nur mit Vorsicht spricht, das man nur beim 
Pipimachen anfassen darf und mit dem zu spielen nur der Mutter 
erlaubt ist 

Sie sehen, der Weg, der von der Mohrrübe zur Phantasie- 
schwangerschaft führt, ist ein wenig lang und nicht leidit zu finden. 
Wenn man ihn jedoch kennt, weiß man auch, was die Unbekömmlich- 
keit der Gurken bedeutet, denn die Gurke hat ja außer ihrer fatal 
spaßhaften Ähnlidikeit mit Vaters Glied auch noch in ihrem Innern 
Kerne, die die Keime zukünftiger Kinder sinnig symbolisieren. 

Ich bin arg weit von meinem Thema abgekommen, aber ich wage 
zu hoffen, daß Sie, liebe Freundin, aus persönlicher Zuneigung zu mir, 
solche verworrene Briefe, wie der heutige einer ist, zweimal lesen. 
Dann wird Ihnen klar werden, was ich mit all meinen Ausführungen 
sagen wollte, daß das Es, jenes Ding, von dem wir gelebt werden, 
auch die Geschleditsunterschiede nidit ohne weiteres anerkennt, ebenso 
wenig wie die Altersunterschiede. Und damit glaube ich Ihnen 
wenigstens eine Ahnung von der Unvernunft dieses Wesens gegeben 
zu haben. Vielleicht begreifen Sie auch, warum ich mitunter so weibisch 
bin, ein Kind gebären zu wollen. Wenn es mir aber nidit gelungen 
ist, mich deutlich zu madien, werde ich das nächstemal klarer zu sein 
versudien. 

Herzlichst Ihr 

PATRIK TROLL. 

3- 
ALSO ICH BIN NICHT KLAR GEWESEN, ES GEHT IN MEINEM 
Brief alles durcheinander, Sie wollen die Dinge hübsch geordnet haben, 






vor allem belehrende, wissenschaftliche, feststehende Tatsachen hören 
und nicht meine abstrusen Ideen, die teilweise, wie zum Beispiel die 
Gesdiidite von den dicken Leuten, die schwanger sein sollen, schon 
beinahe verrückt sind. 

Ja, liebste Freundin, wenn Sie belehrt sein wollen, würde idi Ihnen 
raten, eins von den Lehrbüchern in die Hand zu nehmen, wie sie an 
Universitäten üblich sind. Für meine Briefe gebe ich Ihnen hiemit 
den Schlüssel: was vernünftig oder nur ein wenig seltsam klingt, 
stammt von Professor F r e u d in Wien und dessen Mitarbeitern ; was 
ganz verrückt ist, beanspruche idi als mein geistiges Eigentum. 

Meine Behauptung, die Mütter wüßten nicht mit ihren Kindern 
Bescheid, finden Sie gesucht. Gewiß könne sich audi das Mutterherz 
irren, irre sich wahrscheinlich öfter, als die Mutter selbst es ahne, irre 
sich sogar zuweilen in den wichtigsten Lebensfragen, aber wenn es 
überhaupt ein sicheres Gefühl gäbe, so sei es die Mutterliebe, dieses 
tiefste aller Geheimnisse. 

Wollen wir uns ein wenig von der Mutterliebe unterhalten ? Ich 
gebe nicht vor, dieses Geheimnis, das auch ich für tief halte, lösen zu 
können ; doch es läßt sidi allerlei darüber sagen, was gewöhnlich nidit 
gesagt wird. Man beruft sich meist auf die Stimme der Natur, aber 
diese Stimme spricht oft eine seltsame Sprache. Man braucht nicht erst 
auf das Phänomen der Abtreibungen einzugehen, die von jeher gang 
und gäbe gewesen sind und die aus der Welt zu schaffen nur irgend- 
wie gewissensgepeinigte Gehirne sich ausdenken ; es genügt schon, eine 
Mutter vierundzwanzig Stunden lang im Verkehr mit ihrem Kinde zu 
beobaditen, man bekommt dann ein gut Teil Gleichgültigkeit, Über- 
druß, Haß zu sehen. Es lebt eben außer der Liebe zum Kinde in 
jeder Mutter audi die Abneigung gegen das Kind. Der Mensch steht 
unter einem Gesetz, das lautet: Wo Liebe ist, da ist auch Haß, wo 
Achtung ist, da ist Verachtung, wo Bewunderung ist, da ist Neid. 
Dieses Gesetz gilt unverbrüchlidi und auch die Mütter machen keine 
Ausnahme davon. 



21 






Wußten Sie um dieses Gesetz? Daß es auch für die Mütter gilt? 
Wenn Sie die Mutterliebe kennen, kennen Sie audi den Mutterhaß ? 
Ich wiederhole meine Frage: woher kommt es, daß die Mutter 
so wenig von ihrem Kinde weiß ? Bewußt weiß ? Denn das Unbe- 
wußte kennt dieses Gefühl des Hasses, und wer das Unbewußte zu 
deuten versteht, wird an der Allgewalt der Liebe irre; er sieht, daß 
der Haß ebenso groß ist wie die Liebe und daß zwischen beiden die 
Gleichgültigkeit als Norm steht. Und voller Erstaunen, dem nie en- 
denden Gefühle dessen, der sich in das Leben des Es vertieft, geht er 
den Spuren nach, die hie und da von den begangenen Wegen abführen, 
um im rätselhaften Dunkel des Unbewußten zu versdiwinden. Vielleicht 
leiten diese leidit und oft übersehenen Spuren zu derAntwort hin, warum 
die Mutter nichts von dem Haß gegen das Kind weiß oder nichts wiss"eli 
will, vielleicht sogar, warum wir alle unsre ersten Lebensjahre vergessen. 
Zunächst, liebe Freundin, muß ich Ihnen erst sagen, worin sich 
diese Abneigung, dieser Mutterhaß zeigt Denn so ohne weiteres, bloß 
aus Freundschaft, werden Sie es nicht glauben. 

Wenn im Roman, der nadi den Regeln des lesenden Publikums 
gebaut ist, das Liebespaar nach vielen Fährlichkeiten endlich vereint 
ist, kommt eine Wendung, daß sie errötend ihren Kopf an seiner 
breiten Brust birgt und ihm ein holdes Geheimnis anvertraut. Das 
ist sehr hübsch ; aber im Leben meldet sich die Schwangerschaft, ab- 
gesehen von dem Ausbleiben der Periode, auf eine redit eklige Weise 
durch Übelkeit und Erbrechen ; nicht immer, um diesen Einwand 
gleich zu erledigen, und ich will hoffen, daß die Dichterund Dichter- 
innen in ihren Ehen dieses Erbrechen der Schwangeren ebensowenig 
erleben wie in ihren Romanen. Aber Sie werden mir zugeben es ist 
recht häufig. Und die Übelkeit entsteht aus dem Widerwillen des Es 
gegen irgend etwas, was im Innern des Organismus ist, Übelkeit 
drückt den Wunsch aus, dieses Widerwärtige zu entfernen, und Er- 
brechen ist der Versuch, es fortzuschaffen. In diesem Falle also der 
Wunsch und Versudi der Abtreibung. Was sagen Sie dazu? 

22. 



Ich kann Ihnen vielleicht später einmal meine Erfahrungen über 
das Erbrechen, wie es außerhalb der normalen Schwangerschaft vor- 
kommt, mitteilen, es bestehen da wieder beachtenswerte symbolische 
Zusammenhänge, kuriose Assoziationen des Es. Hier möchte ich Sie 
aber darauf hinweisen, daß sich bei diesen Übelkeiten wieder der 
Gedanke meldet, der Keim zum Kinde werde in den Mund der Frau 
eingeführt, und darauf deutet auch das andere Sdiwangerschafts- 
zeidicn, das von dem Widerwillen der Frau gegen das Kind ge- 
schaffen wird, der Zahnschmerz. 

Mit der Erkrankung des Zahns sagt das Es mit der leisen aber 
aufdringlichen Stimme des Unbewußten : Kaue nicht ; nimm dich in 
Adit, spuck aus, was du gern essen möchtest ! Nun ist allerdings beim 
Zahnschmerz der Schwangeren die Vergiftung durch den Samen des 
Mannes schon Tatsache, aber vielleicht hofft das Unbewußte, mit dem 
bißchen Gift noch fertig zu werden, wenn nur kein neues dazukommt 
Tatsächlich sucht es auch schon das lebenige Gift der Schwängerung 
zu töten, eben durch den Zahnschmerz. Denn - hier kommt wieder 
einmal der völlige Mangel an Logik zum Vorschein, durch den das Es 
sich als tief unter dem denkenden Verstände stehend erweist - das 
Unbewußte verwechselt Zahn und Kind. Für das Unbewußte ist der 
Zahn ein Kind. Ja, wenn idi es mir recht überlege, kann idi diese 
Idee des Unbewußten nicht einmal dumm finden ; sie ist nicht alber- 
ner, als der Gedanke Newtons, der im fallenden Apfel das Weltall 
sah. Und für mich ist es noch sehr fraglich, ob nicht die Assoziation 
des Es Zahn-Kind viel wichtiger und wissenschaftlich fruchtbarer war 
und ist, als Newtons astronomische Folgerungen. Der Zahn ist das , 
Kind des Mundes, der Mund ist die Gebärmutter, in der er wächst, 
genau so wie der Fötus im Mutterleibe wächst. Sie wissen ja, wie 
stark diese Symbolik im Menschen wurzelt, sonst könnte er nicht auf 
den Ausdruck Gebärmuttermund, Schamlippen gekommen sein. 

Der Zahnschmerz ist also der unbewußte Wunsch, daß der Keim / 
des Kindes erkranken, sterben soll. Woher ich das weiß ? Nun unter 



23 






/ 



anderem - es gibt viele Wege zu solchem Wissen - daher, daß Er- 
brechen und Zahnschmerz versdiwinden, wenn man der Mutter den 
unbewußten Wunsch nach dem Tode des Kindes zum Bewußtsein 
bringt Sie sieht dann ein, wie wenig diese Mittel dem Zweck dienen, 
gibt sogar oft genug den von Gesetz und Sitte getadelten Zweck auf 
wenn sie ihn in seiner krassen Nacktheit vor sidi sieht 

Auch die seltsamen Gelüste und Abneigungen der Frauen in 
guter Hoffnung stammen teilweise von dem Haß gegen das Kind 
Jene führen auf die Idee des Unbewußten zurück, mit bestimmten 
Speisenden Kindeskeim zu vernichten; diese haben ihren Grund 
dann, daß sie durch irgendwelche Assoziation an das Faktum der 
Schwangerschaft oder der Schwängerung erinnern. Denn so stark ist 
zu Zeiten die Abneigung, - bei jeder Frau, was ihrer Liebe zu dem 
kommenden Kind keinen Abbruch tut, - so stark ist sie, daß selbst 
der bloße Gedanke daran erdrückt werden soll. 

So geht es ins Unendliche weiter. Wollen Sie mehr hören ? Ich 
sprach vorhin von der Abtreibung, einem Verfahren, das der sittliche 
Mensch mit aller nur möglichen Verachtung verwirft - öffentlich. Aber 
das Vermeiden der Schwängerung ist doch, wissenschaftlich betrachtet 
und im Resultat, dasselbe. Und darüber braudie idi Sie wohl nicht 
aufzuklären, wie gebräuchlich das ist. Auch über die Weise, wie man 
das macht, ist Belehrung nicht nötig. Höchstens lohnt es sich, Sie 
darauf aufmerksam zu machen, daß das Ledigbleiben auch eine Art 
ist, das verhaßte Kind zu vermeiden, was sich recht häufig als Grund 
der Ehelosigkeit und Tugend nachweisen läßt. Und wenn denn doch 
einmal die Ehe geschlossen ist, so kann man immer noch versuchen, 
den Mann von sich abzuschrecken. Es genügt dazu, immer wieder in 
Wort und Tat - oder vielmehr Untätigkeit - zu betonen, welch Opfer 
das Weib dem Manne bringt. Es gibt genug Männer, die diese Dumm- 
heit glauben und voll scheuer Ehrfurcht diese höheren Wesen an- 
staunen, die entsagend den Schmutz des Unterleibs dulden, um der 
lieben Kinder und des lieben Mannes Willen. Gottes Gedanken sind 



24 



I 



für den edlen Menschen darin nicht verständlich ; aber er will, daß 
das Kind im Sumpf der Schweinerei gezüchtet wird, und also muß 
man sich fügen. Aber zeigen darf man dem Manne, wie man das alles 
verachtet, zeigen muß man es ihm, sonst kommt er gar dahinter, daß 
es manchen Ersatz für seine Liebesbezeugungen gibt, Ersatz, auf den 
man nicht gern verzichtet. Und hat man den Mann erst so weit, daß 
er den armseligen Genuß aufgibt, in der Scheide seines angetrauten 
Weibes Onanie zu treiben, so kann man ihm tausendfach die Schuld 
für Jede schlechte Stimmung und für die freudlose Kindheit der 
Sprößlinge, für das Unglück der Ehe zusdireiben. 

Und dann weiter, wozu gibt es Krankheiten? Besonders Unter- J 
leibsleiden? Sie sind in vielen Richtungen angenehm. Da ist zunächst 
die Möglichkeit, das Kind zu vermeiden. Da ist weiter die Genug- 
tuung, vom Arzt zu hören, daß man durch den Mann, durch dessen 
liederliches Vorleben krank geworden ist ; denn man kann nie ge- 
nug Waffen in der Ehe haben. Da ist vor allem — wenn ich zu in- 
tim werde, bitte idi es offen zu sagen, - da ist vor allem die Mög- 
lichkeit, einem fremden Manne sich zu zeigen. Man erlebt die schön- 
sten Sensationen auf dem Untersuchungsstuhl, Sensationen, die so 
mächtig sind, daß sie das Es verführen, Krankheiten in mannigfacher 
Form hervorzubringen. 

Mir lief kürzlich ein Weiblein über den Weg, das ehrlicher Laune 
war. „Vor Jahren," erzählte sie mir, „sagten Sie einmal, man gehe 
zum Frauenarzt, weil man gern einmal eine andere Hand als die des f 
Geliebten spüren möchte, ja, man werde zu diesem Zweck wirklich 
krank. Ich bin seitdem nie wieder untersucht worden und nie wieder 
krank gewesen." So etwas zu hören ist hübsch und lehrreich. Und 
weil es lehrreich ist, teile ich es Ihnen mit. Denn das Merkwürdige 
dabei ist, daß ich jener Frau die zynische Wahrheit nidit mit der 
Absicht sagte, ihr ärztlich zu helfen, sondern um sie zum Lachen zu 
bringen oder sie zu ärgern. Das Es des Weibleins aber machte ein 
Heilmittel daraus, tat damit eine Arbeit, die weder ich noch sechs 



25 






andere Ärzte fertig gebradit hätten. Was soll man solchen Tatsachen 
gegenüber vom Helfenwollen des Arztes sagen? Man schweige be- 
schämt und denke : alle Dinge gehen zum besten. 

Alles Wesentliche geht auch bei der Gynäkologie außerhalb des 
Bewußtseins vor sich ; mit dem Verstände läßt sich der Arzt aus- 
suchen, vor dem man hegen will, läßt sich das Wäschestück daraufhin 
prüfen, ob es hübsch genug ist, läßt sich Bidet und Seife brauchen, 
aber schon bei der Art, wie man sich hinlegt, versagt die Absicht und 
das Unbewußte regiert; und nun gar erst bei der Wahl der Erkran- 
kung, bei dem Wunsch, krank zu werden. Das ist lediglich Sache des 
Es. Denn das unbewußte Es, nidit der bewußte Verstand schafft die 
Krankheiten. Sie kommen nicht von außen als Feinde, sondern sind 
zweckmäßige Schöpfungen unsere Mikrokosmos, unsere Es, genau so 
zweckmäßig wie der Aufbau der Nase und des Auges, die ja auch 
vom Es geschaffen werden. Oder finden Sie es unmöglich, daß ein 
Wesen, das aus Samenfaden und Ei einen Menschen mit Menschen- 
gehirn und Menschenherz macht, einen Krebs oder eine Lungen- 
entzündung oder eine Gebärmuttersenkung hervorrufen kann ? 

Das nur nebenbei zur Erklärung, daß ich nicht etwa annehme, 
die Frau erfinde sidi ilir Unterleibsleiden aus Bosheit oder Gier. Das 
ist nicht meine Meinung. Sondern das Es, das Unbewußte zwingt ihr 
diese Erkrankung auf, gegen ihren bewußten Willen, weil dls Es 
gierig ist, boshaft ist und sein Recht verlangt. Erinnern Sie mich doch 
gelegentlich daran, daß ich Ihnen etwas darüber sage, wie sich das Es 
/ sein Recht auf Genuß verschafft, im Guten wie im Bösen. 

Nein, meine Meinung von der Macht des unbewußten und der 
Ohnmacht des bewußten Willens ist so groß, daß ich sogar die simu- 
lierten Erkrankungen für Äußerungen des Unbewußten halte, daß mir 
das bewußte Sichkrankstellen eine Maske ist, hinter der sich weite 
und unübersichtliche Gebiete der dunklen Lebensgeheimnisse ver- 
bergen. In diesem Sinne ist es für den Arzt gleichgültig, ob er be- 
logen wird oder die Wahrheit hört, wenn er nur ruhig und sachlich 



26 



die Aussage des Kranken, seiner Zunge sowohl wie seiner Gebärde 
wie seiner Symptome, prüft und daran herumarbeitet, schlecht und 
recht, wie er es vermag. 

Aber ich vergesse, daß ich Ihnen von dem Haß der Mutter gegen 
das Kind erzählen wollte. Und da muß ich noch ein seltsames Ver- 
fahren des Unbewußten erwähnen. Denken Sie sich, es kann sein, - 
und es ist oft so, - daß eine Frau sich mit allen Neigungen ihres 
Herzens ein Kind wünscht und doch unfruchtbar bleibt, nicht weil der 
Mann oder sie selbst steril ist, sondern weil eine Strömung im Es ist, 
die hartnäckig dabei bleibt : es ist besser, wenn du kein Kind kriegst. 
Und diese Strömung wird jedesmal, wenn die Möglichkeit der Schwän- 
gerung gegeben ist, wenn der Same in der Scheide ist, so mächtig, 
daß sie die Befruchtung verhindert. Sie verschließt etwa den Mutter- 
mund, oder sie läßt ein Gift entstehen, das die Samentierchen um- / 
bringt, oder sie tötet das Ei, oder wie Sie sich das nun denken mögen. 
Das Resultat ist jedenfalls, daß keine Schwangerschaft zustande kommt, 
lediglich, weil das Es es nicht will. Man könnte fast sagen, weil die 
Gebärmutter es nicht will, so unabhängig sind diese Vorgänge vom 
hehren Gedanken des Menschen. Auch darüber muß ich gelegentlich 
ein Wort sagen. Genug, die Frau bekommt kein Kind, bis - ja, bis 
das Es durch irgendein Ereignis, vielleicht durch eine Behandlung, 
davon überzeugt wird, daß seine Abneigung gegen die Schwanger- 
schaft irgendein Rest von kindischen Gedanken aus dem frühesten 
Lebensalter ist. Sie glauben gar nicht, liebste Freundin, was für selt- 
same Ideen bei der Erforschung solcher Verweigerungen der Mutter- 
schaft zum Vorschein kommen. Ich kenne eine Frau, der spukt es im 
Kopf herum, daß sie ein doppelköpfiges Kind bekommen werde ; durch 
eine Mischung früher Jahrmarktserinnerungen und heißer, das Ge- 
wissen belastender Gedanken an zwei Männer gleichzeitig. 

Ich nannte die Ideen unbewußt ; aber das trifft nicht ganz zu • 
denn diese Frauen, die das Kind ersehnen und alles tun, um zu dem 
Glück der Mutter zu gelangen, die nicht wissen, und wenn man es 



27 



ihnen sagt, durchaus nicht glauben wollen, daß sie selbst das Kind 
verweigern, diese Frauen haben ein schlechtes Gewissen ; nicht etwa 
weil sie unfruchtbar sind und deshalb sich verachtet vorkommen; 
heutigen Tages wird keine Frau mehr verachtet, weil sie unfruchtbar 
ist. Das schlechte Gewissen verschwindet nicht mit der Schwangerschaft. 
Es verschwindet nur, wenn es gelingt, die verdreckten Herde tief im 
Innern der Seele aufzufinden und zu reinigen, die Giftherde, von 
denen aus das Unbewußte verdorben wird. 

Was für ein mühseliges Geschäft ist es, über das Es zu reden. 
Man schlägt irgendeine Saite an, und statt eines einzigen Tons er- 
klingen viele, tönen durcheinander und verstummen wieder oder 
lassen neue aufwachen, immer neue, bis ein wüstes Brausen und 
Heulen entsteht, in dem das Gestammel des Sprediers untergeht. 
Glauben Sie mir, über das Unbewußte läßt sich nicht sprechen, nur 
stammeln oder besser nur leise dieses oder jenes andeuten, damit die 
Höllenbrut der unbewußten Welt nicht aus den Tiefen mit wüsten 
Mißklängen hervorbricht. 

Muß ich es noch sagen, daß, was vom Weibe gilt, auch vom 
Manne gegen die Schwangerschaft vorgebracht wird, daß er Jung- 
geselle, Mönch, Keuschheitsschwärmer aus diesem Grunde bleiben 
kann, oder daß er sich irgendwo ansteckt, mit Syphilis, mit Tripper und 
Hodenentzündung, um keine Kinder zu zeugen? Daß er seinen Samen 
unfähig macht, sein Glied nicht zur Erektion kommen läßt, und was 
dergleichen Dinge mehr sind. Glauben Sie nur ja nicht, daß ich den 
Frauen alles aufbürden will. Wenn es so aussieht, ist es nur, weil 
ich selbst Mann bin und deshalb dem Weibe Schuld aufzubürden suche, 
die mich selber drückt ; denn auch das ist eine Eigentümlichkeit des Es' 
daß jede Schuld, die denkbar ist, einen jeden drückt, so daß ein jeder vom 
Mörder, Dieb, Heuchler und Verräter sagen muß: das bist du selber. 
Im Moment spreche ich ja noch vom Haß des Weibes gegen das 
Kind und ich muß eilen, um den Brief nicht allzusehr zu belasten 
Bisher sprach ich von der Verhütung der Empfängnis. Aber nun be- 



aditen Sie folgendes : Eine Frau, die sich ein Kiixd wünscht, erhält 
während einer Badereise den Besuch ihres Mannes. Sie verkehren 
miteinander und in froher Hoffnung und dumpfer Angst harrt sie der 
nächsten Menstruation. Sie bleibt aus und am zweiten Tage dieses 
Fortbleibens stolpert die Frau über eine Treppenstufe, fällt, und der 
Jauchzende Gedanke durchzuckt sie : Jetzt bin ich das Kind wieder 
los. Diese Frau hat ihr Kind behalten, denn der Wunsch des Es war 
stärker als die Abneigung. Aber wie tausendfach tötet ein solches 
Fallen den kaum befruchteten Keim. Lassen Sie sich nur von Ihren 
Bekannten erzählen, in wenigen Tagen haben Sie eine ganze Samm- 
lung ähnlicher Vorkommnisse, und wenn Sie, was freilich zwischen 
Menschen selten ist und erst erworben werden muß, das Vertrauen 
dieser Freundinnen haben, werden Sie hören: es war mir lieb, daß 
es so kam. Und wenn Sie tiefer darauf eingehen, werden Sie erfahren, 
daß unabweisbare Gründe gegen die Schwangerschaft vorlagen, und 
daß das Fallen beabsichtigt war, nicht vom Bewußtsein, versteht sich, 
sondern vom Unbewußten. Und so ist es mit dem Heben, mit dem 
Gestoßenwerden, so ist es mit allem. Sie mögen es mir glauben oder 
nicht, es ist noch nie eine Fehlgeburt zustande gekommen, die nicht 
absichtlich aus gut erkennbaren Gründen vom Es herbeigeführt worden 
wäre. Noch nie. Das Es treibt in seinem Haß, wenn der die Über- 
macht gewinnt, das Weib dazu, zu tanzen oder zu reiten oder zu 
reisen oder zu Menschen zu gehen, die freundliche Nadeln oder Sonden 
oder Gifte gebraudien, oder zu fallen oder sich stoßen und sich miß- 
handeln zu lassen oder zu erkranken. Ja, es kommen komische Sachen 
dabei vor, bei denen das Unbewußte selber nicht weiß, was es tut. 
So pflegt die edle Frau, die das höhere Leben oberhalb des Unterleibes 
führt, heiße Fußbäder zu brauchen, um schuldlos zu abortieren. Aber 
das heiße Bad ist für den Keim nur angenehm, fördert sein Wachstum. 
Sie sehen, ab und zu lacht das Es über sidi selbst. 

Ich kann zum Schluß nur schwer überbieten, was ich an verruchten 
und verrückten Ansichten heute geschrieben habe. Aber ich will es 



29 



doch versuchen. Hören Sie: ich bin der Überzeugung, daß das Kind 
aus Haß geboren wird. Die Mutter hat es satt, dick zu sein und eine 
Last von vielen Pfunden zu tragen, und deshalb wirft sie das Kind 
hinaus recht unsanft übrigens. Tritt dieser Überdruß nicht ein, so 
bleibt das Kind im Leibe und versteinert; das kommt vor. 

Um gerecht zu sein, muß ich hinzufügen, daß auch das Kind nicht 
mehr ,m dunkeln Gefängnis sitzen will und seinerseits zur Entbindung 
mithilft. Aber das gehört in anderen Zusammenhang. Hier genügt die 
Feststellung, daß ein übereinstimmender Wunsch von Mutter und Kind 
zur Trennung da sein muß, damit es zur Geburt kommt. 

Genug für heute. Ich bin allzeit Ihr 

PATRIK TROLL. 



LIEBE FREUNDIN, SIE HABEN MCHT, ICH WOLLTE VON DER 
Mutterliebe schreiben und habe vom Mutterhaß geschrieben. Aber 
Liebe und Haß sind immer gleichzeitig da. Sie bedingen sich gegen- 
seitig. Und weil von der Mutterliebe so viel geredet wird und jeder 
damit Bescheid zu wissen glaubt, hielt ich es für gut, einmal die Wurst 
am andern Zipfel anzuschneiden. Im übrigen bin ich nicht überzeugt 
daß Sie sich schon einmal mit der Frage der Mutterhebe anders be- 
schäftigt haben, als sie zu empfinden und einige Redensarten lyrischer 
oder tragischer Art anzuhören oder zu äußern. 

Die Mutterliebe ist selbstverständhch, ist jeder Mutter von vorn- 
herein eingepflanzt, ist ein eingeborenes heiliges Gefühl des Weibes 
Das mag ja sein, aber mich sollte es doch sehr wundern, wenn die 
Natur sich ohne weiteres auf das weibliche Gefühl verlassen hätte 
oder gar mit Empfindungen arbeitete, die wir Menschen heilig nennen 
Sieht man näher zu, so lassen sich auch einige, wenn auch gewiß nicht 
alle Quellen dieses Urgefühls finden. Sie haben, scheint es, mit dem 
so beüebten Fortpflanzungstriebe wenig zu tun. Lassen Sie einmal 
alles bei Seite, was über die Mutterhebe geredet worden ist, und 

30 



sehen Sie sich an, was zwischen diesen beiden Wesen, Mutter und 
Kind, vor sich geht. 

Da ist zunächst der Moment der Empfängnis, die bewußte oder 
unbewußte Erinnerung an einen seligen Augenblick. Denn ohne dieses 
wahrhaft himmlische Gefühl, — himmlisch deshalb, weil der Glaube 
an Seligkeit und Himmelreich letzten Endes damit zusammenhängt - 
ohne dieses Gefühl kommt es zu keiner Empfängnis. Sie glauben das 
nicht und berufen sich auf die tausendfachen Erfahrungen des verab- 
scheuten Ehebettes, der Vergewaltigungen, der Schwängerungen in 
bewußtlosem Zustand. Aber all diese Fälle beweisen nur, daß das 
Bewußtsein an dem Rausch nidit teilzunehmen braucht ; für das Es, das 
Unbewußte beweisen sie gar nichts. Um dessen Empfindungen fest- 
zustellen, müssen Sie sich an die Organe wenden, mit denen es spricht, 
an die Wollustorgane des Weibes. Und Sie würden erstaunt sein, 
wie wenig sich die Scheidenwände oder die Schamlippen, der Kitzler 
oder die Brustwarzen um den Abscheu des Bewußtseins kümmern. Sie 
antworten auf die Reibung, auf die zweckmäßige Erregung in ihrer 
eignen Weise, ganz gleich, ob der Geschlechtsakt dem denkenden 
Menschen lieb ist oder nicht. Fragen Sie Frauenärzte oder Richter oder 
Verbrecher ; Sie werden meine Behauptung bestätigt finden. Sie können 
auch von den Frauen, die ohne Lust empfangen haben, die verge- 
waltigt oder bewußdos mißbraucht wurden, die richtige Antwort hören, 
nur müssen Sie zu fragen verstehen oder besser, Vertrauen erwecken. 
Erst wenn der Mensch sich überzeugt hat : der, der fragt, ist frei von 
verachtenden Gedanken, macht wirklich ernst mit dem Wort : „Richtet 
nicht", erst dann öffnet er die Pforten seiner Seele ein wenig. Oder 
lassen Sie sidi von diesen geschlechtskalten Opfern männlicher Gier 
ihre Träume erzählen; der Traum ist die Sprache des Unbewußten 
und in ihm läßt sich mancherlei lesen. Am einfachsten ist, Sie gehen 
mit sich selber zu Rate, ehrlich wie es Ihre Gewohnheit ist. Sollte es 
Ihnen noch nicht aufgefallen sein, daß der Mann, den Sie lieben, 
mitunter nicht fähig ist, eine Erektion zustande zu bringen ? Wenn er 



31 



/ 



an Sie denkt, steht seine Mannheit so kräftig zur Verfügung, daß es 
eine Lust ist, und wenn er neben Ihnen ist, sinkt alle Herrlichkeit 
schlaff zusammen. Das ist ein merkwürdiges Phänomen ; es bedeutet, 
daß der Mann wold tausendfach und unter den seltsamsten Verhält- 
nissen liebesfähig ist, daß er aber unter gar keinen Umständen eine 
Erektion bekommt in Gegenwart einer Frau, die diese Erektion ver- 
hindern will. Es ist eine von den tief versteckten Waffen des Weibes, 
eine Waffe, die sie unbedenklich braucht, wenn sie den Mann demütigen 
will, oder vielmehr, das Unbewußte der Frau braudit die Waffe, so 
nehme ich an, weü ich nicht gern ein Weib solch bewußter Bosheit 
für fähig halte, und weil es mir wahrscheinlicher ist, daß zur Ver- 
/ Wendung dieses Fluidums, das den Mann schwächt, unbewußte Vor- 
/ gange im Organismus des Weibes stattfinden. Mag es nun so sein 
oder so, jedenfalls ist es ganz unmöglich, daß ein Mann ein Weib 
nehmen kann, wenn sie nicht irgendwie einverstanden ist. Sie tun 
gut daran, die Kälte der Frau zu bezweifeln und lieber an ihre Rach- 
sucht und unausdenkbar heimtückische Gesinnung zu glauben. 

Haben Sie nie die Phantasie des Vergewaltigtwerdens gehabt? 
Sagen Sie nicht gleich nein, ich glaube Ihnen doch nicht. Vielleicht 
haben Sie keine Angst wie so viele Frauen, und gerade angeblich 
kalte, allein im Walde oder in dunkler Nacht zu gehen ; ich sagte es 
Ihnen schon, Angst ist ein Wunsch ; wer sich vor der Notzucht fürchtet, 
wünscht sie. Wahrsdieinlidi, so wie ich Sie kenne, schauen Sie auch 
nicht unter die Betten und in die Schränke; aber wie viele tun es 
stets in der Angst und in dem Wunsch, den Mann zu entdecken, der 
gewaltig genug ist, sich nicht vor dem Gesetz zu fürditen. Sie kennen 
doch die Geschichte von jener Dame, die, als sie den Mann unter 
dem Bett sieht, in die Worte ausbricht : „Endlich, seit zwanzig Jahren 
warte ich darauf." Und wie bezeichnend ist es, daß dieser Mann mit 
einem blanken Messer phantasiert wird, mit dem Messer, das in die 
Scheide gesteckt werden soll. Nun, über all das sind Sie erhaben. 
Aber Sie waren einmal jünger, suchen Sie nur nach. Sie werden den 



32 



Augcnblidc finden, - was sage ich ? den Augenblick - nein, Sie werden 
sich einer ganzen Reihe von Momenten erinnern, wo es Sie kalt über- 
lief, weil Sie hinter sich einen Schritt zu hören glaubten; wo Sie 
plötzlich in der Nacht in irgend einem Gasthaus erwachten mit dem 
Gedanken: habe ich auch die Tür verschlossen? Wo Sie fröstelnd 
unter die Decke krochen, fröstelnd, weil Sie die innere Hitze abkühlen 
mußten, um nicht zu verbrennen. Haben Sie nie mit Ihrem Geliebten 
gerungen, Notzucht gespielt ? Nein ? Ach, was sind Sie für eine Törin, 
daß Sie sich um die Freuden der Liebe bringen, und was sind Sie 
für eine Törin, daß Sie annehmen, ich glaube Ihnen. Ich glaube nur 
an Ihr schlechtes Gedächtnis und an Ihr feiges Ausweichen vor der 
Selbstkenntnis. Denn, daß ein Weib diesen höchsten Liebesbeweis, 
diesen einzigen, kann man sagen, nicht begehren sollte, ist unmöglich. 
So schön sein, so verführerisch sein, daß der Mann alles andre ver- 
gißt und nur hebt, das will eine Jede, und die es leugnet, irrt sich 
oder lügt bewußt. Und wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, so 
suchen Sie diese Phantasie in sich lebendig zu madien. Es ist nicht 
gut, mit sich selber Versteck zu spielen. Was gilt die Wette ? Schließen 
Sie die Augen und träumen Sie frei, ohne Absicht und Vorurteil I In 
wenigen Sekunden sind Sie von den Bildern des Traums gefesselt, 
hingerissen, so daß Sie kaum wagen, weiter zu denken, weiter zu 
atmen. Da ist das Knacken der Äste, der jähe Sprung und der Griff 
an die Gurgel, das Niederwerfen und das blinde Zerreißen der Kleider, 
und die wahnsinnige Angst. Und nun fassen Sie den Menschen, der 
rast, ins Auge, fest und unbeirrbar. Ist er groß, klein, schwarz, blond, 
bärtig, glatt? Den bannenden Namen! oh ja, ich wußte, daß Sie ihn 
schon kennen. Sie sahen ihn gestern oder ehegestern oder vor vielen 
Jahren, auf der Straße oder der Eisenbahnfahrt oder auf dem Pferd 
dahinjagend oder beim Tanz. Und der Name, der Ihnen durch den 
Kopf schoß, macht Sie zittern. Denn nie hätten Sie geglaubt, daß ge- 
rade dieser Mensch Ihre tiefste Begierde weckte. Er war Ihnen gleich- 
gültig ? Sie verabscheuten ihn ? Er war ekelhaft ? - Hören Sie doch 

3 Grod deck, Das Buch vom Es 33 



/ 






hin: Ihr Es kiAert über Sie. - Nein, stehen Sie nicht auf, schauen Sie 
nicht nach Uhr und Schlüsselbund, träumen Sie, träumen Sie! Von 
dem Märtyrertum, der Schande, dem Kind in Ihrem Schoß, vom Ge- 
richt und dem Wiedersehen mit dem Verbrecher in Gegenwart der 
schwarzen Richter, und von der Qual, zu wissen, daß Sie wünschten, 
was er tat und wofür er büßt. Furchtbar, unfaßbar und unentrinnbar 
fesselnd. - Oder ein anderes Bild, wie das Kind geboren wird, wie 
Sie arbeiten und die Hände mit der Nadel zerstedien, wahrend der 
Kleine sorglos zu Ihren Füßen spielt und Sie nicht wissen, wie ihn 
ernähren. Armut, Not, Elend. Und dann kommt der Prinz, der edle, 
herrlich gute, der Sie liebt, den Sie lieben und dem Sie entsagen. 
Hören Sie nur, wie das Es kichert über die schöne Geste. - Und noch 
ein Bild, wie das Kind in Ihrem Leib wächst und mit ihm die Angst, 
wie es geboren wird und Sie es erwürgen, im Teich versenken und 
wie Sie selbst vor den dunkeln Richtern als Mörderin stehen. Auf 
einmal tut sidi die Märchenwelt auf, ein Scheiterhaufen wird gehäuft, 
die Kindesmörderin steht darauf, an den Pfahl gefesselt, und die 
Flammen lecken an ihren Füßen. Hören Sie nur, was das Es flüstert, 
wie es den Pfahl deutet und das züngelnde Feuer und wie es Ihnen 
zuraunt, wessen Füße es sind, die Ihr tiefstes Wesen mit der Flamme 
verbindet. Ist es ni<ht Ihre Mutter ? - Das Unbewußte ist rätselhaft und 
zwischen Wald, Gewaltig und Gewalt schlummern Engel und Teufel. 
Nun der bewußtlose Zustand. Wenn Sie Gelegenheit dazu haben, 
sehen Sie sich, bitte, irgendeinen hysterischen Krampfanfall an. Er 
wird Ihnen klarmachen, wie viele Menschen die Bewußdosigkeit bei 
sich hervorrufen, um die Wollust zu empfinden ; gewiß, es ist ein 
dummes Verfahren, aber schließlich ist alle Heuchelei dumm. Oder 
gehen Sie in eine chirurgische Klinik, sehen Sie sich ein Dutzend 
Narkosen mit an; da können Sie merken und hören, wie genußfähig 
der Mensch auch im bewußdosen Zustand ist. Und dann nochmals, 
achten Sie auf Träume ; die Träume des Menschen sind wunderlidie 
Dolmetscher der Seele. 



34 



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■w 



- 

Nochmals also: ich nehme an, daß eine der Wurzeln der Mutter- 
liebe der Genuß bei der Empfängnis ist. Ich übergehe nun, ohne da- 
durch ihre Wichtigkeit herabsetzen zu wollen, eine Reihe verwickelter 
Gefühle, wie die Neigung zum Manne, die auf das Kind übertragen 
wird, den Stolz auf die Leistung ; - so merkwürdig es auch für un- 
sern hochmögenden Verstand ist, daß man sich auf Dinge etwas ein- 
bildet, die wie die Schwängerung nur vom Es geleistet werden, mit 
dem, was wir als edles Werk anzuerkennen pflegen, also ebenso 
wenig zu tun haben wie Schönheit oder ererbter Reichtum oder große 
Geistesgaben, das Weib ist eben stolz darauf, über Nacht durch so 
lustige Arbeit ein lebendiges Wesen geschaffen zu haben. - Ich rede 
nicht davon, wie die Bewunderung und der Neid der Nädistea zur 
Ausbildung der Mutterliebe verwendet werden oder wie das Gefühl, 
für ein Lebewesen ausschließlich verantwortlich zu sein - denn an die 
ausschließlidie Verantwortung glaubt die Mutter gern, wenn es glatt 
geht, ungern und nur vom Schuldbewußtsein gezwungen, wenn es 
schief geht, - wie dieses Gefühl die Neigung zum kommenden Kinde 
erhöht, das Gefühl großer Wichtigkeit, das aus eigenen und fremden 
Quellen genährt wird; oder wie der Gedanke, ein hilfloses Mensch- 
lein zu schützen, mit dem eigenen Blute zu nähren - was ja eine 
beliebte und gegen die Kinder später oft verwendete Redensart ist, 
an die das Weib zu glauben vorgibt, obwohl sie die Lüge darin fühlt 
- wie dieser Gedanke der Mutter eine Art Gottähnlichkeit gibt und 
daher ihr eine fromme Gesinnung gegen das Muttergotteskind einflößt. 
Ich möchte Sie vielmehr auf etwas Einfaches und anscheinend Un- 
bedeutendes aufmerksam machen, nämlich, daß der weibliche Körper 
einen holden leeren Raum hat, der durch die Sdiwangerschaft, durch 
das Kind ausgefüllt wird. Wenn Sie sich vorstellen, wie beunruhigend 
das Gefühl des Leerseins ist und wie wir beim Sattsein ein „andrer 
Mensch" sind, ahnen Sie ungefähr, was in dieser Richtung die Sdiwanger- 
sdiaft für das Weib bedeutet. Ungefähr, nicht ganz. Denn es handelt 
sich bei den Unterleibsorganen der Frau nicht nur um ein Gefühl der 

85 



; 



Leere, es ist vor allem die von Kindheit an bestehende Empfindung 
des Mangels, die bald mehr, bald weniger die Selbstaditung des Weibes 
niederdrückt. Zu irgendeiner Zeit, jedenfalls sehr früh, sei es durch 
Beobachtung, sei es auf anderem Wege, erfährt das kleine Mädchen, 
daß ihm etwas fehlt, was der Knabe, der Mann besitzt. - Nebenbei 
bemerkt, ist es nicht zu verwundern, daß niemand weiß, wann und 
wie ein Kind die Geschlcditsuntersdiiede kennen lernt? Obwohl diese 
Entdeckung, man könnte sagen, das wichtigste Ereignis im Menschen- 
leben ist. - Das kleine Ding, sage ich, bemerkt dieses Fehlen eines 
Bestandteiles des Menschen und faßt es als einen Felder seines 
Wesens auf. Sonderbare Ideengänge knüpfen sich daran an, von denen 
wir uns gelegentlich unterhalten können, die alle das Gepräge der 
Beschämung und des Schuldgefühls tragen. Anfangs hält noch die 
Hoffnung, der Fehler werde sich durch Nachwachsen ausgleichen, 
einigermaßen dem Gefühl des Niedrigseins die Wage, aber diese 
Hoffnung erfüllt sich nicht, es bleibt nur das in seiner Begründung 
immer undeutlicher werdende Schuldgefühl und die unbestimmbare 
Sehnsucht, beides Erscheinungen, die wohl an Klarheit nachlassen, 
aber an Gefühlskraft wachsen. Das geht durch lange Jahre mit in 
dem tiefen Leben der Frau als immer brennende Qual. Und nun 
kommt der Moment der Empfängnis, die Herrlichkeit der Sättigung, 
das Verschwinden der Leere, des verzehrenden Neides und der 
Scham. Und dann lebt eine neue Hoffnung auf, die Hoffnung, daß in 
ihrem Leibe ein neuer Teil ihres Wesens, eben das Kind, wächst, 
das diesen Fehler nicht haben, das ein Junge sein wird. 

Es bedarf eigentlich keines Beweises, daß die Schwangere wünscht, 
einen Knaben zu gebären. Wer die Fälle, in denen der Wunsch auf 
ein Mädchen geht, erforscht, der wird manches Geheimnis gerade 
dieser einen Mutter erfahren, die allgemeine Regel aber, daß das 
Weib den Sohn zur Welt bringen will, wird sich ihm bestätigen. Wenn 
ich Ihnen trotzdem von einer persönlichen Erfahrung erzähle, so ge- 
schieht es, weil ein Nebenumstand mir charakteristisch vorkommt und 



36 






Sie vielleidit zum Lachen bringt, zu dem heiteren, göttlichen Lachen, 
mit dem man in der Komik die tiefe Wahrheit begrüßt Ich habe 
eines Tages die kinderlosen Mädchen und Frauen meiner Bekannt- 
schaft gefragt, es waren natürlich nicht sehr viele, aber doch etwa 
15 bis 20, was sie sich für ein Kind wünschten. Sie haben alle geant- 
wortet : einen Jungen. Aber nun kam das Seltsame. Ich fragte weiter, 
wie alt sie sich wohl diesen Knaben vorstellten und wie sie ihn ge- 
rade in dem Moment beschäftigt dächten. Bis auf drei haben sie alle 
dieselbe Antwort gegeben; zwei Jahre, auf der Wickelkommode 
liegend und den Strahl in hohem Bogen unbekümmert in die Welt 
spritzend. Von den drei Abseitigen gab die eine den ersten Schritt 
an, die zweite das Spielen mit einem Schäfchen und die dritte : drei 
Jahr, stehend und pinkelnd. 

Verstehen Sie wohl, verehrte Freundin ? Da ist eine Gelegenheit, 
in die Tiefe des Menschen zu blicken, für einen kurzen Moment 
mitten im Lachen zu gewahren, was den Menschen bewegt. Vergessen 
Sie es bitte nicht. Und überlegen Sie sidi, ob hier nicht eine Möglich- 
keit ist, weiter zu fragen und zu erkunden. 

Das Entstehen des Kindes im Unterleib, sein Wachsen und 
Schwererwerden bemächtigt sich noch in einer andern Richtung der 
weiblichen Seele, verflicht sich mit festgewurzelten Gewohnheiten und 
nutzt, um die Mutter an das Kind zu fesseln, Neigungen aus, die 
von versteckten Schichten des Unbewußten aus das Menschenherz 
und das Menschenleben beherrschen. Sie werden beobachtet haben, 
daß das Kind, das auf dem Töpfdien sitzt, nicht gleich willig hergibt, 
was der Erwachsene, dem diese Beschäftigung weniger Wonne gibt, 
erst zart und nach und nach immer dringender von ihm verlangt. 
Wenn Sie Interesse dafür haben, dieser absonderlichen Neigung zur 
freiwilligen Verstopfung, aus der nicht selten eine Lebensgewohnheit 
wird, nachzugehen, was ja allerdings ein seltsames Interesse ist so 
bitte ich Sie, sich daran zu erinnern, daß in dem Unterleib in der 
Gegend von Mastdarm und Blase fein und lüstern tätige Nerven 



87 



/ 



verlaufen, deren Reizung artige Gefühle weckt. Sie werden dann 
weiter daran denken, wie oft die Kinder bei Spiel und Arbeit un- 
ruhig auf dem Stuhle rutsdien, - vielleicht taten Sie es selbst in 
Ihrer Kindheit unschuldigen Tagen, - mit den Beinen wippein und 
zappeln, bis das verhängnisvolle Wort der Mutter ertönt: „Hans oder 
Liesel, geh auf das Klosett!« Warum wohl das? Ist es wirklich, daß 
der Knabe, daß das Mäddien sich verspielt haben, wie es Mama in 
Rücksicht auf eigene längst verworfene Neigungen nennt, oder daß 
sie gar zu stark von der Schularbeit gefesselt sind? Ach nein, es ist 
die Wollust, die soldies zustande bringt, eine eigenartige Form der 
Selbstbefriedigung, von Kindheit auf geübt und bis zur Vollendung 
später ausgebildet in der Verstopfung; nur daß dann leider der 
Organismus nidit mehr mit der Wollust antwortet, sondern nur, im 
Schuldgefühl der Onanie, Kopfschmerzen oder Schwindel oder Leibweh 
schafft und wie die tausend Folgen der Gewohnheit, sich dauernd 
einen Druck auf die genitalen Nerven zu erhalten, heißen mögen. 
Ja, und dann fallen Ihnen noch Menschen ein, die gewohnheitsmäßig 
ausgehen, ohne vorher sich zu entleeren, dann auf der Straße von 
der Not befallen, schwere Kämpfe durchmachen, bei denen sie sich 
nicht bewußt werden, wie süß sie sind. Nur wem die Regelmäßigkeit 
und der völlige Mangel an Notwendigkeit dieser Kämpfe zwischen 
Mensch und After auffällt, der kommt allmählich zu dem Schluß, daß 
hier das Unbewußte schuldlose Onanie treibt. Nun, verehrte Frau, 
die Schwangersdiaft ist solche schuldlose Onanie in noch viel stärke- 
rer Weise, hier ist die Sünde heilig. Aber alle heilige Mutterschaft 
verhindert nicht, daß der schwangere Uterus die Nerven reizt und 
Wollust bringt 

Sie meinen, Wollust müsse vom Bewußtsein empfunden werden. 
Das ist eine falsche Meinung. Das heißt, Sie können diese Meinung 
haben, aber Sie müssen mir verzeihen, wenn ich ein wenig lache. 

Und da wir nun einmal bei dem heiklen Thema der Wollust 
sind, der geheimen, unbewußten, nie deutlich benannten, darf ich auch 



88 



gleich davon sprechen, was die Kindsbewegung für die Mutter ist. Sie 
ist ja auch vom Dichter mit Beschlag' belegt und rosarot geputzt und 
zart parfümiert In Wahrheit ist diese Empfindung, wenn man ihr 
den Strahlenkranz der Verklärung nimmt, eben dieselbe, die stets 
entsteht, wenn etwas im Leibe des Weibes bewegt wird. Sie ist die- 
selbe, die sie vom Manne her kennt, nur jedes Sündengefühls bar, 
gepriesen statt verworfen. 

Schämen Sie sich nidit? werden Sie sagen. Nein, ich schäme mich 
nicht, meine Gnädigste, so wenig schäme ich midi, daß ich die Frage 
zurückgebe. Regt sich in Ihnen keine Sdiam, werden Sie nicht über- 
wältigt von Leid und Scham über das mensdiliche Wesen, das den 
höchsten Wert des Lebens, die Vereinigung von Mann und Weib, in 
den Schmutz gezogen hat? Denken Sie nur zwei Minuten darüber 
nach, was diese Wollust zu zweit bedeutet, wie sie Ehe, Familie, Staat 
geschaffen hat, Haus und Hof gegründet, die Wissenschaft, die Kunst, 
die Religion aus Nichts hervorgerufen, wie sie alles, alles, alles, was 
Sie verehren, gemacht hat, und wagen Sie es dann nodi, den Ver- 
gleich zwisdien Begattung und Kindsbewegung abscheulich zu fin- 
den. 

Nein, Sie sind viel zu verständig, um den Zorn über meine von 
tugendprangenden Kinderwärterinnen verbotenen Worte länger zu 
pflegen, als bis Sie Zeit gefunden haben, sich zu besinnen. Und dann 
werden Sie mir willig weiter zu einer noch sdiärfer von Herz- und 
Geistesbildung verpönten Behauptung folgen, daß vor allem die Ent- 
bindung selbst ein Akt der höchsten Wollust ist, dessen Eindruck als 
Liebe zum Kinde, als Mutterliebe weiterlebt. 

Oder reicht Ihre Gutwilligkeit nicht so weit, mir auch das zu 
glauben ? Es widerspricht ja aller Erfahrung, der Erfahrung von Jahr- 
tausenden. Nun, einer Erfahrung, und ich halte sie für die Grund- 
tatsache, von der man ausgehen muß, widerspricht sie nicht, das ist 
die, daß immer wieder neue Kinder geboren werden, daß also all die 
Schrecken und Leiden, von denen man seit urvordenklichen Zeiten 



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/ 



spridit, nicht so groß sind, um nicht von der Lust, irgend einem Lust- 
gefühl überboten zu werden. 

Haben Sie schon einmal eine Entbindung mitangesehen ? Es ist 
eine merkwürdige Sache; die Kreißende jammert und schreit, aber ihr 
Gesicht glüht in fieberhafter Erregung und ihre Augen haben den 
seltsamen Glanz, den kein Mann vergißt, wenn er ihn einmal meines 
Weibes Augen hervorgerufen hat. Das sind seltsame Augen, seltsam 
verschleierte Augen, die Wonne erzählen. Und was ist Wunderbares, 
Unglaubliches daran, daß der Schmerz Wollust sein kann, höchste 
Wollust? Nur die Perversions- und Unnaturschnüffler wissen nicht 
oder geben vor, nicht zu wissen, daß die größte Lust den Schmerz 
verlangt. Machen Sie sich doch frei von dem Eindruck, den der Weh- 
laut der Gebärenden und die blöden Erzählungen neidischer Gevat- 
terinnen auf Sie gemacht haben. Versuchen Sie, ehrlich zu sein. Das 
Huhn gackert auch, wenn es ein Ei gelegt hat. Aber der Hahn küm- 
mert sich nicht anders darum, als daß er von neuem das Weibchen 
tritt, deren Grauen vor dem Schmerz des Eierlegens sich sonderbar 
in dem verliebten Ducken vor dem Herrn des Hühnerhofes äußert. 
Die Scheide des Weibes ist ein unersättlicher Moloch. Wo ist denn 
die weibliche Scheide, die damit zufrieden wäre, ein kleinfingerdickes 
Glied in sich zu haben, wenn sie eins haben kann, das stark wie ein 
Kinderarm ist. Die Phantasie des Weibes arbeitet mit mächtigen 
Instrumenten, hat es von jeher getan und wird es immer tun. 

Je größer das Glied ist, um so höher ist die Wonne, das Kind 
aber arbeitet mit seinem dicken Schädel während der Entbindung im 
Scheideneingang, dem Sitz der Freude des Weibes, genau wie das 
Glied des Mannes, in derselben Bewegung des hin und her und auf 
und ab, genau so hart und gewaltig. Gewiß er schmerzt, dieser höchste 
und deshalb unvergeßliche und stets von neuem begehrte Geschlechts- 
akt, aber er ist der Gipfelpunkt aller weiblichen Freuden. 

Warum aber ist, wenn die Entbindung wirklich ein Wollustakt 
ist, die Stunde der Wehen als Leiden unvergeßlicher Art verschrien? 



Ich kann die Frage nicht beantworten; fragen Sie die Frauen. Ich 
kann nur sagen, daß ich hie und da einer Mutter begegnet bin, die 
mir sagte : die Geburt meines Kindes war trotz aller Schmerzen oder 
vielmehr wegen all der Schmerzen das Schönste, was ich erlebt habe. 
Vielleicht darf man das eine sagen, daß die Frau, von jeher zur 
Verstellung gezwungen, nie ganz aufrichtig über ihre Empfindungen 
sprechen kann, weil sie das Gebot des Abscheus vor der Sünde mit auf den 
Lebensweg bekommt. Woher aber diese Gleichsetzung von Geschlechts- 
lust und Sünde kommt, das wird niemals ganz ergründet werden. 
Es gibt auch Gedankengänge, die sich durch das Labyrinth dieser 
schwierigen Fragen verfolgen lassen. So erscheint es mir natürlich, daß 
ein Mensch, dem all sein Leben lang, selbst unter Benutzung der 
Religion, gelehrt worden ist, die Entbindung ist schrecklich, gefährlich, 
schmerzhaft, selbst daran glaubt, auch über die eigene Erfahrung 
hinaus. Es ist mir klar, daß eine Menge dieser Schadenerzählungen 
erdacht wurden, um das unverheiratete Mädchen von dem unehe- 
lichen Verkehr zurückzuschrecken. Der Neid derer, die nicht ent- 
bunden werden, vor allem der Neid der Mutter auf die eigene 
Tochter, der anheimfällt, was für sie selber längst Vergangenheit ist, 
spricht dabei mit. Der Wunsch, den Mann einzuschüchtern, der er- 
kennen soll, was er der Liebsten zu Leide tat, welches Opfer sie 
bringt, wie sie Heldin ist, die Erfahrung, daß er sich tatsächlich ein- 
schüchtern läßt, und aus dem mürrischen Tyrannen, wenigstens für 
eine Zeit, ein dankbarer Vater wird, treiben in dieselbe Richtung. 
Und vor allem die innere Gewalt, sich selbst als groß, edel, Mutter 
zu erscheinen, verführt zur Übertreibung, zur Lüge. Und Lüge is 
Sünde. Zuletzt aber steigt aus dem Dunkel des Unbewußten die 
Mutterimago empor; denn alles Begehren und jede Wollust ist durch- 
tränkt von der Sehnsucht, wieder in den Schoß der Mutter zu ge- 
langen, ist gezeitigt und vergiftet von dem Wunsche der Geschlechts- 
vereinigung mit der Mutter. Der Inzest, die Blutschande. Ist es nich 
genug, um sich sündig zu fühlen? 



41 



Was aber gehen diese geheimnisvollen Gründe uns beide im 
Augenblick an? Ich wollte Sie überzeugen, daß die Natur sich nicht 
auf die edlen Gefühle der Mutter verläßt, daß sie nicht glaubt, ein 
jedes Weib werde, nur weil sie Mutter wird, das aufopferungsfähige, 
geliebte Wesen, dessen Gleichen wir nicht kennen, die uns nie er- 
setzt wird, und deren Namen zu nennen uns sdion beglückt Ich 
wollte Sie überzeugen, daß die Natur in tausendfacher Weise die 
Glut schürt, deren Wärme uns durch das Leben begleitet, daß sie 
alles und jedes benutzt, - denn was ich sagte, ist nur ein winziger 
Teil all der Wurzeln, aus denen die Mutterliebe wächst, - benutzt, 
um der Mutter jede Möglichkeit zu nehmen, sich von dem Kinde ab- 
zuwenden. 

Ist es mir gelungen ? Dann würde sich von Herzen freuen 

Ihr alter Freund 

PATRIK TROLL. 

5- 
ICH HABE MICH ALSO NICHT GETÄUSCHT, LIEBE FREUNDIN, 
wenn ich annahm, daß Sie nach und nadi Interesse für das Unbewußte 
bekommen würden. Daß Sie über meine Sucht, zu übertreiben, spotten 
bin ich gewöhnt. Aber warum suchen Sie sich dazu gerade meine Ent- 
bindungswollust aus? In der Sache habe ich recht. 

Sie haben neulich geäußert, daß Huien meine kleinen eingestreuten 
Erzählungen zusagen. „Es macht die Sache lebendig," meinen Sie, 
„und man ist fast versucht, Ihnen zu glauben, wenn Sie so gediegene 
Tatsachen vorbringen." Nun, ich könnte sie ja auch erfinden oder 
wenigstens frisieren. Das kommt innerhalb und außerhalb der Gelehr- 
samkeit vor. Gut, Sie sollen Ihre Geschichte haben. 

Vor einigen Jahren gebar eine Frau nach längerer Unfruchtbarkeit 
ein Mädchen. Es war eine Steißgeburt, und die Frau wurde im 
Wöchnerinnenheim von einem bekannten Geburtshelfer unter Beihilfe 
zweier Assistenten und zweier Hebammenschwestern in der Narkose 



42 



künstlidi entbunden. Zwei Jahre darauf kam es zu einer zweiten 
Schwangersdiaft, und da idi inzwischen mehr Einfluß auf die Frau 
gewonnen hatte, wurde verabredet, bei der Entbindung nichts ohne 
mein Wissen zu tun. Die Schwangersdiaft verlief im Gegensatz zu der 
ersten ohne alle Beschwerden. Es wurde beschlossen, die Geburt zu 
Hause vor sich gehen zu lassen und nur eine Hebammenschwester 
zuzuziehen. Kurz vor der Entbindung wurde ich auf Wunsch der 
Hebammensdiwester zu der Dame, die in einer anderen Stadt wohnte, 
gerufen. Das Kind läge in Steißlage und was nun geschehen solle. Als 
idi hinkam, lag tatsächlidi das Kind mit dem Steiß voran, die Wehen 
hatten nodi nidit begonnen. Die Schwangere war in großer Angst und 
wünschte, in die Klinik gesdiafft zu werden. Ich habe midi zu ihr 
gesetzt, ein wenig in ihren mir sdion ziemlich bekannten Verdrängungs- 
komplexen geforscht und ihr sdiließlidi in glühenden Farben - ich 
denke, Sie wissen, ob mir so etwas gelingt - die Lust der Entbindung 
geschildert. Frau X. wurde vergnügt und ein eigentümlicher Ausdruck 
in den Augen sagte, daß der Funke zündete. Dann suchte ich heraus- 
zubekommen, weshalb das Kind wieder in die Steißlage gekommen 
war. „Dann ist die Geburt leichter," sagte sie mir. „Der kleine Popo 
ist weich und erweitert den Weg sanfter und gemächlicher als der 
dicke, harte Kopf." Nun habe ich ihr die Geschichte von dem dicken 
und dünnen, harten und schlaffen Instrument in der Scheide erzählt, 
ungefähr so, wie idi es Ihnen neulidi beschrieb. Das machte Eindruck 
aber es blieb noch ein Rest Mißvergnügen. Schließlich sagte sie, sie 
möchte mir ja gern glauben, aber alle andern hätten ihr so viel 
Schreckliches von dem Schmerz der Geburt gesagt, daß sie doch lieber 
narkotisiert werden möchte. Und wenn das Kind mit dem Steiß voran 
läge, würde sie betäubt, das wisse sie aus Erfahrung. Also sei die 
Steißlage dodi vorzuziehen. Darauf habe ich ihr gesagt, wenn sie so 
dumm sei, sich durchaus um das höchste Vergnügen ihres Lebens 
bringen zu wollen, so solle sie es nur tun. Ich hätte nichts dagegen, 
wenn sie sich betäuben ließe, sobald sie es nicht mehr aushalten könne. 



43 



Dazu sei aber die Steißlage nicht nötig. „Ich gebe Ihnen die Erlaubnis 
zur Narkose, auch wenn der Kopf vorliegt. Sie sollen selbst darüber 
entscheiden, ob narkotisiert werden soll oder nicht." Damit bin ich 
abgereist und schon am nächsten Tage erhielt ich die Nachricht, daß das 
Kind eine halbe Stunde nach meinem Weggehen mit dem Kopf nach 
unten gelegen habe. Die Entbindung ist dann glatt vor sich gegangen. Die 
Wöchnerin schilderte mir in einem hübschen Brief den Verlauf. „Sie 
haben ganz recht gehabt, Herr Doktor, es ist wirklich ein hoher Genuß 
gewesen. Da neben mir auf dem Tisch die Ätherflasche stand und ich 
die Erlaubnis zur Narkose hatte, hatte ich nicht die mindeste Angst 
und konnte jeden Vorgang genau beobachten und hemmungslos werten. 
Einen Augenblick wurde der Schmerz, der bis dahin etwas aufregend 
Reizvolles gehabt hatte, übergroß und ich schrie : Äther ! - setzte aber 
gleich hinzu : Es ist nicht mebr nötig. Das Kind schrie schon. Wenn ich 
etwas bedaure, ist es nur, daß mein Mann, den ich jahrelang mit meiner 
dummen Angst gequält habe, diesen höchsten Genuß nicht erleben kann." 
Wenn Sie skeptisch sind, können Sie das nun eine glückliche 
Suggestion nennen, die keine Beweiskraft hat. Mir ist das gleichgültig. 
Ich bin überzeugt, wenn Sie das nächstemal ein Kind bekommen 
werden Sie auch „hemmungslos" beobachten, ein Vorurteil los werden 
und etwas kennen lernen, wovor Dummheit Sie eingegrault hat. 

Sie sind dann, hebe Freundin, zaghaft auf das heikle Thema der 
Selbstbefriedigung eingegangen, deuten an, wie sehr Sie dieses ge- 
heime Laster verachten und äußern Ihre Unzufriedenheit mit meinen 
abscheulichen Theorien über die schuldlose Onanie der töpfchensitzenden 
Kinder, verstopften Menschen und Schwangeren und finden schließlich 
meine Ansichten über die Grundbedingungen der Mutterliebe zynisch. 
„Auf diese Weise kann man alles auf Selbstbefriedigung zurückführen," 
sagen Sie. 

Gewiß, und Sie gehen nicht fehl in der Annahme, daß ich, wenn 
nicht alles, so doch recht viel von der Onanie herleite. Die Art, wie 
ich zu dieser Ansicht gekommen bin, ist vielleicht noch interessanter 



als die Ansidit selbst, und deshalb will ich sie Ihnen hier mit- 
teilen. 

Ich habe in meinem Beruf und sonst auch, oft Gelegenheit gehabt, 
bei dem Waschen kleiner Kinder zugegen zu sein, Sic werden mir 
aus eigener Erfahrung bestätigen, daß das nicht immer ohne Heulcrei 
vor sich geht. Aber wahrscheinlich wissen Sie nicht, - es ist nicht der 
Mühe wert, bei kleinen Kindern solche Kleinigkeiten zu beachten - 
daß dieses Heulen bei ganz bestimmten Prozeduren einsetzt und bei 
anderen aufhört. Das Kind, das eben noch schrie, als ihm das Gesicht 
gewaschen wurde, - wenn Sie wissen wollen, warum es schreit, lassen 
Sie sich selber das Gesicht von irgend einer lieben Person waschen, 
mit einem Schwamm oder Lappen, der so groß ist, daß er Ihnen 
gleichzeitig Mund, Nase und Augen zudeckt - dieses Kind, sage ich, 
wird plötzlich still, wenn der weiche Schwamm zwischen den Beinchen 
hin- und hergeführt wird. Ja, dieses Kind bekommt sogar einen fast 
verzückten Ausdruck im Gesicht und es hält ganz still. Und die Mutter, 
die kurz vorher noch ermahnend oder tröstend dem Kindchen über 
das unangenehme Waschen hinweghelfen mußte, hat auf einmal einen 
zarten, liebenden, fast möchte ich sagen verliebten Ton in ihrer Stimme, 
auch sie ist für Augenblicke in Verzückung versunken und ihre Be- 
wegungen sind andere, weichere, Iiebendere. Sie weiß nicht, daß sie 
dem Kinde Geschlechtslust gibt, daß sie das Kind Selbstbefriedigung 
lehrt, aber ihr Es fühlt es und weiß es. Die erotische Handlung er- 
zwingt den Ausdruck des Genusses bei Kind und Mutter. 

So also liegen die Dinge. Die Mutter selbst gibt ihrem Kinde 
Unterricht in der Onanie, sie muß es tun, denn die Natur häuft den 
Dreck, der abgewaschen werden will, dort an, wo die Organe der 
Wollust liegen ; sie muß es tun, sie kann nicht anders. Und, glauben 
Sie mir, vieles, was unter dem Namen Reinlichkeit geht, das eifrige 
Benutzen des Bidets, das Waschen nach den Entleerungen, die Aus- 
spülungen, ist nichts weiter als ein vom Unbewußten erzwungenes 
Wiederholen dieser genußreichen Lehrstunden bei der Mutter. 



45 



Diese kleine Beobachtung, die Sie jederzeit auf ihre Richtigkeit 
nachprüfen können, wirft das ganze Scfareckensgebäude, das dumme 
Menschen um die Selbstbefriedigung errichtet haben, auf einmal um. 
Denn wie soll man eine Gewohnheit Laster nennen, die von der 
Mutter erzwungen wird? Zu deren Erlernung sich die Natur der 
Mutterhand bedient? Oder wie sollte es möglidi sein, ein Kind zu 
reinigen, ohne seine Wollust zu erregen? Ist eine Notwendigkeit, der 
jeder Mensch vom ersten Atemzug an unterworfen ist, unnatürlich ? 
Welche Berechtigung hat der Ausdruck „geheimes Laster« für eine 
Angelegenheit, deren typisches Vorbild täglich mehrmals offen und 
unbefangen dem Kinde von der Mutter eingeprägt wird ? Und wie 
kann man es wagen, die Onanie schädlich zu nennen, die in den 
Lebensplan des Menschen als etwas Selbstverständliches, Unvermeid- 
liches aufgenommen ist ? Ebensogut kann man das Gehen lasterhaft 
nennen, oder das Essen unnatürlich, oder behaupten, daß der Mensch, 
der sich die Nase schnaubt, unfehlbar daran zugrunde gehen müsse. 
Das unentrinnbare Muß, mit dem das Leben die Selbstbefriedigung 
dadurch erzwingt, daß es den Schmutz und Gestank des Kots und 
Urins an den Ort des Geschlechtsgenusses legte, beweist, daß die 
Gottheit diesen verworfenen Akt angeblichen Lasters zu bestimmten 
Zwecken dem Menschen als Schicksal mitgegeben hat. Und wenn Sie 
Lust dazu haben, will ich Ihnen gelegentlich ein paar dieser Zwecke 
nennen, Ihnen zeigen, daß allerdings unsere Menschenwelt, unsere 
Kultur zum großen Teil auf der Selbstbefriedigung aufgebaut ist. 

Wie ist es nun gekommen, werden Sie fragen, daß diese natür- 
liche und notwendige Verrichtung in den Ruf gekommen ist, ein 
schmachvolles, für Gesundheit und Geisteskraft gleich gefälirliches 
Laster zu sein, ein Ruf, der überall gilt. Sie tun besser, sich um eine 
Antwort an gelehrtere Leute zu wenden, aber einiges kann ich Ihnen 
mitteilen. Zunächst stimmt es nicht, daß man allgemein von der 
Schädlichkeit der Onanie überzeugt ist. Ich weiß mit exotischen Sitten 
aus eigener Erfahrung nicht Bescheid, habe aber allerlei gelesen, was 

46 




mir eine andere Meinung gegeben hat. Und dann ist mir bei Spazier- 
gängen aufgefallen, daß hie und da ein Bauernbursdi hinter dem Pflug 
stand und ganz ehrlidi und allein seiner Lust fröhnte, und bei Land- 
mäddien kann man es audi sehen, wenn man nidit durdi das Kind- 
heitsverbot für diese Dinge blind gemacht worden und blind geblieben 
ist; solch ein Verbot wirkt unter Umständen lange Jahre, vielleidit 
ein Leben lang, und mitunter ist es spaßhaft zu beobaditen, was alles 
die Menschen nicht sehen, weil Mama es verboten hat. - Sie brauchen 
aber nidit erst zu den Bauern zu gehen. Ihre eigenen Erinnerungen 
werden Ihnen genug erzählen. Oder wird die Onanie dadurch un- 
schädlich, daß der Gehebte, der Ehemann an den reizbaren, ihm so 
befreundeten Plätzen spielt? Es ist gar nicht nötig, an die tausend 
Möglichkeiten der versteckten, schuldlosen Onanie zu denken, an das 
Reiten, Sdiaukeln, Tanzen, an das Stuhlverhalten; der Liebkosungen, 
deren tieferer Sinn die Selbstbefriedigung ist, gibt es auch so genug. 
Das ist nicht Onanie, meinen Sie. Vielleicht nicht, vielleidit doch, 
es kommt darauf an, wie man es auffaßt. Nach meiner Meinung ist 
es kein großer Unterschied, ob die eigene oder die fremde Hand 
zärtlich ist, ja am Ende braucht es keine Hand zu sein, auch der Ge- 
danke reicht aus und vor allem der Traum. Da haben Sie ihn wieder, 
diesen unangenehmen Deuter versteckter Geheimnisse. Nein, liebe 
Freundin, wenn Sie wüßten, was alles unsereiner - und mindestens 
mit dem Schein des Rechtes - zur Onanie rechnet, Sie würden wirk- 
lich nicht mehr von ihrer Sdiädlichkeit sprechen. 

Haben Sie denn schon einmal jemanden kennen gelernt, dem sie 
geschadet hat? Die Onanie selbst, nicht die Angst vor den Folgen, 
denn die ist wahrlich sdilimm. Und gerade weil sie so schlimm ist, 
sollten sich wenigstens ein paar Menschen davon freimachen. Noch- 
mals, haben Sie schon jemanden gesehen? Und wie denken Sie sich 
die Sache? Ist es das bißchen Samen, der beim Manne verloren geht 
oder gar die Feuchtigkeit beim Weibe? Das glauben Sie wohl selbst 
nicht, wenigstens nidit mehr, wenn Sie eins der auf Universitäten 

47 






/ 



gangbaren Lehrbücher der Physiologie aufgeschlagen und da nach- 
gelesen haben. Die Natur hat reichlich, unerschöpflich für Vorrat 
gesorgt und - außerdem - der Mißbrauch verbietet sich von selbst; 
beim Knaben und Mann wird die Erholung durch das Aussetzen der 
Erektion und Ejakulation erzwungen und beim Weibe tritt audi ein 
Überdruß ein, der ein paar Tage oder Stunden dauert; mit dem 
Geschlechtssinn ist es wie mit dem Essen. Ebensowenig wie sich jemand 
den Bauch durch vieles Essen sprengt, ebensowenig ersdiöpft jemand 
seine Gcschlechtskraft durch Onanie. Wohlverstanden, durch Onanie; 
ich spreche nicht von der Onanieangst, die ist etwas anderes, die 
untergräbt die Gesundheit, und deshalb liegt mir daran, zu zeigen, was 
für Verbrecher die Leute sind, die von dem geheimen Lasterreden, die die 
Menschen einängstigen. Da alle Menschen, bewußt oder unbewußt, Onanie 
treiben und auch die unbewußte Befriedigung als solche empfinden, ist 
es ein Verbrechen gegen die ganze Menschheit, ein ungeheures Ver- 
brechen. Und eine Narrheit, genau so närrisch, als wenn man aus der 
Tatsache des aufrechten Ganges gesundheitsschädlidie Folgen ableitete. 

Nein, der Substanzverlust ist es nicht, sagen Sie. Ja, aber viele 
Menschen glauben das, glauben selbst jetzt noch, daß die Samen- 
flüssigkeit aus dem Rückgrat käme und das Rückenmark durch den 
berüchtigten Mißbrauch ausgedörrt würde, ja, daß schließlich auch das 
Gehirn austrockne und die Menschen verblödeten. 

Auch die Bezeichnung Onanie deutet darauf hin, daß der Gedanke 
des Samenverlustes für die Menschen das Erschreckende ist. Kennen 
Sie die Geschichte von Onan? Sie hat eigentlich, nichts mit Selbst- 
befriedigung zu tun. Bei den Juden war es Gesetz, daß der Schwager, 
falls sein Bruder kinderlos gestorben war, mit dessen Witwe Beilager 
hielt; das Kind, das so entstand, galt als Nachkömmling des Toten. 
Ein nicht ganz dummes Gesetz, das auf die Erhaltung der Traditionen 
ausging, auf das Weiterbestehen des Stammes, wenn auch der Weg uns 
Modernen ein wenig sonderbar vorkommt. Unsere Vorfahren haben 
ähnlich gedacht, noch aus der Zeit kurz vor der Reformation bestand 



48 






in Verdenleine ähnliche Verordnung. Nun also, Onan kam in diese 
Lage durch den Tod seines Bruders, da er aber seine Schwägerin nicht 
leiden konnte, ließ er den Samen statt in ihren Leib auf die Erde 
fallen und für diese Gesetzesübertretung strafte ihn Jehovah mit dem 
Tode. Das Unbewußte der Masse hat aus dieser Erzählung nur das 
auf den Bodenspritzen des Samens herausgenommen und jede ähn- 
liche Handlung mit dem Namen Onanie gebrandmarkt, wobei denn 
wohl der Gedanke an den Tod durch Selbstbefriedigung den Aus- 
schlag gab. 

Gut, daß Sie es nicht glauben. Aber die Phantasie der wollüstigen 
Vorstellungen, die sind das Schlimme. Ach, liebste Freundin, haben Sie 
denn in der Umarmung keine wollüstigen Vorstellungen ? Und vorher 
auch nicht? Vielleicht jagen Sie sie fort, verdrängen Sie sie, wie der 
Kunstausdruck lautet; ich komme gelegentlich auf den Begriff des 
Verdrängens zu sprechen. Aber da sind die Vorstellungen doch ; sie 
kommen und müssen kommen, weil Sie Mensch sind und nicht einfach 
die Mitte Ihres Körpers ausschalten können. Mir fällt bei soldien 
Leuten, die nie wollüstige Gedanken zu haben glauben, immer eine 
Art Menschen ein, die die Reinlichkeit so weit treiben, daß sie sidi 
nicht nur wasdien, sondern auch täglidi den Darm ausspülen. Harmlose 
Leutdien, nicht ? Sie denken gar nicht daran, daß oberhalb des Stück- 
chens Darm, das sie mit Wasser reinigen, nodi ein stubenlangcs Stüdc 
ist, das ebenso dreckig ist. Und um es gleich zu sagen, ihre Klystiere 
machen sie, ohne es zu wissen, weil es symbolische Begattungsakte 
Jnd; die Reinlichkeitssucht ist nur der Vorwand, mit dem das Un- 
bewußte das Bewußte betrügt, die Lüge, die ermöglicht, dem Verbot 
der Mutter buchstäblich treu zu sein. Genau so ist es mit den Ver- 
drängungen der erotischen Phantasien. Gehen Sie tiefer auf den 
Menschen ein, kommt die Erotik in jeder Form hervor. 

Haben Sie schon einmal ein zartes, ätherisches, völlig unschuldiges 
Mädchen geisteskrank werden sehen? Nein? Schade, Sie würden von 
dem Glauben an das, was die Menschheit rein nennt, für Lebenszeit 

4 Groddcck, Das Buch vom E9 



, 



kuriert sein und diese Reinheit und Unsdiuld mit dem ehrlichen 
Worte Heuchelei bezeichnen. Darin liegt kein Vorwurf. Das Es 
braucht auch die Heuchelei zu seinen Zwecken und gerade bei dieser 
verpönten und doch so oft geübten Gewohnheit liegt der Zweck nicht 
tief verborgen. 

Vielleicht kommen wir der Frage, warum die Onanie das Ent- 
setzen von Eltern, Lehrern und sonstigen aus ihrer Stellung heraus 
autoritativen Leuten erregt, näher, wenn wir uns die Geschichte dieses 
Entsetzens ansehen. Ich bin nicht sehr belesen, aber mir ist es so 
vorgekommen, als ob erst gegen Ende des l8. Jahrhunderts das Geschrei 
gegen die Onanie losgegangen sei. In dem Briefwechsel zwischen 
Lavater und Goethe sprechen die beiden von geistiger Onanie noch 
so harmlos, als ob sie sich von irgend einem Spaziergang etwas er- 
zählten. Nun ist das auch die Zeit, in der man anfing, sich mit den 
Geisteskranken zu beschäftigen, und Geisteskranke, vor allem Blöd- 
sinnige sind sehr eifrige Freunde der Selbstbefriedigung. Es wäre wohl 
denkbar, daß man Ursache und Wirkung verwechselt hat, daß man 
glaubte: weil der Blödsinnige onaniert, ist er durch Onanie blöd- 
sinnig geworden. 

Aber letzten Endes werden wir doch wohl den Grund für den 
merkwürdigen Abscheu des Menschen gegen etwas, wozu er durch 
seine Mutter vom ersten Lebenstage an abgerichtet wird, anderswo 
suchen müssen. Darf ich die Antwort verschieben ? Ich habe vorher 
noch so viel zu sagen, und der Brief ist ohnehin lang genug geworden. In 
aller Kürze möchte ich nur noch auf eine seltsame Verdrehung der 
Tatsachen aufmerksam machen, die selbst bei sonst überlegenden 
Menschen sich findet. Man nennt die Selbstbefriedigung einen Ersatz 
für den „normalen" Geschlechtsakt. Ach, was ließe sich alles über 
dieses Wort „normaler" Geschlechtsakt sagen. Aber ich habe es hier 
mit dem Ersatz zu tun. Wie mögen die Menschen auf solch einen 
Unsinn kommen? Die Selbstbefriedigung geht in dieser oder jener 
Form durch das ganze Leben mit dem Menschen mit ; die sogenannte 

50 






normale Geschlechtstätigkeit tritt aber erst in einem bestimmten Alter 
auf und verschwindet oft zu einer Zeit, wo die Onanie von neuem 
die kindliche Form des bewußten Spielens an den Geschlechtsteilen 
annimmt. Wie kann man einen Vorgang als Ersatz für einen andern 
auffassen, der erst 15 bis 20 Jahre später beginnt ? Viel eher lohnte 
es sich, einmal festzustellen, wie oft der normale Geschlechtsakt eine 
reine bewußte Selbstbefriedigung ist, bei der Scheide und Glied des 
andern nur ein ebensolches Werkzeug des Reibens ist wie Hand und 
Finger. Ich bin dabei zu merkwürdigen Resultaten gekommen und 
zweifle nicht daran, daß es Ihnen auch so gehen wird, wenn Sie der 
Sache nachgehen. 

Nun, und die Mutterliebe? Was hat die mit all dem zu tun? 
Doch wohl einiges. Ich deutete schon darauf hin, daß die Mutter 
seltsam sich verändert, wenn sie ihr Kind an den Geschlechtsteilen 
reinigt. Sie ist sich dessen nicht bewußt, aber gerade die gemeinsam 
genossene unbewußte Lust bindet am stärksten, und einem Kinde 
Lust zu geben, in welcher Form es auch sei, weckt in dem Erwachsenen 
Liebe. Noch eher als zwischen Liebenden ist im Verhältnis von Mutter 
und Kind Geben mitunter seliger als Nehmen. 

Ich habe nun noch über den Einfluß der Selbstbefriedigung einen 
Punkt nachzutragen, dessen Erörterung bei Ihnen Kopfschütteln her- 
vorrufen wird. Ich kann ihn Ihnen aber nidit ersparen, er ist wichtig 
und gibt wieder eine Möglichkeit, in das Dunkel des Unbewußten 
hineinzublicken. Das Es, das Unbewußte, denkt symbolisch, und unter 
anderen hat es ein Symbol, demzufolge es Kind und Geschlechtsteil 
identifiziert, gleidibedeutend braucht. Der weibliche Geschlechtsteil ist 
ihm das kleine Ding, das Mädchen, Töchterchen oder Schwesterchen, 
die kleine Freundin, der männliche das kleine Männchen, das Jungchen, 
das Söhnchen, Brüderchen. Das klingt absonderlich, ist aber so. Und 
nun bitte ich Sie, sich einmal ohne alberne Prüderie und falsche Scham 
klar zu machen, wie sehr ein jeder Mensch seinen Geschlechtsteil liebt, 
lieben muß, weil er ihm letzten Endes alle Lust und alles Leben 

** 51 



/ 






verdankt. Sie können sich diese Liebe nidit groß genug vorstellen 
und diese große Liebe überträgt das Es - das Überträgen ist auch 
eine seiner Eigentümlichkeiten - auf das Kind, es verwechselt sozu- 
sagen Geschlechtsteil und Kind. Ein gut Teü der Mutterliebe zum 
Kind stammt aus der Liebe, die die Mutter für ihren Geschlechtsteil 
hat, und aus Onanie-Erinnerungen. 

War es sein- arg ? Ich habe für heute nur noch eine Kleinigkeit 
zu sagen, die vielleicht ein wenig erklärt, warum das Weib im allge- 
meinen mehr kinderlieb ist als der Mann. Erinnern Sie sich an das, 
was ich von dem Reiben der Geschlechtsteile beim Waschen erzählte, 
und wie ich den daraus entstehenden Genuß unter Benutzung des 
unbewußten Symbolisierens in Zusammenhang mit der Liebe zum 
Kinde brachte? Können Sie sich vorstellen, daß die Reibung des 
Waschens dem kleinen Knaben so viel Freude gibt wie dem kleinen 
Mädchen? Ich nicht. 

Ich bin Ihr ganz ergebener 

PATRK TROLL. 

6. 
SIE FINDEN, LIEBE UND GESTRENGE RICHTERLN, DASS MEINE 
Briefe zuviel von der Freude verraten, mit der ich all meine erotischen 
Kleinigkeiten vorbringe. Das ist eine riditige Bemerkung. Aber ich 
kann es nicht ändern, ich freue mich und kann meine Freude nicht 
verstecken, sonst würde ich platzen. 

Wenn man sich selber lange Zeit in ein enges, sdilecht erleuchtetes, 
stickiges Zimmer eingesperrt hat, nur aus Angst, die Menschen draußen 
könnten einen schelten oder auslachen, nun ins Freie kommt und 
merkt, daß niemand sich um einen kümmert, höchstens jemand einen 
Moment aufblickt und ruhig seines Weges weiterzieht, dann wird man 
fast toll vor Freude. 

Sie wissen, ich war der Jüngste in meiner Familie, aber Sie ahnen 
nicht, wie spott- und necklustig diese Familie war. Man brauchte bloß 

52 



( 



■ 

eine Dummheit zu sagen, so bekam man sie alle Tage aufs Butter- 
brot gesdimiert; und daß der Kleinste in einer Geschwisterschar mit 
ziemlich großen Altersunterschieden die meisten Dummheiten sagt, ist 
begreiflich. Da habe ich es mir frühzeitig abgewöhnt, Meinungen zu 
äußern; ich habe sie verdrängt. 

Bitte nehmen Sie den Ausdrude wörtlich ; was verdrängt wird, 
verschwindet nicht, es bleibt nur nicht an seinem Platz; es wird an 
irgend eine Stelle geschoben, wo ihm sein Recht nicht wird, wo es 
sich eingeengt und benachteiligt fühlt. Es steht dann immer auf den 
Fußspitzen, drückt mit aller Kraft von Zeit zu Zeit nach vorn zu dem 
Ort hin, wo es hingehört, und sobald es eine Lücke in dem Wall vor 
sich sieht, sucht es sich da durchzuquetschen. Das gelingt vielleicht 
auch, aber wenn es nach vorn gekommen ist, hat es all seine Kraft 
verbraucht und der nächste beste Stoß irgend einer herrischen Gewalt 
schleudert es wieder zurüde. Es ist eine recht unangenehme Situation, 
und Sie können sich vorstellen, was für Sprünge solch ein verdräng- 
tes, zerstoßenes, gequetschtes Wesen macht, wenn es endlich frei ge- 
worden ist. Haben Sie nur Geduld! Noch einige überlaute Briefe und 
dieses trunkene Wesen wird ebenso gesetzt und brav sich benehmen 
wie ein wohldurchdachter Aufsatz irgend eines Fachpsychologen. Nur 
freilich, die Kleider sind im Gedränge verschmutzt, zerrissen und zer- 
lumpt, die bloße Haut schimmert überall durch, nicht immer sauber, 
und ein eigentümlicher Geruch nach Masse menschelt darin herum! 
Dafür hat es aber etwas erlebt und kann erzählen. 

Ehe ich es aber erzählen lasse, will ich noch rasch ein paar Aus- 
drücke erklären, die ich hie und da brauchen werde. Haben Sie keine 
Angst, ich will keine Definitionen geben, könnte es meiner zerfahre- 
nen Sinnesart halber gar nicht. Ähnlich wie ich es eben mit dem Wort 
„verdrängen" getan habe, will ich es nun auch mit den Wörtern 
„Symbol" und „Assoziation" versudien. 

Ich schrieb Ihnen früher einmal, daß es schwer sei, über das Es 
zu sprechen. Ihm gegenüber werden alle Wörter und Begriffe schwan- 



53 



kend, weil es seiner Natur nadi in jede Bezeichnung, ja in jede 
Handlung eine ganze Reihe von Symbolen hineinlegt und aus ande- 
ren Gebieten Ideen daran heftet, assoziiert, so daß etwas, was für 
den Verstand einfach aussieht, für das Es sehr kompliziert ist. Für 
das Es existieren in sich abgegrenzte Begriffe nidit, es arbeitet mit 
Begriffsgebieten, mit Komplexen, die auf dem Wege des Symbolisie- 
rungs- und Assoziationszwanges entstehen. 

Um Sie nicht kopfscheu zu machen, will ich an einem Beispiel 
zeigen, was idi unter Symbol- und Assoziationszwang verstehe. Als 
Symbol der Ehe gilt der Ring ; nur sind sidi die Wenigsten klar dar- 
über, wieso dieser Reif den Begriff der ehelichen Gemeinschaft aus- 
drückt. Die Sprüche, daß der Ring eine Fessel ist oder die ewige 
Liebe ohne Anfang und Ende bedeute, lassen wohl Schlußfolgerungen 
auf Stimmung und Erfahrung dessen zu, der solch eine Redewendung 
braucht, sie klären aber das Phänomen nicht auf, warum von unbe- 
kannten Gewalten gerade ein Ring gewählt wurde, um das Verhei- 
ratetsein kenntlidi zu machen. Geht man jedoch davon aus, daß der 
Sinn der Ehe die Geschlechtstreue ist, so ergibt sich die Deutung 
leicht. Der Ring vertritt das weibliche Gesdilechtsorgan, während der 
Finger das Organ des Mannes ist. Der Ring soll über keinen andren 
Finger gestreift werden als über den des angetrauten Mannes, er ist 
also das Gelöbnis, nie ein anderes Geschlechtsorgan im Ring des 
Weibes zu empfangen wie das des Ehegatten. 

Dieses Gleichsetzen von Ring und weiblichem Organ, Finger und 
männlidiein ist nicht willkürlich erdacht, sondern vom Es des Menschen 
erzwungen, und jeder kann den Beweis an sich und andern täglidi 
führen, wenn er das Spielen mit dem Ring am Finger bei den Men- 
schen beobachtet. Unter dem Einflüsse bestimmter, leicht zu erratender 
Gefühlsregungen, die meist nicht voll ins Bewußtsein treten, beginnt 
dieses Spiel, dieses Auf- und Abbewegen des Ringes, dieses Drehen 
und Winden. Bei verschiedenen Wendungen der Unterhaltung, bei 
dem Hören und Aussprechen von einzelnen Worten, beim Erblicken 

54 



■ ' 



von Bildern, Menschen, Gegenständen, bei allen möglichen Sinnes- 
wahrnehmungen werden Handlungen vorgenommen, die uns gleich- 
zeitig 'versteckte Seelenvorgänge aufdecken und bis zum Überdruß be- 
weisen, daß der Mensch nidit weiß, was er tut, daß ein Unbewußtes 
ihn zwingt, sich symbolisch zu offenbaren, daß dieses Symbolisieren 
nicht dem absichtlichen Denken entspringt, sondern dem unbekannten 
Wirken des Es. Denn welcher Mensch würde absichtlich unter den 
Augen anderer Bewegungen ausführen, die seine sexuelle Erregung 
verraten, die den heimlichen, stets versteckten Akt der Selbstbefrie- 
digung öffentlich zur Schau stellen? Und doch spielen selbst die, die 
das Symbol zu deuten verstehen, weiter am Ringe, sie müssen spielen. 
Symbole werden nicht erfunden, sie sind da, gehören zum unver- 
äußerlichen Gut des Menschen ; ja man darf sagen, daß alles bewußte 
Denken und Handeln eine unentrinnbare Folge unbewußten Symboli- 
sierens ist, daß der Mensch vom Symbol gelebt wird. 

Ebenso menschlich unvermeidbar wie das Symbolsdiicksal ist der 
Zwang zur Assoziation, der ja im Grunde dasselbe ist, da beim As- 
soziieren stets Symbole aneinandergereiht werden. Schon aus dem 
eben erwähnten Ringspiel ergibt sich, daß die unbewußte Symbolisie- 
rung des Ringes und des Fingers als Weib und Mann eine augen- 
fällige Darstellung des Beischlafes erzwingt. Geht man im einzelnen 
Falle den dunklen Wegen nach, die von dem halb bewußten Wahr- 
nehmen eines Eindruckes zu der Handlung des Auf- und Abschiebens 
des Ringes führen, so findet man, daß blitzartig bestimmte Ideen 
durch das Denken schießen, die sich bei anderen Individuen in an- 
deren fällen wiederholen. Es finden zwangsläufige Assoziationen statt. 
Auch die symbolische Verwendung des Ringes als Abzeichen der Ehe 
ist durch unbewußte zwangsmäßige Assoziationen entstanden. Tief 
eingreifende Beziehungen des Ringspieles zu uralten religiösen Vor- 
stellungen und Sitten sowie zu widitigen Komplexen des persönlichen 
Lebens tauchen bei soldienBetrachtungen auf und nötigen uns, unter Ver- 
zicht auf die Illusion ichgewollter Planmäßigkeit den geheimnisvoll ver- 






sdilungenen Pfaden der Assoziation nachzuspüren. Sehr bald erkennen wir 
dann, daß sich die Auffassung des Eheringes als Fessel oder als Bund 
ohne Anfang und Ende aus Verstimmungen oder romantischen Re- 
gungen erklärt, die aus dem der Menschheit gemeinsamen Gut der Sym- 
bole und Assoziationen ihre Äußerungen nehmen und nehmen müssen. 

Wir begegnen solchem Assoziationszwang überall, auf Schritt und 
Tritt. Man braucht bloß Augen und Ohren zu öffnen. Schon in der 
Redewendung „Schritt und Tritt" finden Sie den Zwang : das Wort 
Schritt fordert den Reim Tritt. Tummeln Sie sich ein wenig in der 
Sprache : da haben Sie Liebe und Lust, Liebe und Leid. Da ist Lust 
und Brust und Herz und Schmerz ; Wiege und Grab ; Leben und Tod ; 
hin und her ; auf und ab ; Weinen und Lachen ; Angst und Schrecken ; 
Sonne und Mond; Himmel und Hölle. Die Einfälle überstürzen sich, 
und wenn Sie darüber nachdenken, wird Ihnen zu Mute, als ob plötz- 
lich das Sprachgebäude vor Ihnen enstünde, als ob Säulen, Fassaden, 
Dächer, Türme, Türen, Fenster und Wände wie aus Nebelmassen 
sich unter Ihren Augen formten. Das Innerste wird Ihnen erschüttert, 
das Unbegreifliche rüdct Ihnen näher und erdrückt sie fast. 

Vorüber, Liebe, rasch vorbei! Wir dürfen nicht dabei verweilen. 
Fassen Sie ein paar Dinge auf, etwa wie der Assoziationszwang den 
Reim benutzt oder den Rhythmus oder Alliterationen, oder Gefühls- 
folgen. - Alle Sprachen der Welt lassen die Bezeichnung des Erzeugers 
mit dem verächtlichen Laut P beginnen, die der Gebärerin mit dem 
billigenden Laut M. — Oder wie dieser Zwang mit dem Gegensatz 
arbeitet, eine wichtige Sache, denn jedes Ding hat seinen Gegensatz 
in sich, und das sollte niemand jemals vergessen. Sonst glaubt er gar, 
es gäbe in Wahrheit ewige Liebe, unverbrüchliche Treue, unerschütter- 
liche Hochachtung. Auch Assoziationen lügen zuweilen. Aber das 
Leben ist ohne das Wissen um die Bedingtheit aller Erscheinungen 
durch ihre Gegensätze nicht zu verstehen. 

Es ist nicht leicht, Assoziationen zu finden, die unter allen Um- 
ständen und überall gelten; denn das Leben isfbunt, muiUbei _der 

56 






Auswahl der Assoziation ist der individuelle Mensch und sein je- 
weiliger Zustand mitbeteiligt. Aber es ist wohl anzunehmen, daß das 
Gefühl des Zugwindes, sobald es unangenehm ist, den Gedanken 
wachruft, das Fenster zu schließen, daß die Stickluft des Zimmers 
einem jeden den Wunsch eingibt, das Fenster zu öffnen, daß der 
Anblick von nebeneinander stehendem Brot und Butter das Wort 
Butterbrot hervorruft. Und wer einen andern trinken sieht, dem pflegt 
der Gedanke durdi den Kopf zu huschen solltest : du nicht auch trinken? 
Der Volksmund, von der Kraft dumpfer Logik zur Schlußfolgerung 
aus zahllosen halb verstandenen Beobachtungen getrieben, faßt das 
tiefe Geheimnis der Assoziation in den derben Spruch : Wenn eine 
Kuh schifft, schifft die andere. Und nun halten Sie einen Augenblick 
ein und suchen Sie zu begreifen, welch ein unendliches Gebiet mensch- 
lichen Lebens, menschlicher Kultur und Entwicklung in der Tatsache 
liegt, daß aus irgendwelchen Gründen tausend und abertausendmal 
vom Urinlassen Assoziationsbrücken zum Meer geschlagen wurden, bis 
endlidi die Schiffahrt erzirungen war, bis der Mast im Boot als Symbol 
der Manneskraft stand und die Ruder sich taktgemäß in der Bewegung 
der Liebe regten. Oder suchen Sie den Weg nachzugehen, der vom 
Vogel zum Vögeln führt, dieser Weg, der von der Erektion, der Auf- 
hebung des Sdiwergewichtes, dem Schwebegefühl der höchsten Lust 
dem durch die Luft schießenden und spritzenden Urinstrahl und Samen 
zu dem beflügelten Eros und Todesgott führt, der zu dem Glauben 
an Engel und zur Erfindung des Flugzeuges hinleitet. Des Menschen 
Es ist ein wunderlich Ding. 

Am wunderlichsten sind die Wege wissenschaftlichen Denkens. 
Wir sprechen in der Medizin längst von Assoziationsbewegungen und 
die Psychologie lehrt eifrig dieses und jenes von den Assoziationen. 
Als aber Freud und die um ihn sind und waren, mit der Beob- 
achtung der Assoziationen Ernst machten, sie aus dem Triebleben des 
Menschen ableiteten und bewiesen, daß Trieb und Assoziation Ur- 
phänomene menschlichen Lebens und Grundsteine alles Wissens und 



57 









Denkens, aller Wissenschaft sind, ging ein Geschrei des Hasses durch 
die Länder und man tat so, als ob jemand das Gebäude der Wissen- 
schaft einreißen wollte, weil er feststellt, auf welchem Boden es er- 
richtet ist. Ängstliche Seelen. Die Fundamente der Wissenschaft sind 
dauernder als Granit und ihre Wände, Räume und Treppen bauen 
sich von selbst wieder, wenn hie und da ein wenig kindisch gefügtes 
Mauerwerk einstürzt. 

Wollen Sie einmal mit mir assoziieren ? Ich begegnete heute einem 
kleinen Mäddien mit roter Kapuze. Es sah midi erstaunt an, nicht 
unfreundlich, denke ich, aber erstaunt : denn ich trug der Kälte wegen 
eine schwarze Pelzmütze tief über die Ohren gezogen. Irgend etwas 
muß mich bei diesem Blick des Kindes getroffen haben; ich sah 
plötzlich mich selbst als sechs- oder siebenjährigen Jungen mit einem 
roten Baschlik. Rotkäppchen fiel mir ein und dann schoß mir der Vers 
durch den Kopf: Ein Männlein steht im Walde so ganz allein; von 
da ging es zum Zwerg und seiner Kapuze und zum Kapuziner und 
schließlich ward mir bewußt, daß ich schon eine Weile durch die 
Kapuzinerstraße ging. Die Assoziationen liefen also in sich selbst 
zurück wie ein Ring. Warum aber taten sie es und wie kamen sie in 
solcher Folge ? Durch die Kapuzinerstraße mußte ich gehen, das war 
gegeben. Dem Kind begegnete idi zufällig, daß ich aber auf das Kind 
achtete und daß sein Anblick in mir solche Gedankengänge weckte 
wie war das zu erklären? Als ich von Hause wegging, zogen zwei 
Frauenhände meine Pelzmütze tief über die Ohren und ein Frauen- 
mund sagte : „So Pat, nun wirst du nicht frieren." Mit solchen Worten 
band mir meine Mutter vor vielen Jahren den Baschlik um den Kopf. 
Die Mutter erzählte auch vom Rotkäppchen und dort stand es 
leibhaftig vor mir. Rotkäppchen, das kennt ein jeder. Das rote 
Köpfchen guckt bei jedem Urinlassen neugierig aus seinem Vor- 
hautmantel heraus, und wenn die Liebe kommt, reckt es den Kopf 
nach den Blumen der W 7 iese, steht wie der Pilz, wie das Männlein 
im Walde mit roter Kapuze auf einem Bein, und der Wolf, in den 

58 






es hineingerät, um nadi neun Monden wieder aus seinem Baudi ge- 
schnitten zu werden, ist ein Symbol kindlicher Empfängnis- und 
Geburtstheorien. Sie werden sich besinnen, daß Sie einst selbst an 
dieses Aufschneiden des Bauches geglaubt haben. Freilich, dessen 
werden Sie sich nicht mein* erinnern, daß Sie auch einmal fest überzeugt 
davon waren, daß alle Menschen, auch die Frauen, solch Ding mit 
rotem Käppchen hätten, daß es ihnen aber abgenommen würde und 
sie es irgendwie essen müßten, um Kinder daraus wachsen zu lassen. 
Bei uns Assoziationsmenschen wird diese Theorie in den Kastrations- 
komplex eingereiht, von dem Sie noch allerlei hören werden. Vom 
Käppchen und dem Humperdinckschen Pilz geht es leicht über zum 
Zwerg und seiner Kapuze und von da ist es nicht weit bis zum Mönch 
und Kapuziner. In beiden Ideen klingt der Kastrationskomplex noch 
nach : denn der uralte Zwerg mit langem Bart ist runzlige Alters- 
impotenz und der Möndi versinnbildlicht die freiwillig unfreiwillige 
Entsagung. Soweit sind die Dinge wohl klar, wie aber kommt die 
Kastrationsidee in meinen Kopf? Der Ausgangspunkt von allem, be- 
sinnen Sie sich nur, war eine Szene, die an meine Mutter erinnerte und 
das Schlußglied war die Kapuzinerstraße. In jener Kapuzinerstraße lag ich 
vor vielen Jahren krank an einem Nierenleiden, todeskrank, und wenn 
ich recht die Tiefen meines Unbewußten erforsche, glaube ich, daß jene 
Wassersucht aus dem Gespenst der Onanieangst entstand, die letzten 
Endes mit irgend welchen Regungen zusammenhängt, die meiner Mutter 
galten, wenn sie mir sorglidi das Zwerglein aus seiner Höhle nahm, um 
es Urin spritzen zu lassen. Idi vermute es, ich weiß es nicht. Aber der 
einsam stehende Pilz mit der roten Kappe, der giftige Fliegenpilz weist 
auf die Onanie hin, und der rote Baschlik auf den Inzestwunsch. 
Wundern Sie sich über die gewundenen Wege, die meine Sucht, 
Assoziationen zu deuten, geht? Es ist nur der Beginn, denn nun 
wage idi zu behaupten, daß das Märdien aus dem Assoziations- und 
Symbolisierungszwang entstand, entstehen mußte, weil das Rätsel der 
Begattung, Empfängnis, Geburt und des Mädchentums die Menschen- 

59 



■ 



seele mit Affekten quälte, bis sie dichterisch gestaltete, was unbe- 
greiflidi ist; wage zu behaupten, daß das Lieddien vom Männlein 
im Walde bis in die Einzelheiten dem Phänomen der Schambehaarung 
und der Erektion entnommen ist, aus unbewußten Assoziationen, daß 
der Glaube an Zwerge ebenso aus der Assoziation Wald, Sdiamhaar, 
Ersdilaffung, runzliger Zwerg entstehen mußte und daß das Kloster- 
leben mitsamt dem Kuttenkleid eine unbewußte Folge der Flucht vor 
dem Mutterinzest ist. So weit gehe ich mit meinem Glauben an die 
Assoziation und das Symbol und noch viel weiter. 

Darf ich noch ein Beispiel vom Assoziationszwang geben ? Es ist 
wichtig, weil es ein wenig in die Sprache des Unbewußten, in den 
Traum einführt, ein Lebensgebiet des Es, das uns Ärzten manches 
Rätsel aufgibt. Es ist ein kurzer Traum, ein Traum eines einzigen 
Wortes, des Wortes „Haus". Die Dame, die ihn träumte, kam vom 
Worte „Haus« auf das Wort „Eßzimmer" und von da auf „Eßbesteck« 
und dann auf „Operationsbesteck«. Vor einer schweren Operation, 
einer Operation der Leber nach Talma stand ihr Mann. Sie war in 
Sorge um ihn. Von dem Namen Talma ging sie über auf Talmi, das 
sie auf ihr Eßbestedt bezog: es sei nicht Silber, sondern Christoffie. 
Talmi sei auch ihre Ehe, denn ihr Mann, der der Operation nach 
Talma entgegenging, war von jeher impotent. Talmi, falsch sei sie 
gegen mich, der ich sie behandelte. Es kam heraus, daß sie mich be- 
logen hatte, daß sie wirklich ein Talmibesteck war. 

An all dem ist nichts Besonderes; höchstens der Wunsch, den 
Talmigatten los zu werden und einen echt silbernen statt seiner zu 
erwerben, ist noch erwähnenswert. Aber die ganze Erzählung mit 
ihrer raschen Assoziationsfolge hatte ein merkwürdiges Resultat. Jene 
Frau war seit zwei Tagen von einer großen Angst gequält, ihr Herz 
jagte in raschen Schlägen und ihr Bauch war von Luft gebläht. Etwa 
zwanzig Minuten hatte sie gebraucht, um zu dem Worte „Haus« zu 
assoziieren. Als sie zu Ende erzählt hatte, war der Leib weich, das 
Herz ganz ruhig und die Angst war fort. 



60 



Was soll idi davon denken? War ihre Angst, ihre akute Herz- 
neurose, die Blühung ihres Darms, ihres „Eßzimmers", Angst um den 
kranken Mann, Gewissensbisse wegen des Todeswunsdies gegen ihn, 
war es, weil sie das alles verdrängte, nicht ins Bewußtsein kommen 
ließ, oder bekam sie all diese Leiden, weil ihr Es sie zum Assoziieren 
zwingen wollte, weil es ein tiefes Geheimnis emporzusducken suchte, 
das von der Kindheit her verstedkt war ? All das mag gleichzeitig ge- 
wirkt haben, für meine Behandlung aber, für das schwere Leiden, das 
sie zu einem elenden Krüppel mit gichtischen Gliedern gemacht hatte, 
scheint mir das wichtigste die letzte Beziehung zu sein, der Versuch 
des Es, ein Kindheitsgeheimnis auf dem Wege der Assoziation aus- 
zusprechen. Denn ein Jahr später kam sie auf jenen Traum zurück 
und erst dann erzählte sie mir, daß das Wort Talmi allerdings mit 
der Impotenz zusammenhing, aber nicht mit der ihres Mannes, sondern 
mit ihrer eigenen, tief gefühlten, und daß die Operationsangst nicht 
dem Manne galt, sondern dem eigenen Onaniekomplex, der ihr Ur- 
sache der Unfruchtbarkeit, Ursache ihrer Erkrankung zu sein schien. 
Seit dieser Erklärung verlief ihre Genesung glatt Soweit man von 
Gesundheit sprechen kann, ist diese Frau gesund. 

So viel von den Assoziationen. 

Wenn ich Sie, liebe Freundin, nach alle dem, was ich eben aus- 
einandergesetzt habe, noch darauf aufmerksam mache, daß ich für 
mich persönlich das allgemein menschliche Recht unklarer Ausdrucks- 
weise beanspruche, glaube ich ungefähr die Vorstellung geweckt zu 
haben, daß sich dem Sprechen über das Es schwere Hindernisse ent- 
gegenstellen. Als einzigen Weg zur Verständigung sah ich den Sprung 
mitten in die Dinge hinein an. 

Da ich nun einmal beim Definieren bin, will ich auch gleich ver- 
suchen, Ihnen das Wort „Übertragung" zu erklären, das hie und da 
in meinen Äußerungen vorgekommen ist 

Sie erinnern sich, daß ich von dem Einfluß meines Vaters auf 
mich erzählt habe, wie ich bewußt und unbewußt ihn nachahmte. 



61 



Zur Nachahmung bedarf es eines Interesses für das, was man nach- 
ahmt, für den, den man nachahmt. Tatsächlich lebte In mir ein sehr 
starkes Interesse an meinem Vater - lebt noch jetzt eine Bewunde- 
rung, die durdi ihre Leidenschaftlichkeit diarakterisiert ist Mein 
Vater starb, als ich 18 Jahre alt war. Der Hang zur leidenschaftlichen 
Bewunderung blieb aber in mir, und da aus tausend und einem 
Grunde, über die wir sprechen können, meine Begabung für Toten- 
kultus gering ist, warf ich die freigewordene Leidenschaftlichkeit im 
Bewundern auf das nunmehrige Haupt der Familie, auf meinen 
ältesten Bruder, ich übertrug sie auf ihn. Denn so etwas nennt man 
Übertragung. Es scheint aber, daß seine Persönlichkeit für die Bedürf- 
nisse meiner jungen Seele nicht ausreichte, denn wenige Jahre später 
entstand, ohne daß sich die Neigung zum Bruder verminderte, in mir 
eine gleich intensive Bewunderung für meinen ärztlichen Lehrer 
Sthweninger. Ein Teü der Affekte, die meinem Vater gegolten haben, 
waren in diesen Jahren frei zu meiner Verfügung geblieben und 
wurden nun auf Sdiweninger übertragen. Daß sie wirklich zu meiner 
Verfügung standen, geht daraus hervor, daß idi während der Zeit 
zwischen dem Tode des Vaters und dem Kennenlernen Schweningers 
zu vielen Menschen in ein solches Bewunderungsverhältnis trat, es 
dauerte aber immer bloß kurze Zeit, und dazwischen waren Pausen, 
in denen meine so gerichteten Affekte anscheinend unbeschäftigt 
waren oder sich auf Männer der Geschichte, auf Bücher, Kunstwerke 
kurz alles mögliche bezogen. 

Ich weiß nicht, ob ftinen jetzt schon klar geworden ist, welche 
große Bedeutung der Begriff der Übertragung für meine Anschauun- 
gen hat Ich darf also wohl die Sache, von einem anderen Ende be- 
ginnend, nochmals auseinandersetzen. Vergessen Sie aber nicht, daß 
ich über das Es spreche, daß also alles nicht so scharf umgrenzt ist, 
wie es dem Wortlaut nach scheint, daß es sich um Dinge handelt, die 
ineinander fließen und sich nur künstlich trennen lassen. Sie müssen 
sich das Reden über das Es etwa vorstellen wie die Gradeinteilung 

62 



' 



der Erdkugel. Man denkt sich Linien, die in der Längs- und Quer- 
richtung verlaufen, und teilt danach die Erdoberfläche ein. Aber die 
Fläche selbst kümmert sich darum nicht; wo östlich des 60. Längen- 
grades Wasser ist, da ist auch westlich welches. Es sind eben Orien- 
tierungswerkzeuge. Und für das Erdinnere lassen sich diese Linien 
nur sehr bedingt zu Erkundungszwecken brauchen. 

Unter solchem Vorbehalt möchte ich nun sagen, daß der Mensch 
in sich ein gewisses Quantum Affektfähigkeit hat - Neigungs- oder 
Abneigungsfähigkeiten, das spricht augenblicklich nicht mit. Ich weiß 
auch nicht, ob dieses Quantum stets gleich groß ist, das weiß kein 
Mensch und vermutlich wird es auch nie jemand erfahren. Aber kraft 
meiner Autorität als Briefschreiber sdilage idi vor, anzunehmen, die 
Gefühlsmenge, die dem Menschen zur Verfügung steht, sei stets gleich 
groß. Was macht er damit? 

Nun, über eins besteht kein Zweifel, den größten Teil dieser Ge- 
fühlsmasse, beinahe alles verwendet er auf sich selbst ; ein im Ver- 
gleich geringer, im I eben aber recht erheblicher Teil kann nach außen 
hin gerichtet werden. Dieses Außen ist nun sehr verschieden; da 
sind Personen, Gegenstände, örtlichkeiten, Daten, Gewohnheiten, 
Phantasien, Tätigkeiten aller Art; kurz alles, was zum Leben gehört, 
kann vom Menschen verwendet werden, um seine Neigung und Ab- 
neigung unterzubringen. Das Wichtige ist, daß er die Objekte seiner 
Gefühle wechseln kann; das heißt, eigentlich kann er es nicht, son- 
dern sein Es zwingt ihn, sie zu wechseln. Aber es sieht so aus, als 
ob er, sein Ich das tue. Nehmen Sie einen Säugling: es ist wahr- 
scheinlich, daß er Neigung für Milch hat. Nach einigen Jahren ist ihm 
Milch gleichgültig oder gar unangenehm geworden, er bevorzugt 
Bouillon oder Kaffee oder Reisbrei oder was es sonst ist. Ja, wir 
brauchen so lange Zeiträume nicht; jetzt eben ist er ganz Neigung 
zum Trinken, zwei Minuten darauf ist er müde, wünscht zu schlafen 
oder er wünscht zu schreien oder zu spielen. Er entzieht dem einen 
Objekt, der Milch, seine Gunst und wendet sie dem anderen, dem 



63 



Schlaf, zu. Nun wiederholen sich aber bei ihm eine ganze Reihe von 
Affekten immer wieder und er findet Geschmack gerade an diesen 
Affekten, er sucht sich die Möglichkeit gerade dieses oder jenes Ge- 
fühls stets von neuem zu verschaffen ; bestimmte Neigungen sind ihm 
Lebensbedürfnisse, sie begleiten ihn durch sein ganzes Leben. Daliin 
gehört etwa die Liebe zum Bett, zum Licht oder was Ihnen nodi ein- 
fallen mag. Nun ist, wenigstens von den Lebewesen, die das Kind 
umgeben, eines, das die Gefühlswelt des Kindes in höchstem Maße 
auf sich zieht, das ist die Mutter. Ja man kann mit einem gewissen 
Recht behaupten, daß diese Neigung zur Mutter - die immer auch 
ihr Gegenteil, die Abneigung, bedingt - ähnlich unveränderlich ist 
wie die zu sich selbst. Jedenfalls ist sie bestimmt die erste, da sie sich 
schon im Mutterleibe ausbildet. Oder gehören Sie zu den absonder- 
lichen Menschen, die annehmen, ungeborene Kinder hätten keine Ge- 
fühlstätigkeit ? Ich hoffe doch nicht. 

Nun also, auf dieses eine Wesen, die Mutter, häuft das Kind, 
mindestens eine Zeitlang, so viel von seinem Gefühl, daß alle an- 
deren Menschen nicht in Betracht kommen. Aber diese Neigung ist 
wie jede Neigung, ja, mehr als jede andere reich an Enttäuschungen. 
Sie wissen, die Gefühlswelt sieht die Dinge und Menschen anders, als 
sie sind, sie macht sich ein Bild von dem Gegenstand der Neigung 
und hebt dieses Bild, nicht eigentlich den Gegenstand. Ein solches 
Bild - eine Imago nennen es die Leute, die diesen Dingen jüngst mit 
vieler Mühe nachgegangen sind, - macht sich das Kind auch zu irgend 
einer Zeit von seiner Mutter; vielleicht macht es sich auch verschie- 
dene solche Bilder, wahrscheinlich macht es sie sich. Aber der Einfach- 
heit halber wollen wir bei einem Bilde bleiben und es, weil es so 
Brauch geworden ist, Mutterimago nennen. Nach dieser Mutterimago 
strebt nun das Gefühlsleben des Menschen sein lebelang, so stark 
strebt es danach, daß beispielsweise die Sehnsucht nach Schlaf, die 
Sehnsucht nach dem Tode, nach Ruhe, nach Schutz sich gut als Sehn- 
sucht nach der Mutterimago auffassen lassen, was ich in meinen 

64 



Briefen verwerten werde. Diese Iraago der Mutter hat gemeinsame 
Züge, beispielsweise die, die ich eben erwähnte. Daneben bestehen 
aber auch ganz persönliche individuelle Eigentümlichkeiten, die nur 
der einen, vom individuellen Kinde erlebten Imago angehören. So 
hat diese Imago etwa blondes Haar, sie trägt den Vornamen Anna, 
sie hat eine etwas gerötete Nase oder ein Mal auf dem linken Arm, 
ihre Brust ist voll und sie besitzt einen bestimmten Cerudi, sie geht 
gebückt oder hat die Gewoluiheit, laut zu niesen, oder was es sonst 
sein mag. Für dieses imaginierte, der Phantasie angehörende Wesen 
behält sich das Es bestimmte Gefühlswerte vor, hat sie sozusagen auf 
Lager. Nun nehmen Sie an, irgendwann begegnet dieser Mann - 
oder diese Frau, das ist gleichgültig - einem Wesen, das Anna heißt, 
das blond und voll ist, das laut niest, ist da nicht die Möglichkeit 
gegeben, daß die schlummernde Neigung zur Mutterimago aufgerühr 
wird? Und wenn die Umstände günstig sind, - wir werden auch 
darüber uns gegegenseitig verständigen, - nimmt dieser Mann plötzlidi 
alles, was er an Gefühl für die Mutterimago hat, und überträgt es 
auf diese eine Anna. Sein Es zwingt ihn dazu, er muß es über- 
tragen. 

Haben Sie verstanden, was ich mit der Übertragung meine ? Fragen 
Sie bitte, wenn es nicht der Fall ist. Denn wenn ich mich nicht klar 
genug ausgedrückt habe, ist alles weitere Reden unnütz. Sie müssen 
die Bedeutung der Übertragung in sich aufnehmen, sonst ist es un- 
möglich, weiter über das Es zu reden. 

Seien Sie gut und beantworten Sie diese Frage Ihrem treu er- 
gebenen PATRIK TROLL. 



7- 
LIEBE FREUNDIN, DER LETZTE BRIEF IST IHNEN ZU TROCKEN. 
Das ist er mir auch. Aber geben Sie das Kritisieren auf. Sie reden 
doch nicht in mich hinein, was Sie gern hören möchten. Entschließen 
Sie sich ein für allemal, in meinen Briefen nidit die Liebhabereien 

5 G r o d d c e k, Das Buch vom Es 65 



und Freuden Ihres Idis zu suchen, lesen Sie sie, wie man eine Reise- 
besdireibung liest oder einen Detektivroman. Das Leben ist ernst 
genug, und weder Lektüre nodi Studium nodi Arbeit noch irgend 
etwas sonst sollte man absichtlich ernst auffassen. 

Sie schelten auch über Mangel an Klarheit. Weder die Über- 
tragung noch die Verdrängung sei Ihnen so lebendig geworden, wie 
Sie und ich es wünschen. Es sind für Sie noch leere Worte. 

Darin kann ich Ihnen nicht beistimmen. Darf ich Sie auf eine 
Stelle in Ihrem letzten Brief hinweisen, die das Gegenteil beweist ? 
Sie berichten von Ihrem Besuch bei Gessners, um dessen Komik ich 
Sie übrigens beneide, und erzählen von einer jungen Studentin, die 
den Zorn Schulvater Gessners nebst Familienzubehör auf sich lud, 
weil sie dem allgewaltigen Lenker der Prima widersprochen hat und 
sogar im Übereifer an der Zweckmäßigkeit des griechischen Unter- 
richtes zu zweifeln wagte. „Ich muß hinterher zugeben," fahren Sie 
fort, „daß sie recht ungezogen gegen den alten Herrn war, aber ich 
weiß nicht, wie es kam, alles an ihr gefiel mir. Vielleicht war es, weil 
sie mich an meine verstorbene Schwester erinnerte, — Sie wissen, 
Suse starb mitten im Staatsexamen. Die konnte auch so sein, scharf, 
beinahe bärbeißig, und wenn sie in Eifer war, verletzend. Zum Über- 
fluß hatte das junge Ding bei Gessners eine Narbe über dem linken 
Auge, genau wie meine Schwester Suse." Da haben Sie ja eine Über- 
tragung reinsten Wassers. Weil irgend jemand Ähnlichkeit mit Ihrer 
Schwester hat, mögen Sie sie gern, obwohl Sie selbst fühlen, daß das 
nicht mit rechten Dingen zugeht. Und was das Netteste an der Sadie 
ist, Sie geben in dem Briefe, ohne es zu wissen, das Material, wie 
die Übertragung zustande gekommen ist. Oder irre ich mich, stammt 
der Topasring, von dessen Verlust und Wiederfinden Sie kurz vorher, 
ganz gegen Ihre Briefgewohnheiten, ausführlich berichten, nicht von 
Ihrer Schwester ? Sie sind einfach schon, ehe Sie das junge Mädchen 
sahen, in Diren Gedanken mit Suse beschäftigt gewesen, die Über- 
tragung war vorbereitet. 



66 



Und nun die Verdrängung: Nachdem Sie schriftlich festgelegt 
haben, Ihre ungezogene junge Freundin habe über dem linken Auge 
eine Narbe, „genau wie meine Schwester Suse", fahren Sie fort: „kh 
weiß übrigens nicht, ob Suse die Narbe links oder rechts hatte." Ja, 
warum wissen Sie das nicht, bei einem Menschen, der Ihnen so nahe 
stand, den Sie 20 Jahre täglich gesehen haben und der diese Narbe 
Ihnen verdankt ? Es ist doch dieselbe, die Sie ihr als Kind „aus Ver- 
sehen" beigebracht haben, mit der Schere, beim Spielen? Nach meinem 
Dafürhalten ist es wohl nicht nur ein Versehen gewesen, - Sie er- 
innern sich, wir sprachen schon einmal darüber und Sie gaben zu, 
daß eine Absicht darin gelegen habe; eine Tante hatte die schönen 
Augen Suses gelobt und Ihre Augen neckend mit denen der Haus- 
katze verglichen. Daß Sie nicht wissen, ob Suses Narbe rechts oder 
links gesessen hat, ist die Wirkung der Verdrängung. Das Attentat 
auf die schönen Augen der Schwester ist Ihnen unangenehm gewesen, 
schon des mütterlichen Entsetzens und der Vorwürfe halber. Sie haben 
die Erinnerung daran fortzuschaffen versudit, haben sie verdrängt und 
das ist Ihnen nur teilweise gelungen; nur die Erinnerung, wo die 
Narbe saß, haben Sie aus dem Bewußtsein vertrieben. Ich kann Ihnen 
aber sagen, daß die Narbe wirklich links gesessen ist. Woher ich es 
weiß? Weil Sie mir erzählt haben, daß Sie seit dem Tode Ihrer 
Schwester genau wie diese an einem linksseitigen Kopfschmerz leiden, 
der vom Auge ausgeht, und weil Ihr linkes Auge ab und zu ein 
wenig — es steht Ihnen gut, aber es ist doch wahr — ein wenig vom 
rechten Wege abweicht, gleichsam hilfesuchend nach außen schielt. Sie 
haben seinerzeit — durch Erfindung des Wortes „Versehen" - aus 
dem Unrecht Recht zu machen versucht, die Wunde in Ihrer Phantasie 
von der bösen, unrechten, linken Seite nach der guten, rechten ver- 
schoben. Aber das Es läßt sich nicht betrügen; zum Zeichen, daß Sie 
Böses taten, schwächte es den einen Augenmuskelnerv, warnte Sie 
damit, nicht wieder vom Rechten abzubiegen. Und als die Schwester 
starb, erbten Sie zur Strafe deren linksseitigen Kopfschmerz, der Ihnen 

6* 67 



immer so fürchterlich war. Sie sind damals als Kind nicht bestraft 
worden, vermutlich haben Sie aus Angst vor der Rute so gezittert, 
daß die Mutter Mitleid bekam ; aber das Es will seine Strafe haben, 
und wenn es um die Freude des Leidens gebradit wird, rächt es sich 
irgendwann, oft sehr spät, aber es rächt sich, und manche rätselhafte 
Erkrankung gibt ihr Geheimnis preis, wenn man das Es der Kindheit 
nach versäumten Schlägen fragt. 

Darf ich Ihnen gleich noch ein Beispiel der Verdrängung aus 
Ihrem Brief geben? Es ist sehr külin, wenn Sie wollen, an den Haaren 
herbeigezogen, aber ich halte es für richtig. Ich sprach in meinem 
letzten Brief von drei Dingen : der Übertragung, der Verdrängung 
und dem Symbol. In Ihrer Antwort erwähnen Sie Übertragung und 
Verdrängung, aber das Symbol lassen Sie fort. Und dieses Symbol war 
ein Ring. Aber siehe da, statt das Symbol im Brief zu nennen, ver- 
lieren Sie es in Gestalt Ihres Topasringes. Ist das nicht komisch? Nach 
meinen Beredmungen - und Ihre Antwort scheint mir das zu be- 
stätigen - haben Sie meinen Brief mit dem Ringspielscherz am selben 
Tag erhalten, wo Sie den Ring der Schwester verloren. Nun seien Sie 
einmal gut und wahrhaftig 1 Sollte Schwester Suse - sie stand doch 
im Alter Ihnen am nächsten und mir ist es beinahe sidier, daß Sie 
beide gemeinsam die sexuellen Aufklärungen sich, erworben haben, 
über deren Anfänge man nichts weiß oder nichts wissen will - sollte 
Suse nicht mit dem Spiel am Ringe des Weibes, mit dem Erlernen 
der Selbstbefriedigung etwas zu tun haben ? Ich komme darauf, weil 
Sie auf meine Ausfülxrungen über die Onanie so kurz und streng 
geantwortet haben. Ich glaube, Sie sind vor lauter Sdiuldbewußtsein 
ungerecht gegen diese harmlose Freude der Mensdicn. Aber bedenken 
Sie doch, daß die Natur dem Kinde Geschwister und Gespielen gibt, 
damit es von ihnen die Sexualität lernt. 

Darf ich wieder auf jenes merkwürdige menschliche Erlebnis zu- 
rückgreifen, bei dem ich neulich abgebrochen habe, auf die Ent- 
bindung? Es ist mir aufgefallen, daß Sie meine Behauptung, der 

68 



Schmerz erhöhe die Wollust, ohne Erwiderung hingenommen haben 
Idi erinnere midi eines lebhaften Streites mit Ihnen über die Lust 
des Menschen am Wehtun und Wehleiden. Es war in der Leipziger 
Straße in Berlin ; ein Drosdikenpferd war gestürzt und die Menschen- 
masse hatte sich gestaut, Männer, Weiber, Kinder, gut gekleidete Leute 
und solche im Arbeiterkittel ; sie alle verfolgten mit mehr oder minder 
lauter Genugtuung die vergeblichen Anstrengungen des Tieres, sich 
aufzurichten. Sic haben midi damals gefühlsroh geheißen, weil ich 
solche Unfälle wünschenswert nannte und sogar so weit ging, das 
Interesse der Damen an Sdiwurgerichtsverhandlungen gegen Mörder an 
Bergwerksunglücken, Titanicunfällen erklärlich und natürlich zu finden. 

Wir können, wenn es Ihnen recht ist, den Streit wieder auf- 
nehmen ; vielleicht kommen wir diesmal zu einer Entscheidung. 

Die beiden wichtigen Ereignisse des weiblidien Lebens, und weiter- 
genommen des Lebens jedes Menschen, da ohne diese Ereignisse 
niemand existieren würde, sind mit Schmerzen verbunden, der erste 
Geschlechtsakt und die Entbindung. Die Übereinstimmung darin ist 
so auffallend, daß ich mir nicht anders zu raten weiß, als einen Sinn 
darin zu suchen. Über die Wollust der Geburtswehen läßt sich ja auf 
Grund des Geschreis streiten, aber über den Lustcharakter der Braut- 
nacht besteht kein Zwiespalt der Meinungen. Das ist's, wovon die 
jungen Mädchen wachend und schlafend träumen, was der Knabe 
und Mann sich in tausend Bildern vorstellt. Es gibt Mädchen, die 
angeblich Angst vor dem Schmerz haben ; forsdien Sie nach, Sie 
werden andere Gründe für diese Angst finden, Gründe der Gewissens- 
not, die sich aus verdrängten Onaniekoraplexen und tief verborge- 
nen Kindheitsvorstellungen vom Kampf der Eltern, Gewalttat des 
Vaters und blutenden Wunden der Mutter zusammensetzen. Es gibt 
Frauen, die nur mit Schaudern an die erste Nacht mit dem Manne 
zurückdenken : fragen Sie nach, Sie werden auf die Enttäuschung 
stoßen, darauf, daß alles hinter den Erwartungen, die man gehegt 
hatte, zurückblicb, und in dunklerer Tiefe werden Sie wieder das 



69 



mütterliche Verbot der Geschlechtslust und die Angst vor der Ver- 
wundung durdi den Mann finden. Es hat Zeiten gegeben, und zwar 
Zeiten höchster Kultur, wie bei den Griechen, in denen der Mann 
scheu der Entjungferung seines Weibes auswich und sie durch Sklaven 
ausführen ließ, aber all das berührt den - alle Tiefen des Menschen 
aufreizenden - Wunsch nach dem ersten Liebesakt nicht. Verschaffen 
Sie dem ängstlichen Mädchen einen klugen Geliebten, der ihr das 
Schuldgefühl wegspielt und sie in Ekstase zu bringen versteht, sie 
wird den Schmerz jauchzend genießen, geben Sie der enttäuschten 
Frau einen Spielgefährten, der, trotz des schon zerrissenen Hymens, 
die Phantasie des Weibes so zu erregen weiß, daß sie den ersten 
Akt noch einmal zu erleben glaubt, ihre Scheide wird sich verengen, 
sie wird mit Wonne den Schmerz erleben, um den sie einmal be- 
trogen wurde, ja sie wird selbst die Blutung hervorbringen, um sich 
zu täuschen. Die Liebe ist eine seltsame Kunst, die nur zum Teil er- 
lernt werden kann, und wenn irgend etwas, so wird sie vom Es re- 
giert. Schauen Sie in die heimlichen Vorgänge der Ehe hinein, Sie 
werden erstaunt sein, wie oft selbst lang verheiratete Menschen plötz- 
lich eines Tages, ohne zu wissen woher es kommt, die Brautnacht 
noch einmal erleben, nicht nur phantastisch, sondern mit allen Freuden 
und Schrecken. Und auch der Mann, der nur mit Schaudern daran 
denkt, den Geliebten Schmerz zuzufügen, wird es mit Freuden tun, 
wenn die rechte Gefährtin ihn zu locken versteht. 

Mit andern Worten, der Schmerz gehört zu diesem höchsten 
Augenblick der Lust. Und alles, ausnahmslos alles, was gegen diesen 
Satz zu sprechen scheint, ist begründet in der Angst, dem Schuld- 
bewußtsein des Menschen, die in den Tiefen seines Wesens ruhen; 
und je größer sie sind, um so gewaltsamer bricht es im Moment der 
Erfüllung aller Wünsche hervor, verkleidet als Angst vor Schmerz; 
in Wahrheit ist es Angst vor längst verdienter Strafe. 

Es ist also nicht wahr, daß der Schmerz ein Hindernis der Lust 
ist ; es ist aber wahr, daß er eine Bedingung der Lust ist Es ist also 

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i 






.' 



nicht wahr, daß der Wunsch, Schmerz zuzufügen, unnatürlich, pervers 
ist. Es ist nicht wahr, was Sie über Sadismus und Masochismus ge- 
lesen und gelernt haben. Diese beiden, Jedem Menschen ohne Aus- 
nahme eingepflanzten, unentbehrlichen menschlichen Neigungen, die zu 
seinem Wesen gehören, wie Haut und Haare, als Perversionen zu 
brandmarken, ist die kolossale Dummheit eines Gelehrten gewesen. 
Daß sie nachgeschwatzt wird, ist verständlich. Jahrtausende lang wurde 
der Mensdi zur Heuchelei erzogen; sie ist ihm zweite Natur gewor- 
den. Sadist ist jeder Mensch, Masochist ist jeder Mensch ; ein jeder 
muß von Natur aus wünschen, Schmerz zuzufügen und Schmerz zu 
erleiden: der Eros zwingt ihn dazu. 

Denn das ist das Zweite : es ist nicht wahr, daß der eine Mensdi 
Schmerzen geben, der andere empfangen will, daß der eine Sadist ist, 
der andere Masochist. Jeder Mensch ist beides. Wollen Sie den Be- 
weis dafür haben? 

Es ist sehr leicht, von der Rohheit des Mannes zu sprechen und 
von der Zartheit des Weibes und alle alten Schachteln männlichen 
und weiblichen Geschlechts und alle Muckerseelen tun es unter dem 
Beifall der Gleichgesinnten, zu denen wir uns, in tausend Stunden 
der Heuchelei, alle rechnen müssen. Aber bringen Sie irgend ein 
weibliches Wesen in mänadische Raserei, — nein, das ist gar nicht 
nötig, würde sich auch, so sagt man, für Sie als Frau nicht schicken - 
nein, geben Sie ihr nur die Freiheit, den Mut, sich gehen zu lassen, 
wirklich und wahrhaftig zu lieben, ihre Seele nackt zu zeigen, und sie 
wird beißen und kratzen wie ein Tier, sie wird weh tun und Wonne 
dabei empfinden. 

Besinnen Sie sich noch, wie Ihr Kind aussah, als es geboren war ? 
verschwollen, zerquetscht, ein mißhandeltes Würmchen? Haben Sie 
sich je gesagt: das tat ich? O nein, alle Mütter und die, die es 
werden wollen, begnügen sich damit, mit den eigenen Schmerzen zu 
prahlen; daß sie aber ein welirloses, armselig zartes Geschöpf mit 
dem Kopf vornweg durch einen engen Gang hindurch quetschen, 

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■ 









stundenlang es hindurdipressen, als ob es nidit die Spur einer Empfin- 
dung hätte, das kommt den Müttern nidit in den Sinn. Ja, sie haben 
die Stirn, zu sagen, das Kind empfindet den Schmerz nicht. Aber 
wenn der Vater oder sonst jemand das Neugeborene unsanft anfaßt, 
schreien sie : „Du tust dem Kinde -weh", „der ungeschickte Peter", 
und wenn es ohne Atem zur Welt kommt, klopft die Hebamme es 
hinten drauf, bis es zum Beweis, daß es Schmerz empfindet, schreit. 
Es ist nicht wahr, daß das Weib zart empfindet, die Rohheit ver- 
aditet und haßt. Das tut sie nur, wenn andere roh sind. Die eigene 
Rohheit nennt sie heilige Mutterliebe. Oder glauben Sie, daß irgend 
ein Caligula oder irgend ein sonstiger Sadist so leidit und harmlos 
diese ausgesuchte Folter, jemanden mit dem Sdiädel durch ein enges 
Loch zu quetsdien, sich ausdenken würde? Ich habe einmal ein Kind 
gesehen, das seinen Kopf durch ein Gitter gesteckt hatte und nun 
weder vor noch zurüde konnte. Ich vergesse sein Schreien nicht. 

Die Grausamkeit, der Sadismus, wenn Sie es so nennen wollen, 
liegt den Trauen durchaus nicht fern; man braudit nicht Raben- 
mutter zu sein, um die eigenen Kinder zu quälen. Es ist noch gar 
nidit so lange her, daß Sie mir von Ihrer Freundin erzählten, mit 
weldiem Vergnügen sie sich an dem erstaunt beleidigten Gesicht ihres 
Kindes weidete, wenn sie ihm plötzlich die Brustwarze aus dem 
saugenden Mündchen nahm. Ein Spiel, gewiß, leicht verständlidi und 
von uns allen in dieser oder jener Form des Neckens kleiner Kinder 
geübt. Aber es ist ein Spielen mit der Qual, und — ja ich muß Ihnen 
erst sagen, was es bedeutet, obwohl Sie es sich selbst zusammen- 
reimen müßten, wenn Sie sich der Symbole erinnerten. Die Mutter 
ist während des Säugens der gebende Mann, das Kind das empfan- 
gende Weib, oder um es deudicher auszudrücken: der saugende 
Mund ist der weibliche Geschlechtsteil, der die Brustwarze als männ- 
liches Glied in sich aufnimmt. Es besteht eine symbolische Verwandt- 
schaft, eine sehr enge Verwandtschaft zwischen Saugakt und Begat- 
tung, eine Symbolik, die im Dienst und zur Verstärkung der Bande 

72 









5* 









zwischen Mutter und Kind gebraucht wird. Das Spiel Ihrer Freundin 
ist - ich nehme an, ihr unbewußt - erotisch betont. 

Und wie das Weib, dessen Feld angeblich das Leiden ist, ebenso 
lüstern Schmerzen bereitet, so sucht der gewalttätige Mann den 
Schmerz auf. Die Lust des Mannes ist die Mühe, die Qual der Auf- 
gabe, die Lockung der Gefahr, der Kampf, und wenn Sie wollen, der 
Krieg. Der Krieg im Sinne des Heraklit, der Krieg mit Menschen, 
Dingen, Gedanken, und der Gegner, der ihn am schwersten leiden 
läßt, die Aufgabe, die ihn fast erdrückt, die liebt er. Vor allem liebt 
er das Weib, das ihm tausend Wunden sdilägt. Wundern Sie sich 
doch nicht über den Mann, der einer herzlosen Kokette nachläuft, 
wundern Sie sich über den, der es nidit tut. Und wo Sie einen Mann 
heiß lieben sehen, ziehen Sie ruhig den Schluß, daß seine Geliebte 
von Herzen grausam ist, im Tiefsten grausam, von jener Art grau- 
sam, die gütig ersdieint und spielend verwundet. 

Das alles klingt Ihnen paradox, scheint Ihnen echter Trollen- 
scherz. Aber es sind Ihnen, während Sie nach der Widerlegung su- 
chen, schon tausend Dinge eingefallen, die bestätigen, was ich sage. 
Der Mensch wird empfangen im Schmerz - denn die wahre Emp- 
fängnis ist die der ersten Nadit - und er wird geboren im Schmerz. 
Und noch eins : er wird empfangen und geboren im Blut. Soll das 
denn keinen Sinn haben? 

Überlegen Sie es sich, Sic sind klug genug dazu. Vor allem ge- 
wöhnen Sie sich an den Gedanken, daß der neugeborene Mensch 
empfindet, ja daß er vermutlich tiefer empfindet, als der Erwadisene. 
Und wenn Sie das erfaßt haben, betrachten Sie nochmals, was bei 
der Geburt vor sidi geht. Wie sagt man doch : das Kind erblickt das 
Lidit der Welt; und dieses Lidit liebt der Mensch; sucht es und 
schafft es sich selbst im Dunkel der Nacht. Aus engem Gefängnis 
kommt er hinaus in die Freiheit, und die Freiheit liebt der Mensch 
über alles. Zum ersten Male atmet er, kostet er den Genuß, die Luft 
des Lebens in sich zu ziehen ; sein ganzes Leben lang ist freies Atmen 



» 






73 



für ihn das Schönste. Angst, Angst des Erstickens leidet er während 
der Geburt, und Angst bleibt ;ihm all seine Lebtage als Begleiterin 
jeder höchsten Freude, jeder, die sein Herz klopfen läßt. Schmerzen 
empfindet er in dem Drängen nach Freiheit ; Schmerzen gibt er der 
Mutter mit seinem dicken Schädel, und beides sucht er in ewig neuer 
Wiederholung. Und das erste, was seine Sinne trifft, ist der Gerudi 
des Blutes, vermischt mit den seltsam aufregenden Dünsten des 
Frauenschoßes. Sie sind ja gelehrt, Sie wissen ja, daß in der Nase 
ein Punkt ist, der in nahem Verhältnis zur Geschleditszone steht. Der 
Säugling hat diesen Punkt so gut wie der ausgewachsene Mensch, und 
Sie glauben nicht, wie weise die Natur das Geruchsvermögen des 
Kindes ausnützt. Das Blut aber, das der Mensch vergießt, wenn er 
geboren wird, dessen Wesen er mit dem ersten Atemzuge einatmet, 
so daß es ihm unvergeßlich wird, ist das Blut der Mutter. Sollte er 
diese Mutter nicht lieben? Sollte er nicht auch noch in anderem 
Sinne, als man gewöhnlich nennt, ihr blutsverwandt sein ? Und tief 
im Verborgenen lauert hinter dem allem noch etwas, was dieses Kind 
mit götterstarken Händen an die Mutter bindet, die Schuld und der 
Tod. Denn wer Blut vergießt, des Blut soll wieder vergossen werden. 
Ach, liebe Freundin, die menschliche Sprache und das menschliche 
Denken sind ein schwaches Werkzeug, wenn sie Kunde vom Unbe- 
wußten geben sollen. Aber nachdenklich wird man bei den Worten : 
Mutter und Kind. Die Mutter ist die Wiege und das Grab, gibt Le- 
ben zum Sterben. 

Und wenn ich nicht gewaltsam schließe, werde ich den Brief 
nie beenden. 

PATRIK TROLL. 

8. 
LIEBE FREUNDIN, ICH HABE NICHT DARAN GEZWEIFELT, 
daß Sie mir in vielem Recht geben würden, ja, ich bin so kühn, an- 
zunehmen, daß Sie mir nach und nach, wenn nicht in allen Einzel- 
heiten, doch in den Hauptsachen beistimmen werden. Vorläufig 

74 



spotten Sie ja noch, sind der Meinung, drei Viertel meiner Behaup- 
tungen entspringe meinem Widerspruchsgeist und von dem Rest sei 
mindestens die Hälfte darauf beredinet, meine sadistische Seele zu 
retten. „Um Ihnen Glauben zu schenken," schreiben Sie, „müßte man 
die Überzeugung aufgeben, daß es unnatürliche Laster gibt, und daß, 
was wir Perversionen zu nennen gewöhnt sind, Selbstbefriedigung, 
Homosexualität, Sadismus, Sodomie und wie diese Dinge alle heißen 
mögen, selbstverständliche Neigungen des Menschen, Allgemeingut 
unsrer Seele sind." 

Haben wir uns nicht schon einmal über das Wort „unnatürlich" 
unterhalten? Für mich ist es der Ausdruck menschlichen Größen- 
wahns, der sich selber als Herrn der Natur empfinden möchte. Man 
teilt die Welt in zwei Teile ; was dem Menschen jeweilig paßt, ist 
ihm natürlich, was ihm zuwider ist, nennt er unnatürlich. Haben Sie 
schon einmal irgend etwas gesehen, was außerhalb der Natur liegt? 
Denn das bedeutet doch das Wort unnatürlich. Ich und die Natur, 
so denkt der Mensch, und es wird ihm bei dieser angemaßten Gott- 
ähnlichkeit nicht einmal bange. Nein, hebe Spötterin, was ist, ist na- 
türlich, wenn es Ihnen auch noch so regelwidrig vorkommt, noch so 
sehr gegen die Naturgesetze verstößt. Diese Naturgesetze sind 
Schöpfungen des Menschen, das sollte man nicht vergessen, und wenn 
etwas nicht damit übereinstimmt, so ist das der Beweis, daß das 
Naturgesetz falsch ist. Streichen Sie die Bezeichnung unnatürlich aus 
Ihren Sprachgewohnheiten; Sie werden dann eine Dummheit weniger 
sagen. 

Und nun die Perversionen. Ein von mir hochverehrter Forscher 
hat nachgewiesen, daß das Kind alle nur denkbaren perversen Nei- 
gungen hat ; er sagt, das Kind ist multipel pervers. Gehen Sie einen 
Schritt weiter und sagen Sie, jeder Mensch ist multipel pervers, jeder 
Mensch hat jede perverse Neigung in sidi, so haben Sie meine An- 
sicht. Aber dann ist es unnötig und unpraktisch, den Ausdruck per- 
vers Weiter zu gebrauchen, weil dadurch der Eindruck geweckt wird, 



75 



i 



als ob diese, jedem Menschen eigentümlichen, unveräußerlichen und 
lebenslänglichen Neigungen etwas Ausnahmsweises, Sonderbares, Auf- 
fallendes wären. Wenn Sie durchaus schimpfen wollen, brauchen Sie 
doch das Wort Laster oder Schweinerei oder was Ihnen sonst zur 
Verfügung steht Netter wäre es schon, Sie strebten dem Satz nach : 
Nichts Menschliches sei uns fremd, ein Ideal, das wir freilich nie er- 
reichen, das aber berechtigt ist und dem unsereiner als Arzt mit Haut 
und Haaren sich verpfliditet fühlt. Wir werden noch öfter über diese 
Neigungen, die Sie pervers nennen und die ich bei jedem Menschen 
voraussetze, sprechen müssen, auch über die Gründe, warum der 
Mensch in diesen Dingen so gegen sidi selbst lügt. 

Einen schönen Triumph haben Sie mir gegönnt, auf den ich stolz 
bin. Neulich haben Sie midi noch ruchlos gesdiolten, weil ich vom 
Haß der Mutter gegen ihr Kind gesprochen habe, und heute erzählen 
Sie mir - man merkt Ihnen Genugtuung dabei an - von der jungen 
Frau Dahlmann, die bittere Tränen vergießt, weil schon das erste 
Unwohlsein nach der Hochzeitsreise ausbleibt. Wie ansdiaulich Sie 
beschreiben können ! Idi sah förmlich die verbissene Wut, mit der die 
kleine Weltdame ihr Korsett anlegt und aus allen Kräften zuschnürt 
um das junge Leben zu ersticken. Es ist ja auch traurig, wenn man 
sich die ganze Brautzeit hindurch auf den Moment gefreut hat, wo 
man als Gattin des Vorsitzenden an dem Arm dieses Eintagskönigs 
in den Ballsaal eintritt, mit der Aussicht, am nädisten Tage vom 
Kopf bis zu Füßen als die reizende Frau Dahlmann beschrieben zu wer- 
den, es ist traurig, daß einem ein Tröpfchen Samen alles zerstört, 
einen zur unförmigen Masse verwandelt. 

Finden Sie es schlimm, daß die menschliche Eitelkeit und Ver- 
gnügungssucht so groß sind? Daß ein kleiner Mordversuch eines 
Tanzvergnügens halber in Szene gesetzt wird? Denken Sie sich diese 
beiden mächtigen Hebel der Kultur weg, was würde aus Ihnen wer- 
den? In kurzer Zeit wären Sie verlaust und verwanzt, bald würden 
Sie das Fleisch mit den Fingern und Zähnen zerreißen und die Rü- 

76 



I 



• 



ben, die Sie aus der Erde zerren, roh verschlingen, Ihre Hände wür- 
den Sie nicht mehr waschen und als Taschentuch Finger oder Zunge 
gebraudien. Glauben Sie mir, meine Ansicht, daß auf dem Hang zur 
Selbstbefriedigung - denn in deren Dienst stehen Schönheitssinn und 
Reinlichkeit — die Welt ruht, ist nicht so dumm, wie Sie annehmen. 
Mir ist die Abneigung der Mutter gegen ihr Kind sehr begreif- 
lich. Daß es für die Frau heutzutage nidit angenehm ist, ein Kind zu 
erwarten, habe ich neulidi wieder erlebt. Ich war in der Stadt und 
etwa zwanzig Schritte vor mir ging eine hochschwangere Frau des 
Mittelstandes; zwei Schulmädchen, 12— 13 jährig mochten sie sein, be- 
gegneten ihr, musterten sie scharf, und kaum waren sie an ihr vor- 
über, so sagte die eine höhere Tochter zur anderen, und kidierte das 
diarak eristisdie alberne Backfischladien : „Hast du gesehen ? Den 
dicken Bauch ? Die kriegt ein Kind." Und die andere erwiderte : „ Adi 
laß doch die Schweinereien, ich mag nichts davon wissen." Die Frau 
mußte die Worte gehört haben, sie drehte sich um, als ob sie etwas 
sagen wollte, ging dann aber stumm weiter. Wenige Minuten später 
- die Straße war einsam - kam ein Holzfuhrwerk angefahren. Der 
Fuhrknecht grinste das Weibchen an und rief ihr zu : „Sie laufen 
wohl Parade, um zu zeigen, daß der Mann noch bei Ihnen liegt." Es 
wird den Frauen nicht leicht gemacht, das ist sicher. Der Ruhm großer 
Fruchtbarkeit, der früher der kinderreidien Frau die Mühen zu 
tragen half, gilt nichts mein*. Im Gegenteil, das Mädchen wächst in 
der Angst vor dem Kinde auf. Recht betraditet, besteht die Erziehung 
unsrer Töchter darin, daß wir sie vor zwei Dingen zu hüten suchen, 
vor der geschleditlichen Ansteckung und vor dem unehelichen Kinde, 
und wir wissen zu diesem Zwecke nichts anderes zu tun, als ihnen 
die Geschlechtsliebe an sich als Sünde darzustellen und die Entbin- 
dung als große Gefahr. Es gibt Leute, die allen Ernstes die Todes- 
aussichten der Geburt in Vergleich mit denen der Weltkriegsschladiten 
setzen. Das ist eine der Wahnsinnsäußerungen unsrer, von Ge- 
wissensangst schwer belasteten Zeit, die sich immer tiefer in die Schuld 



77 



der Heudielei verstrickt, der Heuchelei auf dem lebenschaffenden Ge- 
biet, und deshalb immer rascher zugrunde geht. 

Der Wunsch des Mädchens nach dem Kinde entsteht in einer 
Heftigkeit, die nur wenige wahrnehmen, schon zu einer Zeit, wo es 
zwischen ehelich und unehelich noch nicht unterscheidet, und die ver- 
steckten halben Andeutungen der Erwachsenen, die sich gegen das 
uneheliche Kind richten, werden auf das Kind überhaupt bezogen, 
vielleicht nicht von dem Verstände, aber sicher von dem, was unter- 
halb des Verstandes liegt. Aber das sind ja Dinge, denen sich abhelfen 
ließe, denen tatsächlich dieses und jenes Volk, diese und jene Zeit, 
abzuhelfen sucht. Jedoch im Wesen" des Weibes, des Menschen liegen 
Gründe zum Kinderhaß, die unabänderlich sind. Zunächst raubt das 
Kind dem Weibe einen Teil der Schönheit, nicht nur während der 
Schwangerschaft ; es bleibt auch nachher vieles zerstört, was nie wieder 
gutzumachen ist. Eine Narbe im Gesicht kann die Schönheit der Züge 
noch mehr hervorheben, und ich könnte mir denken, daß Ihre Schwester 
Ihnen im tiefsten Grunde für die interessante Wunde am Auge dank- 
bar gewesen ist. Aber hängende Brüste und ein welker Leib gelten 
als häßlich und eine Kultur muß auf den Kinderreichtum gerichtet 
sein, um sie zu schätzen. 

Das Kind bringt Mühe, Sorge, Arbeit, vor allem verlangt es Ver- 
zicht auf tausend Dinge, die lebenswert sind. Ich weiß, daß die Freuden 
der Mutterschaft alle diese Leiden aufwiegen können, aber es ist doch 
eben das Gegengewicht da, und wenn man sich solche Verhältnisse 
vorstellen will, so darf man nicht an die Wage denken, bei der die 
schwere Schale tief unten ruht, während die andere regungslos schwebt; 
es ist vielmehr ein ständiges Abwägen, bei dem die wägende Hand 
des täglichen Lebens eine Balleinladung, eine Reise nach Rom, einen 
interessanten Freund mit plumper Gewalt in die Schale wirft, so daß 
sie zeitweise niedersinkt. Es ist ein andauerndes Schwanken, ein 
immer neu wiederholtes Verzichten, das seine Wunden und Schmerzen 
bringt. 






78 



Immerhin ist es möglich, sich auf diesen Verzicht, diese Mühen 
und Sorgen vorzubereiten, sich dagegen zu wappnen. Es gibt aber 
Regungen, die die Mütter nicht klar kennen, die sie fühlen, aber nicht 
laut werden lassen, deren giftige Widerhaken sie, um nur nichts von 
dem Adel der Mütterlichkeit einzubüßen, tiefer und tiefer in sich hinein- 
drücken. 

Ich habe Sie einmal zu einer Entbindung mitgenommen. Besinnen 
Sie sich nodi darauf? Geburtshelfer sein ist nicht mein Geschäft, aber 
es war eine besondere Sache mit jener Frau, weshalb sie gerade von 
mir entbunden sein wollte. Ich habe Ihnen damals nichts weiter darüber 
erzählt, aber jetzt will ich es nachholen. Jene Frau wurde von mir 
während der ganzen Schwangersdiaft behandelt; erst hatte sie Er- 
brechen, dann kamen Schwindelanfälle» Blutungen, Schmerzen, dicke 
Beine und was es sonst noch für Überraschungen während solcher Zeit 
gibt. Das, worauf es mir im Augenblicke ankommt, war ihre entsetz- 
liche Angst, daß sie ein Kind mit einem verkrüppelten Fuß bekommen 
und selbst sterben werde. Sie wissen, das Kind kam ganz gesund zur 
Welt, die Frau lebt auch noch ; aber noch lange blieb bei ihr die Idee, 
dem Kinde müsse irgend was an den Beinen zustoßen. Sie berief 
sich dabei, anscheinend mit Redit, auf die Tatsache, daß ihr ältestes 
Kind einige Wochen nach der Geburt auf rätselhafte Weise eine Eite- 
rung des Schleimbeutels am linken Kniegelenk bekommen hatte, die 
recht unangenehm verlief, operiert werden mußte und eine tiefe, den 
Gebrauch des Kniegelenks ein wenig hindernde Narbe zurückließ. Ich 
muß Ihrem Gutdünken die Entscheidung überlassen, ob schon die Eite- 
rung mit dem zusammenhing, was ich nun zu berichten habe; ich 
meinerseits glaube es, wenn ich auch nicht angeben kann, auf welche 
Weise die Mutter - unbewußt selbstverständlich - die Erkrankung 
herbeigeführt hat. - Die Frau, von der ich erzähle, war das erste von 
fünf Kindern. Mit den beiden ältesten vertrug sie sich gut, gegen das 
vierte, dessen Beaufsichtigung ihr bei den kärglichen Lebensverhältnissen 
der Eltern zeitweise übertragen wurde, hatte sie von vornherein eine 



79 



starke Abneigung, die stets die gleidie geblieben ist und auch jetzt 
noch besteht. Als das fünfte Kind unterwegs war, änderte sich der 
Charakter des Mädchens, sie schloß sich mehr an den Vater an, wurde 
widerspenstig gegen die Mutter, quälte die jüngste Schwester, kurz, 
wurde ein rechter Tunichtgut. Als ihr eines Tages befohlen wurde, 
auf die Kleinste aufzupassen, geriet sie in Wut, heulte und stampfte 
mit den Füßen, und als sie von der Mutter bestraft und zum Gehorsam 
gezwungen wurde, hat sie sich zur Wiege gesetzt, die Kufen mit dem 
Fuße wild geschaukelt, so daß das Kind anfing zu schreien und dazu 
vor sidi hin gesagt : Verfluchte alte Hexe, verfludite alte Hexe. Eine 
Stunde darauf hat die Mutter sich plötzlich zu Bett gelegt und sie zur 
Hebamme gesdiickt. Dabei hat sie gesehen, daß die Mutter stark 
blutete. Das Kind ist in derselben Nacht noch geboren worden, aber 
die Mutter hat viele Monate im Bett hegen müssen und ist nie wieder 
recht frisch geworden. In dem Mädchen aber wurde damals der Gedanke 
wach und lebt noch jetzt in ihr, sie habe durdi ihren Fluch die Er- 
krankung der Mutter herbeigeführt, sei schuld daran. Nun, das ist ein 
Erlebnis, wie es häufig vorkommt, wichtig genug für die Beurteilung 
der Schicksale, Charakterbildung, Krankheitsdisposition und Todesangst 
dessen, dem es just zustößt, aber an sich reicht es nicht aus, um die 
Angst vor einer Beinverkrüppelung des erwarteten Kindes zu erklären. 
Das Stampfen mit den Füßen, das bösartige Treten der Wiege mit 
der halbbewußten Absicht, die kleine Schwester herausfallen zu lassen, 
gibt zwar Beziehungen ; sie sind aber allein nicht kräftig genug. Es ist 
von einer andern Seite eine Verstärkung des Schuldkontos hinzu- 
gekommen. In dem Dorf, in dem meine Wöchnerin aufwuchs, lebte 
ein Idiot mit verkrüppelten Beinen, der, sobald die Sonne erschien, 
vor dem Häuschen der Eltern in einen Stuhl gesetzt wurde und trotz 
seines Alters von 18 Jahren wie ein dreijähriges Kind mit Steinen 
und Klötzchen spielte. Seine Krücken hatte er neben sich, konnte sie 
aber ohne Hilfe nicht gebrauchen und sdiien sie nur da zu haben, um 
den Dorfkindern, die ihn weidlich neckten, damit zu drohen, wobei 



80 



*r* ! 



er gleichzeitig wilde, unverständliche Laute ausstieß. Die kleine Frieda, 

- das ist der Name der Frau, deren Entbindung Sie mitgemacht 
haben - die sonst das Muster eines artigen Kindes war, beteiligte 
sich während ihrer bösen Zeit ein paarmal an den Hänseleien der 
andern, bis eines Tages die Mutter dahinter kam, ihr eine große 
Strafpredigt hielt und ihr sagte : der liebe Gott sieht alles und er 
wird dich strafen, so daß du auch einmal solch ein verkrüppeltes Kind 
bekommst. Wenige Tage darauf traten die Ereignisse ein, von denen 
ich berichtete. 

Jetzt liegt der Zusammenhang ziemlich klar zu Tage. In die Grund- 
stimmung des Verdrusses über die Schwangerschaft der Mutter fallen 
zwei böse Erlebnisse hinein, die Drohung mit der Strafe Gottes für 
das Verspotten des Unglücks und die Erkrankung der Mutter, die als 
Folge des Ausrufs : verfluchte alte Hexe aufgefaßt wird. Beides sind 
für den Gläubigen - und Frieda ist streng katholisch erzogen worden 

- schwere Sünden. Sie werden in die Tiefe der Seele zurückgedrängt 
und erscheinen in der Form der Angst wieder, als die eigene Schwanger- 
schaft eine äußerliche Verknüpfung an die Kindheitserlebnisse gibt. 
Beiden Ereignissen gemeinsam ist, daß die Füße eine Rolle dabei 
spielen, und dieses Ncbenumstandes bemäditigt sich, wie so oft, das 
Schuldbewußtsein und schiebt ihn als Angst vor der Mißgeburt in den 
Vordergrund, während die gleichzeitige Todesangst tiefer in der Ver- 
drängung bleibt und scheinbar eher verschwindet ; nur scheinbar, denn 
einige Jahre darauf ist sie in seltsam interessanter Form als Krebs- 
angst von neuem, wiederum an die Verfludiung der Mutter anknüpfend 
aufgetreten. Aber das gehört nicht hieher. 

Ich muß, um Ihnen verstäncllidi zu machen, warum idi diese Ge- 
schichte gerade jetzt erzähle, wo es sidi um den Haß der Mütter gegen 
ein Kind handelt, auf etwas hinweisen, was ich erwähnt habe, aber 
was vermudich Ihrer Aufmerksamkeit entgangen ist. Frieda hat sidi 
während der Schwangerschaft nicht nur von der Mutter abgewendet, 
sondern sich so auffallend an den Vater angesdilossen, daß sie es 

6 Groddeck, Das Buch vom Es 81 



selbst noch nach vielen Jahren hervorhebt. Das ist der Ödipuskomplex, 
von dem Sie wohl sdion gehört haben. Sicherheitshalber ist es aber 
wohl besser, ihn mit zwei Worten festzulegen. Man versteht darunter 
die Leidenschaft des Kindes zu dem gegengeschlechdichen Elternteil, 
des Sohnes zur Mutter, der Tochter zum Vater, vereint mit dem 
Todeswunsch gegen den gleichgeschlechtlichen Elternteil, gegen den 
Vater vom Sohne aus, gegen die Mutter von der Tochter aus. Mit 
diesem Ödipuskomplex, der zu den unvermeidlichen Eigentümlichkeiten 
des Menschenlebens gehört, werden wir uns noch beschäftigen müssen. 
Hier kommt es nur auf die Tatsache an, daß Mutter und Tochter 
stets und ohne Ausnahme Nebenbuhlerinnen sind und infolgedessen 
auch den gegenseitigen Haß der Nebenbuhlerinnen haben. Der Aus- 
druck : verfluchte alte Hexe, hat noch eine viel tiefere Begründung 
als bloß Familienzuwachs. Die Hexe verhext den Geliebten, so ist es 
im Märchen und ist es im Unbewußten des Mädchens. Der Begriff der 
Hexe ist aus dem Ödipuskomplexe abgeleitet, die Hexe ist die Mutter, 
die den Vater durch Zauberkünste an sich fesselt, obwohl er eigentlich 
der Tochter gehört. Mit andern Worten: Mutter und Hexe sind für 
das Es der märchendiditenden Menschheitsseele dasselbe. 

Sie sehen, da kommt ein Stück Haß des Kindes gegen die Mutter 
zum Vorschein, das erstaunlich ist, das nur einigermaßen sein Gegen- 
gewicht in dem Glauben an die jungen schönen Hexen findet, die 
rothaarigen gottlosen Dinger, der aus dem Haß der alternden Mutter 
gegen die feurig leidenschaftliche, frisch menstruierte, das heißt rot- 
haarige Tochter entsteht. Dieser Haß muß wahrlich stark sein, da er 
solche Früchte hervorbringt. In Friedas Fluch hat sich die Qual lang- 
Jähriger Eifersucht verdichtet, er ist der Maßstab der einen Seite ihrer 
Gefühlsregungen gegen die Mutter, der Gefühlsregungen, die zur Wut 
gesteigert worden sind durch die Schwangerschaft. Denn um schwanger 
zu sein, muß die Mutter Liebkosungen vom Vater empfangen haben, 
die die Tochter für sich beansprucht. Sie hat das Kind zu Unrecht 
sich erzaubert, die Tochter darum betrogen. 



82 



Begreifen Sie nun, warum idi Ihnen Friedas Geschichte erzählte? 
Sie ist typisch. In jeder Tochter flammt wahrend der Sdiwangerschaft 
der Mutter die Eifersucht auf; sie wird nicht immer laut, aber sie ist 
da. Und ob sie sich äußert oder tief im Verborgenen bleibt, stets 
wird sie durch die Gewalt des moralischen Gebotes : Du sollst Vater 
und Mutter ehren, sonst mußt du sterben, niedergedrückt, verdrängt, 
das eine Mal mehr, das andere Mal weniger, immer aber mit dem 
gleichen Erfolg, daß das Sdiuldbewußtsein entsteht. 

Wie aber steht es mit dem Schuldbewußtsein ? Das verlangt Strafe 
und zwar die Strafe in derselben Form, die die Schuld hat. Frieda 
hat den Krüppel verspottet, also wird sie einen Krüppel zur Welt 
bringen. Sie hat ihre Mutter verflucht und beschimpft, das eigene 
Kind wird dasselbe mit ihr tun. Sie hat ihre Mutter gehaßt, das Kind, 
das sie jetzt im Schöße trägt, wird es vergelten. Sie hat der Mutter 
die Liebe des Vaters rauben wollen, dasselbe Los wird ihr das kom- 
mende Kind bereiten. Auge um Auge, Zahn um Zahn. 

Finden Sie es nicht verständlich, daß diese Frieda, die ilir Leben 
und ihr Glück vom Kinde bedroht fühlt, dieses Kind nicht immer 
liebt, daß, wenn die in der Tiefe von Kindheit her lagernden Gifte 
durch die Tagesereignisse aufgerührt werden, sie das Kind haßt, die 
junge Hexe, die schönere, aufblühende, der die Zukunft gehört? 

Das Schuldbewußtsein, das jede Tochter der Mutter gegenüber 
hat, zwingt ihr von vornherein die Fälligkeit zum Haß gegen das 
eigene Kind auf; das ist so. 

Vermutlich glauben Sie wieder, daß ich übertreibe, daß ich aus 
einem einzelnen Fall allgemeine Schlußfolgerungen ziehe, wie es so 
meine Art ist. Ach nein, liebe Freundin, diesmal ist es nicht über- 
trieben. Den tiefsten Grund des Schuldbewußtseins, das unfehlbar 
Angst und Abneigung erzwingen muß, habe ich noch nicht genannt, 
aber neulich habe ich ihn erwähnt. Der liegt darin, daß das Kind bei 
der Geburt, dadurdi, daß es geboren wird, der Mutter Blut vergießt. 
Und wer Blut vergießt, des Blut soll wieder vergossen werden. Die 

6 * 83 



Frau, die guter Hoffnung ist, kann nicht anders, als das Kind im 
Leibe fürditen, denn es ist der Radier. Und niemand ist gut genug, 
den Radier immer zu lieben. 

Idi habe dieses lange Schreiben unternommen, weil ich Ihnen gern 
einen Begriff von der Verwicklung aller Beziehungen zwischen Mutter 
und Kind geben wollte. Hoffendich haben Sie es nicht verstanden ; 
sonst muß ich fürditen, daß ich Ihnen die dunkelsten Ecken nicht 
gewiesen habe. Nach und nach werden wir uns aber wohl verständigen, 
entweder darin, daß Sic alles abweisen; nun, dann haben wir 
wenigstens eine Zeitlang korrespondiert, oder darin, daß Sie gleich 
mir allen menschlichen Verhältnissen gegenüber vorsichtig werden, 
duldsam und voll der Überzeugung, daß jedes Ding seine zwei 
Seiten hat. 

Darf idi noch mit zwei Worten auf Friedas Erlebnisse zurück- 
kommen? Ich sagte Ihnen, daß sie, wie alle kleinen Mädchen, das 
Kind der Mutter für sich beanspruchte ; nicht nur dies eine Mal, 
sondern das Kind vom eigenen Vater zu empfangen, ist ein Wunsch, 
der auf rätselhafte Weise während des ganzen Lebens einer Frau im 
Unbewußten mitgeht. Und an diesen Wunsch der Blutschande heftet 
sich das Wort : Idiot. Sie werden keine Frau finden, die nicht irgend- 
wann von der Idee befallen wird, ihr Kind wird idiotisch zur Welt 
kommen oder es wird verblöden. Denn der Glaube, daß dem Verkehr 
mit dem Vater ein mißratenes Kind entspringen müsse, sitzt tief im 
Gehirn des modernen Menschen. Die Tatsache, daß jener Krüppel 
idiotisch war, hat dahin gewirkt, daß die verdrängten Gefühle jener 
Zeit auch noch durch die dumpf empfundenen Wünsche und Ängste 
der Blutschande vergiftet wurden. 

Es fehlt noch etwas um, das Bild vollständig zu überblicken. Idi 
habe Ihnen früher von der Symbolik der Geschlechtsteile gesprochen. 
Nun, das deutlichste Symbol des weiblichen Organs, das sich schon in 
dem Wort Gebärmutter kundgibt, ist die Mutter. Für das symboli- 
sierende Es - und ich sagte Ihnen, das Es kann nicht anders als 

84 



symbolisieren - ist der weibliche Geschlechtsteil die Gebärerin, die 
Mutter. Wenn Frieda ihrer Mutter fludit, so verflucht sie auch das 
Symbol, ihr Geschlechtsorgan, ihr eigenes gebärendes Wesen, ihr Frau- 
und Muttersein. 

Habe idi nicht recht gehabt, als idi sagte, über das Es läßt sich 
nur stammeln ? Ich mußte es sagen, muß es wieder sagen, sonst halten 
Sie mich am Ende doch noch für einen Narren. Aber wenn auch, Sie 
werden sehen, daß wenigstens Methode in der Narrheit ist. 

Herzlidist Ihr 

PATRIK TROLL. 



• 



9. 

SIE SIND UNGERECHT, LIEBE FREUNDIN, ICH KANN NICKIS 
dafür, daß das Leben verwickelt ist. Wenn Sie alles glatt verstehen 
wollen, so rate ich Ihnen nochmals, nehmen Sie Lehrbücher zur Hand. 
Da finden Sie die Dinge sdiön geordnet und klar auseinandergesetzt. 
Nebel und Dunkelheit gibt es da nidit, oder wenn es sie gibt, geht 
das tugendhafte Lehrbuch mit der Bemerkung daran vorbei: dort ist 
es dunkel. 

Die Schulwissenschaft ist wie ein Tapisseriewarenladen. Da liegt 
ein Knäuel neben dem andern, Zwirn, Seide, Wolle, Baumwolle, in 
allen Farben, und jedes Knäuel ist sorgfältig aufgewickelt; wenn Sie 
das Ende des Fadens fassen, können Sie ihn rasch und ohne Mühe 
abwickeln. Aber idi besinne mich aus meiner Kindheit, was für eine 
Geschichte es war, wenn wir der Mutter über ihre Näh- und Strick- 
sachen gekommen waren und das Garn verwirrt hatten. Das war eine 
Mühe, die versdilungenen und verknoteten, verfitzten Fäden wieder 
auseinander zu klauben. Manchmal blieb als einzige Rettung die Schere 
übrig, die leicht den Knoten zerschnitt. Aber nun denken Sie sich die 
ganze Welt voll solch Wirrwarr von Garn. Dann haben Sie - voraus- 
gesetzt, daß Sie Phantasie genug haben, um es sich vorzustellen, und 
nicht sofort ermattet sagen : nein, so etwas will ich nicht einmal 



85 



denken - dann haben Sie, sage ich, das Arbeitsfeld vor sidi, auf dem 
der forschende Mensch tätig ist Dies Arbeitsfeld liegt hinter dem 
Laden, man sieht es nicht. Niemand, der nicht dazu gezwungen ist, 
begibt sich in diesen Raum, wo jeder ein Fädchenstüdc zwischen den 
Fingern hat und emsig daran herumbastelt. Da gibt es Streit und Neid 
und gegenseitiges Helfen und Verzweiflung, und nie findet einer, auch 
nicht einer ein Ende. Nur ab und zu kommt ein Herrchen vorn aus 
dem Laden und fordert ein Stück rote Seide oder schwarze Wolle, 
weil eine Dame - vielleicht sind Sie es - gerade irgend etwas 
Niedliches stricken will. Dann weist ein müder Mann, der eben von 
der Aussichtslosigkeit seines Schaffens ermattet die Hände hat sinken 
lassen, die paar Meter Garn, die er mühsam in Jahrzehnten aus dem 
wirren Gewimmel herausgeholt hat, der Ladendiener holt seine Schere 
vor, schneidet das glatte Stück heraus und wickelt es, während er 
nach vorn geht, wundervoll zum Knäuel. Und Sie kaufen es und 
glauben, ein Stück Menschheit zu kennen ; ja, ja. 

Nun, die Werkstatt, in deren Verkaufsraum ich diene, - denn ich 
gehöre nicht zu den geduldigen Leuten, die ihr lebelang an der Ver- 
wirrung herumklauben, ich verkaufe Knäuel - also diese Werkstatt 
ist schlecht beleuchtet und das Garn ist schlecht gesponnen und an 
tausend Stellen schon zerschnitten und zerfetzt. Man gibt mir nur 
immer kleine Stückchen, die muß ich zusammenknoten, muß selber 
hie und da die Schere gebrauchen und, wenn es nachher zum Verkauf 
kommt, ist alle Augenblicke der Faden zerrissen oder es ist Rot und 
Schwarz zusammengebunden, Baumwolle und Seide, kurz es ist 
eigentlich keine Verkaufsware. Daran kann ich nichts ändern. Aber 
seltsam ist es, daß es immer noch Leute gibt, die so etwas kaufen; 
kindische Leute offenbar, die an der Buntheit und Regellosigkeit 
Gefallen finden. Und das Seltsamste ist, daß Sie zu diesen Leuten 
gehören. 

# 

Nun, wo wollen wir heute anfangen ? Beim Kindchen, beim ganz 
kleinen Kindchen, das noch im Bauch der Mutter schläft. Vergessen 

86 



mm^mmmmmmm 






Sie nicht, es ist Phantasicwolle, die idi Ihnen anbiete. Besonders 
merkwürdig im Leben des ungeborenen Kindes ist mir immer eine 
Tatsache gewesen : die, daß es allein mit sich ist, nicht nur eine Welt 
für sich hat, sondern eine Welt für sich ist. Wenn es ein Interesse 
hat - und wir haben gar keinen Grund anzunehmen, daß es 
interesselos, unverständig wäre, im Gegenteil, die anatomisdien und 
physiologisdien Verhältnisse erzwingen die Annahme, daß das Kind 
auch ungeboren denkt, und die Mütter bestätigen das aus den Walir- 
nehmungen, die sie am Kinde in ihrem Leibe machen - wenn das 
ungeborene Kind ein Interesse hat, so kann es im wesentlidien nur 
das Interesse an sich selbst sein. Es denkt nur an sich, all seine 
Affekte gehen auf den eigenen Mikrokosmos. Ist es zu verwundern, 
daß diese von Beginn an geübte Gewohnheit, diese erzwungene Ge- 
wohnheit dem Menschen sein ganzes Leben hindurch bleibt ? Denn 
wer ehrlidi ist, der weiß, daß wir alles immer auf uns selbst be- 
ziehen, daß es ein mehr oder minder schön anzuschauender Irrtum 
ist, anzunehmen, wir leben für andere oder anderes. Das tun wir 
niemals, nicht einen Augenblick, niemals. Und der, auf den sich die 
Verkünder der edlen, ach so falschen und erdachten Gefühle der 
Aufopferung, Selbstverleugnung, Nächstenliebe berufen, Christus 
wußte das ; denn als höchstes Ideal, als ein unerreidibares Ideal sprach 
er das Gebot aus : Liebe deinen Nächsten als dich selbst ; wohlgemerkt 
nicht „mehr als dich selbst", sondern so wie du dich hebst. Er nennt 
dieses Gebot gleich dem andern: Liebe Gott von ganzer Seele, von 
ganzem Herzen, von ganzem Gemüte. Es fragt sidi, ob dieses Gebot 
nicht in ganz andrem Sinne dem zweiten der Nächstenliebe gleich 
ist, gewissermaßen mit ihm identisch ist, was ich glaube und worüber 
wir später unsere Gedanken austauschen können. Jedenfalls aber 
hielt er fest an der Überzeugung, daß der Mensch sich selbst am 
meisten liebt, und das Geschwätz der guten Menschen nannte er 
pharisäisch und heuchlerisch, was es auch ist. Heutigen Tages nennt 
die Psychologie diesen Trieb bei Menschen zu sich selbst, diesen Trieb, 

87 






der ausschließlich ist und in dem Alleinsein des Kindes im Mutter- 
lcibe wurzelt, Narzißmus. Sie wissen, Narzissus war in sich selbst ver- 
liebt, ertrank in dem Bach, in dem er sein Spiegelbild sah ; eine er- 
staunliche Umdichtung des Selbstbefriedigungstriebes. 

Sie erinnern sidi, daß ich behauptete, das Objekt für die Liebes- 
fähigkeiten des Menschen sei zunächst und fast aussdiließlich er selbst. 
Der neunmonatige Verkehr mit sich selbst, zu dem die Natur den 
Menschen während der vorgeburtlichen Zeit zwingt, ist ein achtbares 
Mittel, diesen Zweck zu erreichen. 

Haben Sie schon einmal versucht, sich in die Gedankengänge 
eines ungeborenen Kindes hineinzuversetzen? Tun Sie es einmal. 
Machen Sie sich ganz klein, ganz klein und kriechen Sie in den Bauch 
zurück, aus dem Sie gekommen sind; es ist das gar nicht so eine 
sinnlose Aufforderung, wie Sie meinen, und das Lächeln, mit dem Sie 
meine Zumutung wegweisen, ist kindlich freundlich, ein Beweis, wie 
vertraut Ihnen der Gedanke ist. Tatsächlich wird ja auch unser ganzes 
Leben, ohne daß wir es wissen, von diesem Wunsch, in die Mutter 
zu gelangen, geleitet. Ich möchte in dich hineinkriechen, wie oft hört 
man dieses Wort! Nehmen wir an, es gelänge Ihnen, wieder in den 
Mutterschoß zurückzukehren. Idi denke mir, es müßte einem dabei 
zu Mute sein wie jemandem, der nach einem bunt verlebten Tage 
voll schöner und finsterer Gedanken und Erlebnisse, voll Sorgen, 
Mühe, Arbeit und Lust und Gefahr zu Bett geht, allmählich schläfrig 
wird und mit dem angenehmen Empfinden, sidier und ungestört zu 
sein, einschläft. Nur tausendfach schöner, tiefer, ruhiger muß dieses 
Empfinden sein, vielleicht ähnlich dem, das hie und da ein sensitiver 
Mensch beschreibt, wenn er von einer Ohnmacht erzählt, oder dem, 
was wir so gern bei sachte in den Tod gleitenden Freunden als Ein- 
schlummern voraussetzen. 

Muß ich es noch ausdrücklich sagen, daß das Bett ein Symbol 
des Mutterleibes ist, der Mutter selbst ? Ja, ich gehe in meinen Be- 
hauptungen noch weiter. Sie besinnen sich, was ich Ihnen über das 



i 



IT - 






symbolische Denken und Handeln des Menschen sdirieb, daß er dem 
Willen des Symbols unterworfen ist und gehorsam tun muß, was 
diese Sdiicksalskraft verlangt, daß er erfindet, was das Symbolisieren 
erzwingt. Um den Sdiein unsrer Gottähnlichkeit zu wahren, preisen 
wir freilich unsre Erfindungen als Werke unsers bewußten Denkens, 
unsers Genius und vergessen ganz, daß die Spinne sidi im Netz ein 
Werkzeug erfunden hat, das nicht minder genial ist als das Netz, mit 
dem wir Fische fangen, und daß der Vogel Nester baut, die den Ver- 
gleich mit unsern Bauten wohl aushalten. Es ist eben ein Irrtum, den 
Verstand des Menschen zu preisen, ihm das Verdienst alles Gesdie- 
hens zuzusdireiben, ein begreiflicher Irrtum, da er auf dem Allmadits- 
gefühle des Menschen beruht. In Wahrheit sind wir Werkzeuge des 
Es, das mit uns macht, was es will, und es ist schon des Verweilens 
wert, gelegentlich dem dunklen Walten des Es nachzuspüren. Um es 
kurz zu sagen : ich glaube, daß der Mensch das Bett erfinden mußte, 
weil er von der Sehnsucht nach dem Mutterleibe nicht loskommt. Ich 
glaube nidit, daß er es sich erdadit hat, um bequemer zu liegen, 
gleichsam um seiner Faulheit zu frönen, sondern weil er seine 
Mutter liebt. Ja, mir ist es wahrsdieinlicb, daß die Faulheit des 
Menschen, die Freude am Bett, am langen Liegen in den hellen Tag 
hinein der Beweis einer großen Liebe zur Mutter ist, daß die faulen 
Menschen, die gerne sddafen, die besten Kinder sind. Und wenn Sie 
bedenken, daß das Kind, je mehr es seine Mutter liebte, um so 
eifriger streben muß, von ihr loszukommen, so werden Ihnen 
Naturen wie Bismarck oder der alte Fritz, deren emsiger Heiß in 
seltsamem Gegensatz zu ihrer großen Faulheit steht, begreiflich wer- 
den. Ihr unablässiges Arbeiten ist eine Auflehnung gegen die Fessel 
der Kindesliebe, die sie mitschleppen. 

Diese Auflehnung ist begreiflich. Je wohler sidi das Kind im 
Mutterleibe gefühlt hat, um so tiefer muß es den Schrecken des 
Geborenseins empfinden, um so inniger muß es den Schoß lieben, 
in dem es ruhte, um so stärker muß das Grauen vor diesem 



89 






Paradiese der Faulheit sein, aus dem es noch einmal vertrieben wer- 
den könnte. 

Liebste Freundin, ich warne sie allen Ernstes, die Korrespondenz 
mit mir fortzusetzen. Ich führe Sie, wenn Sie auf mich hören, so weit 
weg von allem, was vernünftige Menschen meinen, daß es Ihnen 
nachher schwer werden wird, den richtigen, gesunden Menschenverstand 
wieder zu finden. So und so viele Gelehrte, historisch gebildete Leute, 
haben das Seelenleben Bismardvs nach allen Richtungen hin durch- 
forscht und sind zu dem Schluß gekommen, daß er sidi aus seiner 
Mutter nicht viel gemacht habe. Er erwähnt sie kaum und, wo er es 
tut, klingt ein Groll aus seinen Worten. Und nun komme ich daher 
und behaupte, die Mutter ist der Mittelpunkt seines Lebens gewesen, 
war das Wesen, das er am meisten geliebt hat. Und dafür bringe ich 
nur die eine Tatsache als Beweis, daß er stets sich nach Ruhe sehnte 
und doch vor der Untätigkeit floh, daß er die Arbeit haßte und doch 
stets arbeitete, daß er gern schlafen wollte und schlecht schlief. Es ist 
wirklich eine Zumutung, da Glauben zu erwarten. Aber gestatten Sie 
mir, ehe Sie das Wort „albern" aussprechen, noch zwei, drei Dinge 
aus Bismarcks Wesen herauszugreifen. Zunächst ist da das seltsame 
Phänomen, das zu erwähnen gewissenhafte Beobachter nie verfehlen; 
er sprach - seltsam bei einem Mann von solch massigem Körperbau - 
mit hoher Stimme. Für unsereinen bedeutet das: etwas in diesem 
Manne war Kind geblieben, stand der Welt gegenüber wie das Kind 
der Mutter, eine Behauptung, die sich leicht aus den Wesenszügen des 
„eisernen" Kanzlers, der in Wahrheit Nerven wie ein Knabe besaß, 
stützen ließe. Es braucht aber der individuellen Charaktereigenschaften 
nicht, um von jemandem, der solche hohe Stimmlage hat, zu sagen: 
der ist kindlich und ein Muttersöhnchen. 

Besinnen Sie sich noch, — ach es ist schon lange her — wie wir 
zusammen im Deutschen Theater waren, um Joseph Kainz als Romeo 
zu sehen ? Wie wir uns wunderten, daß seine Stimmlage in den Liebes- 
szenen so hoch wurde, mit welchem seltsam knabenhaften Klang das 



90 






Wort Liebe von ihm ausgesprochen wurde ? Ich habe später oft daran 
denken müssen, denn es gibt viele, die, so männlich sie sonst sind, 
das eine Wort Liebe hoch aussprechen. Warum ? Weil bei dem einen 
Worte plötzlich in ihnen diese erste, tiefste, unvergänglidie Liebe wieder 
wach wird, die sie als Kind für die Mutter empfanden, weil sie damit 
sagen wollen, sagen müssen, ohne es zu wollen : Ich liebe dich, wie ich die 
Mutter liebte, und alle Liebe, die ich geben kann, ist Abglanz der 
Liebe zu ihr. Es wird keiner leicht mit diesem Wesen Mutter fertig ; 
bis an das Grab wiegt sie uns in ihren Armen. 

Auch an einer anderen Stelle kommt das Mutterkind in Bismarck 
zum Vorschein: er rauchte viel. Warum finden Sie es gleich komisch, 
daß ich das Rauchen als einen Beweis der Kindlichkeit und des Hängens 
an der Mutter anspreche ? Ist Ihnen noch nie in den Sinn gekommen, 
wie ähnlich das Raudien dem Saugen an der Mutterbrust ist? Sie 
haben Augen und sehen nicht. Achten Sie doch auf solch alltägliche 
Dinge ; sie werden Ihnen manch Geheimnis offenbaren, nicht bloß das 
eine, daß der Raudier Mutterkind ist. 

Für mich ist kein Zweifel — und ich könnte noch viel darüber 
plaudern : dieser starke Mensch war im Tiefsten von der Mutterimago 
beherrscht. Sie kennen ja seine Gedanken und Erinnerungen. Ist es 
Ihnen nicht aufgefallen, daß dieser Tatsachenmensch es für nötig hält, 
einen Traum zu erzählen? einen Traum, wie er mit der Gerte den 
Felsen sprengt, der ihm den Weg versperrt? Nicht der Traum ist das 
Merkwürdige ; für jeden, der etwas sich mit Träumereien beschäftigt, 
ist es klar, daß der Inzestwunsdi, der Ödipuskomplex darin verborgen 
ist. Aber daß Bismarck ihn erzählt hat, das ist der Aufmerksamkeit 
wert. Nahe am Grabe war er noch so in der Gewalt der Mutter, daß 
er dies Geheimnis seines Lebens mitten in die Erzählung seiner größten 
Taten hineinstellen mußte. 

Sie sehen, liebe Freundin, mit ein wenig gutem Willen laßt sich 
in jedes Menschen Leben die Wirkung der Mutterimago hineindeuten. 
Und diesen guten Willen besitze ich. Ob das, was ich denke, richtig 

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■ 






ist, darüber mögen Sie je nach Ihrem Gutdünken urteilen. Aber es kommt 
mir nicht darauf an, redit zu haben. Mir hegt daran, Urnen eine kleine 
Regel in das Gedächtnis einzuprägen, weil ich finde, daß sie im Ver- 
kehr mit sich und den Menschen nützlich ist: Wen man schilt, den 
liebt man. 

Aditen Sie darauf, worüber die Mensdien schelten, was sie ver- 
achten, wovor sie sich ekeln. Hinter dem Schelten, der Verachtung, 
dem Ekel, der Abneigung, steckt immer und ohne Ausnahme ein 
schwerer, noch nicht abgeschlossener Konflikt. Sie werden nie in der 
Annahme fehlgehen, daß der Mensdi, was er haßt, einmal sehr geliebt 
hat und noch liebt, was er verachtet, bewundert hat und noch be- 
wundert, wovor er sich ekelt, gierig gewünscht hat. Wer die Lüge 
verabscheut, ist sicher ein Lügner gegen sich selbst, wer sich vorm 
Schmutz ekelt, für den ist der Schmutz eine verführerische Gefahr, 
und wer einen andern verachtet, der bewundert und beneidet ihn. 
Und es hat eine tiefe Bedeutung, daß die Frauen - und auch die 
Männer - sich vor Schlangen fürchten, denn es gibt eine Schlange, die 
die Welt und das Weib regiert. Mit andern Worten : die Tiefen der 
Seele, in denen die verdrängten Komplexe ruhen, verraten sich in den 
Widerständen. Zwei Dinge muß beachten, wer sich mit dem Es befaßt, 
die Übertragungen und die Widerstände. Und wer Kranke behandeln 
will, mag er Chirurg oder Geburtshelfer oder praktischer Arzt sein, 
hilft nur soweit, als es ihm gelingt, die Übertragungen des Kranken 
auszunützen und die Widerstände zu lösen. 

Ich habe nichts dagegen, wenn Sie dieser Regel gemäß beurteilen 
und verurteilen Ihren allzeit getreuen 

PATRIK TROLL. 



10. 
DANK FÜR DIE MAHNUNG, LIEBE FREUNDIN. ICH WERDE VER- 
suchen, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Nur nicht 
schon heute. 









Ich muß Ihnen etwas erzählen. In freundlich einsamen Stunden 
überfällt midi zuweilen eine Träumerei seltsamen Inhalts. Ich stelle 
mir dann vor, daß ich, von Feinden verfolgt, einem Abgrund zueile, 
dessen felsiger Rand wie ein weit vorspringendes Dach die jäh hinab- 
führende Wand überragt. Lose um einen Baumstumpf geschlungen, 
hängt ein langes Seil in die Tiefe. Daran gleite ich nieder und 
sdiaukle mich hin und her, der Felswand zu und wieder weg davon, 
in immer größeren Schwingungen. Hin und her, hin und her schwebe 
ich über dem Abgrund, sorglich mit den Beinen den Körper von dem 
Felsen abzustoßen, damit er nicht gequetscht wird. Es liegt ein ver- 
führerischer Reiz in diesem Schaukeln und meine Phantasie dehnt es 
in die Länge. Endlich aber gelange ich zum Ziel. Eine Höhle, von 
der Natur gesdiaffen, liegt vor mir; sie ist aller Menschen Augen 
verborgen, nur ich kenne sie, und in weitem, sanftem Schwünge fliege 
ich in sie hinein und bin gerettet. Der Feind starrt von der Höhe 
des Felsens in die schwindelnde Tiefe hinab und geht seinen Weg 
zurück in der sicheren Annahme, daß ich unten zerschmettert hege. 

Ich habe oft gedacht, daß Sie mich beneiden würden, wenn Sie 
wüßten, wie süß die Wonne dieser Phantasie ist. Darf ich sie deuten? 
Diese Höhle, deren Zugang nur ich allein kenne, ist der Leib der 
Mutter. Der Feind, der mich verfolgt, und, in seinem Haß befriedigt, 
midi zerschlagen im Abgrund wähnt, ist der Vater, der Mann dieser 
Mutter, der sich ihr Herr zu sein dünkt und doch das nie betretene, 
unbetretbare Reich ihres Schoßes nicht kennt. Letzten Endes will 
dieser Traum im Wachen nichts anderes sagen, als was ich als Kind 
zu antworten pflegte, wenn man mich fragte : wen willst du heiraten ? 
Es kam mir gar nicht in den Sinn, daß ich irgend ein Weib heiraten 
könnte, außer der Mutter. Und ich verdanke es wohl nur der trost- 
losen Einsamkeit meiner Schul jähre, daß dieser tiefste Wunsch meines 
Wesens zu einer schwer verständlichen Symbolphantasie niedergedrückt 
wurde. Nur das nicht mitteilbare Wonnegefühl des Schaukeins verrät 
noch die Glut des Affekts. Und die Tatsache, daß ich so gut wie 

93 






i 






• 



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nichts mehr von der Zeit zwischen 12 und \J Jahren weiß, die ich 
getrennt von meiner Mutter verleben mußte, beweist, welche Kämpfe 
in mir stattgefunden haben. Es ist eine eigene Sache mit solcher Los- 
lösung von der Mutter, und ich kann wohl sagen, daß das Schicksal 
gnädig über mir gewaltet hat. 

Das ist mir heute wieder einmal redit klar geworden. Ich habe 
einen harten Strauß mit einem jungen Manne durchgefochten, der sich 
durchaus von mir behandeln lassen wilL aber vor Angst bebt und 
kaum ein Wort vorbringen kann, sobald er mich sieht. Er hat es fertig 
gebracht, mich mit seinem Vater zu identifizieren, und wie ich es auch 
anfangen mag, er bleibt der Meinung, - oder vielleicht sein Es bleibt 
der Meinung - daß ich irgendwo ein großes Messer verborgen habe, 
daß ich ihn packen und des Abzeichens seiner Mannheit berauben 
werde. Und das alles, weil er seine Mutter, die längst tot ist, leiden- 
schafdich geliebt hat. In diesem Menschen lebte einmal, - Jahre lang 
oder nur für Augenblicke - lebt vielleicht noch der tobende Wunsch, 
die eigene Mutter zur Geliebten zu nehmen, ihren Schoß zu besitzen, 
Und aus diesem Wunsch, dieser Begierde der Blutschande wuchs die 
Angst vor der Rache des Vaters, der mit dem vernichtenden Messer- 
schnitt das geile Glied abschneidet. 

Daß ein Kranker im Arzt seinen Vater sieht, ist erklärlich. Die 
Übertragung des Affekts zu Vater oder Mutter auf den Arzt stellt 
sich bei jeder Behandlung ein ; sie ist maßgebend für den Erfolg, und 
je nachdem der Kranke mit seinem Gefühlsleben auf den Vater oder 
auf die Mutter eingestellt war, wird er den starken oder den sanften 
Arzt bevorzugen. Wir Ärzte tun gut daran, uns dieser Tatsache 
bewußt zu bleiben ; denn drei Viertel unserer Erfolge, wenn nicht viel 
mehr, beruhen auf der Fügung, die uns irgend welche Wesensähnlich- 
keit mit den Eltern der Patienten gab. Und der größte Teil unsrcr 
Mißerfolge ist auch auf solche Übertragungen zurückzuführen, was uns 
einigermaßen über den Verdruß unsrer Eitelkeit trösten mag, den 
ihr die Erkenntnis der Übertragung als des eigentlichen Arztes be- 

94 



J 



reitet. „Olin all mein Verdienst und Würdigkeit", mit diesem Luther- 
wort bleibt vertraut, wer mit sich selbst in Frieden leben will. 

Darin ist also nichts Merkwürdiges, daß mein Patient in mir den 
Vater sudit; aber daß er, der an die Mutterimago gefesselt ist, sidi 
einen Vaterarzt auswählt, fällt auf, und die Schlußfolgerung ist erlaubt, 
daß er, ohne es sich selbst klar gemacht zu haben, am Vater ebenso 
hängt wie an der Mutter. Das gäbe eine gute Aussicht auf Erfolg. 
Oder sein Es trieb ihn zu mir, weil er sidi durch eine mißlungene 
Kur zum soundsovielten Male beim soundsovielten Lehrer und 
Arzt beweisen will, daß der Vater ein armselig minderwertiges Ge- 
sdiöpf ist. Dann ist freilich wenig Hoffnung, daß gerade ich ihm helfen 
werde. Ich täte besser, ihm diesen Sachverhalt zu erklären und ihn 
auf die Sudie nadi einem Arzte der mütterlichen Art zu schicken. 
Aber idi bin ein unerziehbarer Optimist und nehme an, daß er trotz 
seiner Angst im Innersten ernstlich an mein Übergewicht glaubt und 
es liebt, wenn er audi gern ein bißdien Bosheit in die Behandlung 
lüneinträgt. Solche Sdiabernack spielende Kranke sind nicht selten. 
Immerhin ist der Sachverhalt zweifelhaft und erst der Ausgang der 
Behandlung wird midi lehren, was den Kranken bewog, gerade zu mir 
zu kommen. 

Ich kenne ein Mittel, die verborgene Gesinnung eines Menschen 
gegen mich, wie sie im Augenblicke da ist, ans Tageslicht zu ziehen, 
und weil Sie ein artig liebes Weibchen sind und Humor genug be- 
sitzen, um es ohne Verdrießlidikeit zu verwenden, will ich es Ihnen 
verraten. Fragen Sie den, dessen Herz Sie kennenlernen möchten, 
nach einem Schimpfwort. Und wenn er, wie zu erwarten steht, „Gans" 
sagt, dürfen Sie es auf sich beziehen und ohne Ärger feststellen, daß 
Sie ihm zuviel schnattern. Aber vergessen Sie nicht, daß Gans ge- 
braten gut sdimeckt, daß es also ebensogut ein Kompliment, wie eine 
Beschimpfung sein kann. 

Nun, ich habe bei passender Gelegenheit meinen Kranken auch 
nadi einem Schimpfwort gefragt und es kam, prompt, wie ich es er- 

95 



, 



•■ 



wartet hatte, das Wort Ochse. Damit wäre ja die Trage gelöst : mein 
junger Freund hält midi für dumm, für horndumm. Aber das kann 
eine Empfindung des Augenblicks bei ihm sein, die - so hoffe idi - 
vorübergehen wird. Was midi an dem Wort interessiert, ist etwas 
andres. Wie inmitten der Dunkelheit ein aufzuckendes Lieht erhellt 
es für einen Augenblick die Finsternis der Erkrankung. Der Odise 
ist kastriert. Wenn ich, wie sich das für den wohlanständigen Arzt 
geziemt, den bösartigen Hohn überhöre, der mich zum Eunuchen de- 
gradiert, finde ich in dem Wort Ochse eine neue Erklärung für die 
Angst meines Patienten, ja, es bringt mich sogar der allgemeingültigen 
Lösung einer überaus wichtigen Frage näher, die wir in unserem 
seltsamen Medizindeutsch „Kastrationskomplex" nennen. Und wenn 
ich einmal diesen Kastrationskomplex in seinen Einzelheiten und seiner 
Gesamtheit beherrsche, werde ich mich Doktor Allwissend nennen und 
werde Ihnen von den vielen Millionen, die dann in meine Kasse 
fließen werden, großmütig eine schenken. Das Wort Ochse verrät mir 
nämlidi, daß mein Klient einmal den Wunsch und die Absidit gehabt 
hat, seinen eigenen Vater zu kastrieren, aus dem Stier einen Odisen 
zu machen, und daß er dieses frevelhaften Wunsches wegen nach dem 
Satze: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Schwanz um Schwanz, für 
seinen eigenen Geschlechtsteil bange ist. Was mag ihn zu diesem 
Wunsch bewogen haben ? 

Sie sind rasch mit der Antwort bei der Hand, liebe Freundin, 
und ich beneide Sie um diese entschlossene Raschheit. „Wenn", sagen 
Sie, „dieser Mensch von der Begierde beherrscht ist, seine Mutter zur 
Geliebten zu haben, kann er nicht dulden, daß ein andrer - der 
Vater - sie besitzt, er muß den Vater töten, wie Ödipus den Laios, 
oder er muß ihn kastrieren, zum ungefährlichen Haremssklaven 
machen." Leider sind die Dinge im Leben nicht so einfadi, und Sie 
müssen sich jetzt mitGeduld für eine lange Auseinandersetzung wappnen. 
Mein Kranker gehört zu den Menschen, die doppelgeschleditlich 
eingestellt sind, die ihre Affekte dem eigenen männlichen Gesdilechte 

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ebenso zuwenden wie dem weiblichen ; er ist, um mich wiederum 
meiner geliebten Medizinsprache zu bedienen, zugleich homosexuell 
und heterosexuell. Sie wissen, daß diese Doppelgesdilcditlichkeit für 
die Kinder allgemeingültig ist. Aus meinem Privatwissen füge ich hinzu, 
daß die doppelte Einstellung bei dem Erwachsenen eine Dauerhaftig- 
keit des kindlidien Es beweist, die der Aufmerksamkeit wert ist. Bei 
meinem Patienten wird die Sache noch dadurch kompliziert, daß er 
sich beiden Gesdileditern gegenüber als Mann oder als Weib fühlen 
kann, daß er also die verschiedensten Leidensdiaftsmöglidikeitcn hat. 
Es kann also sehr gut sein, daß er seinen Vater nur deshalb kastrieren 
will, um aus diesem Vater seine Geliebte zu machen, und daß ander- 
seits seine Angst, die Geschlechtsteile könnten ihm vom Vater weg- 
geschnitten werden, ein verdrängter Wunsch ist, die Frau des Vaters 
zu sein. 

Aber ich vergesse ganz, daß Sie ja gar nicht verstehen können, 
was ich meine, wenn ich sage, ein Mensch will durch Wegschneiden 
der männlidien Genitalien aus dem Mann ein Weib machen. Darf ich 
Sie bitten, mit in die Kinderstube zu kommen? Auf der Waschkom- 
mode sitzt Grete in ihrer dreijährigen Nacktheit und wartet auf das 
Kindermädchen, das warmes Wasser zum Abendwaschen holt. Vor 
ihr steht, mit neugierigen Augen zwischen die gespreizten Beinchen 
guckend, der kleine Hans, tippt mit dem Finger auf den roten 
klaffenden Spalt der Sdiwester und fragt: „Abgeschnitten?" „Nein, 
immer so gewesen." 

Wenn es mir nicht so unangenehm wäre, zu zitieren - in meiner 
Familie war es Sitte und sowohl Mutter wie Brüder haben mich und 
meine Eitelkeit tausendfach damit gequält, daß sie besser zitieren 
konnten als ich armseliger Benjamin ; es fehlt audi nidit an argen 
Blamagen, die idi bei falschem Zitieren auf mich geladen habe, - 
wenn es mir nicht so dumm vorkäme, würde idi jetzt etwas vom 
tiefen Sinn des kindischen Spiels sagen. Statt dessen will ich Ihnen 
nüchtern mitteilen, was diese Cesdiichte vom Abgeschnittenen bedeutet. 



7 Groddcck, Das Buch vom Es 



97 



Zu irgend einer Zeit - es ist merkwürdig, daß kaum einer sich be- 
sinnen kann, wann das geschieht - und noch merkwürdiger ist es, 
daß ich soviel mit Unterbrediungen meiner Sätze denke und schreibe. 
Sie mögen daraus erfahren, wie schwer es mir wird, auf diese Dinge 
einzugehen und ich überlasse es Ihnen, daraus Ihre Folgerungen über 
meinen persönlichen Kastrationskomplex zu ziehen. 

Also zu irgendeiner Zeit bemerkt das Knablein den Unterschied 
beider Geschlechter. Bei sich und beim Vater und den Brüdern sieht 
er ein Anhängsel, das ganz besonders lustig anzusehen und zum 
Spielen ist. Bei Mutter und Schwester sieht er statt dessen ein Loch, 
aus dem das rohe Fleisch, der Wunde ähnlich, hervorschimmert. Er 
folgert daraus, dumpf und unbestimmt, wie es seinem jungen Gehirn 
zukommt, daß einem Teil der Menschen das Schwänzchen, mi dem 
sie geboren wurden, weggenommen wird, ausgerissen, eingestülpt, ab- 
gecjuetsdit oder abgeschnitten wird, damit es auch Mädchen und 
Frauen gibt ; denn die braucht der liebe Gott zum Kinderkriegen. Und 
wiederum zu einer Zeit macht er in seiner seltsamen Verwirrtheit 
diesen unerhörten Dingen gegenüber für sich aus, das Schwänzchen 
wird abgeschnitten, denn die Mama macht ab und zu statt des hell- 
gelben Pipis rotes Blut in das Töpfchen. Also wird ihr von Zeit zu 
Zeit der Pipimadier, das Hähnchen, aus dem das Wasser spritzt, ab- 
geschnitten, und zwar nadits vom Papa. Und von diesem Moment an 
bekommt das Knäblein eine Art Verachtung für das weibliche Ge- 
schlecht, eine Angst für seine eigene Mannheit und eine mitleidige 
Sehnsucht, das Loch der Mama und weiterhin die Wunden andrer 
Mädchen und Frauen mit seinem Hähnchen auszufüllen, sie zu be- 
sdilafen. 

Ach, hebe Freundin, ich bilde mir nicht ein, damit die Lösung 
der ewig rätselhaften Frage nach der Liebe gefunden zu haben. Der 
Schleier bleibt, an dem ich nur ein Eckchen zu lüften suche, und was 
ich daliinter sehe, ist dunkel. Aber es ist wenigstens ein Versuch. 
Und ich bilde mir auch nicht ein, daß der Knabe diese infantile Se- 



98 



/ 



xualtheorie - erschredten Sie nidit über den gelehrten Ausdrude — 
klar denkt. Aber gerade weil er sie nidit klar denkt, nidit klar aus- 
zudenken wagt, weil er fünf Minuten später wieder eine andere Theorie 
aufstellt, um sie wieder zu verwerfen, kurz, weil er diese Dinge gar 
nidit in seinem Bewußtsein aufspeichert, sondern in die Tiefen des 
Unbewußten versenkt, gerade deshalb haben sie eine so unermeßlich 
große Wirkung auf ihn. Denn was unser Leben und Wesen gestaltet, 
ist nidit bloß der Inhalt unsers Bewußtseins, sondern in viel höherem 
Grade unsers Unbewußten. Zwischen beiden, der Region des Be- 
wußten und der des Unbewußten, ist ein Sieb und oben im Bewußten 
bleiben nur die groben Dinge zurüde, der Sand für den Mörtel des 
Lebens fällt in die Tiefe des Es, oben bleibt nur die Spreu, während 
drunten das Meld für das Brot des Lebens gesammelt wird, drunten 
im Unbewußten. 

Herzliche Grüße und alles Gute 

PATRIK TROLL. 

IL 

IHNEN ZU SCHREIBEN, BESTE FREUNDIN, IST ANGENEHM 
Andre, denen ich die Geschichte von der Kastration erzähle, werden 
bös, schelten mich und tun so, als ob idi an der Erbsünde und dem 
Erbfludi schuld sei. Sie aber ziehen sofort die Parallele mit der 
Sdiöpfungssage, und die Rippe Adams, aus der Eva gemacht wird, ist 
Ihnen der Geschlechtsteil des Mannes. Sie haben recht und ich freue 
mich. 

Darf ich Sie noch auf Kleinigkeiten aufmerksam machen? Zu- 
nächst eine Rippe ist hart und starr. Es ist also nidit der Penis 
schlechdiin, aus dem das Weib wird, sondern der hartgewordene, 
knochige, steife, der erigierte Phallus der Lust. Die Wollust gilt der 
Menschenseele als böse, als strafbar. Der Wollust folgt die Strafe der 
Kastration. Die Wollust macht aus dem Manne das Weib. 

Madien Sie eine Pause im Lesen, liebe Schülerin, und träumen 
Sie ein wenig darüber, was es für das Menschengeschlecht und seine 

7* 99 



Entwicklung bedeutet hat und noch bedeutet, daß es den stärksten 
Trieb als Sünde empfindet, den Trieb, der unbezähmbar ist, vom 
Willen nur verdrängt, niemals vernichtet werden kann, daß ein un- 
vermeidlicher Naturvorgang wie die Erektion mit Sdiande und Scham 
bedeckt ist. Aus der Verdrängung, aus dem Zwang, dieses und jenes 
zu verdrängen, wurde die Welt, in der wir leben. 

Darf ich Ilmen ein wenig helfen ? Was verdrängt wird, wird vom 
Platze gedrängt; in andre Form gepreßt und umgewandelt; zum 
Symbol gestaltet, erscheint es wieder : die Verschwendung wird zum 
Durchfall, die Sparsamkeit zur Verstopfung, die Gebärlust zum Leib- 
veh, der Geschlechtsakt zum Tanz, zur Melodie, zum Drama, baut 
sidi vor aller Menschen Augen auf als Kirche, mit ragendem Mannes- 
turm und geheimnisvollem Mutterschoß des Gewölbes, wird zum 
1 ender der Lokomotive und zum rhythmischen Stampfen des Straßen- 
pflasterers oder zum Takt des Axtschwungs beim Holzfäller. Lauschen 
Sie dem Klang der Stimmen, dem Auf und Nieder im Tonfall, der 
Schönheit des Sprachlauts, wie das heimlich wohltut und leise unver- 
merkt alles erregt, lauschen Sie in Ihre tiefste Seele hinein und leug- 
nen Sie noch, wagen Sie es noch, zu leugnen, daß alles, was gut ist, 
Symbol der wogenden Menschenleiber im Himmel der Liebe ist ! Und 
auch alles, was böse ist ! Was aber wird aus der Verdrängung der 
Erektion, dieses Aufwärtsstrebens, das mit dem Fluch der Kastration 
bedroht ist? Aufwärts gen Himmel reckt sich der Mensch, er hebt 
sein Haupt, stellt sich auf eigene Füße, ragt empor und läßt die su- 
chenden Augen über die Welt schweifen, umfaßt mit denkendem Hirn 
alles, was ist, wächst und wird größer und steht ! Sieh nur, Liebe, er 
wurde ein Mensch, zum Herren geworden durch Verdrängung und 
Symbol. Ist es nicht schön ? Und warum klingt unserm Ohr schlecht 
und Geschlecht so ähnlich ? 

Vor dem Wesen und heimlidien Denken des Es kann man sich 
fürchten, es staunend bewundern oder darüber lächeln. Auf die 
Mischung dieser drei Empfindungen kommt es an. Wer sie in Har- 



100 



monie zusammenklingen läßt, den wird man lieben, denn er ist 
liebenswert. 

Wie aber kommt es, daß der Mensch die Tatsache der Erektion 
als Sünde empfindet, daß er dumpf in sidi fühlt : nun wirst du zum 
Weibe, nun sdineidet man dir das Lodi in den Bauch ? Manches 
kennt unsereiner von der Mensdienseele, einiges davon läßt sidi 
sagen, vieles wird nie bis zur mitteilbaren Klarheit gedacht, zwei Dinge 
aber kann ich Ihnen sagen. Das eine ist, was wir zusammen erlebten 
und was uns damals heiter und froh madite. 

Wir hatten einen schönen Tag verlebt, die Sonne war warm ge- 
wesen und der Wald grün, die Vögel hatten gesungen und der Lin- 
denbaum summte von Bienen. Voll von der Frische der Welt kamen 
wir zu Ihren Kindern gerade zur Zeit, um den kleinen Knaben zu 
Bett zu bringen. Da fragte idi ihn : „Wen wirst du einmal heiraten ?" 
Er sdilang die Arme um Ihren Mals und küßte Sie und sagte : „Die 
Mama, nur die Mama." Nie vorher und nie später habe ich solchen 
Ton des Liebesgeständnisses gehört. Und in Ihren Augen war plötzlidi 
das wcidie Verschwimmen der Seligkeit, die völlige Hingabe ist. So 
ist es mit allen Knaben: sie lieben ihre Mütter, nicht kindlich, un- 
sdiuldig, rein, sondern heiß und leidenschaftlidi, durditränkt von 
Sinnlichkeit, mit der ganzen Kraft wollüstiger Liebe; denn was ist 
alle Sinnlichkeit des Erwachsenen gegen das Fühlen und Begehren 
des Kindes? Diese heiße Glut aller Liebe, die wohl begründet ist 
durdi jahrelanges gemeinsames körperliches Genießen von Mutter 
und Kind, löst sich, unter dem Einfluß von Gesetz und Sitte und 
unter dem Schatten des sündigen Bewußtseins im Gesicht der Mutter, 
ihrer Lüge und Heudielei, in Schuldbewußtsein und Angst auf, und 
hinter der Begierde blinkt das Messer hervor, das dem Knaben seine 
Liebeswaffe abschneiden wird, ödipus. 

Es gibt Völker, die dulden die Ehe von Bruder und Schwester, 
es gibt Völker, deren Sitte die reife Tochter dem Vater auf das 
Lager gibt, bevor der Gatte sie berühren darf. Aber niemals, 



101 



, . 



so lange die Welt stand, niemals, so lange sie stehen wird, ist dem 
Sohn gestattet, mit der Mutter zu schlafen. Die Blutschande mit der 
Mutter gilt als das schwerste Verbrechen, schlimmer als Muttermord, 
als Sünde der Sünden, als Sünde an sich. Warum ist das so? Geben 
Sie Antwort! Freundin. Vielleicht weiß die Frau darüber mehr zu 
sagen als der Mann. 

Das also ist das eine : weil Jede Erektion Begierde nach der 
Mutter ist, jede, nach dem Gesetze der Übertragung ausnahmslos 
jede, darum ist sie von Angst vor der Kastration begleitet Womit du 
sündigst, daran wirst du gestraft, das Weib mit Brustkrebs und 
Gebärmutterkrebs, weil sie mit Brüsten und Unterleib sündigte, 
der Mann mit Wunden, Blut und Verrücktheit, weil er Wunden 
schlug und Böses dadite, ein jeder aber mit dem Gespenste der Ent- 
mannung. 

Das andre aber ist eine Erfahrung: auf jede Erektion folgt die 
Erschlaffung. Und ist das nicht Entmannung? Diese Erschlaffung ist 
die natürliche Kastration und ist eine symbolische Quelle der Angst. 

Ist es nicht merkwürdig, daß die Menschen immer davon reden, 
man könne sich durch Wollust selber zerstören? Und hat doch die 
Natur durch symbolisdie Warnung der Erschlaffung eine unüberwind- 
liche Schranke für jede Vergeudung erschaffen. Ist dieses Gerede nur 
Angst, die dem Ödipuskomplex entspringt oder dem Onaniegespenst 
oder sonst einer Seltsamkeit der Menschenseele, oder ist es nicht auch 
vielleicht Neid? Der Neid des Impotenten, des Entbehrenden, der 
Neid, den jeder Vater gegen seinen Sohn, die Mutter gegen ihre 
Tochter, der Ältere gegen den Jüngeren hat? 

Ich bin weit herumgeschweift und wollte doch von der Erschaffung 
des Weibes aus Adams Rippe sprechen. Beachten Sie bitte: Adam ist 
ursprünglich allein. Soll aus dem weichen Fleisch, das er mehr hat, 
als dem Weibe spater gegönnt wird, eine harte Rippe werden, so muß 
die Begierde, die die Erektion hervorruft, der Verliebtheit in sich 
selbst entspringen, narzißtisch sein. Adam empfindet durch sich selbs 



102 



die Lust, die Befriedigung, die Verwandlung von Fleisch in Rippe ver- 
schafft er sich selbst. Und die Erschaffung des Weibes, das Abschneiden 
der Rippe, so daß die Wunde des Weibes entsteht, diese Kastration 
ist letzten Endes die Strafe für die Onanie. Wie sollte der Mensch 
aber, wenn er erst den Gedanken hatte : Onanie ist strafwürdig, sich 
eine andere Strafe auswählen, um sich davor zu fürchten, als die 
Kastration, da ja auf jeden Onanieakt unbedingt die symbolische 
Kastration, die Erschlaffung folgen muß ? 

Soweit ist die Sache leidlich klar. Aber nun bleibt die Frage, 
warum der Mensch in der Onanie die Sünde sieht. Wenigstens eine 
halbe Antwort darauf ist leicht zu finden. Denken Sie sich einen 
kleinen Säugling, ein Knäblein. Zunächst muß es sich selbst kennen- 
lernen, alles betasten, was betastbar ist, mit allem spielen, was zu ihm 
gehört, mit seinem Ohr, seiner Nase, seinen Fingern, den Zehen. 
Sollte er die kleine Troddel, die er unten am Bäuchlein hängen hat, 
aus angeborner Moralität beim Selbstkennenlernen und Spielen weg- 
lassen? Gewiß nicht. Was aber geschieht nun, wenn er spielt? Das 
Zupfen am Ohr, an der Nase, am Mund, an den Fingern und Zehen 
wird von der entzückten Mutter hervorgerufen, gefördert, in jeder 
Weise begünstigt. Sobald aber das Kindchen an der Troddel spielt, 
kommt eine große Hand, eine Hand, die von der Mythen sdiaffenden 
Kraft des Menschenkindes in die Hand Gottes verwandelt wird, und 
nimmt des Kindes Händchen fort. Vielleidit, sicher sogar, blickt dabei 
das Gesicht dieses Menschen, der die große Hand hat, der Mutter 
also, ernst, angstvoll, schuldbewußt. Wie tief muß das Erschrecken des 
Kindes sein, wie ungeheuer der Eindruck, wenn stets bei derselben 
Handlung, nur bei dieser einen einzigen Handlung die Gotteshand 
hindernd kommt. Das alles gcsdiieht zu einer Zeit, wo das Kind noch 
nicht spridit, ja, wo es das gesprodiene Wort noch nicht einmal ver- 
steht. Es gräbt sich ein in die tiefste Tiefe der Seele, tiefer nodi als 
Spredien, Gehen, Kauen, tiefer als die Bilder von Sonne und Mond, 
von rund und eckig, von Vater und Mutter : du darfst nicht mit dem 

103 






Geschlechtsteil spielen, und gleich anschließend entsteht der Gedanke : 
Alle Lust ist schlecht. Und vielleicht bringt die Erfahrung: wenn du 
mit dem Geschlechtsteil spielst, wird dir etwas weggenommen, not- 
wendig die weitere Idee : nicht nur das Händchen, auch das Schwänzchen 
wüd dir genommen. Wir wissen ja nichts vom Kinde, wissen nidit, 
wie weit es schon ein Persönlichkeitsgefühl hat, ob es mit dem Gefühl, 
Hand und Bein gehören zu mir, geboren wird oder es erst erwerben 
muß. Hat es schon von Beginn an das Empfinden, ein Idi zu sein, 
. von der Umwelt abgegrenzt zu sein ? Wir wissen es nicht, wissen nur 
das eine, daß es erst spät, erst mit drei Jahren beginnt, das Wörtlein 
Ich zu gebrauchen. Ist es so überkühn, anzunehmen, daß es ursprüng- 
lidi sich selbst zeitweise als fremd, als den Andern betrachtet, da der 
Hans dodi nicht sagt : Ich will trinken, sondern Hans will trinken ? 
Wir Menschen sind närrische Käuze, die solche Fragen gar nicht zu 
stellen wagen, einfach weil unsre Eltern uns das viele Fragen ver- 
boten haben. 

Es bleibt noch eine Schwierigkeit bei der Sdiöpfungssage, auf die 
ich kurz hinweisen möchte. Wir deuten beide die Entstehung aus der 
Rippe als Umwandlung des Mannes in ein Weib durch die Kastration. 
Dann fordert aber unser rationelles Denken zwei Adams, einen, der 
Adam bleibt, einen, der Eva wird. Aber das ist nur ein dummer 
rationalisierender Einwand. Denn wann hätte sich je die Dichtung 
daran gestoßen, aus einer Person zwei zu machen oder aus zweien 
eine ? Das Wesen des Dramas beruht darauf, daß der Dichter sich 
selbst in zwei, ja in zwanzig Personen spaltet, der Traum verfährt so, 
jeder Mensch tut dasselbe ; denn er nimmt in der Umwelt nur wahr, 
was es selbst ist, er projiziert sich selbst fortwährend in die Dinge. 
Das ist das Leben, das muß so sein, dazu zwingt uns das Es. 

Verzeihung, Sie lieben solch Philosophieren nicht Und vielleicht haben 

Sie recht Kehren wir in das Reich der sogenannten Tatsachen zurück ! 

Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, ich will ihm eine 

Gehilfin geben, sagt Gott der Herr, und macht ein Wesen, das dort, 

104 



wo der Mann einen Auswuchs hat, eine Öffnung besitzt, das sidi dort, 
wo er fladi ist, zwei Brüste wölben läßt. Das ist also das Wesendidie 
an ihrem Gehilfinsein. Es ist derselbe Gedanke, den das Kind hat: 
damit geboren wird, muß aus dem Adam durdi Wegnehmen der 
Rippe eine Eva werden. Ist solch eine Übereinstimmung von Volks- 
und Kinderseele nicht beaditenswert ? Wenn Sie Lust haben, wollen 
wir selbst Märchen und Mythen, Baustile und tedinische Leistungen 
der Völker durdi forschen ; vielleicht finden wir allerhand Kindliches 
darin. Das wäre nicht unwichtig ; es würde uns duldsam gegen die 
Kindlein machen, von denen Christus sagt: Ihrer ist das Himmelreidi. 
Ja vielleicht fänden wir auch unser längst verlorenes Staunen, unsre 
Anbetung des Kindes wieder, was immerhin in unserm malthusiani- 
schen Jahrhundert etwas bedeuten würde. 

Aber achten Sie doch auf das Wort : Gehilfin. Es ist keine Rede 
davon, daß der Mann umgewandelt wird in all seinem Wesen und 
Stieben ; er bleibt trotz der Kastration derselbe, bleibt, was er war, 
ein Wesen, das auf sidi selbst gerichtet ist, das sidi selbst liebt, das 
seine eigene Lust sucht und findet. Nur jemand, der ihm dabei hilft, 
ist entstanden, jemand, der ilun einen Teil seiner Lust wo anders als 
an seinem Körper unterzubringen ermöglicht. Der Trieb zum Verkehr 
mit sidi selbst bleibt, der Penis ist nidit verschwunden, er ist noch 
da, Adam ist nicht verändert, er steht noch ebenso wie vordem unter 
dem Zwang, sich selbst Lust zu verschaffen. Das ist eine seltsame Sache. 

Wie? Sollte es nicht möglidi sein, daß all das, was die Weisen 
und Toren sagen : die Onanie ist ein Ersatz des Geschleditsverkehrs, 
entsteht aus dem Mangel eines Objekts, entsteht, weil die Begierde 
des Mannes kein Weib zur Hand hat und deshalb zur Eigenhilfe 
greift; sollte das alles falsch sein? Betrachten Sie die Tatsachen. Das 
kleine Kind, das neugeborene, treibt Selbstbefriedigung ; das heran- 
reifende Menschlein der Pubertät tut es Mieder und - seltsam zu 
denken - der Greis und die Greisin greifen von neuem dazu. Und 
zwisdien Kindheit und Alter liegt eine Zeit, da verschwindet die 



105 



V- 



Onanie häufig und der Verkehr mit anderen Wesen erscheint. Sollte 
etwa der Geschlechtsverkehr Ersatz der Onanie sein? Und ist es 
wirklich so, wie es in der Bibel steht, daß der Geschlechtsverkehr nur 
Gehilfe ist? 

Ja, beste Freundin, so ist es. Es ist wirklich wahr, die Selbst- 
befriedigung besteht ruhig weiter, trotz Liebe und Ehe, neben Liebe 
und Ehe, sie hört nie auf, ist immer da und bleibt bis zum Tode. 
Gehen Sie in Ihre Erinnerung hinein, Sie werden in vielen Tagen 
und Nächten, im Liebesspiel mit dem Manne und im Leben Ihrer 
Phantasie den Beweis finden. Und wenn Sie ihn gefunden haben, 
werden Ihre Augen sich für tausend Phänomene öffnen, die deutlich 
oder unklar ihre Zusammenhänge, ja ihre Abhängigkeit von der 
Selbstbefriedigung zeigen. Und werden sidi hüten, die Onanie künftig 
unnatürlich und lasterhaft zu nennen, wenn Sie sich auch nicht zwingen 
können, sie als Schöpferin des Guten zu empfinden. Denn um so zu 
empfinden, müßten Sie die Gotteshand, die Hand der Mutter, die 
einst Ihr Spiel der Lust unterbrach, überwinden, innerlich überwinden. 
Und das kann niemand. 

Herzlichst 

PATRIK TROLL. 



12. 

ICH VERSTEHE NICHT, LIEBE FREUNDIN, WELCHER TEUFEL 
in Sie gefahren ist. Neulich schrieben Sie in heller Freude von Ihrer 
Überzeugung, daß die Kastrationsideen beim Menschen immer und 
immer nachweisbar sind und heute kommen Sie mit Einwänden. Aber 
warum wundre ich mich? Diese Dinge werden bei allen Menschen in 
tiefes Dunkel verdrängt, wieviel mehr also bei Ihnen, die Sie stolz 
sind und stets waren. Die Belastung durch den Kastrationsgedanken 
ist bei dem Weibe an sich schwerer als bei dem Manne. Bei ihm 
gleicht die Tatsache, daß er noch Mann ist und das Szepter der 
Männlichkeit, des Herrseins an seinem Leibe trägt, einigermaßen das 

106 



~-= 



Gewicht der Kastration aus ; er hat Wünsche und Ängste, aber er 
sieht doch mit eigenen Augen, daß er das Glied noch hat, für das er 
sich bangt. Das Mäddien aber sagt sich beim Anblick ihres Mangels : 
ich bin schon kastriert; meine einzige Hoffnung ist, daß die Wunde 
vernarbt und ein neues Ende dieses Herrenfleiscbes daraus hervor- 
wächst. Diese Hoffnung aufzugeben, sich mit dem Gefühl der eigenen 
Minderwertigkeit abzufinden, ja dieses Gefühl in ein ehrliches Be- 
kenntnis zum Weibsein, in den Stolz und die Liebe zum Weibsein 
umzuwandeln, wie Sie es getan haben, erfordert heißeres Ringen, ehe 
es zur Verdrängung kommt ; alles muß tiefer versenkt und verschüttet 
werden und schon das leiseste Schwanken der verschüttenden Massen 
bringt Umwälzungen hervor, die wir Männer nicht kennen. Man sieht 
das, und Sie empfanden es selbst bei jeder Periode; die monadiche 
Blutung, dieses Kainszeichen des Weibes, rührt den Kastrationskom- 
plex auf, aus dem Sumpfe des Unbewußten steigen die verdrängten 
Gifte empor und trüben im Verein mit vielen andern Dingen die 
klare Naivität des Menschen. 

Ist es nicht merkwürdig, daß Europäer bei dem Wort Periode, 
Menstruation, Regel sofort an die Blutung denken ? ja, daß im allge- 
meinen selbst dieses enge Interesse am Blut noch zu einem rohen 
Denken an Schmutz und Gestank, versteckte Beschämung, Schmerz 
und Kinderkriegen zusammengepreßt wird? Und hängt doch eine 
Welt von Lebenswerten an diesem Phänomen des rhythmischen 

Rausches. 

Denn das ist das Wesendiche: der Rausch, die Brunst, die Ge- 
schlechtslust des Weibes ist während dieser Bluttage hochgradig ge- 
steigert, und wie das Tier, das gewiß nicht niederer als der Mensdi 
ist, lockt die Frau auf irgendeine Weise in dieser Zeit den Mann zu sich ; 
und die Umarmung während der Blutung ist die heißeste, glücklidiste, 
wäre es vielmehr, wenn die Sitte nidit ihr Verbot dagegen gesetzt 
hätte. Daß dem wirklich so ist, beweist uns eine seltsame Tatsadie : 
über drei Viertel aller Vergewaltigungen finden während der Periode 

107 



I 



statt. Mit andern Worten : irgendein geheimnisvolles Etwas am blu- 
tenden Weibe zwingt den Mann in eine Raserei, die vor dem Ver- 
brechen nicht mehr zurücksteckt. Eva verführt den Adam, so ist es, 
war es and wird es immer bleiben. Sie muß ihn verführen, weil sie 
günstig blutet, weil sie selbst verlangt. Die Mütter erzählen ihren 
Töchtern, die Periode sei des Kinderkriegens wegen da. Das ist ein 
seltsamer Irrtum, eine verhängnisvolle Täuschung. Wie denn die 
Micht, die Phänomene des Eros auf einen Fortpflanzungstrieb zurück- 
zuführen, eine der großen Albernheiten unseres Jahrhunderts ist. 
Jeder blühende Apfelbaum, jede Blume und jedes Menschenwerk 
widerlegt solche enge Deutung der Ziele Gottnaturs. Von den 20.000 
befruduungsfähigen Keimen, mit denen das Mädchen geboren wird, 
sind bei ihrer Mannbarkeit nur noch einige Hundert da und von 
denen werden, wenn es hoch kommt, ein Dutzend befruditet, und 
von den vielen Millionen Samentierchen des Mannes sterben unzählige 
Scharen, ohne auch nur in den Schoß des Weibes zu gelangen. Es 
wird viel geschwatzt unter den Menschen, und ich darf mich auch 
unter die .Menschen rechnen. 

Sehen Sie nicht die tollen Zusammenhänge, die wirren Fäden, 
die von einem Komplex zum andern laufen: In der Mitte des I iebes- 
lebens steht das Blut, die Lust am Blute. Was soll man tun, wenn 
man in das Leben und Denken des Menschen hineinsieht ? Soll man 
über sie lachen, sie verachten, sie schelten ? Vielleicht ist es besser, 
sich der eigenen Torheit bewußt zu bleiben, Zöllner zu sein : Gott 
sei mir Sünder gnädig! Aber sagen will ich es doch: Es ist nicht 
wahr, daß Grausamkeit pervers ist. Alljährlich feiert die Christenheit 
den Charfreitag, den Freudentag. Die Menschheit schuf sich einen 
Gott, der litt, weil sie fühlte, daß der Schmerz der Weg zum Himmel 
•st, weil das Leiden, die blutige Qual für ihr Empfinden göttlich ist. 
Wurden Ihre Lippen nie wundgeküßt? War Ihre Haut nie blut- 
unterlaufen vom heißen Saugen eines Mundes? Bissen Sie nie in 
einen umschlingenden Arm und ward Ihnen nicht wohl, zerdrückt zu 



108 



werden ? Und dann kommen Sie mir mit der Narrheit, man dürfe 
Kinder nidit sdilagen. Adi, liebste Freundin, das Kind will gesdilagcn 
sein, es sehnt sidi danadi, es lechzt nach Keile, wie mein Vater es 
nannte. Und in tausendfältiger List sucht es die Strafe herbeizufüliren. 
Die Mütter beruhigen ihr Kind auf dem Arm mit sanften Schlägen, 
und das Kind lächelt dazu ; sie hat es gewaschen auf der Wickelkom- 
mode und küßt es auf die rosigen Bätkdien, die eben noch voll 
Dreck waren, und als letzte höchste Freude gibt sie dem strampelnden 
Wesen einen Klaps, den es krähend vor Freude empfängt. 

Haben Sie sich nie mit Ihrem Liebsten gezankt ? Aber bedenken 
Sie doch, wozu Sie es taten und wie alles verlief. Ein Stidi von hüben 
und ein verletzendes Wort von drüben, und dann wird es scharfer, 
beißend, Hohn, Zorn, Wut. Was wollten Sie doch damit, daß Sie den 
Mann mutwillig in Harnisch brachten ? Sollte er wirklich, wie er es 
tat, den Hut auf den Kopf setzen, den Stock in die Hand nehmen 
und die Tür zuknallen ? Adi nein, er sollte eine Türe öffnen, die in 
Ihr eigenes Leibeszimmer führt, er sollte sein Männlein einlassen, es 
bedecken mit dem Hut des Mutterschoßes, es krönen mit Kranz und 
Krone Ihres Mäddienleibcs, Natur hing ihm einen Stock an, den sollte 
er bei Ihnen gebrauchen, sollte Sie sddagen und grausam lieben. 
Nennen dodi alle Sprachen das Manneszeichen Rute. Die Grausamkeit 
ist unlösbar mit der Liebe verknüpft, und das rote Blut ist der tiefste 
Zauber der roten Liebe. 

Ohne Periode gäbe es keine Liebe zum Weibe, wenigstens keine, 
die das Wort wahr machte, daß das Weib dem Manne zur Gehilfin 
gesdiaffen wurde. Und das ist das Wesentlidic. Denn zu Ihrem 
Erstaunen und Ihrer Empörung werden Sic finden, daß sidi vieles, 
wenn nicht alles im Menschenleben aus der Liebe ableiten läßt, und 
die Tatsache, daß Eva nidit zum Kinderkriegen, sondern als Ge- 
fährtin dem Adam beigegeben wurde, paßt mir, um dem Gesdirei 
der bibelunkundigen Menge wenigstens ein Wort entgegenhalten zu 
können. 

109 



1 



So also liegen die Dinge für midi: idi nehme an, daß die 
Penode des Weibes, insbesondere auch die Blutung ein Lockmittel 
für den Mann ist Und damit stimmt wohl eine kleine Beobachtung 
überein, die ich hie und da gemacht habe. Viele Frauen, die lange von 
ihren Männern getrennt Maren, bekommen am Tage des Wiedersehens 
die Periode. Sie denken, die räumliche Trennung habe doch vielleicht eine 
Entfremdung herbeigeführt, und um die zu überwinden, bereitet ihr Es 
den Zauber des Liebestrankes, der den Mann in ihre Arme führt 
Sie wissen, ich hebe es, die Dinge auf den Kopf zu stellen, und 
hier ist es mir hoffentlich gut gelungen. Aber um gerecht zu sein, 
will ich Ihnen auch noch zwei andere Absichten des Es bei dieser 
seltsamen Maßregel verraten, die bei Ihnen weniger Widerspruch fin- 
den werden. Wenn eine Frau ihre Regel hat, kann sie nicht schwan- 
ger sein. Das Es legt durch die Blutung dem Gatten lautes und be- 
redtes Zeugnis für die Treue seines Weibes ab. „Siehe," spricht es, 
«wenn jetzt ein Kind kommt, so stammt es von dir; denn als du 
kamst, blutete ich.« Wenn ich nun boshaft wäre und die Männer auf- 
hetzen wollte - aber diese Briefe sind ja nur für Ihre Augen be- 
stimmt, ich kann Ihnen also meine kleine Bosheit mitteilen, ohne die 
Ehegatten mißtrauisch zu machen. Das starke Betonen der Unschuld 
ist immer verdächtig, es versteckt sich dahinter das Schuldbekenntnis. 
Und wirklich, wenn ich in solchen Fällen nachforschte, fand ich den 
Treubruch, der von dem roten Blute verborgen werden sollte. Freilich 
nicht ein wirkliches Schlafen mit einem fremden Manne; ich besinne 
mich nicht, das jemals erlebt zu haben; aber den Gedankentreubruch, 
die halbverdrängte Sünde, die doppelt tief wirkt, weil sie vor der 
Tat im Morast der Seele stecken blieb. Sie glauben gar nicht, liebste 
Freundin, was für heimlichen Spaß solche Betrachtungen machen. Das 
Leben erzielt Kontraste eigener Art Es weiß recht artig mit demsel- 
ben Wort Unschuld zu beteuern und Schuld einzugestehen. 

Ganz so ist auch die zweite Absicht des Es, von der ich sprach, 
ein doppelsinniges Spiel. „Locke den Mann,« so spricht das Es zum 



HO 



Weibe, „locke ihn mit dem Blute deiner liebe!" Das Weib hordit 
dieser Stimme, aber unschlüssig fragt es : Und wenn es mißglückt ? 
„Ei," sagt das Es und lacht ein wenig, „dann hast du ja für deine 
Eitelkeit die beste Entschuldigung. Denn wie sollte der Mann ein 
Weib berühren wollen, das unrein ist ?" In der Tat, wie sollte er es 
wollen, da es seit Jahrtausenden verboten ist? Wenn also die Um- 
armung stürmisch wird, so ist es gut, doppelt gut, weil sie erfolgte, 
trotzdem die Sitte sie verwirft, und bleibt sie aus, so geschieht es, 
weil die Sitte sie verwirft. 

Mit solcher Rückversicherung arbeitet das Es viel und mit Glück. 
So läßt es an dem liebenden Mund, der sich nach dem Kusse sehnt, 
ein entstellendes Ekzem erscheinen ; werde ich trotzdem geküßt, so ist 
das Glück groß, bleibt der Kuß aus, so war es nicht Mangel an Liebe, 
nur Abscheu vor dem Ekzem. Das ist einer der Gründe, warum der 
Knabe in der Entwicklungszeit auf der Stirn Eiterbläschen trägt, 
warum das Mädchen beim Ball auf ihrer nackten Schulter oder am 
Brustansatz Pickel bekommt, die nebenbei auch noch den Blick zu 
leiten wissen ; warum die Hand kalt und feucht wird, wenn sie sich 
dem Geliebten entgegenstreckt; warum der Mund, der den Kuß be- 
gehrt, übel riecht, warum Ausfluß aus den Geschlechtsteilen entsteht, 
warum Frauen plötzlich häßlidi und launisch werden und Männer un- 
geschickt und kindisch verlegen. 

Und damit komme ich ganz nahe an das große Rätsel : Warum 
verbot, wenn die Periode die Aufforderung zur Lust ist, unsere 
Menschensitte - so viel ich weiß, überall zu allen Zeiten - den Ge- 
schlechtsverkelir gerade während der Blutung? 

Das ist nun schon das dritte Mal, daß idi in meinen Briefen von 
Verbot rede, einmal war es das Onanie verbot, dann das des Inzestes 
mit der Mutter und nun das des Geschlechtsverkehres während der 
Periode. Wenn so den mächtigsten Trieben, dem der Selbstliebe, dem 
zur Liebe zwischen Schöpfer und Geschöpf, und dem zu dem Ge- 
schleditsverkclir selbst, starke Hindernisse entgegengesetzt werden, 



111 



darf man davon Wirkungen erwarten. Und in der Tat, aus diesen 
drei Verboten sind Folgen erwachsen, deren Umfang kaum zu er- 
messen ist. Wenn Sie gestatten, spiele ich ein wenig damit. 

Da ist zunächst das älteste, am frühesten wirkende Verbot, das 
der Onanie. Die einmal gekostete Lust verlangt nach neuer Lust, und 
da der Weg zur Selbstlust versperrt ist, wirft sich der Trieb mit voller 
Kraft auf ähnliche Lustempfindungen, die von fremder Hand, von der 
Hand der Mutter beim Waschen und Baden, beim Urinentleeren und 
sonstwie willig und unter der Begründung der Notwendigkeit und der 
alles erlaubenden Heiligkeit der Mutterliebe gewährt werden. Die 
erotische Bindung an die Mutter wird durch das Onanieverbot fester, 
die Leidenschaft zur Mutter wädist. Je stärker sie wird, um so stär- 
ker wird auch der Widerstand gegen diese rein körperlich geschlecht- 
liche Liebe, bis er schließlich in dem ausdrücklichen Verbot der Blut- 
schande mit der Mutter gipfelt. Ein neuer Ausweg wird gesucht, der 
über die Symbolgleichung Mutter = Gebärmutter zum Drang nach der 
Vereinigung mit irgend einem Weibe führt. Die rechte Zeit zu dieser 
Vereinigung ist die Brunstzeit der Gebärmutter, die Periode. Aber 
gerade in dieser Zeit tritt zwischen den Wunsch und die Erfüllung 
ein Nein, das in vielen Kulturen, so in der hebräischen, Gesetzes- 
kraft hat. Offenbar braucht Gottnatur solche Verbote, die, je nach 
Bedürfnis, so oder so gestaltet werden. Unsere eigene Zeit hat zum 
Beispiel, statt den Verkehr während der Blutung zu verbieten, die 
Form gewählt, bestimmte Jahre, und zwar die der heißesten Leiden- 
schaft, die Pubertätsjahre, durch das Strafgesetzbuch von jeder sexuel- 
len Betätigung außer der Onanie auszuschließen. Vielleicht macht es 
Ihnen Vergnügen, den Folgen solcher Verbote nachzudenken. 

Denn eins ist klar: das Verbot kann wohl den Wunsch ver- 
drängen, aus seiner Richtung drängen, aber es tötet ihn nicht. Es 
zwingt ihn, nur anderswie Erfüllung zu suchen. Die findet er auch 
in tausendfacher Weise, in jeder Lebenstätigkeit, die Sie sich aus- 
denken mögen : in Erfindungen von Schornsteinen oder Dampf- 



112 



schiffen, im Gebrauch des Pfluges oder des Spatens, im Dichten und 
Denken, in der Liebe zu Gott und Natur, im Verbrechen und der 
herrischen Tat, im Wohltun und in der Bosheit, in Religion und 
Gotteslästerung, im Beflecken des Tischtuches und im Zerschlagen 
eines Glases, im Herzklopfen und Schwitzen, im Durst und Hunger, 
Müdigkeit und Frisdie, Morphium und Temperenz, im Ehebruch und 
im Keuschheitsgelübde, im Gehen, Stehen, Liegen, im Schmerz und in 
der Freude, in Glück und Unzufriedenheit. Und damit doch endlidi 
zum Vorschein kommt, daß ich Arzt bin, der verdrängte Wunsch er- 
scheint in der Erkrankung, in jeder Art der Erkrankung, mag sie 
organisdi oder funktionell sein, mag sie Lungenentzündung oder 
Melancholie benannt werden. Das ist ein langes Kapitel, zu lang, um 
es heute weiter zu führen. 

Nur noch ein kleines Angclhäkdien will ich Ihnen zuwerfen, auf 
das Sie hoffentlich anbeißen. 

Was wird aus dem Wunsch des Mannes, mit dem Weibe während 
der Periode zusammenzukommen ? Das, was ihn aufregt, ist das Blut. 
Der Grausamkeitstrieb, der von Beginn an in ihm ist, wird auf- 
lodern. Er erfindet Waffen, ersinnt Operationen, führt Kriege, er- 
richtet Schlachthäuser, um Hekatomben von Rindern zu töten, be- 
steigt Berge, fährt zur See, sucht den Nordpol oder das Innere Tibets, 
Jagt, fischt, schlägt seine Kinder und donnert seine Frau an. Und was 
wird aus dem Wunsche des Weibes? Sie knüpft sich eine Binde 
zwisdien die Schenkel, treibt unbewußte Onanie unter dem allgemein 
gebilligten Vorwande der Reinlichkeit. Und wenn sie reinlich ist, tut 
sie die Binde aus Vorsicht schon einen Tag vorher an und trägt sie 
aus Vorsidit einen Tag länger. Und wenn das nicht befriedigt, läßt 
sie die Blutungen länger dauern oder häufiger erscheinen. Der Trieb 
zur Selbstliebe bekommt freiere Bahn und erbaut durch die Begierde 
des Weibes die Grundlagen unsrer Kultur, die Reinlichkeit und mit 
ihr die Wasserleitungen, Bäder und Kanalisationen, die Hygiene und 
die Seife, und weiterhin die Vorliebe für seelische Reinheit, geistigen 



8 Groddeck, Das Buch vom Es 



113 



Adel, innere Harmonie des höher strebenden Menschen, während 
der Mann als Anbeter des Blutes in die geheimnisvollen Eingeweide 
der Welt eindringt und unablässig am Leben schafft 

Es gibt seltsame Läufe im Leben, die mitunter wie Kreisläufe 
aussehen. Aber letzten Endes bleibt uns Sterblichen nur eines : zu 
staunen. 

Herzlichst Ihr 

PATRIK TROLL. 



13- 
ICH BIN IHNEN DANKBAR, LIEBE FREUNDIN, DASS SIE AUF 
Kunstausdrücke und Definitionen verzichten. Es wird auch ohne sie 
gehen, und ich laufe wenigstens nicht Gefahr, mich zu blamieren. 
Denn im tiefsten Geheimnis will ich Ihnen anvertrauen, daß ich 
Definitionen, mögen sie von anderen oder von mir stammen, oft 
selber nicht verstehe. 

Statt der Definitionen will ich Ihnen, Ihrem Wunsche gemäß, 
etwas mehr von den Wirkungen des Verkehrsverbotes während der 
Periode mitteilen. Und weil mich das Schicksal doch einmal zum Arzt- 
sein bestimmt hat, soll es etwas Medizinisches sein. Seit einem Jahr- 
hundert ungefähr, seit dem man auch die sehr männlichen mythi- 
schen Symbole der Engel ins Weibliche umgestaltet hat, ist es Mode, 
den Frauen einen Seelenadel anzudichten, der sich in Abscheu vor 
aller Erotik äußert, sie als schmutzig empfindet und besonders die 
»unreine" Zeit des Weibes, worunter man die Periode versteht, als 
besdiämendes Geheimnis behandelt. Und diese Tollheit - denn wie 
soll man anders eine Denkweise nennen, die den Frauen die Sinn- 
lichkeit abspricht; als ob die Natur so dumm wäre, dem Teil der 
Menschheit, der die Last der Schwangerschaft trägt, weniger Begierde 
mitzugeben als dem andern ? Die Tollheit geht so weit, daß die von 
Ihnen so hochgepriesenen Lehrbücher allen Ernstes von der Existenz 
frigider Frauen spredien, Statistiken darüber veröffentlichen, die sich 
auf die von der Zeitsitte erzwungene Heuchelei der Frauen gründen 

114 



und so das Weib, wissensdiaftlidi unwissend, immer tiefer in Lug 
und Trug hineintreiben. Denn, denkt das arme, eingeängstigte Wesen, 
das man junge Dame nennt, warum sollte idi, wenn es die Mutter 
durchaus verlangt, der Vater es als selbstverständlich voraussetzt und 
der Geliebte meine Reinheit anbetet, nidit so tun, als ob idi wirk- 
lidi zwischen Kopf und Füßen nidits hätte ? Sie spielt die aufgezwun- 
gene Rolle im allgemeinen mit Gesdii<k, ja sie strebt wirklich danach, 
das Anerzogene als echt zu leben, und nur die Raserei der vierten 
Wodie geht über ihre Kraft. Sie braudit eine Hilfe, ein Band ge- 
wissermaßen, das die Maske festhält, und diese Hilfe findet sie in 
der Erkrankung, zunädist im Kreuzsdimcrz. Das Vor- und Zurück- 
bewegen des Kreuzes ist die Beischlafstätigkeit des Weibes; der 
Kreuzsdurierz verbietet diese Bewegung, er verstärkt das Verbot der 
Brunst. 

Glauben Sie nur ja nidit, liebe Freundin, daß ich mit soldien kleinen 
Bemerkungen irgendeine Frage zu lösen beabsiditige. Ich will Ihnen 
nur begreiflich madien, was Ihnen so oft unbegreiflich schien, warum 
ich immer wieder bei meinen Kranken nach dem Zweck ihrer Er- 
krankung frage. Ich weiß nicht, ob die Erkrankung einen Zweck hat, 
es ist mir auch gleidigültig. Aber ein soldies Fragen hat sich mir be- 
währt, weil es auf irgendeine Weise das Es des Kranken in Bewegung 
setzt und nidit selten zum Versdiwinden eines Symptoms beiträgt. Das 
Verfahren ist ziemlich roh, pfusdierhaft, wenn Sie wollen, und ich bin 
mir bewußt, daß jede Gelehrienbrille geringsdiätzig darüber hinweg- 
sieht. Aber Sie haben midi danach gefragt und ich antworte. 

Idi pflege im Laufe einer Behandlung zu irgend einer Zeit den 
Kranken darauf aufmerksam zu machen, daß aus Menschensamen und 
Menschenei stets ein Mensdi wird, nicht ein Hund, nicht eine Katze, 
daß eine Kraft in diesen Keimen steckt, die imstande ist, eine Nase, 
einen Finger, ein Gehirn zu formen, daß also diese Kraft, die so Er- 
staunlidies leistet, wold auch einen Kopfsdimcrz oder einen Durdifall 
oder einen geröteten Hals ersdiaffen kann, ja daß ich es nicht für zu 

8* 115 



kühn halte anzunehmen, daß sie auch eine Lungenentzündung oder 
Gicht oder Krebs fabrizieren kann. Ich gehe sogar so weit, dem Kranken 
gegenüber zu behaupten, diese Kraft tue das wirklich, mache den 
Menschen nach ihrem Belieben krank zu bestimmten Zwecken, wähle 
nach ihrem Belieben zu bestimmten Zwecken Ort, Zeit und Art der 
Erkrankung aus. Und dabei kümmere ich mich gar nidit darum, ob 
ich das, was ich behaupte, selber glaube oder nicht, ich behaupte es 
einfach. Und dann frage ich den Kranken, wozu hast du eine Nase? 
Zum Riechen, antwortet er mir. Also folgere ich, hat dein Es dir den 
Schnupfen gegeben, daß du irgend etwas nicht riechen sollst. Suche, 
was du nicht riechen solltest. Und ab und zu findet der Patient wirk- 
lich einen Geruch, den er vermeiden wollte, und - Sie brauchen es 
nicht zu glauben, aber ich glaube es - wenn er ihn gefunden hat, 
verschwindet der Schnupfen. 

Die Kreuzschmerzen bei der Periode erleichtern der Frau den 
Widerstand gegen ihre Begierde, so behaupte ich. Aber damit soll 
nicht gesagt sein, daß derlei Schmerzen nur diesem Zweck dienen. Sie 
müssen bedenken, daß in dem Worte Kreuz das Mysterium der Christen- 
heit steckt, daß dieses os sacrum, dieser heilige Knochen in sich das 
Problem der Mutter birgt. Davon und von anderm will ich hier nicht 
sprechen, lieber ein wenig weitergehen. Zuweilen genügt der Kreuz- 
schmerz nicht, dann tritt warnend der Krampf und wehenartiger Schmerz 
im Unterleibe hinzu, und reicht das nicht aus, so greift das Es zum 
Kopfschmerz, um die Gedanken stiUzustellen, zu Migräne, Übelkeit 
und Erbrechen. Sie stehen da mitten in seltsamen Symbolen ; denn 
Übelkeit, Erbrechen, das Gefühl des Schädelplatzens sind Geburtssinn- 
bilder in Kranklieitsform. 

Sie verstehen, daß es unmöglich ist, klare Auseinandersetzungen 
zu geben, wo alles so bunt ist. Aber eines darf ich wohl sagen : je 
schwerer der innere Konflikt der Menschen ist, um so schwerer sind 
die Erkrankungen, die ja symbolisch den Konflikt darstellen, und um- 
gekehrt, je schwerer die Erkrankungen, um so heftiger ist die Begierde 



116 



und der Widerstand gegen die Begierde. Das gilt von allen Erkrankungen, 
nidit nur von denen der Periode. Reidit die lcidite Form des Un- 
wohlseins nidit aus, um den Konflikt zu lösen oder zu verdrängen, so 
greift das Es zur schwereren, zum Fieber, das den Mensdien ins Haus 
bannt, zur Lungenentzündung oder zum Beinbrudi, die ihn in das 
Bett werfen, so daß der Kreis der Wahrnehmungen, die die Begierde 
stärker reizen, kleiner wird, zur Olinmadit, die jeden Eindruck aus- 
schließt, zur dironisdien Erkrankung, Lähmung, zum Krebs und der 
Sdiwindsudit, die langsam die Kraft untergraben, und sdiließlich zum 
Tode. Denn nur der stirbt, der sterben will, dem das Leben uner- 
träglidi wurde. 

Darf ioh wiederholen, was idi sagte ? Die Erkrankung hat einen 
Zweck, sie soll den Konflikt lösen, verdrängen oder das Verdrängte 
am Bewußtwerden verhindern ; sie soll für die Übertretung des Ver- 
botes bestrafen, und das geht so weit, daß man aus der Art und dem 
Ort und der Zeit der Erkrankung auf Art, Ort und Zeit der straf- 
baren Sünde Rücksdilüsse madien kann. Wer den Arm bridit, hat mit 
dem Arm gesündigt oder wollte damit sündigen, vielleidit morden, 
vielleicht stehlen oder onanieren ; wer blind wird, will nidit mehr 
sehen, hat mit den Augen gesündigt oder will mit ihnen sündigen ; 
wer heiser ist, der hat ein Geheimnis und wagt es nicht laut zu 
erzählen. DieErkrankung ist aber audi ein Symbol, eineDarstellung eines 
inneren Vorgangs, ein Theaterspiel des Es, mit dem es verkündet, 
was es mit der Zunge nicht auszusprechen vermag. Mit andern Worten, 
die Erkrankung, jede Erkrankung, mag sie nervös oder organisch 
genannt werden, und auch der Tod sind ebenso sinnvoll wie das 
Klavierspiel oder das Anzünden eines Streichholzes oder das Übcr- 
einanderschlagen der Beine. Sic sagen etwas vom Es aus, deudicher, 
eindringlicher als die Sprache es vermag, ja als das ganze bewußte' 
Leben es kann. Tat tvam asi. 

Und wie seltsam sdierzt das Es! Ich nannte vorhin die Schwind- 
sucht die Sudit zum Schwinden. Die Begierde soll schwinden, die 



117 



Begierde nach dem Aus und Ein, nach dem Hin und Her der Erotik, 
das sich in der Atmung symbolisiert. Und mit der Begierde schwinden 
die Lungen, diese Darsteller des Empfängnis- und Geburtssymbols, 
schwindet der Leib, dieses Phallussymbol, muß schwinden, weil die 
Begierde in der Erkrankung wächst, weil die Schuld durch die immer 
wiederholte symbolische Samenverschwendung des Auswurfs sich ständig 
vergrößert, weil die Sucht zu sdiwinden aus der Verdrängung dieser 
ins Bewußtsein strebenden Symbole immer wieder neu entsteht, weil 
das Es durch die Lungenerkrankung schöne Augen und Zähne, hitzende 
Gifte entstehen läßt. Und das grausame Mordspiel des Es wird noch 
toller, weil ihm ein Irrtum zugrunde liegt ; denn Sucht hat nichts mit 
Sehnsudit zu tun, sondern mit siech. Aber das Es stellt sich, als ob 
es über Etymologie nichts wüßte, hält sich wie der naive Griedie an 
den Klang des Wortes und benutzt diesen Klang, um die Erkrankung 
entstehen zu lassen und weiter zu führen. 

Es wäre gar nicht so dumm, wenn die berufenen Leute der 
Medizin weniger klug wären und plumper dächten, kindlicher folgerten. 
Man täte damit vielleicht Besseres als mit der Erriditung von Lungen- 
heilstätten und Beratungsstellen. 

Rate ich recht, wenn ich annehme, daß Sie audi vom Krebs ein 
kräftig Wörtlein hören mögen ? Wir sind allmählich mit Hilfe unsrer 
Beflissenheit, uns von Anatomie, Physiologie, Bakteriologie und Sta- 
tistik Ansichten vorschreiben zu lassen, so weit gekommen, daß nie- 
mand mehr weiß, was er Krebs nennen soll und was nidit Die Folge 
davon ist, daß das Wort Krebs ebenso wie das Wort Syphilis alle 
Tage viel tausendmal gedrudit und gesprochen wird ; denn was hören 
wohl die Menschen lieber als Gespenstergeschichten ? Und da man an 
Gespenster nicht mehr glauben darf, geben die beiden, trotz oder 
wegen der vielen Wissensdiaft so gut wie undefinierbaren Namen, 
deren assoziative Verwandtschaft grausige Grotesken ersdiafft, einen 
guten Ersatz fürs Gruseln. Nun gibt es ein Phänomen im Leben des 
Es, das heißt die Angst, und die bemächtigt sich, weil sie aus Zeiten 



118 



stammt, die jenseits der Erinnerung liegen, der beiden Wörter, um 
dem hohen Verstände einen Schabernack zu spielen und das Er- 
scheinen der Angst seiner Dummheit erklärlich zu machen. Wenn Sie 
noch die Onanieangst hinzurechnen, haben Sie ein in sich zusammen- 
hängendes Gewirr von Angst, und das halbe Leben ist Angst. 

Aber ich wollte Ihnen etwas von meiner Krebsweisheit erzählen 
und merke, daß midi der Zorn vom Wege lockt. Gehen Sie hin zu 
Ihrer Nadibarin und Freundin, bringen Sie sie auf das Thema Krebs 
- sie wird bereitwillig darauf eingehen, denn sie hat wie alle Trauen 
Krebsangst - und fragen Sie sie dann, was ihr zu dem Wortklang Krebs 
einfällt. Sie wird Ihnen sofort antworten „Der Krebs geht rückwärts" 
und nach einigem Zögern „er hat Sdieren". Und wenn Sie ebenso 
frech wie idi am Sdileier des Wissenschaftsmysteriums gezerrt haben, 
werden Sie daraus sdiließen : der oberflädilidier liegende Komplex, 
aus dem die Krebsangst sich satt frißt, hat etwas mit der Rückwärts- 
bewegung zu tun, und tiefer liegt etwas, was mit dem Begriff des 
Schneidens zu tun hat. Das ist gar leicht zu erklären, der Mensch 
geht eben, wenn er am Krebs erkrankt, an Kraft und Lebensmut 
zurück und der Arzt schneidet, wenn er „in den Anfangsstadien" dazu 
kommt. Aber bei näherem Eingehen auf die Frage werden Sie er- 
fahren, daß die Rückwärtsbewegung im Assoziationszwang mitKindheits- 
beobaditungen steht, die frühzeitig verdrängt im Unbewußten fort- 
gewirkt haben. Der kleine Engel von Mädchen ist durdiaus nidit 
unsdiuldig, wie man anzunehmen beliebt, durdiaus nicht rein, wie die 
höheren Menschen es behaupten, genau so wenig wie es die Taube 
ist, die man als Symbol der Reinheit und Unsdiuld uns vorführt, 
während die Griechen sie der Liebesgöttin beigesellten; das Engelchen 
sieht seltsame Bewegungen beim Hund und der Hündin, beim Hahn 
und der Henne, und da es nicht dumm ist und aus dem albernen 
Verhalten von Erzieherinnen und Müttern sdiließt, daß es vor einem 
Geheimnis der Gesdilechtsliebe steht, kombiniert es damit das andre 
ihm viel wichtigere Geheimnis des elterlidien Schlafzimmers. 



119 






So wie es hier die Tierlein tun, denkt es, treiben es audi Papa 
und Mama zu den Zeiten, wo idi das merkwürdige Beben des Bettes 
fühle und ihr gemeinsames Puff-Puff-Eisenbahnspielen höre. Mit 
andern Worten, das Kind kommt auf die Idee, daß der Beisdilaf von 
hinten stattfinde, und versenkt diese Idee in die Tiefe, bis sie auf 
dem Assoziationswege Rückwärts und Krebs als Angst wieder empor- 
steigt. Die Scheren aber — ich brauche es kaum noch zu sagen - führen 
direkt und indirekt auf die große Angstfrage der Kastration, der Ver- 
wandlung des ursprünglich männlich gedachten Weibes in ein weib- 
liches Weib, dem der Penis abgeschnitten, zwischen dessen Beinen 
ein zeitweise blutendes Loch geschnitten wurde. Auch dieser Gedanke 
stützt sich auf eine Erfahrung, auf eine der ersten des Lebens, auf 
das Abschneiden der Nabelschnur. 

Von all den Theorien, die über den Krebs aufgestellt worden 
sind, ist für midi im Laufe der Zeit nur eine übrig gebheben, die, 
daß der Krebs unter bestimmten Erscheinungen zum Tode führt. Was 
nicht zum Tode führt, ist kein Krebs, so meine ich. Sie können daraus 
entnehmen, daß ich mir keine Hoffnung auf ein neues Verfahren zur 
Krebsheilung mache. Aber bei all den vielen sogenannten Krebsfällen 
lohnt es sich, auch einmal das Es des Menschen zu befragen. 

Immer Ihr 

PATRIK TROLL. 



14. 
LIEBE FREUNDIN, SIE HABEN ES RICHTIG AUFGEFASST, DER 
Ödipuskomplex beherrscht des Menschen Leben. Aber ich weiß nicht 
recht, wie ich Ihrem Verlangen mehr davon zu hören, nachkommen 
soll. Die Sage selbst, wie Ödipus unschuldig-schuldig seinen Vater er- 
schlägt und mit der Mutter in blutsdiänderisdiem Verkehr unselige 
Kinder zeugt, kennen Sie doch oder finden Sie leicht in jeder Sagen- 
sammlung. Daß der Inhalt der Sage: brünstige Leidenschaft des Sohnes 
für die Mutter und mörderischer Haß gegen den Vater, typisch ist, für 



120 



alle Menschen aller Zeiten gültig ist, daß in dieser Sage sich ein tiefes 
Geheimnis des Mensdiseins halb enthüllt, sagte ich schon. Und die 
Anwendung auf Ihr eigenes Leben, auf meines oder auf das irgend 
eines andern Menschen müssen Sie selbst machen. Ich kann Ihnen 
höchstens ein paar Geschichten erzählen, vielleicht lesen Sie sich ein 
wenig daraus heraus. Ungeduldig dürfen Sie aber nicht werden, das 
Leben des Unbewußten ist sdiwer zu entziffern, und Sie wissen, mir 
kommt es auf ein paar Irrtümer nicht an. 

Vor mehr als zwanzig Jahren - ich war damals noch ein junger 
Arzt, tollkühn in der festen Überzeugung, daß mir nichts fehlschlagen 
werde - wurde mir ein Knabe gebracht, der an einer seltsamen 
Hauterkrankung, Sklerodermie genannt, litt. Er war wegen der Aus- 
dehnung seines Leidens, das sidx über große Teile des Bauches, der 
Brust, der Arme und Beine erstreckte, von den Autoritäten als dem 
Tode verfallen aufgegeben. Ich übernahm frohgemut die Behandlung 
nadi den Grundsätzen, die idi von Schweninger gelernt hatte, und da 
nach etwa einem Jahr die Sadie zum Stillstand kam, hielt ich es nidit 
für einen Raub, Gott gleidi zu sein und meiner - ich darf es sagen 
— mühseligen Arbeit die Genesung zuzuschreiben. Was man so Ge- 
nesung nennt; wir Ärzte sind darin, wenn es sich um die Beur- 
teilung unsrer eigenen Erfolge handelt, weitherzig. Letzten Endes 
blieb noch genug zu wünschen übrig; abgesehen von den Narben, 
die der Prozeß zurückgelassen hatte und die Sie sidi kaum groß ge- 
nug vorstellen können, waren die Ellbogengelenke so kontrakt, daß 
die Arme nicht vollständig ausgestreckt weiden konnten, und das eine 
Bein war und blieb dünn wie ein Stock. Auch die Reizbarkeit des 
Herzens, die sich gelegentlich in rasender Sdinelligkeit der Sdiläge 
und in Angstzustanden äußerte, M-ie fast ununterbrochener Kopf- 
sdimerz sowie eine Reihe von neurotisdien Beschwerden ließen sich 
nicht beseitigen. Immerhin, der Knabe blieb am Leben, machte das 
Gymnasium durch, war eine Reihe von Jahren Offizier und ging 
dann zu einem akademisdien Beruf über. Von Zeit zu Zeit erschien 



121 






er für einige Wochen bei mir, um sich aufzufrischen. Inzwischen 
wurde er seiner vielen Beschwerden halber von dem und jenem Arzte 
behandelt, um schließlich bei einem bekannten Berliner Herrn, dessen 
Namen Ihnen und mir Achtung einflößt, zu bleiben. Einige Jahre 
hörte ich nichts von ihm, dann kam der Krieg und wenige Monate 
später traf er wieder bei mir ein. 

Diesmal sah das Krankheitsbild seltsam aus. Kurz nach Kriegs- 
ausbrudi war Herr D. - so wollen wir ihn nennen - mit starkem 
Schüttelfrost und Fieber bis zu 40° erkrankt. Das dauerte eine Weile, 
ohne daß man dahinter kam, was eigentlich los war. Endlich schien 
sich die Sache zu klären. Die Temperaturen sanken des Morgens 
unter 36 , um gegen Abend auf 39 bis 40 zu steigen. Das Blut 
wurde auf Malaria untersucht, einmal, sechsmal, ein paar Dutzend- 
mal, Plasmodien wurden nicht gefunden und auch Chinin und Ar- 
senik, die man vorsiditshalber gab, blieben wirkungslos. Inzwischen 
wurde ohne Ergebnis nach Tuberkulose gefahndet und eine alte 
Syphilisdiagnose, derentwegen er vor Jahren „antiluetisch" - wie 
schön das klingt - behandelt worden war, wieder aufgewärmt. Der 
berühmte „Wassermann" - Sie wissen wohl, was das ist, - ergab 
ein zweifelhaftes Resultat und schließlich war man so klug wie zuvor. 
Plötzlich war das Fieber fort, der völlig heruntergekommene Körper 
fing an sich zu erholen, die Uniformen wurden instand gesetzt und 
alles schien gut. Herr D. ging wieder aus, verfaßte ein Gesuch an 
sein Ministerium, das ihn für unentbehrlich erklärt hatte, ihm die 
freiwillige Teilnahme am Feldzug zu gestatten, erhielt die Erlaubnis 
und erkrankte am selben Tage mit Fieber- und Halsschmerzen. Die 
zugezogenen Ärzte schauten ihm in den Mund, fanden an Mandeln, 
Zäpfchen und Rachenwand Geschwüre, und da das Fieber verschwand' 
die Geschwüre aber weiter um sich griffen, ein verdäditiger Aus- 
schlag erschien und einige Drüsen gefällig genug waren, angeschwollen 
zu sein, stellten sie ein Rezidiv der angeblich früher überstandenen 
Syphilis fest, was ich ihnen nicht verdenken kann. Die Wasser- 



122 



mannsdic Probe war freilich negativ, blieb es audi, aber - nun kurz 
gesagt, es wurde Salvarsan und Quecksilber gegeben. Der Erfolg war 
niederschmetternd. Statt einer Besserung trat von neuem das rätsel- 
hafte Fieber auf, zeitweise begleitet von völliger Bewußtlosigkeit, der 
Kranke verfiel mehr und mehr und sdiließlidi ließ er sich unter Aus- 
nützung der letzten Kräfte zu mir transportieren. 

Ich war damals in bezug auf die Abhängigkeit des organischen 
Leidens vom Es meiner Sache nidit so sicher, wie ich es jetzt bin, 
glaubte auch, von irgend weldien Bosheiten meines Unbewußten ver- 
leitet, bei einem Menschen, der anderthalb Jahrzehnte lang von mir 
in bestimmter Richtung behandelt worden war, von dieser Richtung 
nicht abweichen zu können, ohne sein Vertrauen zu verlieren; kurz, 
ich behandelte ihn, wie er es von mir gewohnt war, mit sehr heißen 
lokalen Bädern, Massage, sorgfältiger Diät usw. Das schloß den Versuch 
einer psydiisdien Beinflussung nicht aus, nur ging dieser Versuch in 
der alten Richtung, dem Kranken durch die autoritative Suggestion 
zu helfen. Zunädist erklärte ich mit voller Überzeugung und bestimmt 
genug, um keinen Widerspruch aufkommen zu lassen, daß von Syphilis 
keine Rede sein könne ; und dann zeigte idi dem Kranken, daß sein 
Leiden mit seinem Wunsch, in das Feld zu gehen, zusammenhinge. 
Er wehrte sich eine Zeitlang gegen diese Annahme, gab aber bald zu, 
daß es so sein könne und erzählte mir ein paar Einzelheiten der 
letzten Monate, die meine Ansicht bestätigten. 

Die Sache schien gut zu verlaufen, die Kräfte hoben sich, Herr D. 
begann in der Umgegend umherzustreifen und sprach wieder davon, 
sich freiwillig zum Heeresdienst zu melden. Damit war es ihm ernst; 
er stammte aus einer alten Offiziersfamilie und war selbst mit Passion 
Offizier gewesen. Eines Tages trat wieder Fieber auf, wieder in der 
alten Weise mit niedrigen Morgentemperaturen und überaus hohen 
abendlichen Steigerungen, und gleidizeitig kamen auch von neuem die 
merkwürdigen, Symptome, die deutlich den Charakter der Syphilis 
trugen. Es bildete sidi ein Geschwür am Ellenbogen, dann, nachdem 



123 



das abgeheilt war, eins an dem Unterschenkel, dann kamen Geschwüre 
im Hals, dann wieder am Ellenbogen und Unterschenkel und schließlich 
am Penis. Dazwischen taudite ein roseolaartiger Ausschlag auf, kurz, 
es geschahen allerlei Dinge, die mich schwankend madaten, ob nicht 
doch etwa Syphilis da sei. Die Untersuchungen nach Wassermann, die 
von der Universitätsklinik ausgeführt wurden, gaben widersprechende 
Resultate, bald lautete das Urteil bestimmt negativ, bald hieß es, es 
sei unbestimmt Das zog sich drei Monate lang hin. Plötzlich, und ohne 
daß ich irgendwie finden konnte warum, verschwand die ganze Er- 
krankung. Herr D. blühte auf, nahm von Tag zu Tag an Kraft und 
Gewicht zu und alles war gut. Ich gab ihm die vorgeschriebenen 
Impfungen gegen Pocken, Cholera und Typhus, er hing sich den Ruck- 
sack auf den Rücken und verabschiedete sich von mir, um nach einer 
dreitägigen Fußwanderung durch den Schwarzwald sofort sich bei seinem 
Bezirkskommando zu melden. Am dritten Tage der Wanderung brach 
das Fieber von neuem aus, Herr D. kehrte für einige Tage zu mir 
zurück, ging dann aber nach Berlin, um dort unter andrer ärztlicher 
Führung noch einmal sein Heil zu erproben. 

Im Sommer 1916, fast 16 Monate später, kam er wieder. Er war 
lange Zeit in Berlin behandelt worden, war dann nach Aachen zu 
dem Gebrauch der dortigen Quellen geschickt worden, nach Sylt, in 
das Gebirge, nach Nenndorf, und hatte schließlich wieder Wochen und 
Monate schwer krank in Berlin gelegen. Sein Zustand war derselbe, 
häufige stürmische Fieberanfälle, Geschwüre, Ohnmächten, Herz- 
beschwerden usw. Mir fiel auf, daß sein altes Leiden der Sklerodermie 
an einzelnen Stellen wieder eingesetzt hatte und daß die neurotischen 
Symptome zugenommen hatten. 

Inzwischen war mit mir selbst eine große Veränderung vor sich 
gegangen. W T ährend meiner Lazarettätigkeit hatte ich oft die Wirkung 
der Psychoanalyse auf die Heilung von Wunden und organischen Er- 
krankungen gesehen, meine Privatpraxis hatte mir einreihe Erfolge 
gebracht, ich hatte mir eine für mich brauchbare Technik angeeignet, 

124 



kurz ich trat an die Behandlung des Herrn D. mit dem festen Ent- 
sdiluß heran, midi um Diagnose, physikalisdie oder medikamentöse 
Therapie nidit zu kümmern, sondern ihn zu analysieren. Der Erfolg 
kam, ein Symptom nadi dem andern versdiwand, nadi einem halben 
Jahr ging Herr D. als Infanterieoffizier ins Feld, wo er zwei Monate 
später fiel. Ob seine Genesung von Dauer gewesen wäre, vermag ich 
nidit zu entscheiden, da der Tod dazwisdien getreten ist. Nach dem 
jetzigen Stand meines Wissens glaube ich, daß die Behandlungszeit 
zu kurz war und daß der Kranke wahrscheinlidi Rückfälle bekommen 
hätte, wenn er länger gelebt hätte. Idi bin aber überzeugt, daß eine 
vollständige Heilung bei ihm möglidi gewesen wäre. Die Frage ist 
schließlich gleichgültig, ich erzähle Ihnen diese Geschichten nicht des 
Erfolgs wegen, sondern um Ihnen einen Begriff von der Wirkung des 
Ödipuskomplexes zu geben. 

Über die Behandlung teile ich nur mit, daß sie nicht leidit war. 
Immer von neuem tauditen Widerstände auf, die bald an meinen 
Vornamen Patrik als den eines lügnerischen Iren anknüpften, bald 
meine Gummisdiuhe oder eine liederlich geknüpfte Krawatte zum 
Vorwand nahmen ; die Krawatte war ihm ein schlaff und lang herab- 
hängender Hodensack, wie er ihn einst bei seinem alten Vater ge- 
sehen hatte, die Gummisdiuhe rührten alten Ärger aus der Kindheit 
auf. Dann wieder versdianzte er sich hinter meinem zweiten Vor- 
namen Georg, der ihn an eine Romanfigur aus Robert dem Schiffs- 
jungen erinnerte, an einen Verführer und Dieb ; dabei tauchte nach 
und nach eine ganze Horde George auf, die alle schlechte Kerle 
waren, bis endlich der eigentliche Übeltäter in der Gestalt eines 
Mannes erschien, von dem D. als Gymnasiast eine Olirfeige bekom- 
men hatte, ohne dafür Rechenschaft zu verlangen. Am längsten zu 
schaffen machte ihm und mir eine meiner damaligen Sprechgewohn- 
heiten; ich pflegte ab und zu die Worte „offen gestanden" zu ge- 
brauchen oder auch „Ich muß Dinen offen gestehen". D. schloß daraus, 
daß ich löge, eine Folgerung, die gar nicht so dumm war. 



125 



Der Widerstand des Kranken gegen den Arzt ist das Objekt 
jeder Behandlung. Das Es wünscht durchaus nicht von vornherein 
gesund zu werden, so sehr auch die Krankheit den Kranken plagt. 
Im Gegenteil, das Bestehen der Krankheit beweist, trotz aller Ver- 
zierungen, Klagen und Anstrengungen des bewußten Menschen, daß 
dieser Mensch krank sein will. Das ist wichtig, Liebe. Ein Kranker 
will krank sein und er wehrt sich gegen die Genesung, etwa wie ein 
verzogenes kleines Mädchen, das seelengern zum Ball gehen möchte, 
doch sich mit allerlei Getue dagegen wehrt hinzugehen. Es lohnt sich 
immer, sich die Einwände, die solch ein Widerstand gegen den Arzt 
hat, genau anzusehen; sie verraten allerlei üher den Kranken selbst. 
So war es auch bei D. Die schlaffen Hoden und die Gummischuhe 
des Weichlings erregten bei ihm Anstoß, weil er selber in hohem 
Grade das Impotenzgefühl hatte. Das Lügen, wie er es in „Panik" 
und „offen gestanden" angriff, verabscheute er wie alle ehrenhaften 
Leute, aber wie alle ehrenhaften Leute belog er sich selbst - und 
damit Andre - ununterbrochen. Mit den Vornamen hatte er es so 
arg, weil er seinen, eigenen, „Heinrich" haßte ; er ließ sich statt dessen 
von seinen Intimen Hans nennen, weil irgend ein Heldenvorfahr 
seines Geschlechts diesen Namen geführt hatte. Auch darin fühlte er 
die Lüge, denn sein dumpfes Gefühl vom Es belehrte ihn, daß er 
durchaus kein Held war, daß seine Krankheit Schöpfung seines ängst- 
lichen Unbewußten war. Georg schließlich war ihm unerträglich, weil 
er einstmals wie der Dieb aus Robert dem Schiffsjungen - die Erin- 
nerung daran kam unter heftigen Krankheitssymptomen und Fieber 
- seinem Vater zwei Medaillen entwendet hatte. Medaille aber führte 
ihn zu dem Wort Medaillon und ein Medaillon mit dem Bild seiner 
Mutter trug sein Vater und diesem Medaillon galt in Wahrheit 
sein Diebstahl. Er wollte dem Vater die Mutter stehlen, ödipus. 

Noch eine Seltsamkeit muß ich erwähnen. D. trug eine ganze 
Reihe von weit ausgreifenden Komplexen mit sich herum, die alle 
letzten Endes mit dem Ödipuskomplex und mit der Impotenzidee 



126 



zusammenhingen. Wurde während der Behandlung der Ödipuskomplex 
an irgend einer empfindlichen Stelle gepackt, so erschien das Fieber, 
kam man der Impotenz zu nahe, so traten die Syphilissymptome her- 
vor. D. gab mir dafür folgende Erklärung: Meine Mutter ist mir 
im Laufe der Jahre ganz gleichgültig geworden. Das besdiämt mich 
und ich suche, so oft ich genötigt bin, angestrengt an sie zu denken, 
die alte Glut wieder anzufachen. Und weil das seelisch nidit gelingt, 
entsteht die körperliche Hitze. Meinem Vater, der alt war, als er mich 
zeugte, nach meiner Ansicht zu alt, schiebe ich alle Schuld meiner 
Impotenz zu. Und da ich ihn, der längst tot ist, nicht persönlich be- 
strafen kann, so strafe ich ihn im Sinnbild, im Erzeuger, in dem, der 
erzeugt, in meinem eigenen Geschlechtsteil. Das hat den Vorteil, daß 
ich mich selbst für die Lüge mitbestrafe ; denn nidit mein Vater, 
sondern ich selber trage die Schuld meiner Impotenz. Und sdiließlich, 
ein Syphilitiker darf impotent sein, es ist gut für ihn und die Frauen. 
Sie sehen, D. hatte ein wenig Trollheit in sich; das hat mir an ihm 
gefallen. 

Und nun der Ödipuskomplex. Im Vordergrund steht die Leiden- 
schaft für die Mutter. Die Masse der Einzelheiten lasse ich beiseite ; 
als Probe gab ich Ihnen den Medaillendiebstahl, der symbolisch den 
Raub der Mutter bedeutet. Statt kleiner Züge wähle idi einiges aus, 
was Ihnen die tiefen Wirkungen des Es zeigen wird. Zunädist ist da 
die andauernde Krankheit D.'s, die von Zeit zu Zeit zu schweren lang- 
wierigen Erkrankungen ausartete. Der Kranke bedarf der Pflege, der 
Kranke erzwingt sich die Pflege. Jede Erkrankung ist eine Wieder- 
holung der Säuglingssituation, entspringt der Sehnsucht nach der Mutter, 
Jeder Kranke ist ein Kind, jeder Mensch, der sich des Kranken an- 
nimmt, wird zur Mutter. Die Kränklichkeit, die Häufigkeit und Dauer 
der Erkrankungen sind ein Beweis, wie tief der Mensch noch an die 
Mutterimago gefesselt ist. Sie können meist ohne die Gefahr eines 
Irrtums in Ihren Schlüssen noch weitergehen: wenn jemand krank 
wird, ist es wahrscheinlich, daß er irgendwie in nächster zeitlidier 



127 



Nähe des Krankheitsbeginnes überaus stark an die Mutterimago 
erinnert wurde, an die Imago der ersten Säuglingswochen. Ja, ich 
scheue mich nicht, auch hier das Wort „immer" hinzuzusetzen. Es ist 
immer so. Und es gibt nicht leid* einen stärkeren Beweis für jemandes 
Leidenschaft zur Mutter, für seine Abhängigkeit vom Ödipuskomplex, 
als dauernde Kränklichkeit. 

Diese Leidenschaft hat noch etwas Andres bei D. hervorgebradit, 
was man nicht selten beobaditen kann. Der Herr, der Eigentümer der 
Mutter ist der Vater. Will der Sohn Herr, Eigentümer, Geliebter der 
Mutter werden, so muß er dem Vater ähnlich werden. Das ist D.'s 
Fall. Ursprünglich - ich habe Kinderbilder von ihm gesehen - war 
keine Rede von Ähnlichkeit mit dem Vater, auch sein Wesen hatte 
nach Aussage der Mutter nichts mit dem Vater gemein. In den zwanzig 
Jahren, die ich den Kranken gekannt habe, konnte man von Jahr zu 
Jahr beobachten, wie in Gebärde, Haltung, Gewohnheiten, in Gesicht 
und Körperbildung, im Denken und Wesen langsam eine Annäherung 
an den Vater stattfand. Nicht das Es änderte sich, sondern darüber, 
so daß nur noch hie und da der eigentliche Menschenkern zum Vor- 
schein kam, bildete sich ein neues Es der Oberfläche oder wie Sie es 
sonst nennen wollen und dieses neue Es - das ist das Beweisende - 
schwand mit der fortschreitenden Genesung. Der echte D. kam wieder 
zum Vorschein. Am deudichsten sprach sich die Anähnelung an den 
Vater in dem frühzeitigen Altern D.'s aus. Schon mit 30 Jahren war 
er vollkommen weiß. Ich habe dieses Ergrauen zugunsten der Vater- 
maske mehrfach entstehen und audi wieder verschwinden sehen. Wie 
es bei D. geworden wäre, weiß ich nicht. Er starb zu früh. 

Ein drittes Merkmal seiner Leidenschaft zur Mutterimago war seine 
Impotenz, wie denn beim Unvermögen des Mannes immer die erste 
Frage sein muß : wie steht dieser Mensch zu seiner Mutter. D. hatte 
die charakteristische Form der Impotenz, wie sie Freud beschrieben 
hat; er teilte die Frauen in Damen und Huren ein. Der Dame, das 
ist der Mutter gegenüber, war er impotent, mit der Hure vermochte 



128 



er in Geschlechtsverkehr zu treten. Aber das Bild der Mutter wirkte 
mächtig in ihm und so erfand sein Es, um sidi gänzlich vor jedem 
Inzest, selbst vor dem im Bilde der Dirne zu sdiützen, die syphilitische 
Anstediung. Daß sidi jemand unter dem Druck des Ödipuskomplexes 
bei irgendeinem Frauenzimmer infiziert, habe ich oft gesehen. Daß 
aber diese Ansteckung vom Es erfunden und nun jahrelang im Theater 
mit Syphilis- oder Trippersymptomen gespielt wird, sdieint selten zu 
sein. Idi habe es bisher nur zweimal bestimmt gesehen, bei D. und 
bei einer Frau. 

Weiter, der Beginn der Erkrankung, - die ersten Symptome sind 
immer beachtenswert, sie verraten viel von den Absichten des Es - 
der Beginn der Erkrankung war die Sklerodermie des linken Beines, die 
dann auf den rediten Arm übergriff. Was am linken Beine vor sich geht, 
sagt mir in der närrischen Sprache, die idi mir zuredit gemacht habe : 
dieser Mensdi wünscht einen bösen, unrediten, linken Weg zu gehen, 
aber sein Es hindert ihn daran. - Wenn der redite Arm irgendwie 
erkrankt, so bedeutet das : dieser redite Arm will etwas tun, woran 
das Es Anstoß nimmt, deshalb wird er in seinem Tun gelähmt. 
- Kurz vor dem Beginn des Beinleidens fällt ein wichtiges Erlebnis, 
D.'s Mutter wurde schwanger. Er war damals 15 Jahre alt, will aber 
nichts von dieser Schwangerschaft bemerkt haben ; das ist ein sicheres 
Zeichen, daß tiefe Erschütterungen seines Wesens ihn zu verdrängen 
nötigten. Dieser Kampf des Verdrängens fällt mitten in die Geschlechts- 
entwicklung des Knaben und verbindet sich mit einem zweiten Ver- 
drängungskonflikt sexueller Art. Denn ebenso, wie der Kranke be- 
hauptete, von der Geburt seines Brüderdiens völlig überrascht worden 
zu sein, behauptete er auch, daß er damals überhaupt keine Kennt- 
nisse vom Geschleditsverkehr gehabt habe. Beides ist unmöglich. Das 
letztere deshalb, weil der Knabe gerade zur selben Zeit eine 
Kaninchenzucht betrieb und stundenlang den Geschleditsspielen der 
Tiere zusah, ersteres weil er selbst sehr bald dahinterkam, daß er 
schon während der Schwangerschaft die Mordideen hatte, von denen 

9 G r o d d o c k, Das Buch vom Es 129 



sofort die Rede sein wird. Aus der Idee, diesen spätgebornen Bruder 
zu beseitigen, leitet sich nämlidi zum Teil das Übergreifen der Sklero- 
dermie auf den rechten Arm her. Die Idee, unbequeme Menschen zu 
töten, begleitet uns alle durch unser ganzes Leben und unter un- 
günstigen Verhältnissen wird Wunsch und Abscheu zu töten so stark, 
daß das Es sich entschließt, das Mordwerkzeug des Menschen, den 
rechten Arm, lahm zu legen. Ich glaube, ich erzählte Ihnen schon, 
weshalb diese Mordideen so verbreitet sind, zu Ihrem Nutz und 
Frommen will ich es aber wiederholen: Das Kind lernt den Begriff 
des Todes durch das Spiel kennen. Es schießt und sticht nach den 
Erwachsenen, der fällt um und stellt sich tot, um kurz darauf zum 
Leben zu erwachen. Ist es nicht seltsam, wie das Es der Kindesseele 
die schwersten Probleme als Nichtigkeiten, als Spaß darzustellen weiß, 
wie es aus dem Sterben ein Amüsement für das Kind zu macheu 
versteht ? Und ist es ein Wunder, daß dieser mit den schönsten Er- 
lebnissen des Kindesalters verwobene heitere Todeseindruck mit der 
raschen Wiederbelebung sich in das Gemüt eingräbt und als be- 
quemer Gedanke für später bereit liegt? Um zum Schluß zu kommen, 
die Erkrankung des Beins und des Arms entstanden auf Grund 
sexueller Kämpfe, die in den Bereich der Mutter-Kinderotik ge- 
hörten. 

Ich komme nun zu dem seltsamsten Teil dieser seltsamen Krank- 
heit, zu der Art, wie die Syphilisidee aus dem Mutterkomplex ent- 
sprang und wie sie gerade dieses Ursprungs wegen so mächtig werden 
konnte, immer und immer wieder Syphilissymptome zu produzieren 
so zu produzieren, daß alle behandelnden Ärzte, mich eingeschlossen 
getäusdit wurden. Ich fragte D., ob er denn wisse, von wem er an- 
gesteckt worden sei. „Ich weiß überhaupt nicht, ob ich angesteckt 
worden bin," erwiderte er, „ich vermute es." „Und warum vemuten 
Sie es ?" „Weil ich einmal mit einem Mädchen geschlechtlich verkehrt 
habe, das einen Schleier trug.« Als er mir den Zweifel am Gesicht 
ablas, fügte er hinzu : „Alle Straßendirnen, die einen Schleier tragen, 

130 



i 



sind syphilitisch." Das «rar mir neu, idi begriff aber, daß der Ge- 
danke nicht albern war, und fragte deshalb weiter: „Von diesem 
Mäddien also glauben Sie angesteckt zu sein?" „Ja", sagte er, fuhr 
aber gleich fort : „idi weiß es nicht, weiß es überhaupt nicht, ob ich 
angesteckt worden bin. Später gewiß nicht, denn ich bin nie wieder 
nüt einer Frau zusammengekommen. Ich hatte am andern Morgen 
Angst, ging zum Arzt und ließ mich untersuchen. Er schickte midi 
fort, ich solle in einigen Tagen wiederkommen, das tat ich, er schickte 
mich wieder fort und so ging es eine ganze Zeit, bis er mir halb 
lächelnd, hall) grob erklärte, ich sei ganz gesund, von einer An- 
steckung sei keine Rede. Seitdem bin ich viele, viele Male von ver- 
schiedenen Ärzten untersucht worden. Keiner hat etwas gefunden." 
„Aber", sagte idi, „Sie sind doch, ehe Ihre Kriegskrankheit begann, 
antiluetisdi behandelt worden." „Ja, auf meine Bitten. Idi glaubte, 
meine Kopfschmerzen, mein krankes Bein, meine Arme, all das könne 
nur von Syphilis herrühren. Ich habe alles, was über Sklerodermie 
geschrieben worden ist, gelesen und einige bringen es mit Syphilis 
zusammen." „Aber Sie waren damals 15 Jahre alt, als die Krankheit 
begann." „Mit hereditärer Syphilis", unterbradi er midi. „Im Ernst 
habe idi nie an eine Ansteckung geglaubt, aber ich dachte, 
mein Vater sei syphilitisch gewesen." Er sdiwieg eine Zeit- 
lang und dann sagte er: „Wenn idi mich redit besinne, trug das 
Mädchen, von dem ich Ihnen vorhin sprach, gar keinen Schleier. 
Im Gegenteil, ich weiß bestimmt, daß sie nicht das geringste Fleckdien 
am ganzen Körper hatte. Ich habe sie nackt ausgezogen, habe die 
ganze Nacht elektrisches Licht gebrannt, habe sie nackt vor dem 
Spiegel gesehen, habe ihr Führungsbuch gelesen, kurz, es ist unmög- 
lidi, daß sie krank war. Die Sache ist die, daß ich schreckliche Angst 
hatte, hereditär syphilitisch zu sein. Deshalb ging ich zum Arzt, log 
ihm die Geschichte von dem Schleier vor, weil ich ihm meinen Ver- 
dacht meines Vaters wegen nicht mitteilen wollte, und habe sie dann 
so oft erzälilt, daß ich sie schließlich selbst glaubte. Aber jetzt, bei 

9* 181 



aU dieser Analyserei, weiß ich bestimmt, daß idi das Mäddien nie für 
syphilitisch gehalten habe und daß sie keinen Sdileier trug." 

Das alles kam mir seltsam vor, genau so wie es Ihnen wohl auch 
geht. Idi wollte und hoffte Klarheit zu gewinnen und fragte Herrn 
D., was ihm zum Worte Sdüeier einfiele. Statt einer Antwort gab er 
sofort zwei : „Der Witwenschleier und die Raffaelsdie Madonna mit 
dem Schleier." Von diesen beiden Einfällen aus hat sich über Wochen 
lünaus ein langes Assoziationsspiel hingezogen, von dem ich Ihnen 
nur das kurze Resultat mitteile. 

Der Witwenschleier führte sofort auf den Tod des Vaters und 
auf die Trauerkleidung der Mutter. Es stellte sich heraus, daß D. im 
Verlaufe seiner Verdrängungskämpfe gegen den Inzestwunsch seine 
Mutter mit der Dirne identifiziert hatte, daß er dem Mädchen einen 
schwarzen Schleier andichtete und sie in der Phantasie syphilitisch 
machte, weil sein Unbewußtes glaubte, auf diese Weise leichter mit 
dem Inzestwunsch fertig zu werden. Die Mutter sollte und mußte 
aus seiner Erotik beseitigt werden; wer Syphilis hatte, den konnte 
man nicht begelu-en ; also mußte die Mutter syphilitisch sein. Das 
aber ging nicht, - wir werden gleich sehen weshalb - also mußte eine 
Stellvertreterin gefunden werden, was mit Hilfe der Schleierassozia- 
tion gelang, und zur Verstärkung der Abwehr wurde der Gedanke 
ausgearbeitet, der Vater sei syphilitisch gewesen. 

Daß sich der Kranke an den Gedanken der mütterlichen Syphilis 
nicht herantraute, ist wohl jedem verständlich ; aber es kam bei D. 
noch eine Idee hinzu, die in der Assoziation Madonna mit dem 
Schleier zum Vorschein kommt. Mit dieser Assoziation macht D. seine 
Mutter unnahbar, er gibt ihr die Unbeflecktheit, er schaltet damit den 
Vater ganz aus und hat noch dazu den Vorteil, sich selbst für jung- 
fräulich geboren, für göttlichen Ursprungs halten zu können. Das Un- 
bewußte arbeitet mit erschreckenden Mitteln. Um den Inzestwunsch 
zu verdrängen, vergöttlichte es die Mutter gleichsam im selben Atem- 
zug, in dem es sie zur syphilitischen Dirne erniedrigte. 



132 



Sie haben hier, wenn Sie wollen, eine Bestätigung dessen, was 
ich Ihnen so oft glaubhaft zu machen suchte, daß wir alle uns gött- 
lichen Ursprung anmaßen, daß uns der Vater wirklich Gottvater ist 
und die Mutter eine Gottesmutter. Es geht nidit andere, der Mensch 
ist nun einmal so gemacht, daß er zu Zeiten das glauben muß, und 
wenn heute die gesamte katholische Religion mitsamt der Jungfrau 
Maria und dem Christkind versdiwände und es bliebe keine Erinne- 
rung daran, nicht eine, so würde morgen ein neuer Mythus da sein, 
mit derselben Vereinigung des Gottes mit der Menschin und der- 
selben Geburt des Gottessohns. Religionen sind Sdiöpfungen des Es, und 
das Es des Kindes kann weder den Gedanken des Liebesverkehrs zwischen 
Vater und Mutter ertragen, nodi vermag es auf die Waffe der Heilig- 
sprechung der Mutter im Kampf mit dem Inzestwunsch zu verzichten, noch 
endlich kann es, da es - Fcrenczi lehrte es uns - vom Mutterleib her 
sich für allmächtig hält, den Gedanken Gott gleich zu sein entbehren. 

Religionen sind Sdiöpfungen des Es. Sdiauen Sie auf das Kreuz 
mit seinen ausgebreiteten Armen und Sie werden mir beipflichten. 
Der Gottessohn hängt und stirbt daran. Das Kreuz ist die Mutter, 
und an unserer Mutter sterben wir alle, ödipus, ödipus. - Aber 
beachten Sie wohl: wenn das Kreuz die Mutter ist, so fahren die 
Nägel, die den Sohn an sie heften, audi ihr in das Fleisch, sie fühlt 
denselben Sdimerz, dasselbe Leid wie der Sohn, und sie trägt auf 
ihren starken Muttcrarmen sein Leiden, seinen Tod mit, fühlt ihn 
mit. Mutter und Sohn, darin ist alle Trauer der Welt gesammelt, alle 
Tränen und Klagen. Und der Dank, den die Mutter erntet, ist das 
harte Wort : „Weib, was habe idi mit dir zu sdiaffcn ?" Es ist Men- 
schenschicksal so, und das ist keine Mutter, die zürnt, weil der Sohn 
sie zurückweist. Es muß so sein. 

Noch ein tiefer, allgemein mensdilicher Konflikt, der mit einer 
seiner Wurzeln sich vom Ödipuskomplex nährt, klingt in D.'s Kranken- 
geschichte an, das ist die Frage der Homosexualität. Wenn er trunken 
sei, so erzählte er mir, durdistreife er die Straßen Berlins, um auf 




133 



Päderasten zu fahnden, und wer es audi sei und wo er ihn auch 
finde, er schlüge ihn halb tot. Das war die eine Mitteilung. In vino 
veritas. Sie ist nur verständlich, wenn man sie mit der zweiten zu- 
sammenhält, die einige Wochen darauf erfolgte. Ich traf den Kranken 
eines Tages in hohem Fieber und er erzählte mir, daß er am vor- 
hergehenden Abend durch den Wald gegangen sei, da habe er plötz- 
lich die Idee gehabt, es würden Strolche über ihn herfallen, ihn 
knebeln und durch den After mißbrauchen, um ihn dann mit nacktem, 
geschändetem Hintern an einen Baum zu binden. Das sei eine häufige 
Phantasie bei ihm und immer folge ihr Fieber. Angst ist Wunsch, da 
ist kein Zweifel. Der Haß, mit dem D. in der Trunkenheit die Pä- 
derasten verfolgt, ist verdrängte Homosexualität, die Angstphantasie ist 
es, und die Höhe des Fiebers läßt ermessen, welche Glut dieser homo- 
sexuelle Wunsch hat. Ich komme auf die Angelegenheit der Homo- 
sexualität ein andermal zurüde. Hier möchte ich nur das eine sagen, 
daß unter den verschiedenen Gründen, die zur Gleichgeschlechtlichkeit 
führen, einer nie außer acht gelassen werden darf, das ist die Ver- 
drängung des Mutterinzests. Der Mensch kämpft einen harten Kampf, 
um sidi von der Erotik der Mutter zu lösen, und es ist kein Wunder, 
wenn bei diesem Kampf alle bewußten Neigungen für das weibliche 
Geschlecht mit in die Verdrängung gerissen werden, so daß sdiließ- 
lich bei dem und jenem das Weib ganz aus der Sexualität ausge- 
schlossen wird. In dem Falle des Herrn D., der Angst hat, einer 
päderastischen Vergewaltigung zum Opfer zu fallen, offenbart sich 
deutlich noch eine zweite Ursache der gleichgeschlechtlichen Liebe, die 
er verdrängt hat, die Neigung zu seinem Vater. Denn nur daraus 
kann diese Angst entsprungen sein, daß D. zu irgend einer Zeit 
seines Lebens den heißen Wunsch gehabt hat, Weib zu sein, das 
Weib seines Vaters. Bedenken Sie, liebe Freundin, woher perverse 
Laster stammen, und Sie werden weniger hart urteilen. 

Damit bin idi bei dem andern Teil des Ödipuskomplexes angelangt, 
bei D.'s Verhältnis zu seinem Vater. Ich muß hier gleich auf etwas 



134 



aufmerksam madien, was für viele Menschen charakteristisch ist. D. 
war fest davon überzeugt, daß es für ihn nichts Höheres, nichts mehr 
Verehrungswürdiges, nichts mehr Geliebtes gäbe als seinen Vater, 
während er an seiner Mutter alles und jedes tadelte und nidit im- 
stande war, länger als wenige Stunden mit ihr zusammen zu sein. 
Freilich, sein Vater war tot und seine Mutter lebte, und es ist bequem, 
Tote zu vergöttern. Sei dem, wie ihm sei, D. glaubte, seinen Vater 
mit aller Kraft zu lieben, sein Leben hatte den Haß gegen den 
Vater verdrängt. Es läßt sich audi nicht abstreiten, daß er diesen 
Vater in Wahrheit heiß liebte, sein homosexueller Komplex und seine 
Anähnelung an den Vater bewiesen das zu deudich. Aber ebenso 
stark haßte er ihn auch und vor allem beim Beginn seiner Erkran- 
kung bestand ein lebhafter Konflikt zwisdien Neigung und Ab- 
neigung. 

Von den Erinnerungen jener Zeit, die sich bei der Analyse aus 
dem Druck der Verdrängung lösten, greife idi zwei heraus. Die eine 
ist, daß D. während der oben erwähnten Sdiwangerschaft seiner 
Mutter sich angewöhnt hatte, stundenlang vor dem Ausgang einer 
Gosse zu lauern, um daraus herauskommende Ratten zu erschießen. 
Knabenspiel, denken Sie. Gewiß, aber warum schießen die Knaben 
so gerne und warum schießt D. auf Ratten, die aus der Gosse kom- 
men? Das Schießen, ich braudie es kaum zu sagen, ist der über- 
mächtige Sexualitätsdrang der Pubertätszeit, der sich in der symboli- 
schen Handlung Luft madit. Die Ratte aber, auf die D. sdiießt, ist 
der Geschlechtsteil seines Vaters, den er in dem Augenblick mit dem 
Tode bestraft, wo er aus der Gosse, der mütterlichen Scheide, heraus- 
kommt. - Nein, es ist keine Deutung von mir, sie stammt von D. 
Ich halte sie nur für richtig. Und auch der zweiten Angabe, die er 
macht, stimme ich bei. Danach ist die Gosse wiederum die mütter- 
liche Scheide, die Ratte aber ist das Kind, das sie erwartet. Neben 
dem Wunsch, den Vater zu kastrieren, - denn das ist der Sinn des 
Tötens der Ratte - sdiiebt sich der Mordwunsdi gegen das kom- 



135 



mendc Kind vor, beide Ideen sind durch verdrängende Gewalten in 
symbolische Formen umgewandelt. Und in diese sdiweren, nur dumpf 
empfundenen unterirdischen Kämpfe greift das Sdiicksal hinein und 
läßt «den neugebornen Bruder nach wenigen Wochen sterben. Jetzt 
hat das Schuldgefühl, dieser unheimliche Begleiter menschlichen 
Lebens, ein Objekt, den Brudermord. Sie glauben nidit, liebste Freun- 
din, wie bequem es für das Verdrängen ist, eine größere Schuld zu 
finden. Dahinter läßt sich alles verstecken und dahinter wird tat- 
sächlich alles versteckt. D. hat diese alberne Brudermordgeschichte 
weidlich zugunsten des Sidiselbstbelügens ausgenützt. Und weil es 
einmal menschlidie Natur ist, eigene Schuld an andren Menschen zu 
bestrafen, hat D. von der Todesstunde seines Bruders an nicht mehr 
auf Ratten gesdiossen, sondern auf Katzen, auf die Sinnbilder seiner 
Mutter. Das Es geht seltsame Wege. 

Ganz hat D. den Kastrationswunsdi gegen seinen Vater nicht mit 
der Idee des Brudermords zudecken können, das beweist eine zweite 
Erinnerung. Ich erzählte Ihnen, daß er zur Zeit jener Konflikte eine 
Kaninchenzucht betrieb. Unter diesen Tieren war ein schneeweißes 
Männchen. Mit dem führte D. ein seltsames Theater auf. All seinen 
Kaninchenmännchen gestattete er, die Weibchen zu rammeln, genoß 
es, ihnen zuzusehen ; nur jener weiße Rammler durfte nicht zu den 
Weibchen gehen. Tat er es doch, so packte D. ihn bei den Ohren, 
fesselte ihn, hängte ihn an einem Balken auf und sdilug ihn mit der 
Reitpeitsche, solange er den Arm bewegen konnte. Es war der rechte 
Arm, der Arm, der zuerst erkrankte, und er erkrankte gerade damals. 
Diese Erinnerung ist unter dem stärksten Widerstand zum Vorschein 
gekommen. Immer wieder wich der Kranke aus und brachte eine 
Sammlung schwerer organischer Symptome zum Vorschein. Eines davon 
war besonders kennzeichnend: die sklerodermatisdien Stellen des 
rechten Ellbogens wurden schlimmer. Mit dem Tage, wo die Erinnerung 
aus dem Unbewußten auftauchte, heilten sie wieder ab, heilten so 
gründlich, daß der Kranke von nun an sein rechtes Ellbogengelenk 



136 



vollständig biegen und strecken konnte, was er seit zwei Jahrzehnten 
trotz aller Behandlung nidit vermocht hatte. Und er tat es ohne Schmerz. 

Fast hätte ich das wichtigste vergessen. Jener weißhaarige Rammler, 
der von jeder Gesdüeditslust ferngehalten wurde und der die Peitsche 
bekam, wenn er sich nidit zügelte, vertrat die Stelle des Vaters. Oder 
hatten Sie es schon erraten? 

Sind Sie müde? Nur Geduld, noch ein paar Striche, dann ist die 
Skizze fertig. In das Gebiet des Vaterhasses gehört noch ein Zug 
hinein, den Sie von Freud her kennen, wie denn D.'s Geschichte 
manche Ähnlichkeit mit Freuds Rattenmannerzählung hat. D. war 
gläubiger, man kann beinahe sagen buchstabengläubiger Mensch, aber 
er hielt es mehr mit Gottvater als mit Gottsohn und betete täglich in 
seiner Weise zu dieser von ihm selbst aus der Vaterimago erschaffenen 
Gottheit Aber mitten in diese Gebete drängten sich plötzlich Schimpf- 
worte, Flüche, gräßliche Gotteslästerungen. Der Haß gegen den Vater 
brach sich Bahn. Sie müssen das bei Freud nachlesen, ich könnte nichts 
Neues hinzufügen und das Alte nur durch mein Klugreden ver- 
schlechtern. 

Noch etwas muß ich zu dem Kanindienabenteuer hinzugeben. D. 
hatte diesem weißen Rammler den Namen Hans gegeben : wie Sie 
wissen, war das sein eigener Wunschname. Wenn er in dem weiß- 
haarigen Tier seinen Vater sdilug, so sdilug er gleichzeitig sich selbst, 
oder besser seinen Erzeuger, seinen Hans, den Hans, den er am 
Bauche hängen hatte. Oder wissen Sie nicht, daß der Name Hans bei 
jung und alt so beliebt ist, weil er sich auf Schwanz reimt? Und 
weil man Hans mit Johannes dem Täufer zusammenbringt, der deutlich 
genug in Taufe und Hinrichtung als männliches Glied gekennzeichnet 
ist? Ich weiß nicht, ob es wahr ist, aber ein Engländer hat es mir 
erzählt, daß man dort zu Lande das Gesdileditswerkzcug St. John 
nennt und bei den Franzosen kommt ähnliches vor. Aber das hat mit 
der Sache selbst nichts zu tun. D. meinte jedenfalls seinen Schwanz, 
wenn er den Rammler Hans taufte, und wenn er ihn sdilug, so geschah 



137 



es, um ihn für die Onanie zu bestrafen. Ja, ja, die Onanie. Das ist 
ein Stüdc Seltsamkeit. 

Ich bin zu Ende, das heißt Wesentliches könnte ich nicht mehr 
geben, und daß idi, wie Sie bemerkt haben werden, das allerwesent- 
licfaste, die frühen Kindheitserinnerungen, fortgelassen habe, liegt daran, 
daß ich sie nur zum geringem Teil kenne. Darauf, auf meine Un- 
kenntnis, bezog sidj meine Äußerung oben, daß D. wahrscheinlich 
wieder krank geworden wäre, wenn er weitergelebt hätte. Die Analyse 
war nicht annähernd vollständig. 

Zum Schluß will ich Ihnen wenigstens einen Grund angeben 
warum sich D. vor dem Kriege fürchtete, obwohl er sich danach sehnte. 
Er hatte die Vorstellung, daß er durch beide Augen geschossen werden 
würde. Das beweist mir, - aus andern Erfahrungen mit Soldaten ziehe 
ich den Schluß - daß er seine Mutter zu einer Zeit nackt gesehen 
hat, in der er sich der Sünde, die darin liegt, bewußt war. Das Volk 
sagt, wer seine Mutter nackt sieht, wird blind. Und Ödipus sticht 
sidi die Augen aus. 

Ich grüße Sie, Liebe, und bin immer Ihr 

PATRIK TROLL. 






15. 



GEWISS, LIEBE FREUNDIN, ICH KÖNNTE IHNEN NOCH EINE 
ganze Reihe ähnlicher Gesdiiditen wie die des Herrn D. aus dem 
Bereiche des Ödipuskomplexes erzählen, und ich hatte Ihnen auch 
versprochen es zu tun. Aber wozu ? Wenn Sie sich durch diese eine 
Erzählung nicht beeinflussen lassen, werden mehrere es auch nicht so 
rasch tun. Außerdem finden Sie in der Literatur der Psychoanalyse 
solcher Geschichten die Hülle und Fülle. Ich will lieber versuchen, mich 
gegen Ihre Einwände zu wehren, sonst wurzeln sich allerlei Vorurteile 
in Ihnen fest und unser Briefwechsel wird sinnlos. 

Sie begreifen nicht, sagen Sie, wie durch derlei Vorgänge, wie ich 
sie Ihnen erzählt habe, körperliche Veränderungen im Menschen ent- 

138 



stehen können, wie er dadurch organisdi krank werden soll, und noch 
weniger, wie er durch Aufdecken der Zusammenhänge gesund wird. 
All diese Dinge, liebe Freundin, begreife ich auch nidit, aber ich sehe 
sie, ich erlebe sie. Natürlich mache ich mir allerlei Gedanken darüber, 
nur lassen sie sich schwerer mitteilen. Um eins aber möchte ich Sie 
bitten, geben Sie in unserm Zwiegesprädi die Untersdieidung zwischen 
„psychisch" und „organisch" auf. Das sind doch nur Bezeichnungen, 
um sich über irgendwelche Besonderheiten des Lebens leichter zu ver- 
ständigen, im Grunde ist beides dasselbe, beides denselben Haupt- 
lebensgesetzen unterworfen, demselben Leben entsprungen. Ohne 
Zweifel, ein Weinglas ist etwas andres als ein Wasserglas oder ein 
Lampenzylinder, aber es ist doch Glas und all diese Glaswaren werden 
vom Menschen hergestellt Ein Holzhaus ist verschieden von einem 
Steinhaus. Siebezweifeln wohl aber selbst nicht, daß es lediglich eine 
Zweckmäßigkeitsfrage, nicht eine Frage des Könnens ist, ob ein Bau- 
meister ein Holzhaus oder ein Steinhaus baut. Genau so ist es mit 
organischen, funktionellen, psydiisdien Erkrankungen. Das Es wählt 
sehr selbstherrlich aus, was es für eine Erkrankung hervorbringen 
will und richtet sich nicht nach unsern Namen. Idi glaube, wir ver- 
stehen uns nun endlich oder wenigstens Sie verstehen mich und meine 
klare Behauptung, daß für das Es ein Untersdiied zwischen organisch 
und psychisch nicht besteht, und daß infolgedessen, wenn man das Es 
überhaupt durch die Analyse beeinflussen kann, auch organische Krank- 
heiten psychoanalytisch behandelt werden können und unter Umständen 
müssen. 

Körperlich, seelisch. Was für Gewalt hat ein Wort! Man dadite 
sich einmal, — vielleicht denkt mancher es noch - daß es einen mensch- 
lichen Körper gäbe, in dem wie in einer Wohnung die Seele hause. 
Aber selbst wenn man das annimmt, der Körper an sidi erkrankt 
nicht, da er ja ohne Seele tot ist. Totes wird nicht krank, wird 
höchstens schadhaft. Nur Lebendiges erkrankt, und da kein Mensch 
daran zweifelt, daß nur lebendig genannt wird, was Körper und 



139 



Seele zugleich ist - aber verzeihen Sie, das sind ja alles Dummheiten. 
Wir wollen uns nicht über Wörter zanken. Es kommt hier, wo Sie 
meine Meinung hören wollen, nur darauf an, daß ich verständlidi 
ausdrücke, was idi meine. Und meine Meinung habe ich Ihnen deutlich 
gesagt: für mich gibt es nur das Es. Wenn ich die Worte Körper und 
Seele gebraudie, verstehe ich darunter Erscheinungsformen des Es, 
wenn Sie wollen, Funktionen des Es. Selbständige oder gar gegen- 
sätzliche Begriffe sind es für mich nicht. Verlassen wir das unerquick- 
liche Thema jahrtausendlanger Verwirrung. Es gibt andre Dinge zu 
besprechen. 

Sie stoßen sich daran, daß ich dem Verdrängungsprozeß so große 
Wirkungen beilege, madien mich darauf aufmerksam, daß es auch 
Mißgeburten und embryonale Erkrankungen gibt und verlangen, daß 
ich auch andere Vorgänge würdige. Darauf kann ich nur erwidern, 
daß ich den Ausdruck „Verdrängen« bequem finde. Ob er für alles 
ausreicht, interessiert midi nicht. Für mich hat er bisher ausgereicht, 
auch für meine sehr oberflächliche Bekanntsdiaft mit dem Embryonal- 
leben. Ich habe also keinen Grund, ihm etwas Neues hinzuzufügen 
oder gar ihn beiseite zu legen. 

Vielleicht ist es nützlich, ein wenig zu phantasieren, damit Sie 
einen Begriff von der Ausdehnung solch eines Verdrängens bekommen. 
Nehmen Sie an, zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, sind allein 
im Eßzimmer. Die Mutter ist irgendwie in einem anderen Zimmer 
beschäftigt oder schläft, kurz, die Kinder fühlen sich sicher, so sidier, 
daß das ältere die Gelegenheit benützt, um sidi und das jüngere Kind 
durch Augenschein von dem Unterschied der Geschlediter und von 
der Vergnüglichkeit solcher Betrachtung zu unterrichten. Plötzlich tut 
sich die Tür auf, die Kinder haben gerade noch Zeit auseinanderzu- 
fahren, aber das Schuldbewußtsein läßt sich nicht verbergen. Und da 
die Mutter, überzeugt von der kindlichen Unschuld ihrer Sprößlinge, 
beide in der Nähe der Zuckerdose sieht, nimmt sie an, daß sie genascht 
haben, schilt darüber und droht ihnen mit Schlägen, wenn es wieder 



140 



vorkommen sollte. Vielleidit wehren sich die Kinder gegen die Unter- 
stellung des Nasdiens, vielleidit auch nicht. Jedenfalls ist kaum anzu- 
nehmen, daß sie ihre eigentliche Sünde, die sie für viel schwerer 
halten, eingestehen. Sie schweigen darüber, verdrängen sie. Beim Nach- 
mittagskaffee wird die Mahnung von der Mutter wiederholt, das eine 
schuldbewußtere Kind errötet und gibt so zu erkennen, daß es sich fin- 
den verführenden Teil hält. Es verdrängt wiederum, was es gern ein- 
gestehen mödite. Nach ein paar Tagen - die Mutter hat längst vergeben, 
hat aber ihre Freude daran, das Kind zu quälen - fällt irgendein 
Scherzwort irgendeiner Tante gegenüber. „Der Junge weiß, wo die 
Zuckerdose steht", oder irgend etwas ähnliches. Und diese Tante macht 
später auch eine Anspielung. Da haben Sie eine Kette von Verdrän- 
gungen, wie sie wohl nidit allzu selten sich bilden mag. Nun sind die 
Kinder versdiieden ; das eine nimmt es mit seinen Sünden leicht, 
das andere sdiwer, und für ein drittes ist es fast unerträglich, daß 
es gesündigt hat und vor allem, daß es die Sünde nidit gebeichtet 
hat. Was bleibt ihm übrig? Es drückt und drückt auf die Sünde, drängt 
sie aus dem Bewußtsein, stopft sie ins Unbewußte. Da liegt sie nun 
vorläufig sehr oberflädiliob, aber nadi und nadi wird sie tiefer gedrückt, 
tiefer und tiefer, bis schließlich die Erinnerung aus dem Bewußtsein 
verschwunden ist. Damit sie aber ja nicht wieder zum Vorschein kommt, 
werden Deckerinnerungen darüber gelegt, vor allem die, daß die 
Mutter ungerecht gewesen ist, das Kind ohne Grund des Nasdiens 
besdiuldigt und mit Schlägen bedroht hat. Nun geht es los oder 
wenigstens es kann losgehen. Es hat sich ein Komplex gebildet, der 
berülirungsempfindlidi ist, der nadi und nadi so sdilimm wird, daß 
selbst die Annäherung an den Komplex sdion als furchtbar empfunden 
wird. Nun sehen Sie sich, bitte, den Komplex an. Auf der Oberfläche 
sind die Deckerinnerungen : der Zucker, das Naschen, die falsche An- 
schuldigung, die Drohung mit Sdilägen, das Verschweigen und damit 
das Lügen, das Rotwerden, weiterhin die Zuckerdose, der Eßtisch mit 
seinen Stühlen, das Zimmer mit einer braunen Tapete und allerlei 



141 






Möbeln und Porzellan, das grüne Kleid der Mutter, das fünfjährige 
Mäddien im schottischen Kleid mit Namen Gretchen usw. Tiefer liegt 
dann das Gebiet der Sexualität. Unter Umständen wird schon jetzt die 
Arbeit des Verdrängens schwierig. Aber es kann auch sein, daß diese 
Arbeit sidx bis ins Unglaubliche steigert. Nehmen Sie das Wort Zucker, 
es gehört in den Komplex, muß also möglichst vermieden werden. 
Ist es irgend anders woher noch schuldbelastet, vielleicht durch ein 
wirkliches Naschen, so ist der Wunsch des Verdrängens um so größer. 
Aber es reißt dann auch andere Begriffe mit sich : süß, weiß etwa, 
oder vierakig, dann greift es vielleidit auf andere Formen des Zuckers 
über, auf den Zuckerhut, von dort auf den Hut selbst oder auf die 
blaue Farbe der Umhüllung. Sie können das ganz nach Belieben ins 
Unendliche ausdehnen und, verlassen Sie sich darauf, nicht allzu 
selten dehnt das Unbewußte seine Verdrängungsarbeit mit Hilfe der 
Assoziation ins Unendliche aus. Auf der Flucht vor dem süßen Zucker 
entsteht seelische Bitterkeit, oder es wird süßliche Sentimentalität als 
Ersatz benützt, eine übergroße Sorgfalt, nie fremdes Eigentum sich 
anzueignen, gliedert sich an das Wort „Naschen«, daneben aber auch 
das kindlidie Vergnügen am harndosen Betrug, die pharisäische 
Gerechtigkeitsliebe stellen sich ein, die Worte Sdiläge, Schlagen, Schlacht, 
Rute, Gertrud, Ruth, Strafe, Birke, Besen geraten mit in den Komplex,' 
verfehmt und doch lockend, denn die eingebüßte Sünde verlangt nach 
Strafe, noch nach Jahrzehnten schreit sie nach Sddägen. Die braune 
Tapete wird unerträglich, grüne und schottische Kleider werden es, der 
Name Gretchen erregt Übelkeiten und so geht es fort. Und dann 
kommt noch das ungeheure Gebiet der Sexualität hinzu. 

Vielleicht denken Sie, ich übertreibe oder ich erzähle Ihnen irgend- 
einen ausgefallenen, seltenen Lebenslauf eines Hysterischen. Ach nein, 
solche Komplexe schleppen wir alle mit uns herum. Gehen Sie nur in 
Ihr Inneres, Sie werden da manches finden, manche unerklärliche Ab- 
neigung, manche seelische Erschütterung, die im Vergleich zu ihrer 
momentanen Veranlassung unbegreiflich stark ist, manchen Zank 



142 



manche Sorge und Verstimmung, die nur verständlich wird, wenn Sie 
den Komplex betrachten, aus dem sie stammt. Wie werden Ihnen die 
Augen aufgehen, wenn Sie gelernt haben, die Brücke zwischen der 
Gegenwart und der Kindheit zu schlagen, wenn Sie begriffen haben, 
daß wir Kinder sind und bleiben und daß wir verdrängen, unablässig 
verdrängen. Und daß wir, gerade weil wir verdrängen und nicht ver- 
nichten, gezwungen sind, bestimmte Lebenserscheinungen immer 
von neuem herbeizuführen, gezwungen sind zu wiederholen, zu 
wiederholen. Glauben Sie mir, es ist seltsam, wie oft sich der Wunsdi 
wiederholt. In seinem Innern sitzt ein Kobold, der zwingt ihn zur 
Wiederholung. 

Von diesem Wiederholungszwang müßte ich Ihnen mehr er- 
zählen, aber ich bin bei den Verdrängungen und bin Ihnen nodi 
die Erklärung schuldig, wie ich mir die Wirkung des Vcrdrängens als 
Ursache organischer Leiden denke. Denn daß allerhand psychische Be- 
schwerden daraus entstehen können, werden Sie auch ohne meine 
Erläuterungen begreifen. Was ich Ihnen nun sagen werde, sind 
wiederum Phantasien. Sie können sie ernst nehmen, Sie können dar- 
über lachen, beides berührt mich nicht. Für midi ist die Frage, wie 
organische Leiden entstehen, unlösbar. Ich bin Arzt und als solcher 
interessiert es mich nur, daß bei der Lösung der Verdrängung Besserung 
eintritt. 

Darf ich Sie bitten, meinen Auseinandersetzungen ein kleines Ex- 
periment vorangehen zu lassen. Denken Sie, bitte, an irgend etwas, 
was Sie sehr interessiert, etwa daran, ob Sie sich einen neuen Hut 
anschaffen sollen oder nicht. Und nun versuchen Sie plötzlich, den Ge- 
danken an den Hut zu unterdrücken. Wenn Sie es sich recht schön 
ausgemalt hatten, wie Ihnen der Hut stehen wird und wie Sie darum 
beneidet werden, wird es Ihnen nicht möglich sein, den Gedanken 
daran zu unterdrücken, oline die Bauchmuskulatur zusammenzuziehen. 
Vielleicht beteiligen sich auch andere Muskelgruppen an der Anstrengung 
des Unterdrückens, die obere Baudipartie tut es sicher; sie wird bei 



143 



jeder, audi der geringsten Anspannung zur Mitarbeit verwendet. Die 
Folge davon ist unbedingt eine Schwankung im Kreislauf, wenn diese 
Schwankung audi noch so gering ist. Und diese Schwankung teilt sich 
mit Hilfe der sympathischen Nerven anderen Gebieten des Organismus 
mit, zunächst wohl denen, die direkt benachbart sind, dem Darm, dem 
Magen, der Leber, dem Herzen, den Atmungsorganen. Sie können 
sich die Schwankung so gering denken, *ie Sie wollen, da ist sie dodi. 
Und weil sie da ist, und weil sie auf allerlei Organe übergreift, setzen 
sofort eine Menge chemischer Prozesse ein, von denen selbst der 
Gelehrteste nicht das mindeste versteht. Nur daß diese Prozesse statt- 
finden, das weiß er, weiß es um so besser, je mehr er sich mit 
Psychologie beschäftigt hat. Nun denken Sie sich diesen anscheinend 
so unbedeutenden Vorgang zehnmal im Laufe des Tages wiederholt. 
Das bedeutet schon etwas. Aber lassen Sie ihn zwanzigmal in der 
Stunde auftreten, dann haben Sie einen soldien Hexensabbath von 
mechanischem und chemischem Durcheinander, daß es schon nicht mehr 
schön ist. Und verstärken Sie die Intensität und die Dauer der An- 
strengung. Nehmen Sie an, daß solche Anstrengung stundenlang, tage- 
lang dauert, daß nur kurze Augenblicke des Losgelassenseins der 
Bauchpartien dazwischen sind. Sollte es Ihnen noch immer schwer 
fallen, einen Zusammenhang zwischen Verdrängen und organischem 
Erkranken zu phantasieren? 

Vermutlich haben Sie noch nicht viele Menschenbäuche nadct ge- 
sehen. Aber mir ist das oft zuteil geworden. Und da läßt sich oft 
etwas Seltsames feststellen. Quer über die obere Bauchhälfte vieler 
Menschen geht eine strichförmige Falte, eine langgedehnte Runzel. Die 
kommt vom Verdrängen. Oder es finden sich rote Äderchen oder der 
Bauch ist aufgetrieben oder was es sonst noch ist. Denken Sie sich 
doch nur, daß jahrelang, jahrzehntelang ein Mensch herumläuft, der 
sich vorm Treppengehen ängstigt. Die Treppe ist ein Geschlechtssymbol 
und es gibt zahllose Menschen, die von dem Gedanken des Fallens 
auf der Treppe verfolgt werden. Oder denken Sie sich jemanden, der 



144 



undeutlich fühlt, daß ein Hut ein Gesdileditssymbol ist, oder ein 
Knopf, oder das Sdireiben. Soldie Leute müssen dauernd, fast unauf- 
hörlich verdrängen, müssen Bauch, Brust, Arme, Nieren, Herz, Gehirn 
dauernd mit Kreislaufschwankungen, mit chemischen Überraschungen, 
mit chemischen Vergiftungen heimsuchen. Nein, Liebe, ich finde es 
nicht im geringsten sonderbar, daß das Verdrängen - oder irgend- 
welche andren psychischen Geschehnisse - organische Leiden herbei- 
führen. Im Gegenteil, ich finde es sonderbar, daß solche Leiden ver- 
hältnismäßig so selten sind. Und ein Staunen, ein ehrfürditiges Staunen 
vor dem Es des Mensdien erfüllt midi, daß es imstande ist, alles, was 
geschieht, zum Besten zu lenken. 

Nehmen Sie ein Auge! Wenn es sieht, gehen allerlei Prozesse in 
ihm vor. Wenn ihm aber verboten ist, zu sehen, und es sieht doch, 
wagt es aber nicht, seine Eindrücke dem Gehirn zu übermitteln, was 
mag dann wohl in ihm vorgehen ? Wäre es nicht denkbar, daß es, 
wenn es tausendmal am Tage gezwungen ist, etwas, was es sieht, zu 
übersehen, sdiließlicb7die Sache satt bekommt und sagt : das kann ich 
bequemer haben ; wenn ich durdiaus nicht sehen soll, werde idi kurz- 
siditig, verlängere meine Adise, und wenn das nicht ausreicht, lasse 
idi Blut in die Netzhaut treten und werde blind ? Wir wissen so wenig 
vom Auge. Gönnen Sie mir also den Spaß, zu phantasieren. 

Sind Sie aus dem, was ich schrieb, klug geworden? Aber Sie 
müssen es mit Nachsicht lesen, beileibe nicht kritisch. Im Gegenteil, 
Sie sollten sich hinsetzen und noch ein Dutzend oder drei Dutzend 
solcher Phantasiegebäude sich selbst zureditbauen. Was ich gab, war 
nur ein Beispiel, ein Erfinden übermütiger Laune. Achten Sie nicht 
auf die Form, auch nicht auf den Gedanken. Mir kommt es auf die Denk- 
weise an, darauf, daß Sie den Verstand beiseiteschieben und schwärmen. 
Habe ich von der Entstehung der Erkrankungen gesprochen, so 
muß idi wohl auch ein Wort über die Behandlung sagen. Als ich vor 
Jahren meiner Eitelkeit so viel abgerungen hatte, daß sie mir gestattete, 
zum ersten Male an Freud zu schreiben, antwortete er mir etwa Fol- 
io G r o d d e c k, Da9 Buch vom Es "« 



gendes: Wenn Sie begriffen haben, was Übertragung und Widerstand 
sind, können Sie ruhig an die psychoanalytisdie Behandlung Kranker 
herangehen. Also Übertragung und Widerstand, das sind die Angriffs- 
punkte der Behandlung. Ich glaube, über das, was ich unter Über- 
tragung verstehe, habe ich midi deutlich genug ausgedrückt. Bis zu 
einem gewissen Grade kann der Arzt sie herbeiführen, zum mindesten 
kann er und soll er die einmal entstandene Übertragung zu erhalten 
und zu lenken suchen. Aber das Wesentliche, das übertragen selber 
ist ein Reaktionsvorgang im Kranken, in der Hauptsache ist es dem 
Einfluß des Arztes entzogen. So bleibt schließlich als Hauptarbeit der 
Behandlung das Beseitigen und Überwinden des Widerstandes. Freud 
hat einmal das Bewußtsein des Menschen mit einem Salon vergüten, 
m dem allerlei Leute empfangen werden. Im Vorraum, hinter der 
verschlossenen Tür im Unbewußten staut sich die verdrängte Masse 
psychischer Wesenheiten und an der Tür steht ein Wächter, der in 
das Bewußtsein nur hineinläßt, was salonfähig ist. Danach können 
die Widerstände von drei Stellen ausgehen, vom Salon, dem Bewußt- 
sein aus, das bestimmte Dinge nidit einlassen will, vom Wächter aus, 
einer Art Vermitder zwischen Bewußtem und Unbewußtem, der, in 
hohem Grade vom Bewußtsein abhängig, doch immerhin eigenen 
Willen besitzt und hie und da eigensinnig den Eintritt verwehrt, 
obwohl das Bewußtsein die Erlaubnis gab, und vom Unbewußten 
selbst, das keine Lust hat, sich in der anständig langweiligen Umgebung 
des Salons aufzuhalten. So würde man also dazu kommen, in der 
Behandlung diese drei Instanzen der Widerstandsmöglidikeiten zu 
beachten. Und bei allen dreien wird man darauf gefaßt sein müssen, 
allerlei seltsame Launen zu finden und Überraschungen zu erleben 
Da aber nach meiner Meinung sowohl Bewußtsein wie Pförtner leisten 
Endes willenlose Werkzeuge des Es sind, hat diese Unterscheidung 
nur geringe Bedeutung. 

Bei Gelegenheit der Geschichte des Herrn D. habe ich Ihnen ein 
paar lärmen des Widerstandes mitgeteilt. In Wahrheit gibt es dieser 

146 



Formen Tausende und Abertausende. Man lernt darin nie aus, und 
so wenig ich midi zum Anwalt des Mißtrauens eigne, so fest bin ich 
doch davon überzeugt, daß man als Arzt immer und immer damit 
rechnen muß : jetzt befindet sich der Kranke im Widerstände. Hinter 
jeder Lebensform und Lebensäußerung verschanzt sich der Widerstand, 
jedes Wort, jede Gebärde kann ihn verstecken oder verraten. 

Wie soll man nun mit dem Widerstand fertig werden? Das ist 
schwer zu sagen, Liebe. Ich glaube, das Wesentliche dabei ist, daß 
man bei sich selber beginnt, daß man erst einmal in seine eigenen 
Winkel und Ecken, Keller- und Speiseräume hineinguckt, Mut zu sich 
selber, zu seiner eigenen Schlechtigkeit oder, wie ich lieber sagen 
würde, Menschlichkeit findet. Wer nicht weiß, daß er selber hinter 
jeder Hecke und Tür gestanden hat, und wer nicht zu sagen weiß, 
was für Dreckhaufen hinter solch einer Hecke liegen und wie viele 
Haufen er selber hingesetzt hat, der wird es nicht weit bringen. Das 
erste Erfordernis ist also wohl Ehrlichkeit, Ehrlichkeit gegen sich selbst. 
Bei sich selbst lernt man am besten die Widerstände kennen. Und 
sich selbst lernt man am gründlichsten kennen, wenn man andre 
analysiert. Wir Ärzte haben es gut, und ich wüßte nicht, welch andrer 
Beruf mich locken könnte. Dann glaube ich, braucht unsereiner noch 
zwei Dinge, Aufmerksamkeit und Geduld. Geduld vor allem, Geduld 
noch einmal. Aber so etwas lernt sich. 

Also sich selbst analysieren, das ist nötig. Leicht ist es nicht, aber 
es zeigt uns unsre individuellen Widerstände und es dauert nicht 
lange, so treten einem Erscheinungen entgegen, die zeigen, daß es 
auch Widerstände ganzer Klassen, ganzer Völker, ja der gesamten 
Menschheit gibt, Widerstände, die vielen, ja allen gemeinsam sind. So 
ist mir heute wieder eine Form aufgefallen, die ich oft fand, die, daß 
wir uns scheuen, bestimmte kindliche Ausdrücke zu brauchen, Aus- 
drücke, die uns in unsrer Kindheit geläufig waren. Im Verkehr mit 
Kindern und, merkwürdigerweise, im Liebesverkehr brauchen wir sie 
unbedenklich, da sprechen wir ruhig vom „Wässerlein machen," vom 



10* 



147 



„Hotto« oder „Wauwau« vom „Pipi«, „A a", „Popo«, aber unter Er- 
wachsenen sind wir gern selber erwachsen, verleugnen unsre Kindes- 
natur, und „scheißen«, „schiffen«, „Arsch« sind uns geläufiger. Großtun, 
weite/- nichts. 






Zum Schluß muß ich wohl auch noch ein Wort über die Wirkung 
der Behandlung sagen. Nur leider weiß ich davon wenig. Ich habe 
die vage Idee, daß die Erlösung des Verdrängten aus der Verdrängung 
eme gewisse Bedeutung dabei hat. Ob das aber direkt der Heilungs- 
vorgang ist, bezweifle ich. Vielleicht entsteht daduwh, daß irgend etwas 
Verdrängtes in den Salon des Bewußtseins kommt, nur eine Bewegung 
im Unbewußten und diese Bewegung bringt Heil oder Unheil. Dana* 
wäre es nicht einmal nötig, daß das Verdrängte, was den Anstoß zur 
Erkrankung gab, zum Vorschein käme. Es könnte ruhig im Unbewußten 
bleiben, wenn nur Platz dafür geschaffen würde. Nach dem, was idi 
bis jetzt über diese Dinge weiß, - i<h sagte es schon, es ist sehr wenig 
- will es mir scheinen, daß es oft genügt, den Pförtner an der Tür 
zu bearbeiten, daß er irgendeinen Namen in den Raum des Unbe- 
wußten hineinschreit, etwa den Namen Wüllner. Ist unter den Nächst- 
stehenden kein Mensch, der Wüllner heißt, so geben sie doch den 
Namen nach hinten weiter, und wenn wirklich dieser Name nicht bis 
zu dem eigendichen Träger dringt, so findet sich vielleicht irgendein 
Müller, der den Ruf absichtlidi oder unabsichtlich mißversteht, sich 
nach vorn zwängt und in das Bewußtsein eingeht. 

Der Brief ist lang und des Schwatzens will kein Ende werden. 
Adieu, Vielliebe, es ist Schlafenszeit Ich bin ein arg müder 

_ TROLL. 

16. 
ES GEHT IHNEN ZU SEHR DURCHEINANDER? MIR AUCH 
Aber das hilft doch nichts; das Es ist immer in Bewegung und nicht 
eine Sekunde tritt Ruhe ein. Das wirbelt und süömt und wirft bald 
dies, bald Jenes Stück Welt empor, der Oberfläche zu. Eben als ich 

148 



den Brief an Sie beginnen sollte, habe ich versucht, herauszubekommen, 
was in mir vorging. Über die gröbsten Dinge bin ich nicht hinweg- 
gekommen. 

Hier ist es, was ich fand. In der rechten Hand habe ich den 
Federhalter, mit der linken spiele ich an der Uhrkette. Der Blick ist 
auf die Wand gegenüber gerichtet, auf eine holländisdie Radierung, 
die Rembrandts Gemälde von der Besdineidung Jesu wiedergibt. Die 
Füße stehen auf dem Boden, aber der rechte tritt mit der Ferse den 
Takt zu einem Marsch, den unten die Kurkapelle spielt. Gleichzeitig 
höre ich den Schrei eines Käuzchens, das Hupensignal eines Automobils 
und das Rattern der elektrischen Bahn. Ich habe keinen bestimmten 
Geruchseindruck, fühle aber, daß mein rechtes Nasenloch etwas ver- 
stopft ist. Es juckt midi in der Gegend des rechten Schienbeines und 
ich bin mir bewußt, daß ich rcdits an der Oberlippe etwa einen halben 
Zentimeter oberhalb des Mundwinkels einen roten runden Fleck habe. 
Die Stimmung ist unruhig und die Fingerspitzen sind kalt. 

Gestatten Sie, liebe Freundin, daß idi mit dem Ende beginne. Die 
Fingerspitzen sind kalt, das erschwert das Sdireiben, bedeutet also: 
„Sei vorsichtig; du schreibst sonst Unsinn!" Und ähnlidi ist es mit der 
Unruhe. Sie verstärkt die Mahnung, behutsam vorzugehen. Mein Es 
ist der Ansicht, daß ich midi mit etwas anderm als Sdireiben be- 
schäftigen sollte. Was das ist, weiß ich noch nicht. Vorläufig nehme 
ich an, daß sich in der Zusammenziehung der Fingerspitzengefäße 
und in der Rastlosigkeit der Stimmung das Gefühl äußert: Deine 
Leserin wird nidit verstehen, was du ihr mitteilst. Du hättest sie 
besser, methodischer vorbereiten sollen. Trotzdem ! Ich wage den 
Sprung. 

Daß ich an der Uhrkette spiele, wird Sie lächeln machen. Sie kennen 
diese Gewohnheit, haben mich oft damit geneckt, aber wohl selbst 
niemals gewußt, was sie sagt. Es ist ein Onaniesymbol, ähnlich dem 
des Spielens mit dem Ring, von dem ich Ihnen neulich erzählte. Aber 
die Kette hat ihre besonderen Eigentümlichkeiten. Der Ring ist ein 



149 



Weibessymbol und die Uhr, wie jede Maschine, ist es auch. Die Kette 
ist es für meine Idee nicht ; vielmehr symbolisiert sie etwas, was vor 
dem eigentlichen Geschlechtsakt, vor dem Spiel mit der Uhr liegt. 
Meine linke Hand verrät Ihnen, daß ich mehr Freude an dem habe, 
was vor der Vereinigung von Mann und Weib liegt, am Küssen, 
Streidieln, Entkleiden, Spielen, am heimlich erregenden Lustgefühl, 
an Dingen, die der Knabe liebt, und Sie wissen ja längst, daß ich ein 
Knabe bin, wenigstens bin ich es auf der linken Seite, der Liebesseite, 
die das Herz trägt. Was links ist, ist Liebe, was links ist, ist verboten, 
von Erwachsenen getadelt : es ist nicht rechts, ist unrecht. Da haben Sie 
einen neuen Anhaltspunkt für die Unruhe, die mich plagt, für die 
kalten Fingerspitzen. Die rechte Hand, die Hand des Schaffens, der 
Autorität, des Rechtes und des Guten, hat in ihrer Tätigkeit ernst- 
haften Schreibens innegehalten, droht hinüber nach der linken, spiel- 
lustigen Kinderhand, und aus rechts und links kommen Schwanken und 
Unruhe, die das Befehlszentrum der Blutversorgung mobil machen und 
die Finger erstarren lassen. 

„Aber," beschwichtigt eine Stimme des Es die unwillige Rechte, 
die mein Erwachsensein darstellt, „laß doch das Kind ; du siehst, es' 
spielt mit der Kette, nicht mit der Uhr!* Damit will diese Stimme 
sagen, daß die Uhr das Herz bedeutet, gemäß der Löweschen Ballade. 
Diese Stimme findet das Spielen mit dem Herzen schlecht. Mir ist, 
trotz ihres Tröstens, schlimm zu Mute, und sogleich erzählt mir auch 
das Es der rechten Hand, wie verwerflich das Tun der linken ist. 

„Sie braucht nur ein wenig stark zu spielen, dann zerrt sie die 
Uhr heraus, läßt sie fallen, und ein Herz ist gebrochen." 

Allerlei Erinnerungen schießen mir in Form von Mädchennamen 
durch den Kopf, Anna, Marianne, Liese und mehr. Von allen den 
Trägerinnen dieser Namen dachte ich einmal, daß ich ihnen durch 
mein Spielen das Herz verletzt hätte. Aber plötzlich werde ich ruhig. 
Ich weiß, seitdem ich ein wenig in die Tiefen der Mädchenseele 
h.neinging, daß solch Spiel an sich hübsch ist und ihnen nur zur 

150 



Qual wurde, weil idi die Abenteuer ernst nahm, weil idi selbst ein 
böses Gewissen hatte und sie es errieten. Weil der Mann vom Mäd- 
chen voraussetzt, es müsse sich schämen, schämt es sich wirklich ; nicht 
weil es Böses tat, nein, weil man von ihm eine moralische Reinheit 
erwartet, die es nicht hat. Gott sei Dank nicht hat. Aber durch nichts wird 
der Mensch tiefer verletzt, als wenn man ihn für edler hält, als er ist. 
Trotz dieser Selbstverteidigung über das Spiel mit dem Herzen 
bleibt die Tatsadie bestehen, daß ich den Federhalter nicht in Be- 
wegung setze, und idi versuche, sie zu verstehen. Da kommen mir 
Erinnerungen, wenn Sie es so nennen wollen. Menschen mit Sdireib- 
krampf, die ich zu behandeln hatte, haben mir, ohne voneinander 
zu wissen, mehrfach folgende Erklärung über das Schreiben gegeben : 
„Die Feder ist der Geschlechtsteil des Mannes, das Papier das em- 
pfangende Weib, die Tinte der Samen, der bei dem raschen Auf und 
Ab des Sdireibens ausströmt. Mit andern Worten, das Schreiben ist 
ein symbolischer Gesdileditsakt. Es ist aber auch, gleichzeitig das Sym- 
bol der Onanie, des phantasierten Geschlechtsaktes." Daß die Er- 
klärung richtig ist, geht für mich aus der Erscheinung hervor, daß 
bei den Kranken der Schreibkrampf verschwand, sobald diese Zu- 
sammenhänge von ihnen gefunden waren. Darf idi noch ein paar 
spielerische Gedanken anreihen? Die deutsche Sdirift ist für den 
Schreibkrampfigen schwieriger, weil sie das Auf und Ab viel deutli- 
cher, heftiger, abgebrochener hat als die lateinische. Der dicke Feder- 
halter ist leiditer zu brauchen als der dünne, der eher den Finger 
oder den allzu schwachen Penis versinnbildlicht als der dicke. Der 
Bleistift hat den Vorteil, daß der symbolische Samenverlust fortfällt, 
die Schreibmaschine, daß in ihr wohl die Erotik in der Klaviatur, 
dem Auf und Ab der Tasten enthalten ist, aber die Hand nidit 
direkt den Penis faßt. Das alles entspricht den Vorgängen beim 
Schreibkrampf, der vom Gebrauch des gewöhnlichen Federhalters über 
den Bleistift und die lateinische Schrift zur Schreibmasdiinc und 
schließlich zum Diktieren führt. 



151 



Bei alledem ist die Rolle des Tintenfasses nicht erwähnt, über 
die mir die gefälligen Krankhcitssymptome auch Auskunft geben. Das 
Tintenfaß mit seinem gähnenden Schlund, der in dunkelschwarze 
Tiefen führt, ist ein Muttersymbol, stellt den Schoß der Gebärerin dar. 
Plötzlidi steht wieder der Ödipuskomplex vor einem, das Verbot der 
Blutschande. Und nun wird es lebendig von den Schreibteufelchen, 
die aus dem Faß, dem schwarzen Bauch der Hölle hervorklettern und 
enge Beziehungen zwischen dem Gedanken der Mutter und dem Reich 
des Bösen ahnen lassen. Sie glauben gar nicht, beste Freundin, was 
für seltsame Sprünge das Es macht, wenn es Launen hat, wie es dann 
Erde und Himmel und Hölle mit dem Arm und Federhalter des 
Kranken zusammenknotet und und wie es sdiließlich ein armselig 
dürftiges Doktorhirn so verrückt macht, daß es ernstlich daran glaubt, 
Tintenfaß, Mutterleib und Hölle seien nahe Verwandte. 

Die Geschichte hat auch ihre Fortsetzung. Aus der Feder strömt 
die Tinte, die das Papier befruchtet. Ist es beschrieben, falte ich es 
zusammen, stecke es in das Kuvert, gebe es zur Post. Sie öffnen den 
Brief, hoffentlich mit einem freundlichen Lächeln, und erraten mit 
leisem Wiegen des Kopfes, daß ich Schwangersdiaft und Geburt in 
diesem Vorgang schilderte. Und dann denken Sie an die vielen Men- 
schen, die man schreibfaul schilt, und verstehen, warum es ihnen so schwer 
fällt, zu schreiben. All diese Menschen haben im Innern ein unbewußtes 
Verständnis für dieSymbolik und all diese Menschen leiden an der Angst 
vor Entbindung und Kind. Zu guter Letzt fällt Ihnen unser gemeinsamer 
Freund Rallot ein, der jeden seiner Briefe zehnmal vom Haus zum Brief- 
kasten und vom Briefkasten wieder nach Hause trug, ehe er ihn auf die 
Reise schickte, und es wird Ihnen verständlich, wie es mir gelang, ihn 
In einer halben Stunde Unterhaltung von seinem Krankheitssymptom - 
nicht etwa von seiner Krankheit - zu befreien. Erkenntnis ist ein gutes 
Ding, und Ihr werdet sein wie Gott, wissend, was Gut und Böse. 

Wenn ich nicht fürchtete, Sie zu ermüden, würde ich nun gerne 
einen Ausflug in die Graphologie wagen, auch wohl dies und jenes 



152 






über die Buchstaben sagen. Ich kann Ihnen auch nicht versprechen, 
daß ich nicht doch gelegentlich darauf zurückkommen werde ; heute 
möchte ich Sie nur bitten, sich zu erinnern, daß wir als Kinder eine 
Stunde lang a's oder o's und u's malen mußten und, um das zu er- 
tragen, allerlei Figuren und Symbole in diese Zeichen hineinlegen 
oder herauslesen mußten. Versuchen Sie, ein Kind zu sein, vielleidit 
kommen Ihnen allerlei Gedanken über die Entstehung der Schrift, 
und es fragt sidi dann, ob sie dümmer sind als die unsrer Gelehrten. 
Nur mit Gelehrsamkeit ist noch niemand dem Es beigekommen und - 
nun ja, ich halte wenig von der Wissenschaft. 

Mir fallen noch ein paar Erlebnisse ein, die mit dem Selbstbe- 
friedigungskomplex zu tun haben. Ich habe einmal mit einer guten 
Freundin - Sie kennen sie nicht, aber sie gehört nidit zu den dum- 
men Menschen - einen Streit gehabt, weil sie mir nidit glauben 
wollte, daß die Krankheiten Sdiöpfungen des Es sind, vom Es ge- 
wollt und herbeigeführt werden. „Nervosität, Hysterie, ja das will idi 
zugeben. Aber auch organische Leiden?" „Audi organische Leiden," 
erwiderte ich, dann aber, ehe ich ihr noch meine Lieblingsrede halten 
konnte, daß das Unterscheiden zwischen nervös und organisch bloß 
eine Selbstanklage der Ärzte ist, mit der sie ausdrücken wollen : „Wir 
wissen nicht viel über die chemischen, physikalischen, biologischen 
Vorgänge der Nervosität ; nur das eine wissen wir, daß solche Vor- 
gänge existieren, aber mit unsern Untersudiungen nidit aufzufinden 
sind, wir brauchen also den Ausdruck ,nervös', um dem Publikum 
unsre Unwissenheit deutlich zu machen, um uns solch unangenehmen 
Beweis unsers Unvermögens vom Halse zu halten" - ehe ich das 
noch sagen konnte, fragte sie weiter: „Auch Unglücksfälle?" „Ja, auch 
Unglücksfälle." „Ich bin neugierig," sagte sie da, „zu hören, was mein 
Es damit bezweckt hat, als es mich meinen rechten Arm brechen ließ." 
„Wissen sie noch, wie der Unfall vor sich ging?" „Gewiß, in Berlin 
in der Leipzigerstraße. Ich wollte in eine Kolonialwarenhandlung ge- 
hen, glitt aus und brach mir den Arm." „Besinnen Sie sich, was Sie 



153 



damals gesehen haben können?« „Ja, vor dem Laden stand ein Korb 
Spargel.« Plötzlich wurde meine Gegnerin nachdenklich. „Vielleicht 
haben Sie recht«, meinte sie und erzählte mir dann eine Geschichte, 
die ich nicht breittreten will, die sich aber um die Ähnlichkeit des 
Spargels mit dem Penis und einen Wunsch der Verunglückten 
drehte. Eine verdrängte Onaniephantasie, nichts weiter. Der Arm- 
bruch war ein wohlgelungener Versuch, die schwankende Moral 
zu stützen. Wer einen gebrochenen Arm hat, dem vergeht die Be- 
gierde. 

Ein anderes Erlebnis schien zunächst weit von dem Onaniekom- 
plex wegzuführen. Eine Frau gleitet auf der glatt gefrornen Straße 
aus und bricht sich den rechten Arm. Sie behauptet, in dem Moment 
vor dem Ausgleiten eine Vision gehabt zu haben. Sie habe plötzlich 
vor ,hren Augen die Gestalt einer Dame gesehen, im Straßenkostüm, 
wie sie sie oft gesehen hatte, aber unter dem Hut sei kein lebendiges 
Gesicht gewesen, sondern ein Totensdiädel. Es war nicht schwer zu 
erraten, daß diese Vision einen Wunsch enthielt. Diese Dame war 
einst ihre intimste Freundin gewesen, aber die Freundschaft hatte sich 
in glühenden Haß verwandelt, der just in der Stunde des Unfalles 
neue Nahrung gewonnen hatte. Die Annahme, daß es sich um eine 
Selbstbestrafung für einen Mordwunsch handelte, wurde sofort be- 
stätigt, da mir die Patientin erzählte, sie habe schon einmal eine 
ähnliche Vision gehabt mit einer andern Frau, und in demselben 
Augenblick sei jene Frau gestorben. Der Armbruch schien also genü- 
gend motiviert; selbst für einen Seelensucher, wie ich es bin. Aber 
der weitere Verlauf belehrte mich eines Besseren. Der Armbruch 
heute glatt, jedoch noch drei Jahre lang traten von Zeit zu Zeit 
Schmerzen auf, die bald mit Witterungswechsel, bald mit Überanstren- 
gung begründet wurden. Allmählich kam ein ausgeprägter Onanie- 
komplex zum Vorschein, in dessen Bereich die Mordphantasien ge- 
zogen worden sind und der der Kranken so widerwärtig war, daß 
sie es vorzog, die Mordvision davorzustehen und so eine FreiheU 

154 



von ihrem Selbstbefriedigungstriebe zu erlangen, ohne die Onanie 
bewußt werden zu lassen. 

Und damit bin ich zu einer bemerkenswerten Feststellung gelangt. 
An meiner Uhrkettte hängt ein kleiner Totenschädel, das Geschenk 
meiner lieben Freundin. Ich habe schon oft geglaubt, mit dem Onanie- 
komplex fertig zu sein, ihn wenigstens für meine Person gelöst zu 
haben. Solch ein kleiner Vorgang Jedoch wie der heute, wo ich beim 
Spielen mit der Kette im Schreiben behindert bin, beweist mir, wie 
tief ich noch darin stecke. Die Onanie ist mit dem Tode bedroht ; das 
ergibt sich aus der seltsamen Ableitung des Namens von einem ganz 
andern Vorgang, der eben nur des plötzlichen Todes wegen bemerkens- 
wert ist. Der Totenschädel an meiner Kette warnt mich, er wiederholt 
mir eindringlich die vielen Mahnungen der Onanienarren, daß man 
erkrankt, verrückt wird, stirbt, wenn man den Trieb frei walten läßt. 

Die Angst vor der Onanie frißt sich tief in die mensdiliche Seele 
ein. Ich erzählte Ihnen schon, warum. Weil, ehe noch irgend etwas von 
der Welt dem Kind bekannt wird, ehe es noch den Mann vom Weib 
unterscheiden kann, ehe es weiß, was nah und fern ist, wenn es noch 
nach dem Monde greift und den eigenen Kot für ein Spielzeug hält, die 
Mutterhand drohend das wollüstige Spiel am Geschlechtsteil unterbridit. 

Es gibt aber nodi eine andre Beziehung zwisdien Tod und 
Wollust, die wichtiger ist als die Angst und die symbolisierende Be- 
sonderheit des Es aufdringlich bekundet. 

Für den harmlosen Menschen, der noch nicht vom Denken an- 
gekränkelt ist, erscheint der Tod wie ein Fliehen der Seele aus dem 
Körper, wie ein Aufgeben seiner selbst, ein Scheiden aus der Welt. 
Nun, dieses Sterben, dieses Ausderweltheraustreten, dieses Auf- 
geben des Ichs tritt für Momente auch im Leben ein, es tritt ein, 
wenn der Mensch sich auflöst in Wollust, sinnlos, bewußtlos wird im 
Genießen, wenn er, wie der Volksausdruck lautet, im andern stirbt. 
Mit andern Worten, Tod und Liebe sind gleich. Sie wissen, der Grieche 
gab dem Eros dieselben Züge wie dem Tode, gab dem einen die er- 



155 



hobene, erigierte, lebendige, dem andern die gesenkte, erschlaffte, tote 
Fackel in die Hand, ein Zeichen, daß er die symbolische Gleichheit, 
die Gleichheit vor dem Es kannte. Und wir alle kennen diese Gleicfa- 
he,t ebenso. Für uns ist ebenso die Erektion das Leben, der leben- 
spendende Samenerguß das Sterben in Frieden und die Erschlaffung 
der Tod. Und je nachdem die Konstellation unsrer Gefühle bei der 
Idee des Todes im Weibe ist, entsteht bei uns der Glaube an eine 
Himmelfahrt ins Reich der Seligen oder an ein Versinken im Pfuhl 
der Hölle; denn Himmel und Hölle sind abgeleitet vom Sterben des 
Mannes in der Umarmung, vom Austreten seiner Seele in den Schoß 
des Weibes, entweder mit der Hoffnung auf eine Auferstehung nach 
dreimal drei Monaten im Kinde oder mit der Angst vor ungelöschten 
Feuern der Begierde. 

Tod und Liebe sind eins, da ist kein Zweifel. Ob aber je ein 
Mensch zu diesem wahren Sterben, wo der Mann im Weibe, das Weib 
im Manne aufgeht, gekommen ist, weiß ich nicht Ich halte es bei den 
Kulturschichten von unsersgleichen für fast unmöglich, jedenfalls sind 
es so seltene Erlebnisse, daß ich keine Mitteilungen darüber machen 
kann. Vielleicht sind die Menschen, deren Phantasie sich den Vorgang 
des Todes in der Umarmung ausmalt, der Möglichkeit eines solchen 
symbolischen Sterbens am nächsten, und da wirklich Todesfälle in 
dem Moment des höchsten Genusses vorkommen, darf man wohl an- 
nehmen, daß bei solchen Ereignissen auch der symbolische Liebestod 
durdilebt wird. Die Sehnsucht danach, die sich in Musik, Gedicht und 
Redewendung ausspricht, ist allgemein verbreitet und gibt Anhalts- 
punkte, um die Fäden zwischen Tod und Liebe, Grab und Wiege, 
Mutter und Sohn, Kreuzigung und Auferstehung zu verfolgen. 

Dicht an den symbolischen Tod gelangen wohl die, die den hyste- 
rischen Krampfanfall durchleben, der Ja, wie der Augenschein lehrt, 
eine Onaniephantasie ist. 

Aber ich bin weit abgeirrt. Hoffentlich finden Sie sich zurecht 
haben Geduld und gestatten mir, das nächstemal den Faden wieder' 



156 



aufzunehmen. Ich halte es für wichtig, daß Sie einmal kennen lernen, 
was alles ich im Zögern des Schreibens vermute. 

Herzlichst 

Ihr 

PATRIK TROLL. 



17. 
ES WUNDERT MICH NICHT, LIEBE FREUNDIN, DASS SIE MEINE 
Ansichten nidit teilen. Ich bat Sie sdion einmal, meine Briefe wie eine 
Reisebeschreibung zu lesen. Aber idi habe nicht verlangt, daß Sie 
dieser Reisebesdireibung mehr Wert beilegten als der jenes Engländers, 
der nach einem Aufenthalt von zwei Stunden in Calais behauptete, 
die Franzosen seien rothaarig und sommersprossig, weil zufällig der 
ihn bedienende Kellner so war. 

Sie machen sich lustig darüber, daß ich dem Es eine Absiditlich- 
keit zuschreibe, die Ausgleiten und Zerbrechen eines Gliedes herbei- 
zuführen vermag. Ich bin auf diese Vermutung - mehr ist es nicht - 
gekommen, weil sich damit arbeiten läßt. Für mich gibt es zwei Arten 
von Ansichten: solche, die man zum Vergnügen hat, Luxusansichten 
also, und solche, die man als Instrumente verwendet, Arbeitshypo- 
thesen. Ob sie riditig oder falsch sind, ist für mich nebensächlich. Ich 
halte es da mit der Antwort Christi auf die Frage des Pilatus : „Was 
ist Wahrheit?" wie sie in einem der Apokryphen-Evangelien mitge- 
teilt wird. „Wahrheit ist weder im Himmel nodi auf Erden noch 
zwischen Himmel und Erde." 

Im Laufe meiner Seelensudierei bin ich dazu gebracht worden, 
midi lue und da mit dem Sdiwindel zu beschäftigen, und ich bin da, 
ich möchte fast sagen, gegen meinen Willen gezwungen worden, anzu- 
nehmen, daß Jeder Seh windelan fall eine Warnung des Es ist : „Gib 
acht, sonst fällst du!" Wenn Sie die Sadie nachprüfen wollen, müssen 
Sie nur gütigst im Auge behalten, daß es zwei Arten des FaUens 
gibt, ein reales Fallen des Körpers und ein moralisches Fallen, dessen 



157 



Wesen in der Erzählung vom Sündenfall geschildert wird. Das Es 
scheint außerstande zu sein, beide Arten scharf voneinander zu trennen 
oder, ich will mkfa lieber so ausdrücken, es denkt bei dem einen Fallen' 
sofort an das andre. Der Schwindelanfall bedeutet also stets eine 
Warnung „ach beiden Seiten, er wird in realem und übertragen- 
symbohschem Sinne gebrauch,. Und wenn das Es der Ansicht ist, daß 
e.n emfacher Schwindel, ein Fehltritt, ein Stolpern, ein Rennen gegen 
emen Laternenpfahl, ein Schmerz am Hühnerauge oder das Treten 
auf emen scharfen Stein zu einer eindringlichen Mahnung nicht aus- 
renkt, wirft es den Menschen zu Boden, schlägt ihn, ein Loch in den 
d-deen Schädel, verletzt ihm das Auge oder bricht ihm ein Glied, das 
U,ed, mit dem der Mensch sündigen will. Vielleicht schickt es ihn, 

auch eme Krankheit, eine Gicht zum Beispiel, ich komme gleich darauf 
zurück. 

Vorläufig mödite ich nur hervorheben, daß nidat idi einen Mord- 
gedanken, emen Ehebruchswunsch, ein Ausmalen des Diebstahles, eine 
Onaniephantasie für Sünde halte, sondern das Es des betreffenden 
Menschen. Idi bin weder Pfarrer noch Richter, sondern Arzt Gut und 
Böse gehen mich nichts an, ich habe nicht zu urteilen, sondern kon- 
statiere nur, daß das Es dieses oder jenes Mensdien dies oder das 
für Sünde hält, so oder so richtet Was mich selbst anbetrifft, so be- 
strebe ich mich, dem Satze zu folgen : „Richtet nicht, auf daß ihr nicht 
gerichtet werdet!« Und ich dehne den Sinn dieses Wortes so weit aus, 
daß ,di auch das Richteramt über mich selbst abzulehnen versuche und 
meine Kranken dazu veranlasse, ebenfalls das Sithselbstrichten aufzu- 
geben. Das klingt sehr fromm oder sehr frivol, je nachdem, was man 
heraushören will, im Grunde ist es nur ein medizinischer Kunstgriff. 
Daß Unheil daraus entstehen könnte, befürchte ich nicht Wenn ich 
den Leuten sage - und ich tue das - „Sie müssen so werden, daß 

ZllLr^ t Qkli(h :r heUen Mittag auf <** *>**» *** 

stheTl T C H °7;^ ÖpfeQ Und — Haufen hinsetzen können,« 
hegt der Ton auf dem Worte können. Daß der Kranke es niemals 

158 






tun wird, dafür sorgen Polizei und Sitte und seine seit Jahrhunderten 
ihm anerzogene Angst. In dieser Beziehung fühle idi midi selir ruhig, 
wenn Sie midi auch noch so oft Satan und Sittenverderber nennen. 
Mit andern Worten, man mag sich noch so viele Mühe geben, das 
Richten zu lassen, es gelingt nie. Immer und ewig fällt der Mensch 
Werturteile, es gehört zu ihm wie seine Augen und seine Nase, Ja 
weil er Augen und Nase hat, muß er immer und ewig sagen : Das 
ist schlecht. Das braucht er, weil er sich selbst anbeten muß, der De- 
mütigste tut es nodi, selbst Cluistus tat es noch am Kreuze mit den 
Worten : „Gott! mein Gottl warum hast du mich verlassen?" und mit 
den andern: „Es ist vollbracht!" Pharisäer zu sein, stets zu sagen: 
„Ich danke dir, Herr, daß idi nicht bin wie jener!" ist menschlich. Aber 
ebenso menschlich ist das: „Gott sei mir Sünder gnädig!" Der Mensch 
hat wie alles zwei Seiten. Bald kehrt er die eine heraus, bald die 
andre, da sind sie aber immer, alle beide. Da der Mensch an den 
freien Willen glauben muß, da er sich aus bestimmten Teilen seines 
Wesens ein Verdienst machen muß, so muß er auch eine Schuld er- 
finden, bei sich, bei andern, bei Gott. 

Idi werde Ihnen jetzt eine Gesdiichte erzählen, die Sie nidit glauben 
werden. Mir aber macht sie Spaß, und weil in ihr vieles zusammen- 
gedrängt ist, was ich Ihnen noch gar nicht oder nicht deutlich genug 
vorgetragen habe, sollten Sic hören. 

Vor einigen Jahren kam eine Dame in meine Behandlung, die 
an chronischen Entzündungen der Gelenke litt. Die ersten Anfänge 
der Krankheit lagen IS Jahre zurück. Damals begann in der Pubertäts- 
zeit das rechte Bein zu schmerzen und zu schwellen. Als ich sie zuerst 
sah, waren Handgelenke, Finger und Ellbogengelenke fast gebrauchs- 
unfähig, so daß die Kranke gefüttert werden mußte, die Schenkel 
konnten nur wenig auseinandergenommen werden, beide Beine waren 
vollkommen steif, der Kopf konnte nicht gedreht und nicht gebeugt 
werden, zwischen die Zähne konnte man die Finger nicht einführen, 
weil die Kinnbackengelenke erkrankt waren, und die Kranke war nicht 



159 




imstande, die Arme bis zur Sdiulterhöhe zu heben. Kurz, sie war, 

wie sie in einer Anwandlung von Galgenhumor sagte, unfähig, wenn 

etwa der Kaiser angeritten käme, Hurra zu rufen und ihm zuzuwinken, 

wie sie es als Kind getan hatte. Sie hatte zwei Jahre im Bett gelegen, 

war gefüttert worden, alles in allem, ihr Zustand war trostlos. Und 

wenn audi die Diagnose Gelenktuberkulosc, mit der man es bei ihr 

Jahrelang probiert hatte, nicht zutraf, war man dodi berechtigt, von 

einer Arthritis deformans schwerster Art zu sprechen. Die Kranke geht 

jetzt wieder, ißt allein, arbeitet mit dem Spaten im Garten, steigt 

Treppen, biegt die Beine ausreichend und dreht und beugt den Kopf, 

wie sie will, kann die Beine spreizen, soweit sie Lust hat, und wenn 

der Kaiser wirklich käme, würde sie Hurra rufen können. Mit andern 

Worten, sie ist geheilt, wenn man eine völlige Leistungsfähigkeit Heilung 

nennen darf. Auffallend ist noch jetzt eine seltsame Art, beim Gehen 

das Hinterteil weit herauszustrecken, was beinahe aussieht, als ob sie 

zum Sdilagen auffordern wollte. Und all diese Qualen hat sie gehabt, 

weil ihr Vater Friedrich Wilhelm hieß und weil man ihr neckend gesagt 

hatte, daß sie nicht das Kind ihrer Mutter, sondern hinter der Hecke 

gefunden worden sei. 

Ich komme damit auf das zu spredien, was meine Gesinnungs- 
genossen in Freud den Familienroman nennen. Sie werden sich der 
Zeiten Ihrer Kindheit erinnern, wo Sie sich lebhaft in Spiel oder Nach- 
denken mit der Phantasie beschäftigten, daß Sie Ihren echten Eltern, 
Leuten hohen Ranges, von Zigeunern gestohlen, daß Vater und Mutter, 
bei denen Sie wohnten, nur Pflegeeltern seien. Solche und ähnliche 
Gedanken hegt jedes Kind. Es sind im Grunde verdrängte Wünsche. 
Solange man noch als Wickelkind das Haus kommandiert, ist man 
mit seinen Angehörigen zufrieden, aber wenn die Erziehung mit ihren 
berechtigten und unberechtigten Ansprüchen kommt und in unsre 
lieben Gewohnheiten eingreift, finden wir unsere Eltern zu Zeiten gar 
nicht wert, solch vorzügliches Kind zu haben. Sie werden von uns, die 
wir trotz Indiehosenmachens und kindlicher Schwäche die Illusion 












160 



unsrer Bedeutung aufrecht haken wollen, zu Stiefeltern, Eseln und 
Hexen degradiert, während wir uns selbst als gequälte Prinzen vor- 
kommen. Das alles können Sie aus Sagen und Märchen selber heraus- 
lesen, oder wenn Sie es bequemer haben wollen, in geistreidien Büdiern 
der Freudschen Schule finden. Und da hören Sie denn audi, daß wir 
alle ursprünglidi den Vater für das stärkste, beste, höchste Wesen 
halten, daß wir aber allmählich sehen, wie er vor diesem oder jenem 
bescheiden wird, wie er gar nicht der absolute Herr ist, den wir in 
ihm sahen. Weil wir aber durchaus die Idee festhalten wollen, des 
Höchsten Kinder zu sein, - denn Ehrfurdit ist ebenso wie Eitelkeit 
ein Gefühl, das wir nidit aufgeben können - phantasieren wir uns den 
Kinderraub, die Unterschiebung, unser Lebensmärchen zuredit. Und um 
auch das noch zu erwähnen, weil uns zu guter Letzt auch der König nidit 
erhaben genug ist, um unsre rastlose Sucht nach Größe zu stillen, dekre- 
tieren wir, Gotteskinder zu sein, und erschaffen den Begriff Gottvater. 

Ein soldier Familienroman lebte, ihr selbst unbewußt, in jener 
Kranken, von der ich Ihnen erzählen will. Ihr Es hat dazu zwei Namen 
benutzt, den ihres Vaters Friedrich Wilhelm und den eigenen Augusta. 
Als Ergänzung hat es noch die Kindertheorie herangezogen, daß das 
Mädchen durch Kastration aus dem Knaben entsteht. Der Gedanken- 
gang ist folgender gewesen : Ich stamme ab von Friedrich Wilhelm, 
dem damaligen Kronprinzen, späteren Kaiser Friedrich, bin eigentlidi 
ein Knabe, Thronerbe und nunmehr rechtmäßiger Kaiser, mit Namen 
Wilhelm. Man hat midi gleich nach der Geburt entführt und an meiner 
Stelle ein Hexenkind in die königliche Wiege gelegt, das herangewachsen 
die Kaiserkrone als Wilhelm II. an sich riß, widerrechtlich und zu meinem 
Sdiadcn. Mich selbst hat man hinter einer Hecke ausgesetzt und, um 
mir jede Hoffnung zu nehmen, durdi Abschneiden der Geschlechtsteile 
zum Mädchen gemacht. Als einziges Zeichen meiner Würde gab man 
mir den Namen Augusta, die Erhabene. 

Man kann die Anfänge dieser unbewußten Phantasien leidlich 
genau bestimmen. Sie müssen spätestens in dem Jahre 1888 entstanden 



11 Groddeck, Das Buch vom Es. 



161 



] 



sein, also in einer Zeit, in der die Kranke nodi nidit vier Jahre alt 
war. Denn die Idee, aus der Hohenzollern-Familie zu stammen, gründet 
sich auf den Namen Friedrich Wilhelm, den der erträumte Vater nur 
als Kronprinz führte. Das Reden über seine Krebserkrankung, mit 
der die Vierjährige wohl kaum etwas andres anzufangen wußte, als 
an das Wort Krebs die Idee der Schere, des Schneidens, der Kastration 
anzuknüpfen, fällt dabei ins Gewicht. Es verknüpft sich mit den per- 
sönlichen Erfahrungen des Nägel- und Haarabschneidens, dessen Be- 
ziehungen zu dem Kastrationskomplex sidi noch aus dem Anschauen 
und Vorlesenhören des Struwwelpeters verstärkten ; steht doch in diesem 
ewigen Buch auch noch die Geschichte von Konrad dem Daumenlutscher, 
eine Geschichte, die alte Sehnsüchte nach der Mutterbrust und quälende 
Erinnerungen an die Entwöhnung, diese unentrinnbare Kastration von 
der Mutter, weckt. 

Ich deute das alles kurz an, damit Sie selber ein wenig nachdenken. 
Denn nur durch eignes Nachdenken können Sie sich davon überzeugen, 
wie gerade in dem Alter zwischen drei und vier Jahren der Boden 
für eine Phantasie vorbereitet ist, die so ungeheuerlich wirkt wie die 
meiner Patientin. Hören Sie nur zu : Das Es dieses Menschen ist über- 
zeugt oder vielmehr will sich überzeugen, daß es das Es eines recht- 
mäßigen Kaisers ist Der Träger der Krone schaut nicht nach rechts 
und nach links, er urteilt ohne Seitenblidce, er beugt sein Haupt vor 
keiner Macht der Erde. „Also,« befiehlt das Es den Säften und Kräften 
des von ihm gebannten Menschen, „stellt mir den Kopf fest, mauert 
seine Wirbel ein. Schließt ihm die Kinnbacken, daß er nicht Hurra 
schreien kann; er hat es schon einmal getan, dem Usurpator, dem 
untergeschobenen Hexenkind zugejubelt und zugewinkt. Lahmt ihm 
die Schultern, damit er nie wieder mit erhobenem Arm dem falschen 
Kaiser huldigen kann; die Beine müssen steif werden, nie darf dieser 
erhabene Kaiser vor irgendwem knien. Die Schenkel preßt zusammen, 
so daß niemals ein Mann zwischen ihnen liegen kann. Denn das wäre 
das Gelingen des teuflischen Plans, wenn dieser Körper, den gemeiner 



162 



Haß und erbärmlicher Neid aus einem männlichen in einen weiblichen 
verwandelt hat, ein Kind gebären müßte. Es wäre die Vereitelung 
aller Hoffnungen. Haltet ihn an, den Unterleib zurückzuziehen, damit 
niemand den Eingang findet, warnt ihn vor der Wölbung des Bauchs, 
zwingt ihn zum Gehen und Stehen mit rückwärts gepreßtem Kreuz. 
Noch ist kein Grund dazu vorhanden, anzunehmen, daß das 
tückisch geraubte Mannesabzeichen nicht wieder wachsen könnte, 
daß dieser Kaiser nidit wirklich Mann werden könnte. Zeigt dem 
Entmannten, ihr Säfte und Kräfte, daß es möglich ist, schlaffe 
Glieder steif werden zu lassen, bringt ihm den Begriff der Erektion, 
des Steifwerdens dadurch bei, daß ihr die Beine verhindert, sich zu 
biegen, zu erschlaffen, lehrt ihn im Symbol zu zeigen, daß er ein 
Mann ist." 

Ich kann mir vorstellen, verehrte Freundin, wie unwillig Sie aus- 
rufen : „Welcher Unsinn !" Und dann kommen Sie wohl gar auf die 
Idee, daß ich Ihnen die Größenwahnideen einer Verrückten erzähle. 
Das müssen Sie nicht denken. Die Kranke ist geistig ebenso gesund 
wie Sie ; was ich Ihnen erzählte, sind einige Ideen, - längst nicht alle 
- die ein Es dazu bringen können, Gidit entstehen zu lassen, einen 
Menschen zu lähmen. Wenn meine Mitteilungen Sie jedoch dazu 
brächten, einige wenige Überlegungen über die Entstehung von Geistes- 
krankheiten daran anzuknüpfen, würde Ihnen klar werden, daß der 
Verrückte, vorurteilslos betrachtet, gar nicht so verrückt ist, wie es im 
ersten Augenblick den Anschein hat, daß seine fixen Ideen solche sind, 
wie wir sie alle haben, haben müssen, weil sich auf ihnen das Menschen- 
geschehen aufbaut Warum aber bei dem einen das Es aus solchen 
Ideen die Religion von Gottvater, bei dem andern die Gicht, bei dem 
dritten die Verrücktheit macht, warum es bei wieder andern die 
Gründung von Königreichen, Zepter und Krone, bei Bräuten den 
Brautkranz, bei uns allen das Streben nach Vervollkommnung, den 
Ehrgeiz und das Heldentum entstehen ließ, das sind Fragen, die Sie 
in langweiligen Stunden beschäftigen mögen. 



n* 



163 



Sie müssen nicht glauben, daß ich dieses Königsmärchen so glatt 
in der Seele meiner Klientin fand, wie ich es dargestellt habe. Es war 
in tausend Fetzen zerrissen, die in den Fingern, der Nase, den 
Eingeweiden und dem Unterleib verborgen waren. Wir haben sie 
gemeinsam zusammengeflidit, haben vieles mit Absidit, noch mehr aus 
Dummheit nicht gefunden oder fortgelassen. Ja, ich muß am Sdüusse 
noch eingestehen, daß ich alles Dunkle - und gerade das ist das 
Wesentliche - beiseite geschoben habe. Denn - aber Sie müssen wieder 
vergessen, was ich jetzt sage - letzten Endes ist alles, was man vom Es 
zu wissen glaubt, nur bedingt richtig, nur richtig in dem Moment, wo 
das Es in Wort, Gebärde, Symptom sich äußert. Schon in der nächsten 
Minute ist die Wahrheit fort und nidit mehr zu finden, weder im 
Himmel noch auf Eiden, nodi zwischen Himmel und Erde. 

PATRIK TROLL. 



18. 
ALS GELEHRIGE SCHÜLERIN VERLANGEN SIE, LIEBE FREUNDIN, 
Auskunft, warum ich, statt meine Ideen über das Spiel mit der Uhr- 
kette weiter mitzuteilen, Geschichten erzähle, die gar nicht dazugehören. 
Ich kann Ihnen dafür eine komische Erklärung geben. Neulich, als ich 
diese kleine Selbstanalyse begann, schrieb ich Ihnen : „In der rechten 
Hand halte ich den Federhalter, mit der linken spiele ich an der 
Uhrkette," und fühlte im Anschluß daran aus, daß beides Onanie- 
komplexe sind. Dann fuhr ich fort: „Mein Blick ist auf die Wand 
gegenüber gerichtet, auf eine holländische Radierung, die Rembrandts 
Gemälde von der Beschneidung Jesu wiedergibt." Das ist gar nicht 
wahr; die Radierung ist nach dem Gemälde von Jesu Darstellung im 
Tempel in Gegenwart einer Menge Menschen gemacht. Ich hätte das 
wissen müssen, wußte es auch tatsächlich, denn ich habe diese Radie- 
rung viele, viele Male eingehend betrachtet Und doch zwang mich 
mein Es, dieses Wissen zu vergessen und aus der Darstellung eine 
Beschneidung zu machen. Warum ? Weil ich im Onaniekomplex be- 



164 



fangen war, weil die Onanie strafwürdig ist, weil sie mit Kastration 
bestraft wird und weil die Bescfaneidung eine symbolische Kastration 
ist. Mein Unterbewußtes verlangte als Reaktion auf die Onanie-Idee 
die Idee der Kastration ; dagegen verwarf es mit Bestimmtheit die 
Idee, daß das Kinddien Jesus im Tempel aller Augen dargestellt 
würde ; denn dieses Knäblein ist wie jedes Knäblein ein Symbol des 
männlichen Gliedes, der Tempel ein Symbol der Mutter. Wäre der 
Gegenstand der Radierung bis in mein Bewußtsein gelangt, so hätte 
das in der nahen Verbindung mit dem Uhrketten spiel und Feder- 
halten bedeutet : „Du treibst dein Spiel mit dem symbolischen Knäblein 
vor den Augen aller und verrätst ihnen sogar, daß letzten Endes 
dieses Onaniespiel der Mutterimago gilt, wie sie Rembrandt in geheim- 
nisvollem Helldunkel als Tempel symbolisiert hat." Das war auf Grund 
des doppelten Verbots der Onanie und der Blutschande dem Un- 
bewußten unerträglich und es zog vor, sofort die symbolische Bestrafung 
heranzuziehen. 

Daß der Ritus der Beschneidung wirklich etwas mit der Kastration 
zu tun hat, möchte ich deshalb annehmen, weil seine Einführung mit 
dem Namen Abrahams in Verbindung gebracht ist. Aus Abrahams 
Leben wird die seltsame Erzählung vom Opfer Isaaks beriditet, wie 
der Herr ihm befiehlt, seinen Sohn zu schlachten, wie er das gehorsam 
ausführen will, aber im letzten Augenblick durch den Engel daran 
verhindert wird ; an Isaaks Stelle wird der Widder geopfert. Wenn 
Sie ein wenig guten Willen haben, können Sie aus dieser Geschichte 
herauslesen, daß das Opfer des Sohnes ein Abschneiden des Penis, 
der Ja im Symbol durch den Sohn vertreten wird, bedeutet Es würde 
mit der Erzählung ausgedrückt werden, daß an Stelle der Selbst- 
kastration des Gottesdieners, die ihre Ausläufer in dem Keuschheits- 
gelübde der katholischen Priester hat, zu irgendeiner Zeit das Tier- 
opfer getreten ist ; der Widder eignet sich für das Enträtseln der 
Symbolik deshalb besonders, weil in der Schafzucht von Jeher die 
Kastration üblich gewesen ist. Betrachtet man die Dinge so, so ist die 



165 



Erzählung von dem Besdineidungsbunde zwischen Jehovah und 
Abraham nur eine Wiederholung des symbolischen Märchens in andrer 
Form, eine Verdoppelung, wie sie häufig in der Bibel und anderwärts 
zu finden ist Die Beschneidung würde danach der symbolische Rest 
der gottesdienstlichen Entmannung sein. Aber sei dem, wie ihm wolle, 
für mein Unbewußtes - und das kommt ja bei der Verwechselung 
von Besdineidung und Darstellung aliein in Betracht - sind Be- 
schneidung und Kastration nahe verwandt, ja identisch ; denn wie so 
vielen Andern ist auch mir erst verhältnismäßig spät klar geworden, 
daß ein Verschnittener, ein Eunuch, etwas andres ist als ein Be- 
schnittener. 

Übrigens haben diese Zusammenhänge zwischen Verschneidung 
und Beschneidung eine besondere Bedeutung in der Freudschen Lehre, 
so daß ich Ihnen empfehlen muß, Freuds Schrift von Totem und Tabu 
zu lesen. Meinerseits möchte ich nur vorläufig eine kleine völker- 
psychologische Phantasie zum besten geben, mit der Sie machen können, 
was Sie wollen. Mir scheint, daß in den Zeiten, wo die Ehen noch 
frühzeitig geschlossen wurden, der älteste Sohn ein ziemlich uner- 
wünschter Mitbewohner des Heims für den Vater gewesen sein muß. 
Die Altersunterschiede waren so gering, daß der Erstgeborene in allen 
Dingen der geborene Nebenbuhler des Vaters war, ja daß er besonders 
gefährlich für die nicht viel ältere Mutter werden mußte. Selbst jetzt 
sind ja Vater und Sohn natürliche Rivalen und Feinde, auch wiederum 
der Mutter wegen, die der eine als Frau besitzt, der andre mit seiner 
heißesten Liebe begehrt. Damals aber, als die Überlegenheit des Alters 
noch nicht so mitsprach, als die Leidenschaften und Triebe noch heißer 
und ungebändigt waren, lag der Gedanke für den Vater nahe, den 
unbequemen Sohn zu töten, ein Gedanke, der nun längst verdrängt 
ist, sich aber oft und stark in mannigfachen Lebensbeziehungen und 
Krankheitssymptomen geltend macht. Denn Vaterliebe sieht, näher 
betrachtet, nicht weniger seltsam aus als Mutterliebe. Dann wäre an- 
zunehmen, daß es ursprünglich Gewohnheit war, den ältesten Sohn 



166 



zu töten, und weil der Mensch nun einmal Sdiauspieler und Pharisäer 
ist, hat man aus dem Verbrechen eine gottesdienstlidie Handlung ge- 
madit und den Sohn geopfert. Das hatte neben der Verklärung ins 
Edle noch den Vorteil, daß man ihn nach dem Morde aufessen konnte 
und so die kindlidie Idee des Unbewußten, daß die Schwangersdiaft 
aus dem Verzehren des Penis, des symbolischen Sohnes, entsteht, dar- 
zustellen vermochte. Mit der allmählidien Verdrängung des Haßtriebes 
verfiel man dann auf andere Methoden, zumal bei wachsendem Be- 
dürfnis nach Arbeitskräften der einfache Mord unzweckmäßig war. 
Man entledigte sich des Rivalen in der Liebe durch seine Entmannung, 
braudite nichts mehr zu fürditen und hatte ohne viel Mühe einen 
Sklaven gewonnen. Wenn die Bevölkerung zu dicht wurde, griff man 
zu dem Mittel, die Erstgeborenen in die Fremde zu treiben, ein Ver- 
fahren, das als ver sacrum noch aus historischen Zeiten bekannt ist. 
Und schließlich, als der Ackerbau und das Zusammenfließen der 
Stämme zu Völkern die Erhaltung der vollen Leistungsfähigkeit und 
Wehrkraft aller Söhne erforderte, symbolisierte man den Mord und 
erfand die Beschneidung. 

Wollen Sie nun den phantastischen Ring schließen, so müssen Sie 
die Sache auch von der Seite des Sohnes anpadten, der ja den Vater 
nicht minder haßt als der Vater den Sohn. Der Mordwunsch gegen 
den Vater setzt sich um in die Kastrationsidee, wie sie im Mythus 
von Zeus und Kronos auftritt, und daraus wird dann die gottesdienst- 
liche Entmannung des Priesters; denn wie der Penis symbolisch der 
Sohn ist, so ist er auch der Erzeuger, der Vater, und seine Ver- 
schneidung ist der Vatermord im Gleichnis. 

Ich fürchte Sie zu ermüden, aber ich muß nochmals auf meine 
Uhrkette zurückkommen. Neben dem Totenschädel, der daran befestigt 
ist, hängt noch eine kleine Erdkugel. Bei der sprunghaften Laune 
meiner Gedanken fällt mir ein, daß die Erde ein Symbol der Mutter 
ist, daß also das Spielen damit einen Inzest im Gleichnis darstellt. 
Und da der Totenkopf daneben droht, ist es erklärlich, daß meine 



167 




Feder stockte, weil sie den beiden Todsünden der Onanie und Blut- 
schande nicht dienstbar werden wollte. 

Wohin führen nun die Gehörseindrücke, von denen ich Ihnen 
schrieb, die Marschmusik, der Käuzchenschrei, das Automobil und die 
elektrische Bahn? Für den Marsch sind Takt und Rhythmus be- 
zeichnend, und von dem Worte Rhythmus aus gehen die Gedanken 
zu der Betrachtung über, daß jede Tätigkeit leiditer ausgeführt wird, 
wenn man sie im Takte rhythmisch ordnet ; das weiß ein jedes Kind. 
Vielleicht gibt auch das Kind Antwort, warum das so ist. Vielleicht 
sind Takt und Rhythmus gute Bekannte, unentbehrliche Lebens- 
gewohnheiten vom Mutterleibe an. Vermutlich ist das ungeborene 
Kind auf eine kleine Zahl von Wahrnehmungen beschränkt und unter 
denen nimmt die Empfindung für den Rhythmus und Takt den ersten 
Platz ein. Das Kind schaukelt im Mutterleibe, bald schwächer, bald 
stärker, je nach den Bewegungen der Mutter, je nach ihrer Gangart 
und dem Tempo ihres Schrittes. Und ununterbrochen klopft in dem 
Kinde das Herz, im Takt und im Rhythmus, seltsame Melodien, denen 
das Kind lauscht, vielleicht mit den Ohren, sicher mit dem Gemein- 
gefühl des Körpers, der die Erschütterung empfindet und im Unbe- 
wußten verarbeitet. 

Es wäre wohl lockend, hier ein paar Betrachtungen über dieses 
Phänomen einzuschalten, wie dem Rhythmus nicht nur das bewußte 
Tun des Menschen, seine Arbeit, seine Kunst, sein Gang und Handeln 
unterworfen ist, sondern auch das Schlafen und Wachen, Atmen, Ver- 
dauen, das Wadisen und Vergehen, ja alles und jedes. Es scheint, 
daß das Es im Rhythmus ebenso sich äußert wie im Symbol, daß er 
eine unbedingte Eigenschaft des Es ist, oder wenigstens, daß wir, um 
das Es und sein Leben betrachten zu können, ihm rhythmische Eigen- 
schaften zuschreiben müssen. Aber das führt mich zu weit ab und 
lieber lenke ich Ihre Aufmerksamkeit darauf, daß mich der Marsch 
auf Schwangerschaftsgedanken geführt hat, die schon vorher in der 
Erwähnung der Erdkugel an meiner Uhrkette anklangen- Denn diese 

168 




Erdkugel — idi brauche es kaum zu sagen - ist durch das Wort von 
der Mutter Erde und die Rundung der Kugel gewiß eine Andeutung 
des hoffenden Mutterleibes. 

Jetzt sehe ich auch ein, warum ich mit der Ferse den Takt dazu 
trete, statt mit der Fußspitze. Die Ferse steht für jedweden von Kind- 
heit an in unbewußter Beziehung zum Gebären. Denn wir alle werden 
ja mit der Geschichte vom Sündenfall großgezogen. Lesen Sie sie doch 
einmal. Das Auffallendste daran ist, daß sich nach dem Essen der 
Frucht die beiden Menschen ihrer Nacktheit schämen. Das beweist, 
daß es sich um eine symbolische Erzählung über die Sünde der 
Geschlechtslust handelt Der Paradiesgarten, in dessen Mitte der Kaum 
des Lebens und der Erkenntnis - erkennen ist der Ausdruck für 
beschlafen - „steht", spricht für sich selber. Die Schlange ist ein ur- 
altes, überall wiederkehrendes Phallussymbol : ihr Biß vergiftet, madit 
schwanger. Die Frucht, die Eva reicht, die übrigens bezeichnender- 
weise von den Jahrhunderten stets als Apfel, als Frucht der Liebes- 
göttin, aufgefaßt worden ist, obwohl in der Bibel das Wort Apfel 
nidit steht, diese Frucht, die sdiön anzuschauen und gut zu essen ist, 
entspricht der Brust, dem Hoden, der Hinterbacke. Hat man diese 
Zusammenhänge erfaßt, so ist sofort klar, daß der Fluch: Das Weib 
wird der Schlange den Kopf zertreten und die Schlange wird das 
Weib in die Ferse stechen, die Erschlaffung, den Tod des Gliedes 
durch die Samenergießung und den Storchenbiß unsrer Kinderzeit, 
die Geburt bedeutet. Daß ich die Ferse zum Takttreten benutzte, 
zeigt, wie stark mein Unbewußtes in dem Gedankengang der Schwanger- 
schaft befangen war. Aber zugleich auch in dem der Kastration. Denn 
im Zertreten des Schlangenkopfes ist Erschlaffung und Kastration 
gleichzeitig enthalten. Und dicht daneben drängt sich auch schon wieder 
die Todesidee. Das Zertreten des Kopfes ist wie eine Enthauptung, 
eine Todesart, die auf dem symbolisierenden Wege aus Gliederschlaffung 
- Kastration sich entwickelt hat. Einen Kopf kürzer wird der Mensch, 
einen Kopf kürzer das Glied, dessen Eichel nach der Begattung in 



169 



die Vorhaut zurückschlüpft. Sie können das alles, wenn es Ihnen 
Freude macht, in den Sagen von David und Goliath, Judith und 
Holofernes, Salome und Johannes dem Täufer weiter verfolgen. 

Der Beischlaf ist ein Tod, der Tod am Weibe, eine Vorstellung, 
die sich durch die Geschichte der Jahrtausende hinzieht. Und der Tod 
schreit in meine Gehörswahrnehmungen scharf und schrill hinein mit 
dem Käuzchenruf: „Komm mit, komm mit.« Dabei klingt wieder das 
Motiv der Onanie in dem Automobilsignal an ; ist das Auto doch ein 
bekanntes Sinnbild der Selbstbefriedigung, wenn es nicht gar seine 
Erfindung dem Onanietriebe verdankt. Daß die elektrische Bahn - 
wohl auf dem Assoziationswege der Reibungselektrizität und der 
Menschenbeförderung - in sich das Onanie- und Schwangerschafts- 
symbol vereinigt, läßt sich schon aus der Tatsache schließen, daß die 
Trau, dieser symbol empfindliche, der Kunst nahe verwandte Mensch- 
heitsteil, stets falsch vom elektrischen Wagen abspringt, - um zu fallen. 
Nun klärt sich für mich auch eine andere Seite des Marsch- 
problems. Vor vielen Jahren hörte ich diese Takte beim Rückweg vom 
Begräbnis eines Offiziers. Mir hat das immer ausnehmend gefallen, 
daß Soldaten, die eben den Kameraden in die Gruft versenkt haben, 
mit fröhlichem Spiel ins Leben zurückkehren. So sollte es überall 
sein. Sobald die Erde über der Leiche liegt, ist keine Zeit mehr für 
Trauer: „Schließt die Reihen." 

Finden Sie mich hart ? Ich finde es hart, von den Menschen zu 
verlangen, daß sie drei Tage lang traurig sind ; ja, soweit ich die 
Menschen kennengelernt habe, sind schon drei Tage unerträglich. 
Die Toten haben immer Recht, heißt es im Sprichwort, im Grunde 
haben sie immer Unrecht Und wenn man ein wenig nachforscht, 
kommt man dahinter, daß die ganze Traurerei eitel Angst ist, Ge- 
spensterfurcht, die auf derselben ethischen Höhe steht wie die Sitte, 
den Toten mit den Füßen zuerst aus dem Hause zu tragen : er soll 
nicht wiederkehren. Wir haben die Empfindung, daß der Geist des 
Toten in der Nähe der Leiche weilt. Man muß weinen, sonst be. 



170 



leidigt man das Gespenst, und Gespenster sind rachsüchtig. Liegt der 
Körper erst tief unter der Erde, so kann das Gespenst nicht mehr 
hervor. Zur größeren Sicherheit wird ihm ein schwerer Stein auf die 
Brust gewälzt ; die Redensart von dem Stein, der einem auf die 
Brust drückt, beweist, wie überzeugt auch wir Modernen von dem 
Weiterleben des Toten im Grabe sind; wir stellen uns vor, wie der 
Grabstein auf ihm lastet, und übertragen dieses Gefühl auf uns 
selbst, vermutlidi als Strafe für die grausame Einkerkerung unsrer 
toten Verwandten. Sollte )edoch wirklich einmal ein Toter auferstehen, 
so liegen in Gestalt von Kränzen Fußangeln auf seinem Grabe, die 
ihn nicht entkommen lassen. 

Ich will nicht ungerecht sein. Das Wort auferstehen beweist, daß 
auch noch ein anderer Gedankengang bei der Wahl der drei Tage 
mitgesprochen hat, ehe die Leiche beerdigt wird. Drei Tage sind die 
Zeit der Auferstehung, und dreimal drei ist neun, die Zahl der 
Schwangerschaft. Und die Hoffnung darauf, daß die Seele des Toten 
inzwischen den Weg zum Himmel gefunden hat, wo sie freilich weit 
entfernt und gut aufgehoben ist, hat auch einen Sinn. 

Der Mensch trauert nicht um seine Toten, es ist nicht wahr. Und 
wenn er im tiefsten Innern trauert, zeigt er es nicht. Aber selbst 
dann ist es noch zweifelhaft, ob seine Trauer dem Toten gilt oder 
ob das Es über irgend etwas andres traurig ist und den Todesfall 
nur als Vorwand nimmt, um seine Trauer zu rationalisieren, vor der 
Dame Moral zu begründen. 

Sie glauben es nicht? So schlecht sind die Menschen nicht? Aber 
warum nennen Sie es schledit? Sahen sie Je ein kleines Kind um 
einen Toten trauern? Und sind etwa die Kinder schlecht? Meine 
Mutter erzählte mir, daß ich nach dem Tode meines Großvaters - 
ich war damals drei bis vier Jahre alt - händeklatschend um seinen 
Sarg herumgesprungen bin und gerufen habe : „Da liegt mein Groß- 
vater drin." Meine Mutter hielt mich deshalb nicht für schlecht, und 
ich halte midi nicht für berechtigt, moralischer als sie zu sein. 



171 



Warum aber trauern die Menschen dann ein ganzes Jahr? Zum 
Teil der Leute wegen, vor allem aber, um - nach Pharisäerart -vor 
sich selbst zu prahlen, sidi selbst zu betrügen. Sie schwuren diesem 
Toten und sidi selbst einmal zu, ewig treu zu sein, ihn nie zu ver- 
gessen. Und wenige Stunden nadi dem Tode vergessen wir sdion. 
Da ist es gut, sidi selbst zu erinnern, durdi sdiwarze Kleider, durdi 
Traueranzeigen, durdi das Aufstellen von Bildern und das Tragen 
vom Haar des Entschlafenen. Man kommt sidi gut vor, wenn man 
trauert. 

Darf idi Ihnen im geheimen einen kleinen Wink geben ? Sdiauen 
Sie sidi zwei Jahre nadi dem Tode des Gatten oder der Gattin nadi 
den vom Sdnnerz gebeugten Überlebenden um: entweder sind sie 
audi tot, das ist nidit selten, oder die Witwe ward eine blühende, 
zufriedene Dame und der Witwer ist wieder verheiratet 

Ladien Sie nidit ! Es hat einen tiefen Sinn und ist wirklich wahr. 

Stets Ihr 

PATRIK TROLL. 



19. 
SIE HABEN WIEDER ALLERLEI AUSZUSETZEN. DAS PASST 
mir nicht und idi werde daher deutlidi werden. Warum finden Sie 
es gesucht, daß ich den Evasapfel mit der Hinterbacke vergleiche? 
Es ist nicht meine Erfindung. Die deutsche Sprache zieht diesen Ver- 
gleich, die italienische tut es, die englische auch. 

Ich will Ihnen sagen, warum Sie gereizt sind und midi schelten. 
Die Erwähnung von Evas Popo erinnert Sie daran, daß der Geliebte 
Sie zuweilen von hinten nahm, während Sie knieten oder auf seinem 
Schöße saßen ; und dessen schämen Sie sich, genau so, als ob Sie 
selber die deutsche Wissenschaft wären, die prüde die Lust mit dem 
Ausdruck more ferarum benennt: nach Art der Tiere, und sich nicht 
schämt, ihren Verkündern damit eine Ohrfeige zu geben. Denn sie 
weiß ganz gut, daß all diese Jünger more ferarum geliebt haben oder 

172 



wenigstens Lust dazu gehabt haben. Und sie weiß auch oder sollte 
es wenigstens wissen, daß der männlidie Liebesdoldi dreikantig ge- 
formt ist und die weiblidie Liebesscheide ebenfalls, und daß der Dolch 
in die Sdieide vollkommen nur paßt, wenn er von lünten eingeführt 
wird. Hören Sie doch nicht auf das Gesdiwätz der Pharisäer und 
Heuchler. Die Liebe ist nicht des Kinderkriegens wegen da und die 
Ehe ist keine Moralanstalt. Der Gesdüeditsverkehr soll Lust bringen 
und in allen Ehen, bei den keuschesten Männern und reinsten Frauen, 
wird er in allen Formen ausgeübt, die sich ausdenken lassen, als 
gegenseitige Onanie, als Schaustellung, als sadistischer Scherz, als 
Verführung und Notzucht, als Küssen und Saugen an den Stellen der 
Wollust, als Päderastie, als Vertausdien der Rollen, so daß das Weib 
über dem Mann liegt, im Stehen, Liegen, Sitzen und auch „more 
ferarum". Und nur bestimmte Leute haben nicht den Mut dazu und 
träumen statt dessen davon. Aber ich habe nidit bemerkt, daß sie 
besser sind als die, die ihre Kindlichkeit vor dem Geliebten nicht ver- 
leugnen. Es gibt Leute, die sprechen vom Tier im Menschen, und 
unter Menschsein verstehen sie, was sie edel nennen, was aber bei 
näherem Zusehen redit unedel wird, den Verstand zum Beispiel oder 
die Kunst oder die Religion, kurz alles, was sie auf irgend welche 
Gründe hin in das Gehirn oder Herz verlegen, oberhalb des Zwerch- 
fells, und tierisch nennen sie alles, was im Bauche vor sich geht, vor 
allem was zwischen den Beinen ist, Geschlechtsteil und After. Idi 
würde mir an Barer SteUe dergleichen Redende erst genau ansehen, 
ehe ich mit ihnen Freundschaft schlösse. Darf ich nodi eine kleine 
Bosheit sagen? Wir gebildeten Europäer tun immer so, als ob wir 
die einzigen Menschen wären, als ob, was wir tun, gut, natürlidi, was 
andre Völker, andre Zeitalter tun, schlecht, pervers sei. Lesen Sie 
doch Plochs Buch über das Weib. Da finden Sie, daß viele hunderte 
Millionen Menschen andre Gesdileditssitten, andre Beischlafsgewohn- 
heiten haben als wir. Aber freilich es sind nur Chinesen, Japaner, 
Inder oder gar Neger. Oder gehen Sie nach Pompeji. Da hat man 



173 






ein Wohnhaus ausgegraben, - das Haus der Vertier nennt man es - 
in dem ist das gemeinsame Badezimmer für Eltern und Kinder mit 
einem Fries bemalt, der alle Arten der Geschlechtslust darstellt, sogar 
die Tierliebe. Freilich, das waren nur Römer und Griechen. Aber es 
waren fast Zeitgenossen von Paulus und Johannes. 

All diese Dinge sind wichtig. Sie ahnen nicht, welche Rolle sie in 
den täglichen Gewohnheiten und in den Erkrankungen spielen. Nehmen 
Sie nur das „more ferarum«. Niemals wäre man auf die Idee des 
Klystiers gekommen, wenn dies tierische Spiel a la Hündlcin nicht wäre. 
Und das Fiebermessen im After gäbe es auch nicht. Und die kindliche 
Sexualtheorie vom Gebären durch den After, die so tausendfältig in 
das gesunde und kranke Leben aller Menschen eingreift - aber davon 
will ich nicht reden ; es würde midi zu weit abfuhren. Lieber gebe ich 
ein andres Beispiel. Erinnern Sie sich, wie ein Mädchen rennt? Es 
hält den Oberkörper gestreikt und schlägt nach hinten mit den Beinen 
aus, während der Knabe weit mit den Schenkeln ausgreift und den 
Oberkörper vorneigt, als wollte er den verfolgten Flüchtling damit 
durchbohren. Sie arbeiten ja viel mit dem Wort Atavismus. Was meinen 
Sie, könnte dieser seltsame Unterschied im Rennen nicht atavistisch 
sein, ein Erbstück aus der Urzeit, wo der Mann die Frau jagte? Oder 
ist es das Es, das der Ansicht ist, der Geschlechtsangriff müsse von 
hinten kommen und deshalb sei es gut, auszuschlagen? So etwas ist 
schwer zu unterscheiden. Aber es bringt mich auf andre Unterschiede, 
die spaßig zu sehen sind. So spielt der Knabe, wenn er auf dem 
Erdboden baut, im Knien, das Mädchen hockt sich mit weit gespreizten 
Beinen hin. Das Büblein fällt nach vorn, das winzige Jüngferlein nach 
hinten. Der sitzende Mann sucht einen Gegenstand, der vom Tische 
fällt, dadurch zu fangen, daß er die Knie schließt, die Frau reißt sie 
auseinander. Der Mann näht in weit ausgreifenden seitlichen Be- 
wegungen, das Weib in zierlicher Rundung von unten nach oben, 
genau entsprechend ihren Begattungsbewegungen, und das Kind sticht 
unwissend und gemäß der kindlichen Theorie vom Hineinstopfen in den 



174 



Mund von oben nach unten. Beiläufig, haben Sie schon einmal die 
Zusammenhänge des Nähens mit dem Onaniekomplexe beaditet? 
Denken Sie darüber nach. Sie werden Nutzen davon haben, gleich- 
gültig, ob Sie annehmen, daß das Nähen an die Onanie symbolisdi 
erinnert oder ob Sie wie ich glauben, daß das Nähen aus der Onanie 
entstanden ist. Und wenn Sie schon einmal bei der Kleidung sind, 
widmen Sie einen Augenblük Ihre Aufmerksmmkeit dem herzförmigen' 
Aussdinitt des Mädchens und der Rose und Brosche, dem Halskettchen, 
und den Röcken, die gewiß nicht getragen werden, um den Liebesakt 
zu erschweren, sondern zum Betonen, zum Auffordern. Die Mode lehrt 
uns Neigungen ganzer Zeitalter kennen, von denen wir sonst nichts 
wüßten. Vor langen Zeiten trug die Frau keine Unterhosen, Mann 
und Weib hatten ihre Freude im raschen Genießen ; dann schien es 
lustiger zu sein, im Spiel sich aufzuregen und das Beinkleid wurde 
erfunden, das mit seinem Schlitz Geheimnisse nur halb verdeckte, und 
schließlich jetzt trägt jede geschlossene, elegante Spitzenhöschen. Die 
Spitzen, um zu locken, die geschlossene Öffnung, um das Spiel zu 
verlängern. Beachten Sie aber auch den Hosenstall des Mannes, der 
betont, wo das Pferdchen zum Reiten steht; schauen Sie sich die 
Frisuren an mit Scheitel und Locken : alles sind Schöpfungen des Es, 
das Es der Mode und das Es des Einzelwesens. 

Doch zurück zu kleinen Eigentümlichkeiten von Mann und Frau. 
Der Mann bückt sich, wenn er etwas aufheben will, die Frau hockt 
sich nieder. Der Mann trägt und hebt mit der Rückenmuskulatur, die 
Irau, im Symbol der Mutterschaft, mit dem Bauche. Der Mann wischt 
den Mund nach den Seiten fort von sich, die Frau gebraucht die 
Serviette so, daß sie von den Mundwinkeln nach der Mitte zu fährt, 
sie will empfangen. Der Mann trompetet beim Nasenschnauben wie ein 
Elefant, denn die Nase ist ein Symbol seines Gliedes und er ist stolz 
darauf und will sich zeigen, die Frau benutzt das Taschentuch vor- 
sichtig leise, ihr fehlt, was der Nase entspricht. Das Mädchen steckt 
die Blume mit der Nadel fest, der Mann trägt sie im Knopfloch. Das 



175 



Mädchen hält den Blumenstrauß gegen die Brust gedrückt, der Knabe 
trägt ihn mit herabhängendem Arm : er deutet an, daß die Mädchen- 
blume nichts hat, was nach oben strebt, kein Mann ist. Knaben und 
Männer spucken, sie zeigen, daß sie Samenergüsse haben, Mädchen 
weinen, denn das Überfließen der Augen symbolisiert ihren Orgasmus. 
Oder wissen Sie nicht, daß Pupille Kindchen bedeutet, daß also das 
Auge Symbol des Weibes ist, weil man sich im Auge klein wider- 
gespiegelt sieht ? Das Auge ist die Mutter, die Augen sind die Hoden, 
denn auch in den Hoden sind die Kinderchen enthalten und der Strahl 
der Leidenschaft, der aus den Augen springt, ist männliches Symbol. 
Der Mann verbeugt sich, macht einen Diener, er sagt damit : dein 
Anblick schon brachte mir die höchste Wonne, so daß ich ersdüaffe; 
aber in wenigen Sekunden stehe ich wieder aufrecht, Begehren zu 
neuer Lust erfüllt mich. Der Dame aber knicken die Knie, sie deutet 
an : da ich dich sehe, hört aller Widerstand auf. Das kleine Mädchen 
spielt mit der Puppe, der Knabe braucht es nicht, er trägt sein 
Püppchen am Leibe. 

Es gibt so viele Lebensgewohnheiten, die wir nicht beachten, so 
\iele, die beachtenswert sind. Was will der Mann sagen, wenn er den 
Schnurrbart streicht ? Die Nase ist das Symbol seines Gliedes, ich sagte 
es schon, und das Zeigen des Schnurrbartes soll die Aufmerksamkeit 
darauf lenken, daß vor uns ein geschlechtsreifer Mann sitzt, der die 
Schamhaare besitzt; der Mund aber ist das Symbol des Weibes und 
das Streichen des Schnurrbartes bedeutet deshalb auch, ich möchte 
beim Weibchen spielen. Das glattrasierte Gesicht soll die Kindlichkeit 
betonen, die Harmlosigkeit, da das Kind noch keine Geschlechtshaare 
besitzt, zugleich soll es aber die Kraft bedeuten, da der Mensch als 
emporgerichtetes Wesen der Phallus ist und der Kopf die haarlose 
Eichel bei der Erektion versinnbildlicht Vergessen Sie das nicht, wenn 
Sie Kahlköpfe sehen oder wenn ihre Freundinnen über Haarausfall 
klagen. Die Kraft des Mannes wird hiemit dargestellt oder das Kind- 
sein, das Neugeborensein. Wenn eine Frau sich setzt, zieht sie die 

176 






Kleider nach unten ; schau, was da für Füße sind, sagt die Bewegung, 
aber ich gestatte nicht, daß du mehr siehst, denn ich bin schamhaft. 
Wenn sie sich in Gegenwart eines andern hinlegt, kreuzt sie - es gibt 
keine Ausnahme davon - die Füße. „Ich weiß, daß du mich begehrst," 
heißt das, „aber ich bin gegen den Angriff gewappnet. Versuch es nur." 
All das ist doppeldeutig, ein Spiel, das anzieht, während es abschreckt, 
anlockt, während es verbietet, ist die mimische Darstellung des selt- 
samen „nicht doch", mit dem das Mädchen die kosende Hand abwehrt. 
Nicht ! doch ! Oder das Brilletragen : man will besser sehen, aber man 
will nicht gesehen werden. Dort sdiläft einer mit offenem Munde, er 
ist bereit zur Empfängnis, hier liegt ein andrer zusammengekrümmt 
wie ein Fötus. Jener Alte geht mit kurzen Sduitten, er will den Weg 
verlängern, der zum Grabesziele führt, er schläft schlecht, denn seine 
Stunden sind gezählt und er wird bald allzulange schlafen müssen, 
er wird weitsiditig, will nicht sehen, was so nahe ist, das Totenschwarz 
der Lettern, den Faden, den die Parze in kurzem zerschneiden wird. 
Die Frau fürchtet zu erkranken, wenn sie während der Periode lange 
steht ; die Blutung erinnert sie daran, daß sie nidits hat, was stehen 
kann, daß ihr das Beste fehlt. Sie tanzt nicht während dieser 
Zeit, es ist verboten, audi nur im Symbol den Gesdileditsakt zu 
vollziehen. 

Warum erzähle ich Ihnen das alles? Weil idi einer langen Aus- 
einandersetzung über den Apfel des Paradieses ausweichen will. Aber 
einmal muß idi sie clodi geben. Aber nein, erst kann idi noch ein 
wenig von den Früchten erzählen. Da ist die Pflaume: sie birgt den 
Kern, das Kind in sidi und ihre leidit angedeutete Spaltung verrät 
den Weibescharakter. Da ist die Himbeere : sieht sie nicht der Brust- 
warze ähnlich ? Oder die Erdbeere ; sie wächst tief verborgen zwischen 
dem Grün des Grases, und Sie müssen suchen, ehe Sie dies holde 
Geheimnis im Versteck des Weibes finden. Aber hüten Sie sich vor 
ihr. Die Wonne des Kitzlers frißt sich immer tiefer in das Wesen des 
Mensdien ein, wird heiß ersehnt und doch als Schuld geflohen und 

12 C r o d d e c k, Das Ruch vom E». 1 77 



dann entsteht die Nesselsudit, die symbolisch das Gefühl widerwärtig 
und quälend verhundertfacht. Die Kirsche? Sie finden sie an den 
Brüsten, aber auch der Mann trägt sie an seinem Baum, wie denn 
alle Symbole doppelgeschlechtlich sind. Und nun gar die Eichel. Sie ist 
wissenschaftlich gebilligt, obwohl sie dem Schwein so nahe verwandt 
ist, dem Schwein, das viel Geheimnisse in sich birgt. Darf ich Ihnen 
eins davon verraten? Die erziehende Mutter sdiilt ihr schmutziges 
Kind Ferkelchen. Kann sie sich da wundern, wenn das Kind in Ge- 
danken antwortet : Bin ich ein Ferkel, so bist du das Schwein ? Und 
in der Tat, so hart es Ihnen klingen mag, das Schwein ist eines der 
gebräuchlichsten Muttersymbole. Das hat eine tiefe Bedeutung; denn 
das Schwein wird geschlachtet, der Bauch wird ihm aufgeschnitten und 
es quiekt. Und eine, vielleidit die häufigste Geburtstheorie des Kindes 
ist, daß der Mutter der Bauch aufgeschnitten wird, um das Kind 
herauszuholen, eine Theorie, die sich auf die Existenz der seltsamen 
Linie zwisdien Nabel und Schamteil gründet und durch den Geburts- 
schrei bestätigt wird. Von der Assoziation Schwein-Mutter geht ein 
erstaunlicher Weg in das Religiöse hinüber, wenigstens in Deutsch- 
land, wo beim Metzger die Schweine im Schaufenster aufgehängt 
werden. Die Kreuzigung wird damit symbolisch gebunden. Weldie 
Laune des Es : Schwein-Mutter-Christus. Es ist mandimal zum Er- 
schrecken. Wie die Mutter, wird auch der Vater zum Tier gemacht ; 
er ist ein Ochse, selbstverständlich. Denn statt dem Kinde in Liebe 
zu nahen, bleibt er unbewegt von dessen Versuchungskünsten, muß 
also kastriert sein. Zum Schluß darf idi die Feige nicht vergessen, sie 
ist in allen Sprachen ein Sinnbild des weiblichen Geschlechtsteils. Und 
damit bin ich wieder bei der Paradiesessage. 

Was mag es wohl bedeuten, daß das erste Menschenpaar sich 
Schürzen aus Feigenblättern flocht, und weiter, warum machte die 
Sitte der Jahrhunderte aus dieser Schürze ein einziges Feigenblatt? 
ich kann nicht in den Gedanken des Märchenerzählers der Bibel lesen ; 
über das Feigenblatt, mit dem die nackte Natur bedeckt wird, wage 



178 






idi ein wenig zu spotten. Fünf Zacken hat dieses Blatt, fünf Finger 
hat die Hand. Es ist verständlich, daß mit der Hand verdeckt wird, 
was nidit gesehen werden soll. Aber die Hand an den Geschlechts- 
teilen? Dort, wo sie nidit sein darf? Mir kommt es vor wie ein 
Witz des Es: „Da dir ein freies Leben im Eros nicht erlaubt ist, so 
tue, was die Natur lehrt, benütze die Hand!" 

Ich weiß, ich bin frivol. Aber endlich muß ich ernst werden. Sie 
wissen, man nennt den vorspringenden Keldteil des Mannes den 
Adamsapfel. Die Idee dabei war wohl, daß dem Adam der Apfel in 
der Kehle stecken blieb. Aber warum nur ihm, warum nicht Eva, die 
doch auch von der Frucht aß ? Sie sdiluckte die Frucht hinunter, damit 
daraus eine neue Frucht würde, das Kind. Adam jedoch kann keine 
Kinder kriegen. 

Da stehen wir unversehens in dem Gewirr von Ideen, die das 
Kind über die Schwangerschaft und über die Geburt hat. Sie sind 
freilich der Ansidit, daß ein braves Kind an den Storch glaubt, und 
das tut es auch. Aber vergessen Sie nicht, daß das Kind auch an das 
Christkind glaubt und doch gleichzeitig weiß, daß die Geschenke des 
Christkinds von den Eltern im Laden und in der Straße gekauft 
werden. Das Kind hat viel Glaubensfähigkeit und nichts hindert es, 
den Storch zu verehren und doch zu wissen, daß das Kind im Baudic 
der Mutter wädist. Das weiß es, muß es wissen, denn es war vor zwei 
drei Jahren noch in diesem Baudie. Wie aber kommt es da heraus 
und wie kam es hinein? Das sind Fragen, die uns alle mit schwan- 
kender, aber allmählich immer mehr wachsender Dringlichkeit verfolgt 
haben. Als eine der vielen Antworten fanden wir alle ohne Ausnahme, 
da wir alle in der Kindheit weder Gebärmutter nodi Scheide kennen : 
Das Kind wird aus der Öffnung geboren, aus der alles herauskommt, 
was in dem Bauche ist, aus dem After. Und hinein? Es gibt audi 
dafür mehrere Erklärungen für das Kind. Am meisten neigt es zu der 
Annahme, daß der Keim zum Kinde verschluckt wird, wie che Milch 
aus der Brustwarze gesogen wird. Und aus dieser Belraditung, aus 



12* 



179 



rr 



diesem immer wiederholten aufregenden Sichselbstbefragcn und Sich- 
selbstbeantworten des Kindes entsteht der Wunsch, am Gliede des 
Geliebten zu saugen, zu rauchen, zu küssen, ein Wunsch, der doppelt 
dringend ist, weil in seiner Erfüllung die Mutterbrust und die Selig- 
keit der Kindheit neu erwacht ; daher stammt auch die Idee, den vor- 
springenden Sdiildknorpel des Mannes Adamsapfel zu nennen. Und 
schließlich, um auch das zu sagen, daraus entwickelt sich der Ansatz 
des Kropfs, der Sie bei Ihrer Kleinen so erschreckt. Sie hatten als 
Backfisch auch solch dicken Hals, glauben Sie mir. So etwas vergeht 
wieder. Nur bei denen, deren Es ganz durchdrungen ist von der Idee 
der Empfängnis durch den Mund und von dem Ahscheu, das Kind 
im Bauche auszutragen, kommt es wirklich zum Kropf und zur 
Basedowschen Erkrankung. 

Gott sei Dank, für heute bin ich fertig 1 

PATRIK. 

20. 
GEWISS, LIEBE FREUNDIN, ICH VERSPRECHE, DIE GESCHICHTE 
von dem Federhalter und der Uhrkette heute zu Ende zu bringen. 

Warum die Nase auf der rechten Seite verstopft war, muß ich 
herauszubringen versuchen. Mein Es wünscht irgendetwas nicht zu 
riechen oder einen Geruchseindruck aus der Nase wegzuspülen. Das 
ist mein persönlicher Fall. Bei manchen Mensdien trifft das mit dem 
Riechen nicht zu ; unter dem Druck der fanatisch gewordenen Krank- 
heitsverhütung, vor allem der Tuberkulosenangst sind eine Menge 
Menschen auf die Idee gekommen, die Nase zunächst als Atmungs- 
organ aufzufassen, da sie das Atmen durch den Mund so viel wie 
Gott versuchen dünkt. Für andre wieder ist die Nase ohneweiters ein 
Phallussymbol und so muß bei diesen oder jenen die krankmachende 
Absicht des Es so oder so aufgefaßt werden. Ich aber muß, wenn 
irgendetwas mit meiner Nase nicht stimmt, nach dem suchen, was idi 
nicht riechen soll, und da der rechte Nasengang verstopft ist, muß 

180 



— 







redits von mir sein, was für midi Gestank ist. Wie sehr ich mir jedoch 
auch Mühe gebe, mir will nicht gelingen, irgend etwas rechts von mir 
zu finden, was stinkt. Aber ich bin durch jahrelanges Glaubenwollen 
an die Absidit des Es schlau geworden und habe allerlei spitzfindige 
Rechtfertigungen meiner Theorie erdacht. So sage ich mir jetzt : Wenn 
nichts da ist, was schlecht riecht, so ist vielleicht etwas da, was dich 
an einen Gestank der Vergangenheit erinnert. Sofort fällt mir eine 
Radierung von Hans am Ende ein, die rechts von mir hängt und eine 
Uferlandschaft mit Sdiilf und einem Segelboot im seichten Wasser 
darstellt. Venedig steht plötzlidi vor mir, obwohl ich weiß, daß der 
Radierer sein Sujet von der Nordsee genommen hat, und von Venedig 
geht es zum Markuslöwen und von dem zu einem Teelöffel, den ich. 
vor wenigen Stunden gebraudit hatte. Und auf einmal ist mir, als ob 
ich wüßte, welchen Geruch ich fliehe. Als ich vor vielen Jahren nach 
einer schweren Lungenentzündung wassersüditig wurde, war mein 
Geruchssinn so scharf geworden, daß mir der Gebrauch von Löffeln 
unerträglich war, weil idi trotz sorgfältigster Reinigung roch, was vor 
Stunden oder Tagen damit gegessen worden war. Also wäre das, was 
ich fliehe, selbst in der Erinnerung noch fliehe, die Erkrankung, das 
Nierenleiden ? In der Tat, wenige Stunden vorher habe ich die Kranken- 
geschichte eines jungen Mädchens enträtselt, bei der ein stinkendes 
Nachtgeschirr vorkam. Aber mir selbst ist der Geruch von Urin gleich- 
gültig. Das kann es nicht sein. Wohl aber führt mich die Erinnerung 
in meine Schulzeit zurück, zu den Massenpissoirs, die in der Schule 
eingerichtet waren und deren scharfer Ammoniakgeruch mir noch 
deutlich vorschwebt. Und diese Sdiulzeit, der Gedanke daran, ist noch 
jetzt verstimmend. Ich erzählte Ihnen schon, ich habe fast alles aus 
jenen Tagen vergessen. Aber ich weiß, daß ich noch damals - ich war 
schon 12 bis 13 Jahre alt - die Gewohnheit des Bettnässens hatte, 
daß ich mich vor dem Gespött der Mitschüler, das übrigens fast nie 
und dann höchst milde eintrat, fürchtete. Es tauchen Gedanken an 
leidenschaftliche Zuneigungen zu dem und jenem meiner Freunde auf, 



181 



Zuneigungen, deren genitaler Affekt verdrängt wurde und sidi doch 
in Phantasien Bahn brach ; der Moment, wo ich die Onanie kennen- 
lernte, wird wach, ein Scharlachfieber, bei dem ich zum erstenmal 
nierenkrank wurde, kommt mir in den Sinn ; daß Hans am Ende 
mein Schulfreund war und daß er auch am Scharlach erkrankte, und 
hinter dem allen erhebt sich schattenhaft und immer deutlicher die 
Mutterimago. Ich war ein Mutterkind, ein verhätscheltes Nesthäkchen 
und habe unter der Trennung von der Mutter durch die Schule schwer 
gelitten. 

Nun aber stecke idi fest. Aber auch da hilft mir eine Erfahrung, 
die ich bei dem Bestreben, meine Theorie vom Es zu retten, gemacht 
habe : Dort, wo die Einfälle aufhören, ist die Lösung des Rätsels. Bei 
der Mutter also. Das hätte ich mir denken können, denn alles, was 
rechts ist, hängt mit meiner Mutter zusammen. Aber ich besinne mich 
nicht, so sehr ich auch herumdenke, je bei ihr einen abstoßenden 
Geruch wahrgenommen zu haben, ja es verbinden sich mit ihr über- 
haupt keine Geruchserinnerungen. 

Ich versuche es mit dem Namen Hans (Hans am Ende). So hieß 
einer meiner älteren Brüder, der eng mit meinem Schulleben ver- 
bunden war. Und plötzlich sdiicbt sich vor den seinen ein andrer 
Name: Lina. Lina war meine Schwester, dieselbe, von der ich Ihnen 
erzählte, als ich von meinen sadistischen Liebhabereien beriditete. 
Und da stammt auch der Geruchseindruck her ; durchaus kein ab- 
stoßender, sondern ein einwiegender, unvergeßlicher. Ich kann mich 
aus der damaligen Zeit - wir waren elf und zwölf Jalire alt - nicht 
mehr auf die Aufregung besinnen, aber ich bin noch einmal diesem 
Geruch begegnet und seitdem weiß ich, wie überwältigend der Ein- 
druck für mich ist. Gleich anschließend daran kommt eine zweite 
Erinnerung, daß Lina mich kurze Zeit darauf in die Geheimnisse der 
Menstruation einweihte. Sie machte mir weis, sie sei schwindsüchtig, 
zeigte mir das Blut und lachte mich aus, als sie mein Ersdiredten 
sah, und erklärte mir die Bedeutung der Blutung. 

182 



Als ich so weit war, verschwand die Verstopfung der Nase; was 
ich jetzt noch hinzufüge, dient nur der Klärung der Zusammenhänge. 
Zunächst fällt mir ein, was Hans am Ende bedeutet. Alle meine An- 
gehörigen sind gestorben, als letzter mein Bruder Hans : Hans am Ende. 
Mit diesem Bruder habe ich audi die einzige Segelfahrt meines Lebens 
gemadit, was mit dem Segelboot auf am Endes Radierung zusammenfällt. 

Dann hellt sich das Dunkel auf, das über den Beziehungen des 
Komplexes zur Mutterimago Üegt. Meine Mutter trug denselben Namen 
wie meine Schwester : Lina. Damit wädist das Erstaunen, daß idi keine 
Geruchserinnerungen an meine Mutter habe, während sie bei des 
Schwester so stark sind, und ich beginne wieder allerlei Tasdien- 
spielerei mit Ideen. 

Wenn sich zwei Hunde begegnen, beschnüffelt der eine des an- 
dren Hinterteil ; offenbar erkunden sie so mit der Nase, ob sie einan- 
der sympathisdi sind oder nidit. Wer Humor hat, lacht über diese 
Hundegewohnheit, wie Sie es tun, und wem der Humor mangelt, der 
findet es unappetitlich. Aber hält Ihr Humor auch an, wenn idi be- 
haupte, daß die Menschen es ebenso machen ? Das werden Sie ja aus 
eigener Erfahrung wissen, daß ein Mensdi, der stinkt, allerlei gute 
Eigenschaften haben kann, daß er aber im Grunde genommen sehr 
unsympathisch ist; wobei man allerdings nicht vergessen darf, daß, 
was dem einen stinkt, dem andern wie Rosenduft vorkommt. Sie 
werden auch als sdiarf aufmerkende Mutter beobachtet haben, daß 
das Kind Gegenstände und Mensdicn nach dem Geruch beurteilt. 
Die Wissenschaft tut zwar so, als ob der Mund und die Zunge als 
Probierstein für angenehm und unangenehm benutzt würde, aber 
che Wissenschaft behauptet vieles und wir brauchen uns darum nicht 
zu kümmern. Ich behaupte, daß der Mensch viel intensiver und, wenn 
Sie wollen, noch viel unappetitlicher als der Hund seine Nase braucht 
um festzustellen, was ihm paßt und was nicht. 

Zunädist ist der Gerudi des weiblichen Schoßes und des Bluts, 
das daraus fließt, eine der ersten Wahrnehmungen, die der Mensch 



183 






macht. Ich erwähnte das schon, um die Bedeutung der periodischen 
Brunst klar zu machen. Dann kommt eine Zeit, wo die Nase des 
kleinen Weltbürgers sidi hauptsächlich mit dem Riechen des eigenen 
Urins und Kots besdiäftigt, was gelegentlich mit den Düften der 
Frauenmilch und der mütterlichen Achselhaare abwechselt, während 
dauernd der intensive durchdringende und unvergeßliche Duft des 
Wodienflusses einwirkt. Die Mutter frischt während dieser Zeit nadi 
der Geburt die eigenen Säuglingserinnerungen auf, die ihr Gelegen- 
heit geben, ihre Liebe zu sich selbst auf den Säugling zu übertragen ; 
die längst vergessenen Genüsse von Windelgeruch werden wieder 
wach. Daneben atmet sie ein, was an Gerüchen aus den Haaren und 
dem ganzen Körper des Kleinen aufsteigt. Und das bleibt wohl so 
lange Zeit, denn das Kind ist klein und die Mutter groß, so daß sie 
bei jedem Verkehr mit dem Kinde zunächst sein Haar mit Sehen und 
Riechen wahrnimmt, eine Sache, die nicht unwichtig ist, weil gerade 
um die Organe der Liebe solch reichlicher Haarwuchs geheftet ist. 
Beim Kinde aber wechselt das Terrain. In den ersten Jahren sind es 
die Füße und Beine, die es riecht ; denn das Kind ist klein und die 
Erwachsenen sind groß. Behalten Sie das im Gedächtnis, Liebe, 
daß das Kind zunächst die Beine der Menschen kennen und 
lieben lernt ; es ist wichtig, erklärt vieles und wird nie beachtet. Dann 
kommen Jahre, lange Jahre, und wenn Sie all die flüchtigen Mo- 
mente, die sich die Hunde beriedien, zusammenzählen, werden Sie 
noch längst nicht die Zeitdauer erreichen, die Jahre, in denen das 
Kind fast ununterbrochen riechen muß, was in der Bauchgegend der 
Erwachsenen vor sich geht. Und das gefällt ihm ausnehmend gut. 
Und wird auch rührend gefunden ; denn welcher gefühlvolle Schrift- 
steller ließe sich wohl den Knaben — oder den Mann — entgehen, 
der seinen Kopf im Schöße der Mutter — oder der Geliebten — birgt. 
Was, seiner Poesie entkleidet, so viel heißt als: er steckt seine Nase 
zwischen ihre Beine. Das klingt roh, enträtselt aber die Entstehung 
der Kindesliebe und der Liebe zur Frau. Die Natur hat wunderliche 

184 






Wege, um den Mensdien zum Weibe zu zwingen. Und das ist der, 
der von allen begangen wird. 

Was hat das mit der Tatsache zu tun, werden Sie fragen, daß 
ich keine Gerudiscrinnerungen an meine Mutter habe? Das ist ein- 
fach genug. Wenn das Kind wirklich durdi die Größen Verhältnisse 
dazu gezwungen ist, lange Jahre hindurch bei der Mutter alle Vorgänge 
der Leibesmitte mit der Nase mitzuerleben, so muß es auch die merk- 
würdigen Geruchsveränderungen wahrnehmen, die alle vier Wochen 
bei der Frau stattfinden. Es muß auch die Erregungen mitmachen, 
denen die Mutter während der Zeit der Periode unterworfen ist. Die 
Atmosphäre des Blutdunstes teilt sich ihm mit und steigert seine 
Inzestwünsche. Allerlei innere Kämpfe entstehen aus diesen aufreizen- 
den Eindrücken, allerlei dumpf empfundene, tief sdimerzlidie Ent- 
täuschungen knüpfen sich daran und verstärken sich durdi das Leid, 
das aus den Launen, der Verstimmung, den Migränen der Mutter 
entsteht. Ist es ein Wunder, daß ich den Ausweg der Verdrängung 
eingesdilagen habe? 

Leuchtet Ihnen ein, was ich sage? Aber bedenken Sie doch, daß 
es Menschen gibt, die behaupten, sie hätten nichts von der Periode 
gewußt, ehe sie erwachsen waren. Wenn idi mich nicht täusche, sind 
es viele Menschen, oder sind es gar alle? Wo haben sie doch alle 
ihre Nasen gelassen? Und was ist es denn mit dem Gedächtnis des 
Mensdien für eine Sache, wenn er solche Erlebnisse vergißt, vergessen 
muß? Da wundert man sich darüber, daß der Mensch so geringen 
Spürsinn hat ; aber was sollte wohl aus ihm werden, wenn er nicht 
mit aller Kraft seines Unbewußten die Nase abstumpfte ? Der Geliebte 
der Mutter. - Lieber vernichtet er Teile seines Geruchssinnes. Und 
darin hilft ihm die Sitte; denn dazu zwingt ihn das Verbot der 
Erwachsenen, irgend etwas über Sexualereignisse zu wissen, dazu 
zwingt ihn die prüde Sdiamhaftigkeit der Mutter, die verlegen 
wird, wenn das Kind wißbegierig fragt; denn nichts ist beschämen- 
der, als zu sehen, daß der geliebte Mensch sich dessen schämt, 



185 



Was man selbst unbefangen bespricht. Es braudien nicht immer 
Worte zu sein, von denen Kinder eingeschüchtert werden, unwillkür- 
liche Bewegungen, leichte, kaum merkbare Gebärden und Verlegen- 
heiten wirken mitunter viel tiefer. Aber wie sollte eine Mutter dieses 
Verlegenheitsaussehen vermeiden? Es ist die Bestimmung der Mutter, 
ihr eigenes Kind in den tiefsten Empfindungen zu verletzen, es ist 
ihr Schicksal. Und daran ändert kein guter Wille, kein Vorsatz auch 
nur das Geringste. Ach, liebe Freundin, es gibt so viel Tragik im 
Leben, die des Dichters harrt, der sie gestalten kann. Und vielleicht 
kommt dieser Dichter nie. 

Man vergißt, was schwer zu ertragen ist, und was man nidit ver- 
gißt, war für uns nicht zu schwer. Das ist ein Satz, dessen Inhalt Sie 
wohl überlegen sollten, denn er wirft vieles von dem um, was gang 
und gäbe bei den Menschen ist. Wir vergessen, daß wir einmal im 
Mutterleibe saßen, denn es ist "schrecklich zu denken, daß wir aus dem 
Paradiese vertrieben wurden, aber auch schrecklich, daß wir einmal 
in der Finsternis eines Grabes waren ; wir vergessen, wie wir zur 
Welt kamen, denn die Angst des Erstickens war unerträglich. Wir 
vergessen, daß wir einmal laufen lernten, denn der Moment, in dem 
uns die Hand der Mutter losließ, war furchtbar und die Seligkeit 
dieser ersten selbständigen Leistung so überwältigend, daß wir sie 
nicht in der Erinnerung bewahren können. Wie sollten wir es er- 
tragen, zu wissen, daß wir Jahre lang in Windeln und Hosen mach- 
ten? Denken Sie daran, wie Sie sich schämen, wenn Sie ein braunes 
Fleckchen in Ihrer Wäsdie finden, denken Sie an das Entsetzen, das 
Sie befällt, wenn Sie auf der Straße nicht mehr zurückhalten können, 
was in den Abtritt gehört. Und was sollen wir mit der Erinnerung, 
daß es Menschen gab, die so entsetzlidi stark waren, daß sie uns in 
die Luft werfen konnten ? Die uns schalten, ohne daß wir wieder 
schelten durften, die uns Klapse gaben und in die Ecke stellten, uns, 
die wir Geheimräte, Doktoren oder gar Tertianer sind ? Wir können 
es nicht ertragen, daß dieses Wesen, das sich Mutter nennt, eines 

186 



~— 



Tages uns die Brust verweigerte, dieser Mensch, der behauptet, uns 
zu lieben ; der uns die Onanie lehrte und uns dann dafür bestrafte. Und 
ach, wir würden uns zu Tode weinen, wenn wir uns erinnerten, daß 
es einmal eine Mutter gab, die für uns sorgte und mit uns fühlte, und 
daß wir nun einsam sind und keine Mutter haben. Durch eigne Schuld ! 

Daß wir unsre Kenntnis der Menstruation, von der uns unser 
Gerudissinn in frühster Kindheit unterrichtet hat, wenn es nicht audi 
das Sehen des Bluts, der Binden, des Nachtgeschirrs, das Miterleben 
von Zwistigkeiten, Migräne, frauenärztlidier Behandlung tat, daß wir 
diese Kenntnis völlig vergessen, ist nicht wunderbarer, als daß wir 
auch alle Erinnerung an die Onanie verlieren, die Onanie der ersten 
Lebensjahre. Und mindestens ein Grund ist gemeinsam für diese bei- 
den Lücken in unserem Gedächtnis, die Angst vor der Kastration. Sie 
besinnen, sich, daß idi behauptete, unsre Kastrationsangst hänge mit 
dem Schuldbewußtsein zusammen, das aus der Onanie und dem Ver- 
bot entsteht. Der Gedanke aber, daß Gesddethtsteile abgeschnitten 
werden können, stammt aus der Feststellung früherer Jahre über die 
Geschlechtsunterschiede, weil wir als Kinder den weihlichen Geschlechts- 
teil als Kastrationswunde auffassen ; das Weib ist ein kastrierter Mann. 
Diese Idee wird zur Gewißheit durch die Wahrnehmung der Blutun- 
gen, die wir riedien. Die Blutungen erschrecken uns, weil sie die 
Befürditung wecken, daß wir selbst zum Weibe gemadit werden könn- 
ten. Um nidit an diese Blutungen erinnert zu werden, müssen wir 
unsern Geruchssinn abtöten und auch die Erinnerung an den Blut- 
geruch vertilgen. Das gelingt nicht; was wir erreichen, ist nur die 
Verdrängung. Und diese Verdrängung benützt das Leben, um das 
Verbot des Geschlechtsverkehrs während der Periode aufzubauen. Da 
das blutende Weib den verdrängten Kastrationskomplex aufweckt, 
vermeiden wir die neue Berührung der wunden Frau. 

Hier spielt ein zweiter verdrängter Komplex mit hinein, der 
ebenfalls mit dem Gerudissinn verquickt ist, der Sdiwangersdiaft- und 
Geburtskomplex. 



187 



rr 



Besinnen Sie sich, daß idi Sie einmal gefragt habe, ob Sie nie 
etwas von den Schwangerschaften und Entbindungen Ihrer Mutter ge- 
merkt hätten ? Sie hatten eben einen Wöchnerinnenbesuch bei Ihrer 
Schwägerin Lisbeth gemacht und der eigentümliche Geruch des Wo- 
chenbetts haftete noch an Ihnen. Nein, sagten Sie, niemals. Selbst von 
dem jüngsten Bruder sind Sie überrascht worden, obwohl Sie mit Ihren 
15 Jahren längst aufgeklärt waren. Wie ist es möglich, daß ein Kind 
nicht sieht, daß die Mutter dick wird ? Wie ist es möglich, daß ein 
Kind an den Stordi glaubt? 

Es ist beides nicht möglich. Die Kinder wissen, daß sie aus dem 
Bauche der Mutter stammen, aber sie werden von sich aus und von 
den Erwachsenen aus gezwungen, an die Fabel des Storches zu glau- 
ben ; die Kinder sehen, daß die Mutter dick wird, daß sie plötzlich 
Bauchweh bekommt, ein Kindchen zur Welt bringt, blutet und beim 
Aufstehen dünn ist ; die Kinder wissen es jedesmal, wenn die Mutter 
schwanger ist, und sie werden niemals von der Geburt überrasdit. 
Aber all dieses Wissen und Wahrnehmen wird verdrängt. 

Wenn Sie bedenken, welche Kraft verwendet werden muß, um 
all diese Wahrnehmungen und die daraus gefolgerten Schlüsse bei- 
seite zu schieben, so wird Ihnen vielleicht ein wenig deudicher wer- 
den, was ich mit der Behauptung meine, daß das Verdrängen die 
hauptsächlidie Beschäftigung des Lebens ist Denn was ich hier an 
dem Beispiel der Schwangerschaft und Geburt erläutere, geschieht in 
jeder Minute des Lebens mit andern Komplexen. Sie können kein 
Zimmer betreten, ohne den Medianismus des Verdrängens in Bewe- 
gung zu setzen, ohne so und so viele Wahrnehmungen von Möbeln, 
Nippes, Farben, Formen aus dem Bewußtsein fern zu halten. Sie kön- 
nen keinen Buchstaben lesen, kein Gesicht ansehen, kein Gespräch 
anhören, ohne fortwährend zu verdrängen, ohne Erinnerungen, Phan- 
tasien, Symbole, Affekte, Haß, Liebe, Verachtung, Scham und Rührung 
fortzuschieben. Und nun, Liebe, denken Sie daran : was verdrängt 
wird, ist nicht vernichtet, es bleibt da, ist nur in eine Ecke geschoben, 

188 






aus der es eines Tages wieder hervorkommt, ist vielleicht nur aus 
seiner Lage gebracht, so daß es nioht mehr, vom Sonnenlidit beleudi- 
tet, rot glänzt, sondern schwarz zu sein scheint. Das Verdrängen wirkt 
und verändert unablässig an den Erscheinungen ; was jetzt für den 
Augenhintergrund ein Gemälde von Rembrandt ist, wird verdrängt 
und erscheint im selben Augenblick als Spiel an der Uhrkette wieder, 
als Bläschen am Mundwinkel, als Abhandlung über die Kastration, 
als Staatengründung, Liebeserklärung, Zank, Müdigkeit, plötzlicher 
Hunger, Umarmung oder Tintenklecks. Verdrängen ist Umschaffen, 
ist kulturbauend und kulturvernichtend, erdichtet die Bibel und das 
Märchen vom Storch. Und der Blick in die Geheimnisse des Verdrän- 
gens verwirrt das Denken so, daß man die Augen schließen und ver- 
gessen muß, daß es Verdrängungen gibt. 

PATRiK TROLL. 

21. 
SIE BESCHWEREN SICH, LIEBE FREUNDIN, DASS ICH MEIN 
Versprechen nicht gehalten habe, daß ich nodi immer nicht mit meiner 
Uhrkettengeschichte fertig bin. Ich hätte nicht geglaubt, daß Sie so 
dumm sind, an meine Versprechungen zu glauben. 

Viel eher sind Sie zu dem Vorwurf berechtigt, daß ich abschweife, 
nicht zu Ende sage, was ich angefangen habe. Ich spradi von dem 
Verdrängen von Gerudisempfindungen bei der Geburt und habe 
weder ausgeführt, daß der sdiarfe Geruch des Wochenflußes, wenn 
sonst audi alles sorgfältig versteckt wird, vom Kinde wahrgenommen 
werden muß, daß es also mittels der Nase unbedingt Geburtserfah- 
rungen sammelt, noch habe idi deutlich genug gesagt, warum man 
die Wahrnehmung dieses Geruches aus der bewußten Erinnerung tilgt. 

Warum geschieht es? Zunächst, weil die Mutter, die Eltern, die 
Erwachsenen dem Kinde verbieten, dergleichen Dinge zu verstehen ; 
vielleicht verbieten sie es nicht ausdrücklich mit Worten, aber schon 
mit dem Tonfall des Wortes, der Klangfarbe, irgend einer seltsamen, 
dem Kinde auffallenden Verlegenheit Denn es ist nun einmal Sdiick- 



189 



T 



sal des Menschen, daß er sich schämt, mensdilich gezeugt und ge- 
boren zu sein. Er fühlt sich durch diese Tatsache in seiner Eitelkeit 
bedroht, in seiner Gottähnlichkeit. Er möchte so gerne göttlich ge- 
zeugt sein, Gott sein, - letzten Endes, weil er im Mutterleibe all- 
mächtiger Gott war ; er erfindet die Gottsskindschaft auf religiösem 
Wege, ersinnt sich einen Gottvater und steigert seine Inzestverdrän- 
gung, bis er im Glauben an die Jungfrau Maria und die unbefleckte 
Empfängnis oder irgend welcher Wissenschaft Trost gefunden hat Er 
nennt verächtlich Zeugung und Empfängnis tierische Akte, um sagen 
zu können, ich bin kein Tier, habe keine tierische Formen, bin also 
Gottes Kind und göttlich gezeugt; da das nicht gelingt, umgibt er 
diese Vorgänge mit dem Scheinheiligenschein des Mysteriums, zu 
dessen Konstruktion er wie ein Judas seine Liebe verraten muß. Ja 
er hat es soweit gebracht, daß er sich nicht einmal schämt, den 
Augenblick der menschlichen Vereinigung mit übelstimmender Lüge 
zu umgeben, als ob dieser Augenblick nicht der Himmel sei. Alles 
möchte der Mensch sein, nur nicht einfach Mensch. 

Das zweite, dessentwegen wir den Geruchskomplex des Wochen- 
betts verdrängen und so unsere eigentlich menschliche Zierde, die Nase, 
verleugnen - denn was uns vom Tier unterscheidet, ist in erster und 
letzter Linie die Nase - das zweite ist, daß wir den Gedanken nicht 
ertragen, eine Mutter zu haben. O, Sie müssen verstehen : wenn sie 
uns paßt, solange sie so ist, wie wir wollen, erkennen wir sie wohl 
als Mutter an. Aber sobald wir daran erinnert werden, daß sie uns 
geboren hat, hassen wir sie. Wir wollen nicht wissen, daß sie für uns 
gelitten hat, es ist unerträglich das zu wissen. Oder sahen Sie nie das 
Entsetzen, die Qual Ihrer Kinder, wenn Sie traurig waren oder gar 
weinten ? Gewiß, mir ist bekannt, daß meine Mutter mich gebar, ich 
spreche davon, als ob es die natürlichste Sache der Welt wäre. 
Aber mein Herz erkennt es nicht an, es schreit dagegen und sagt nein. 
Wie ein Stein wälzt es sich zuweilen auf unsre Brust. Das ist die un- 
bewußte Erinnerung an das Ringen nach Atem während der Geburt, 



190 



sagt unser analytisches Alles- und Nichtswissen. „Nein,"^ flüstert der 
böse Geist, „das sind deine Sünden wider die Mutter, die dich gebar, 
die Todsünden des Undanks, der Blutschande, des Blutvergießens, des 
Mords. Tatest du je, was du sollst, auf daß es dir wohl ergehe und 
du lange lebest auf Erden ? Diese Hand streichelte mich und reichte 
mir Essen und Trinken und ich habe sie zuweilen gehaßt, oft gehaßt, 
denn sie leitete mich ; diese Haut wärmte mich, und ich habe sie 
gehaßt, weil ich zu schwach war, auf ihre Wärme und lockende Weiche 
freiwillig zu verzichten, und weil ich deshalb wider bessres Wissen 
allerlei Runzeln und allerlei Ekel ihr andichtete, um der Versuchung 
zu entfliehen, ich Judas. Dieser Mund lädielte mir und sprach, und 
ich haßte ihn oft, weil er mich schalt, diese Augen lächelten mir und 
sprachen, und ich habe sie gehaßt, diese Brüste nährten mich und idi 
habe sie mit den Zähnen gepackt, in diesem Leib wobnte ich und idi 
habe ihn zerrissen. Muttermörder I Sie wissen es, fühlen es wie ich : es 
hat noch nie einen Menschen gegeben, der seine Mutter nicht gemordet 
hätte. Und deshalb erkennen wir es nicht an, daß die Mutter uns 
geboren hat. Mit den Lippen glauben wir es, aber nicht mit dem 
Herzen. Das Blut, das wir vergossen, schreit gen Himmel, und wir 
fliehen davor, vor dem Dunst des Bluts. 

Mir fällt noch ein drittes ein, weshalb wir von den Erinnerungen 
an das Wochenbett fortstreben und lieber unsren vornehmsten Sinn, 
den Geruchssinn, verniditen, das ist die Angst der Kastration. - Ich 
weiß, das langweilt Sie, aber was soll ich machen ? Da Sie durchaus 
erfahren wollen, was ich denke, muß ich mich wiederholen. Denn die 
Kastrationsidee geht durch unser Leben wie die Sprechlaute. Wie das 
a und das b beim Sprechen sich immer wiederholen, so taudit audi 
überall dieser Komplex des Weibwerdens in uns auf. Und setzen Sie 
a und b zusammen', so haben Sie »ab" und lachen hoffentlich wie ich 
über die Assoziationswitze des Unbewußten. 

Aber es ist Zeit, daß idi meine Mitteilungen über die Geburts- 
theorien des Kindes ein wenig vervollständige, sonst kommen wir nie 



191 






aus diesem Wirrwarr heraus. Ich sagte Ihnen schon, das Kind weiß, 
daß man im Bauche der Mutter lebt, ehe man zur Welt kommt, Je 
jünger es ist, um so besser weiß es das. Und daß es nicht vergessen 
wird, dafür sorgt unter andern die Bibel mit den Worten : Und das 
Kind hüpfte in ihrem Leibe. Mitunter wird die Stelle, an der das Un- 
geborene seinen Wohnsitz hat, ganz genau lokalisiert, in der Herz- 
grube, das heißt im Magen. Und das hängt wohl mit unsrer Rede- 
weise zusammen, daß die Frau das Kind unter dem Herzen trägt. 
Erzählen Sie das gelegentlich Ihrem Arzte ; es kann ihm nützlich sein 
für Erkenntnis und Behandlung, vor allem bei Magenbeschwerden, 
von der Übelkeit an bis zum Magenkrebs ; und für Sie ist es auch 
nützlich, um Ihren Arzt kennen zu lernen. Geht er mit einem Achsel- 
zucken darüber hinweg, so suchen Sie sich einen andern ; denn der 
Ihre ist altmodisch, wenn er audi sehr tüchtig ist. Ich weiß, nichts ist 
Ihnen unangenehmer, als hinter der Mode zurückzubleiben. - Mitunter 
taucht auch die Idee auf, daß die Schwangerschaft im Herzen selbst 
stattfindet; ich erzählte Ihnen von solch einem Fall, wo dieser Gedanke 
zu einer Krankheit führte und bis zur Zeit der Analyse herrschend 
blieb. Leute, die dergleichen in ihrer Kindheit glaubten, sind schlimm 
daran. Denn mit dieser absurden Idee, die von den Worten der Liebe : 
„Ich trage dich im Herzen," und „du mein Herzenskind" herkommt, 
verbindet sich das dunkel furchtbare Bewußtsein, daß man der Mutter 
Herz zerrissen hat, in Wahrheit, in Wahrheit. Und auch das sollte Ihr 
Arzt wissen - für seine Herzkranken. Um die ganze Narrheit der 
Kinder aufzudecken, will ich noch hinzufügen, was ich von Augen- 
kranken weiß, daß die Idee der Augenschwangerschaft existiert, - 
denken Sie nur an das Wort Pupille - und das kommt daher, weil 
die Mutter ihr Kind zuweilen Augapfel nennt. Oder kommt die Be- 
zeichnung Augapfel daher, weil die Theorie allgemein ist und sich in 
der Sprache festgesetzt hat? Ich weiß es nicht. 

Genug. Die leitende Idee ist jedenfalls die von der Bauchschwanger- 
sdiaft. Und wenn ich von den Phantasien über das Platzen und Auf- 

192 



schneiden des Bauches, über die Nabelgeburt und über die durch Er- 
brechen absehe, bleibt für das Kind die Ansicht übrig, daß die Kleinen 
durch den After ans Tageslidit kommen. Ich erzählte es Ihnen schon, 
aber Sie müssen es sich tief ins Gedäditnis einprägen ; denn auf dieser 
Theorie beruhen alle Verstopfungen, darauf beruht aber auch aller 
Sparsamkeitssinn und also Handel und Wandel und Eigentumsbegriff, 
darauf beruht zu guter Letzt Ordnungssinn - ja und vieles andre audi 
nodi. Sie müssen nidit lachen, Liebe, wenn ich so etwas sage. Es klingt 
mir selber ungeheuerlich, sobald idi es ausspreche, und doch ist es 
wahr. Das Es kümmert sich eben gar nicht um unsre Ästhetik, unsern 
Verstand und unser Denken. Es denkt selbständig, Esartig und spielt 
mit den Begriffen, so daß alle Vernunft toll wird. „Für mich," sagt 
es, „ist ein Kind dasselbe wie die Wurst, die du Menschenkind 
madist, und ist dasselbe wie das Geld, das du besitzest ; ja, und das 
habe idi noch vergessen, es ist auch dasselbe wie das Schwänzdien, 
das den Jungen vorm Mädchen auszeidmet und das ich aus Laune und 
weil's mir beliebte, vorn statt hinten angebracht habe. Hinten lasse 
ich es alle vierundzwanzig Stunden einmal abfallen, kastriere 
es, vorn lasse ich es denen, die ich als homines, Menschen, aner- 
kenne, den andern Menschen nehme ich es ab, zwinge sie dazu, 
es abzureiben, abzuschneiden, auszureißen. Denn ich brauche auch 
Mädchen." 

Das alles habe ich schon öfter erzählt. Doppelt hält jedoch besser. 
Nun wollen wir sehen, was das Kind über die Empfängnis denkt. 

Zunächst müssen wir uns aber klar darüber werden, wie es Ge- 
legenheit und Zeit zum Nachdenken findet. Die Außenwelt bietet so 
viel des Interessanten für ein Kindergehirn, daß schon irgendein 
Zwang zum Stillsein angewendet werden muß, um alle Eindrücke zu 
verarbeiten. Und da darf ich Sie wohl an das Thröndien erinnern, 
von dem aus das Haus regiert wird, sobald es in seinen Mauern ein 
Kindchen birgt. Ich wundre mich schon lange, daß noch niemand seine 
Gelelirsamkeit dazu verwendet hat, die Bedeutung des Töpfchens zu 



"13 Gr od dock, Das Buch vom Es 



193 



-*■ — ■■■ — • — r— 



untersuchen, und doppelt unbegreif lidi ist es, seitdem Busdi in klassi- 
schen Versen darauf aufmerksam gemacht hat : 

Der Mensch in seinem dunklen Drang 
Erfindet das Appartement. 

In der Tat, Sie können sidi die Bedeutung dieses Gefäßes, das 
sich während des ganzen Lebens den Größenverhältnissen des Körpers 
und in der freiwilligen Zeitdauer der Verwendung dem Wunsche nach 
tiefer Gedankeneinsamkeit anpaßt, nicht groß genug vorstellen. Da 
ist zunächst der tägliche Festakt der ersten Lebensjahre. 

Ich kann es nicht zahlen, wie oft ich aus freien Stücken oder 
irgendwie gezwungen zugesehen habe, wie ganze Familien, gestrenge 
Väter, sittsame Frauen und artige Kinder, der Entbindung des Kleinsten 
von seiner Leibesbürde beigewohnt haben, in stummer Andacht, die 
nur zuweilen von dem oder jenem durch ein mahnendes : Mach mh, 
mh, unterbrochen wurde. Und wenn ich nicht irre, war es Ihre kleine 
Margarete, die es so einzurichten wußte, daß sie jedesmal Nöte bekam, 
wenn Besuch da war. Wie geschickt verstand sie dann, durch hart- 
näckiges, stilles Verweigern der Leistung alles, was Hosen oder Röcke 
trug, um sich zu vereinigen, um dann schließlich durch ein graziöses 
Lüften des Hemdes zu zeigen, welch geheimnisvolle Schätze bei ihr 
schlummerten, wobei sie dann nicht verfehlte, nach Schluß der Affäre 
durch ein gefälliges Präsentieren auf die Kehrseite aufmerksam zu 
machen. 

Solch Verfahren ist häufig, ist bei den Kindern Regel. Und weil 
wir doch einmal für Dinge, die wir aus Sdiicklichkeitsgründen nicht 
gern als Allgemeingut anerkennen, gelehrte Namen erfinden, um so 
tun zu können, als ob es sich um krankhafte Neigungen handle, denen 
wir selbst mitleidsvoll schaudernd fernstehen, haben wir diesen Trieb, 
unsre sexuellen Geheimnisse zur Schau zu tragen, Exhibitionismus 
genannt. Dagegen ist nichts zu sagen. Aber nun hat Medizin, Juristerei, 
Theologie und leider auch die züchtige Dirne Gesellschaft beschlossen, 
es müsse Leute geben, die Exhibitionisten seien. Das heißt, Leute, bei 



194 



denen die Neigung, ihre Sexualität zur Sdiau zu (ragen, ins Krank- 
hafte gesteigert sei. Gestatten Sie, daß ich midi dagegen welire. In 
Wahrheit ist es mit den Exhibitionisten dieselbe Sache wie mit all 
den andern mit den Endsilben „isten" etikettierten Menschen, mit 
den Sadisten, Masochistcn, Fetischisten. Sie sind im Wesen nicht anders 
wie wir, die wir uns gesund nennen, der einzige Unterschied ist, daß 
wir nur da unsre Triebe, unsern „ismus", unsern Exhibitionismus zum 
Vorschein kommen lassen, wo es die Mode erlaubt, während der „ist" 
unmodern ist. 

Vor einigen Jahren lief ein Mann hier morgens um sechs von 
Haus zu Haus, klingelte, und, wenn das Dienstmädchen die Türe 
öffnete, schlug er einen langen Kaisermantel zurüde, der sein einziges 
Kleidungsstück war, und präsentierte dem erschrockenen Mädchen sein 
erigiertes Glied, an das er zur besseren Wahrnehmung eine Laterne 
gebunden hatte. Das nannte man krankhaft, das nannte man Exhibi- 
tionismus. Aber warum nennt man nicht auch die Balltoilette so, die 
doch genug zeigt, und das Tanzen, das doch ganz gewiß eine Schau- 
stellung des Beisdilafs oder zum mindesten der Erotik ist? Freilidi 
gibt es fanatische Keuschheitspharisäer, die behaupten, man tanze nur 
der Bewegung halber. Ich darf wohl auf diese einseitige, übertreibende 
Rettung der Moral mit einem ebenso einseitig übertreibenden Angriff 
auf die Moral antworten und sagen : die Bewegung - mag es Tanzen, 
Gehen oder Fechten sein - sei der Eroük wegen da. Heutzutage 
trägt man leidlich weite Beinkleider, aber ein paar Jahrzehnte früher 
konnte man sie nicht eng genug tragen, so daß sich die Gestalt der 
männlichen Geschlcchtsabzeichen sdion von weitem abschätzen ließ, und 
die Landsknechte der Reformationszeit hatten den Hodensack in 
ziemlichen Dimensionen vorn an der Kleidung markiert und darüber 
nähten sie einen Holzstock und überzogen seine Spitze mit rotem 
Tuch. Und heutigen Tages? Der Spazierstock und die Zigarette sprechen 
deutlich. Sehen Sie sich an, wie der Anfänger im Rauchen verfälirt, 
wie er das Zigarettchen rasch hintereinander in den Mund ein- und 



18* 



195 



"• 



ausführt. Beachten Sie, wie eine Frau in den Wagen steigt und 
sprechen Sie dann noch vom Krankhaften des Exhibitionismus. Frauen 
häkeln, es ist Exhibition, Männer reiten, es ist Exhibition ; die Liebende 
steckt ihre Hand in die Armkrümmung des Geliebten, es ist Exhibi- 
tion, die Braut trägt den Brautkranz und Schleier, es ist Exhibition 
der kommenden Hochzeitsnadit. 

Sie haben wohl selbst bemerkt, wie nahe verwandt für midi 
Exhibitionstrieb und Symbolisierungszwang ist, denn das Häkeln, die 
Handarbeit eine Exhibition zu nennen, fülüe idi midi berechtigt, weil 
die Nadel, das Glied, in die Masche, das Loch gefühlt wird, das 
Reiten ist eine, weil die Identifikation von Pferd und Weib tief im 
Unbewußten alles Denkens steckt ; und daß der Brautkranz die Scheide, 
der Schleier das Jungfernhäutdien bedeutet, brauche ich nicht erst 
zu sagen. 

Der Sinn dieses Zwischenschiebsels vom Exhibitionismus ist Ihnen 
wolü klar. Ich wollte damit sagen, daß kein prinzipieller Unterschied 
zwischen gesund und krank existiert, daß es in das Belieben jedes 
Arztes und jedes Kranken gestellt ist, was er krankhaft nennen will. 
Das ist für den Arzt eine notwendige Einsicht. Sonst verliert er sich 
auf den unwegsamen Pfaden des Heilenwollens, und das ist, da doch 
letzten Endes das Es heilt, der Arzt aber nur behandelt, ein ver- 
hängnisvoller Irrtum. Wir können uns ja darüber gelegentlich unter- 
halten. Heut liegt mir etwas andres am Herzen. 

Es gibt eine Art Gegenstück zum Exhibitionismus : das Voyeurtum. 
Man versteht darunter, wie es scheint, den Trieb, sich den Anblick 
von irgendwelchen sexuellen Dingen zu verschaffen. Und auch diesem 
Triebe hat man die Ehre angetan, ihn sich bei den sogenannten 
Voyeurs bis ins Krankhafte gesteigert zu denken. Das ist, wie gesagt, 
Geschmacksache. Ich habe nicht viel für Leute übrig, die an der Erotik 
vorübergehen, und glaube nicht an die Echtheit der Bewegung, mit 
der die Pensionatsvorsteherin den aufgespannten Sonnenschirm gegen 
das Flußbad des Gymnasiums dreht Sicher ist, daß diese beiden 



196 



Triebe : zu zeigen und zu sehen, eine große Breite im mensdilidien 
Dasein haben und auf Menschlidies und Allzumensdilidies einwirken. 
Denken Sie sich diese beiden Triebe, die so pervers sind, aus dem 
Leben der Menschheit weg, was würde dann wohl sein? Wo bliebe 
die Dichtung mit Theater und dem Hochziehen des Vorhangs, die 
Kirche mit ihren Hodizeiten, die Gärten mit ihren Blumen und das 
Haus mit dem Sdimudc der Möbel und Bilder? Glauben Sie mir, 
manchmal weiß ich nicht, ob ich weinen oder lachen soll. Und wenn 
ich in dieser Verfassung bin, werden meine Augen schärfer und ich 
gebe mich nach und nach mit der Einsicht zufrieden, daß diese Dinge 
für mich interessant sind und Stoff für Ihre Unterhaltung bieten. 

PATRIK TROLL. 



22. 

DANK, LIEBE FREUNDIN, DIESMAL HABEN SIE SICH RASCH 
in die Sache gefunden. Die Geschichte von Klcin-Else, die im Hemddien 
in Rire Abendgesellschaft kommt, um Gute Nacht zu sagen, und auf 
die Worte der Mutter : „Schäm didi doch, Else, im Hemd kommt man 
nicht, wenn Besuch da ist", prompt dieses letzte Kleidungsstück hodi- 
hebt, um sich zu schämen, paßt gut in unsre gemeinsame Sammlung, 
und Ernst, der in das Röckchen seiner Schwester ein Lodi geschnitten 
hat, damit er immer sehen kann, wie „sie" da unten aussieht, illustriert 
trefflich die Gewohnheit der Bühnen, im Vorhang ein Gucklodi anzu- 
bringen. Vielleidit führt Sic das darauf, warum ich das Theater mit 
Exlübition und Voycurtum zusammenbrachte. Der Akt ist eben wirk- 
lich ein Akt, ein symbolischer Gesdilechtsakt. 

Da haben Sie auch gleichzeitig meine Antwort auf unsern Streit- 
punkt der multiplen Perversion des Kindes. Ich bleibe bei meiner Be- 
hauptung, daß diese multiple Perversion eine allgemeine Eigenschaft 
aller Menschen, aller Altersklassen ist und lasse mich darin nicht 
einmal durdi Sie irremachen. Die beiden Perversionen, Exhibitionis- 
mus und Voyeurtum, sind gewiß bei jedem Kinde zu finden, da ist 



197 



kein Zweifel. Und idi verkenne durchaus nidit die Bedeutung der 
Tatsache, daß die Kinder bis zu drei Jahren solche Perversionen mit 
besondrer Vorliebe betreiben; ich werde darauf zurückkommen, wie 
ich Ihnen denn überhaupt ein cindringlidies Wort darüber sagen muß, 
daß die Natur die unerinnerbaren drei ersten Jahre benützt, um das 
Kind zum Liebessklaven und Liebeskünstler auszubilden. Aber was 
dem Kinde recht ist, ist dem Erwachsenen billig. Es läßt sich doch 
nicht bestreiten, daß der Liebende die Geliebte gern nackt sieht, und 
daß sie sich nicht ungern« nackt zeigt, ja daß es ein nicht mißzuver- 
stehendes Zeichen der Erkrankung ist, wenn sie das nicht gern tut. 
Und ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, daß das Töpfchen dabei 
keine geringe Rolle spielt. Aber ist es nicht spaßhaft, daß die Gelehrten, 
die Richter, die Damen, am Tage, im Ernst des Tages ganz vergessen, 
was sie des Nachts getan haben ? Und selbst unsereinem, der sich 
einbildet, vorurteilslos zu sein, geht es so. Der Satz: „Worüber du 
schiltst, das tust du selbst", ist eben eine Wahrheit, bis in die kleinsten 
Kleinigkeiten eine Wahrheit. Wir Menschen handeln alle nach dem 
Prinzip dessen, der gestohlen hat und nun zuerst und am lautesten 
schreit : „Haltet den Dieb !" 

Übrigens beschränkt sidi die Perversion nicht auf den Gesichtssinn. 
Es klingt verrückt, wenn ich von einer Gehörs- und Geruchsexhibi- 
tion spreche, von einem Voyeurtum des Fühlens und Schmeckens, be- 
zeichnet aber etwas Tatsädüiches und Wesentliches. Nicht nur der 
Knabe pinkelt mit hörbarem Nachdruck, um seine Männlichkeit an- 
zudeuten, der Erwachsene tut es im Liebesspiel auch. Die Neugier 
oder die bis zur Krankheit gehende Wut, mit der man das Liebes- 
geflüster und heiße Stöhnen des jungen Ehepaars im Nachbarzimmer 
des Hotels verfolgt, das Plätschern beim Waschen oder das eigentüm- 
liche Klappen der Nachttischtür und das Rauschen des Urinwasser- 
falles kennen Sie aus eigener Erfahrung. Die Mütter ahmen es nach 
mit ihren eigentümlichen Zischworten „wsch, wsdi", die das Kind zur 
Ejakulation des Harns veranlassen sollen, und wir Ärzte benutzen 



198 



. 



alle den Kunstgriff 1 , den Wasserhahn aufzudrehen, wenn wir sehen, 
daß der Kranke sidi schämt, in unsrer Gegenwart den Topf zu be- 
nutzen. Und welch eine Rolle spielt nun gar erst das Pupen im 
menschlichen Leben ! Sie sind nicht die einzige, liebe Freundin, die 
beim Lesen dieses Satzes in Erinnerung an irgendwelche ergötzliche 
Knallerei vergnügt lächelt. Freilich bin ich darauf gefaßt, daß Ihre 
Freundin Katinka, wenn Sie ihr diesen Brief geben, gesittet Pfui 
sagt und nidit mehr weiter lesen will und daß der Geheimrat Schwer- 
leber, da er längst seinen Humor in den schwer wasdibaren Falten 
seines Salbadermundes vergraben hat, tadelnd das Wort Schwein aus- 
spricht. Aber der Zorn beweist ebenso wie das Lachen, daß der Affekt 
da ist, daß der Gehörsexhibitionist einem Gehörsvoycur begegnete. 

Vom Furz aus ist der Übergang zu den Vorgängen in der Zone 
des Geruchssinnes ohne weiteres gegeben. Idi überlasse es Ihnen, sich 
die anziehenden und abstoßenden Gerüdie, die vom Menschen selbst 
ausgehen oder die er sich selbst anheftet, zu vergegenwärtigen, 
knüpfe nur einige Bemerkungen daran. Zunächst das eine, das sich 
schon aus der Bildung des vorhergehenden Satzes ergibt, daß Her- 
vorbringen oder Wahrnehmen von Gerüchen durchaus nicht immer 
den Charakter der sexuellen Aufforderung tragen. Es gilt eben audi 
hier das Gesetz vom Gegensatz. Man gibt unter Umständen im Ge- 
ruch Haß, Verachtung und Abscheu zu erkennen. Sie werden mir zu- 
geben, daß der Gestank, den das Es an Mund, Händen, Füßen, Ge- 
schlechtsteilen verwendet, gewaltsamere Affekte, wenigstens für unser 
Bewußtsein, hervorruft als der Wohlgeruch. Ich darf wohl, um Ihnen 
die seltsamen Mätzchen des Es klar zu machen, an unsre gemeinsame 
Ireundin Wehler erinnern. Sie wissen, daß sie wunderschönes Haar 
hat, vielleicht das schönste, das ich kenne. Aber ich sehe förmlich, wie 
Sie das Gesicht verziehen. Dieses schöne Haar stinkt wie die Pest. 
Oder vielmehr es stank, denn jetzt würde die feinste Nase nicht das 
Geringste mehr an dem Duft dieses Haares auszusetzen brauchen. 
Anni ist diese verhängnisvolle Verquickung von schön und häßlich 



199 



einfach und rasch los geworden, seitdem sie sich bewußt geworden 
ist, daß ihr Es besonders sinnlich ist und deshalb dies schöne Haar 
geschaffen hat, ähnlich wie es die Sinnlichsten der Sinnlichen, die 
Sdiwindsüchtigen, mit Haar, Augen, Zähnen tun. Auf dieses Es hat 
das Leben ein zweites moralisches, ängstlidies Es daraufgesetzt, das 
den Gestank schuf, um die lockende Anziehung durch ein Abstoßen 
zu lähmen. 

Noch etwas bei dieser Gelegenheit; Sie behaupten immer, Leute, 
die sich nidit wüschen, stänken. Ich habe selbst mit angehört, wie Sie 
Ihrem Knaben, der seinen zehn Jahren gemäß wasserscheu war, die- 
sen Satz mit nachdrücklicher und handgreiflicher Untersuchung von 
Ohren, Hals und Händen einzuprägen suchten. Darf ich mir die Frage 
gestatten, wie oft Sie sich die Haare waschen ? Und ich kann Sie ver- 
sichern, daß Ihre Haare wie frisches Heu duften. Das Es kümmert 
sich gar nicht um die albernen Ansichten der Menschen. Es stinkt, 
wenn es stinken will, und es verwandelt den Dreck in Wohlgeruch, 
wenn es ihm beliebt. Ab und zu will es mich bedünken, als ob die 
Menschen sich nicht etwa waschen, weil sie den Dreck verabscheuen, 
sondern weil sie wie Pilatus bei der Verurteilung Christi den Leuten 
eine Reinlichkeit vortäuschen wollen, die sie gar nicht besitzen. Der 
Satz jenes Jungen: „Ich bin kein solches Schwein, daß ich mich alle 
Tage zu waschen brauche," ist gar nicht so dumm. Es ist mit dem 
Abscheu vor dem Schmutz ähnlich wie mit dem vor dem Aa und 
Pipi. Man wischt sich sehr sorgfältig ab, wäscht sich womöglich nach 
jeder Entleerung fester oder flüssiger Art und bedenkt nicht, daß 
man in seinem Bauche diese angeblich schmutzigen Dinge dauernd 
mit sich herumträgt. O, du wandelndes Klosett, das du dich Mensch 
nennst, je mehr du Ekel und Abscheu vor dem Kot und Urin äußerst, 
um so deutlicher zeigst du deine Lüsternheit in diesen Dingen, und je 
mehr du dich wäschst, um so besser weiß ich, daß du deine Seele für 
schmutzig hältst. Aber warum verschluckst du deine Spucke, wenn 
Spucke ekelhaft ist? 



200 






Ich will Sie nicht weiter mit Paradoxen quälen, sondern Sie lieber 
auf eine seltsame Form der Exhibition aufmerksam machen, auf die 
vor sich selbst. Der Spiegel fällt Ihnen ein, und damit der Narziß- 
mus — denn Narziß eifand den Spiegel — und die Onanie - und 
der Spiegel ist ein Onaniesymbol - und wenn Sie ein Taschenspieler- 
gehirn haben wie ich, denken Sie daran, daß man vor dem Spiegel 
auch Fratzen schneidet, sich zum Wohlgefallen, daß also wirklich die 
Exhibition doppclwcrtig, anziehend und häßlich sein kann. 

Aber ich war beim Geruch und beim Klosett, und wenn es Urnen 
beliebt, nennen Sie mir bitte irgendeine von Ihren Freundinnen, die 
auf dem Klosett nidit ihre Entleerungen ansieht - der Gesundheit 
wegen, versteht sich. Ich glaube, keine hält sich dabei die Nase zu, 
und möglicherweise gibt es welche darunter, die abends im Bett, wenn 
erst die Luftheizung gewirkt hat, unter die Decke kriechen, um zu 
konstatieren, was für Brennmaterial verwendet worden ist; vielleicht 
riecht sogar eine oder die andere am Finger, wenn das Papier am 
Ort der hohen Gefühle nicht dicht war. Und sicher - glauben Sie 
mir - es gibt gebildete Leute, die popeln, wenn sie allein sind; denn 
ein Loch ruht nicht eher, als bis etwas hineingesteckt ist, und die 
Nasenlöcher machen davon keine Ausnahme. 

Was könnte ich Ihnen alles von diesen unbewußten Exhibitio- 
nen der Gebärden, der Stimme, der Gewohnheiten erzählen ! Suchet, 
so werdet ihr finden, heißt es in der Bibel. Aber es heißt auch 
Sie haben Augen und sehen nicht, und sie haben Ohren und hören 
nicht. 

Die Zusammenhänge des Gesdimacksinns mit dem unbewußten 
Eros sind schwer zum Bewußtsein zu bringen. Am leichtesten sind 
die Verhältnisse noch bei dem Schnullen der Kinder zu verfolgen, 
das ja in innigem Zusammenhang mit dem Saugakt steht. Wenn man 
sich dann, von dieser Erfahrung ausgehend, ein wenig Mühe gibt, 
findet man nicht allzu selten im Verkehr Liebender Gewohnheiten, 
die im Sinne des Schmeckens gedeutet werden können. So ist das 



201 



1 1 






Saugen am Finger des andern etwas, was man häufig beobachten 
kann. Aber die Heimlichkeit solcher Liebkosungen erzählt deutlich, 
wie groß die Wertschätzung des Schmeckens ist. Man mag noch so 
sittsam sein, das Saugen an der Haut, an Brust, Lippen, Hals beglei- 
tet den Liebesakt, und die Zunge ist für einen jeden, nicht nur im 
wunderbar wechselnden Ausdruck des Wortes „Liebe", Organ der 
Wollust. Vor allem aber sdieint mir, daß das Zurschautragen der 
Brüste eine Aufforderung zum Schmecken ist, freilich gepaart mit der 
zum Fühlen und Sehen, wie denn immer die Sinnesfunktionen sich 
paaren. Und das führt dann dazu, eine echte Exhibiton des Es fest- 
zustellen, die Erektion der Brustwarze, die ganz unabhängig von dem 
Willen des Menschen das keuscheste Mädchen befällt und in ange- 
nehm leisem Kitzel über die Gelehrten und über Sie, liebe Freundin, 
lächelt, daß Sie Perversion nennen, unnatürliche Neigung, was Natur 
selbst tut. Ich überlasse es vorläufig Ihnen, von der Erektion der 
Brustwarze auf die des Mannes zu schließen, muß aber später, so 
heikel das Thema audi ist, darauf zurückkommen. 

Eins aber muß ich noch erwähnen, was in das Gebiet der Ge- 
schmackserotik gehört, das sind die Lieblingsspeisen. Die Vorliebe für 
süß, sauer, bitter, fett, salzig, für diese Speise und jenes Getränk, 
das Anbieten, Nötigen, die Art des Essens und die Zusammen- 
stellung eines Menüs verraten Neigungen seltsamer Art. Behalten 
Sie es im Gedächtnis und - vergessen Sie das nicht - es ist das- 
selbe, ob jemand Schweinebraten gerne ißt oder ob ihm davon übel 
wird. 

Soll ich Ihnen auch noch etwas vom Fühlen erzählen ? Sie können 
es sich selbst zusammenreimen, können bedenken und probieren : das 
Entgegenstrecken der Hand und die Lippen, die sich darbieten, das 
Knie, das sich anschmiegt und das Treten unter dem Tisch. Aber es 
gibt Vorgänge, die nicht ohne weiteres zu verstehen sind. Gewiß, der 
erotische Zweck einer streichelnden Hand ist rasch empfunden und 
rasch gedeutet. Wie steht es jedoch mit den kalten Händen? Kalte 

202 



Hände, warmes Herz, sagt der Volksmund, und der Volksmund irrt 
selten. „Sieh, ich bin kalt," sagt solche Hand, „wärme midi, idi braudie 
Liebe." Dahinter lauert versteckt das Es, verschmitzt wie immer. „Der 
Mann gefällt mir," denkt es, „vielleidit aber gefalle ich ihm nicht. 
Sehen wir zu. Schreckt ihn die Kälte meiner Hand nicht ab, faßt seine 
Hand liebevoll das armselige Ding, das ich ihm biete, so wird alles 
gut gehen. Und bleibt er unnahbar, kalt wie meine Hand, so kann 
er mich doch lieb haben und nur von der Kälte ersdireckt sein." Und 
- ja das Es ist raffinierter, als Sie denken - es läßt die Hand auch 
feucht werden, sie wird dann ein echter Probierstein der Liebe ; denn 
um eine feuchtkalte Hand gern zu fassen, muß man ihren Eigentümer 
wohl gern haben. Diese exhibitionistische Hand berichtet frank und 
offen : „Sich, selbst in der Kälte strömen die Lebenssäfte aus mir 
heraus, so glühend ist meine Leidenschaft. Mit welchen Fluten der 
Liebe werde ich didi überströmen, wenn du mich erwärmst." 

Sic sehen, Liebste, ich bin schon in den tiefen Schichten unbewußter 
Erotik, in der Deutung physiologischer Prozesse, und dabei mödite idi 
einen Augenblick verweilen. Denn mir als Arzt bietet die unbewußte 
Zurschaustellung der Sexualität mehr Interesse als der einfach im 
psychisch Bewußten wirkende Trieb. 

Als gelegenes Beispiel finde ich Vorgänge in der Haut, die mir 
viel Mühe gemadit haben. Sie wissen, als Schüler Sdiweningers werde 
idi auch jetzt noch hie und da von Hautkranken aufgesucht, und unter 
ihnen sind immer einige, die an chronischen, juckenden Ausschlägen 
leiden. Früher habe ich achtlos die Worte überhört, mit denen sie an 
irgendeiner Stelle ihre Krankheitserscheinungen erläutern, daß sie 
nämlich eine empfindliche Haut haben. Jetzt weiß ich, daß ihr Ekzem 
dieselbe Versicherung unablässig wiederholt, nur daß es deutlicher 
spricht und die Art der Empfindlichkeit beschreibt. Es erzählt — ich 
glaube es wenigstens herauszuhören, und der Erfolg scheint mir recht- 
zugeben : - „Sieh doch, wie meine Haut danach verlangt, leise gekitzelt 
zu werden. Es ist solch wunderbarer Reiz im sanften Streicheln, und 



203 



niemand streichelt midi. Versteht mich doch, helft mir dodi! Wie 
soll ich mein Verlangen besser ausdrücken als durch die Kratzspuren, 
die ich mir erzwinge." Das ist eine echte Exhibition auf dem Gebiete 
des Fühlens. 

So, nun haben wir lange genug uns unterhalten, und unser Kindchen, 
das wir auf seinem Thrönchen ernsthaft, nachdenklich sitzen ließen, 
hat sein Geschäft inzwischen beendet. Von seinen Ideen während 
dieser Zeit wollte ich Ihnen beriditen, habe es aber nidit getan, weil 
es nicht sidier ist, daß es gerade in dieser Stellung sich mit dem Ge- 
danken der Empfängnis beschäftigt. Ich werde es später nachholen. 
Eins aber muß ich noch sagen, ehe ich Abschied von Ihnen nehme: 
der Topf - oder das Klosett, das ist dasselbe - ist ein wichtiges 
Möbel, und es gibt viele, viele Menschen, die drei Viertel ihres Lebens 
darauf zubringen; nicht gerade so, daß sie im wörtlichen Sinne darauf 
sitzen, aber des Morgens wachen sie auf mit dem Gedanken : werde 
ich heute Stuhlgang haben, und wenige Stunden, nachdem das schwere 
Werk gelungen, beginnen sie wieder zu denken - und auch davon 
zu sprechen, gewöhnlich bei der Mittagsmahlzeit : - werde ich morgen 
Stuhlgang haben? - Es ist eben eine komische Welt. 

Bedenken Sie nur : das kleine Kind liebt es, mit Vater und Mutter 
mitzugehen und ihre Tätigkeit am stillen Ort zu beobachten ; wird 
es größer, so sucht es sich Kameraden, um weiter zu studieren und 
mehr zu enträtseln ; dann kommt die Zeit der Pubertät, und wieder 
spielt sich auf dem Klosett das am tiefsten ergreifende Erlebnis dieser 
Jahre, ja vielleicht des ganzen Lebens ab, die Onanie. Nach der Ent- 
wicklung beginnt nun die Verdummung des Menschen, und er begnügt 
sich, statt den Wundern des Lebens nachzugehen, damit, Zeitung zu 
lesen, sich zu bilden, bis schließlich das Greisenalter kommt und nicht 
selten der Schlaganfall auf dem Klosett allem ein Ende macht. Von 
der Wiege bis zum Grabe. 
Ich grüße Sie herzlichst. 

Immer Ihr TROLL. 

204 



23- 

ICH GEBE ZU, BESTE FREUNDIN, DASS ES UNRECHT IST, SO 
lange von der Exhibition zu sprechen, und auch das räume ich ein, daß 
ich die Bedeutung des Wortes ungebührlich gedehnt habe. Die Erklärung 
dafür ist, daß ich zurzeit gerade mit ein paar Kranken zu tun habe, 
die diesem Trieb mit Virtuosität fröhnen. Ich hatte gehofft, Sie würden 
des Inhalts halber über die Form hinwegsehen. 

So will ich denn heute, statt in ein System zu pressen, was 
systemlos ist, nur ein paar Beobachtungen aneinander reihen. Sie 
mögen selbst die Sdilüsse ziehen. 

Achten Sie, bitte, ein paar Tage auf den Mund von Helene 
Karsten. Sie können viel dabei kennen lernen. 

Sie wissen, dieser Mund gilt als besonders klein, er sieht aus, 
als ob mit Mühe ein Markstück hineingesteckt werden könnte. Aber 
sprechen Sie vor ihr das Wort Pferd aus, und der Mund wird breit 
wie ein Pferdemaul, und das Gebiß wird gefletscht, wie das Pferd es 
tut. Warum ? Hinter Helenens Elternhaus lag der Exerzierplatz eines 
Dragonerregiments. An den Pferden dort hat sie ihr Studium über 
Mann und Weib gemacht, und auf ein solches Pferd ist sie von einem 
Unteroffizier als kleines Mädchen gehoben worden und hat dabei 
angeblich ihre ersten Wollustempfindungen gehabt. Stellen Sie sich vor, 
daß ein fünfjähriges Mädchen neben einem Wallach steht, dann sieht 
es vor sich den Bauch mit einem daranhängenden Ding, das sich 
plötzlich um das Doppelte verlängert und einen mäditigen Harnstrahl 
aus dem Bauche herabsendet. In der Tat ein überwältigender Anblick 
für ein Kind. 

Das Volk erzählt sich, daß man bei Frauen nach der Größe des 
Mundes die Größe des Scheideneingangs beurteilen könne. Vielleicht hat 
das Volk recht, denn der Parallelismus zwischen Mund und Geschlechts- 
öffnung besteht. Die Gestalt des Mundes folgt den Geschlechts- 
erregungen, und wenn er es nicht tut, verraten sich in seinem Muskel- 
spiel die Verdrängungen. Und das Gähnen erzählt nicht nur von dem 



205 









Müdesein, sondern auch davon, daß der Gähnende im gegebeneu 
Augenblick ein begehrendes Weib ist, ähnlich wie der, der mit offnem 
Munde schläft. 

Schauen Sie sich doch die Menschen an, Sie lesen in ihrem Gesicht, 
ihrer Kopfform, der Haudgestaltung, dem Gang tausend Geschichten. 
Dort ist einer mit hervor quellenden Augen ; seien Sie sicher, er will 
Ihnen schon von fern seine Neugier und den Schreck über wunder- 
bare Entdeckungen zeigen; diese tiefliegenden Augen zogen sich zurück, 
als der Menschenhaß groß ward ; sie wollen nicht sehen und noch 
weniger gesehen werden. Die Tränen, die geweint weiden, sind nicht 
nur Trauer und Sdimerz geweiht, sie ahmen die Perle nach, die tief 
in der Muschel ruht, in der Perlmuttermuschel des Weibes, und 
jedes Weinen ist voll symbolischer Wollust. Immer, ohne Ausnahme. 
Das weiß auch jeder Dichter, seit Jahrtausenden wissen sie es und 
erzählen davon, ohne es bewußt auszusprechen. Nur die, die es wissen 
müßten, die wissen es nicht. Eros benutzt das Auge zu seinen Diensten, 
es muß ihm Bilder geben, die ihm gefallen. Und wenn ihrer zu viele 
wurden, wäscht er sie ab ; er läßt das Auge überquellen, weil die 
innere Spannung zu groß wurde, um auf dem Wege der genitalen 
Absonderung gelöst zu werden, weil ihm das Verfahren der Kindheit, 
die Erregung im Harn auszuströmen, gesperrt ist, oder weil er, ver- 
stimmt von der Moralität, den Menschen im Gleichnis dafür büßen 
lassen will, daß er sich schämt erotisch zu sein. Eros ist ein starker, 
eifriger Gott, der grausam und höhnisch zu strafen weiß. „Du nennst 
schmutzig," zürnt er, „daß ich die höchste Leistung des Menschen, die 
Vereinigung von Mann und Weib und die Sdiöpfung des Neuen an 
das Naßwerden zwischen den Schenkeln band. So sollst du deinen 
Willen haben. Du hast Schleimhäute im Darm und anderswo, deine 
Ejakulation sei fortan Diarrhoe, Auswurf, Schnupfen, Fußschweiß oder 
Achselschweiß und vor allem Harnen." 

Ich verstehe, daß Sie das alles sonderbar finden. Aber wer hin- 
dert mich, zu phantasieren, wie idi will; heute Eros zu nennen, was 

206 



ich gestern Es nannte ; dies Es als strafenden Gott aufzufassen, ob- 
wohl idi es eben als mitleidig, zart und sanft schilderte, ihm eine 
Madit zu geben, die hierhin drängt und dort verbietet und immer 
wieder mit sidi selbst in Widerspruch zu geraten scheint. Damit tue 
ich nichts andres, als was die Menschen von jeher getan haben. Und 
es scheint mir für unser woldgeordnetes Oberflächendenken nützlich 
zu sein, ab und zu die Dinge durcheinander zu werfen. Alles muß 
revolutioniert werden, das ist ein dummes Ziel, aber eine richtige 
Beobachtung. 

Darf ich weiter phantasieren? Ich sprach vorhin von der Gleich- 
setzung von Mund und Geschlechtsöffnung. So ist die Nase für ein 
launisch gewordenes Es, dessen Machtvollkommenheit unbegrenzt ist, 
ein Mannesglied, und demzufolge laßt es die Nase groß wachsen 
oder klein, stumpf oder spitz, setzt sie wohl auch sdiief in das Ge- 
sicht, je nachdem es diese oder jene Neigung damit kundtun will. 
Und nun ziehen Sie, bitte, Ihre Schlußfolgerungen für die Entstehung 
des Nasenblutens, das ja in bestimmten Altersperioden häufig ist, 
für Haare, die aus den Nasenlöchern wachsen, für Polypen und skro- 
fulösen Gestank. Die Ohren wiederum haben Muscheln, und Muschel, 
das erzählte ich schon, ist Symbol des Weibseins. Das Ohr ist emp- 
fangendes Organ, und seine Gestalt ist für träumerische Beobachter 
nicht uninteressant. 

Aber Sie müssen nicht etwa glauben, daß ich Erklärungen geben 
will. Das Leben ist viel zu bunt, um es zu kennen, viel zu glatt, um 
es zu packen. Vielleicht will ich nur ein wenig über die Logik spotten. 
Vielleicht steckt auch mehr dahinter. 

Haben Sie schon bemerkt, wie schwierig es oft ist, Kinder dazu 
zu bringen, daß sie sich in den Mund schauen lassen ? Das Kind 
denkt noch naiv : es hält den Mund für den Eingang der Seele und 
glaubt, der Arzt, den kleine und große Narren für einen Zauberer 
halten, könne dort alle Geheimnisse sehen. Und tatsächlich steckt im 
Schlund etwas, was kein Kind gerne verrät, das Wissen um Mann 



207 



. ' 



und WeU, Dort hinten sind zwei Bogen, - oder sind es die beiden 
Mandeln - die begrenzen eine Öffnung, die in die Tiefe führt, da- 
zwischen zuckt, verkürzt oder verlängert, bewegt sich ein Gebilde, das 
rot ist, dort hängt ein Schwänzten. „Der Brillenmann, der Onkel 
Doktor weiß, wenn er das sieht, daß ich lauschend im Bett lag, wäh- 
rend d.e Eltern mich schlafend glaubten und mit Öffnung und Stem- 
pel Spiele spielten, die ich nid* wissen darf. Und wer weiß, vielleicht 
Steht «ort geschrieben, was ich selbst trieb, ohne daß es jemand er- 
fahr. Halsentzündungen bei Kindern sind lehrreich, Sie glauben nicht, 
was man alles aus ihnen herauslesen kann. 

Und nun gar erst die Masern und Scharlach! .Mi brenne, ich 
brenne,« erzählt das Fieber, „und ich sdiäme mich so, sieh nur, idi 
bin rot geworden über den ganzen Körper.« Sie brauchen das natür- 
hcfa nicht zu glauben, aber woher kommt es wohl, daß unter drei 
Kindern zwei an Scharlach erkranken und eins bleibt gesund? Manch- 
mal ist eine phantastische Erklärung besser als gar keine. Und so 
ganz dumm ist es wirklich nicht. Sie müssen nur bedenken, daß das 
Alter der Leidenschaft nicht die Zeit der Jugend ist, sondern die 
Kindheit Die Schamröte aber in ihrem vom Es gewollten Doppelsinn 
«eht einen Schleier über das Gesicht, damit man nicht sieht, was da- 
hinter vorgeht, damit man sieht, wie das Feuer der Sinnlichkeit auf- 
lodert, damit man weiß, daß das moralisch erzogene Es das heiße 
Blut vom Bauch, von den Geschlechtsteilen, von Hölle und Teufel weg 
m den Kopf treibt, um um so dichter das Gehirn zu umnebeln. 

I<h könnte nun noch lange so weiter erzählen, von Lungenentzün- 
dungen und Krebs, von Gallensteinen und Nierenblutungen, aber wir 
können davon auch später sprechen. Heute nur noch ein einziges 
Wort über den Exhibitionstrieb und seine Kraft. Vor einem Jahr- 
hundert gab es noch keine Frauenärzte und heut ist in jedem Städt- 
chen un d an jeder Großstadtstraßenecke ein Spezialist. Das ist, weil 
die trau nie Gelegenheit hat, sich außerhalb der Ehe zu zeigen, weil 
das Kranksein alles entschuldigt, und weil das Kranksein die unbe- 



208 



wußten, halbbewußten und bewußten strafbaren Wünsche rächt und 
so vor der ewigen Strafe schützt. 

Es gibt eine Form der Exhibition, die für das Zustandekommen 
unsrer Korrespondenz historisch wichtig ist, das ist die Hysterie, im 
besonderen der hysterische Krampfanfall. Ich habe schon einmal den 
Namen Freud erwähnt und idi möchte wiederholen, was ich anfangs 
sagte: Alles, was in diesen gemischten Briefen richtig ist, geht auf ihn 
zurüde. Nun, Freud hat vor einigen Jahrzehnten die ersten grund- 
legenden Beobachtungen über das Es bei einer Hysterischen gemacht. 
Ich weiß nicht, wie er jetzt über diese Erscheinungen denkt, ich darf 
mich also nicht auf ihn berufen, wenn ich behaupte, daß das Es des 
Hysterischen listiger ist als das aller andern Menschen. Mitunter be- 
kommt dieses Es Lust, die Geheimnisse des Eros vor aller Welt und 
in voller Öffentlichkeit zu produzieren. Und um diese Aufführungen, 
gegen die alle Nackt- und Bauchtänze nichts sind, ungestört von 
Selbstvorwürfen und moralischer Entrüstung der Umwelt geben zu 
können, erfindet das Es die Bewußtlosigkeit und kostümiert die ero- 
tischen Vorgänge symbolisch als krampfhafte, sdireckenerregende Be- 
wegungen und Verrenkungen von Rumpf, Kopf und Gliedmaßen. Es 
geht dabei ähnlich zu wie im Traum, nur daß das Es für seinen 
Krampf ein verehrliches Publikum einladet, über das es sich weidlich 
lustig macht. 

Ich nähere mich jetzt wieder den Mitteilungen über die Begattungs- 
und Empfängnistheorie, wie sie das Kind hat, wie Sie sie gehabt ha- 
ben und wie ich sie gehabt habe. Vorher muß ich noch eine Frage 
stellen. Wann, glauben Sie wohl, haben Sie zuerst den Unterschied 
der Gesdilechter kennengelernt ? Aber bitte, antworten Sie nidit : 
„Mit 8 Jahren ; da wurde mein Bruder geboren." Denn ich bin über- 
zeugt, daß Sie auch schon mit 5 Jahren imstande waren, ein nacktes 
Mädchen von einem nackten Jungen zu unterscheiden und mit 3 Jah- 
ren auch und vielleicht noch früher. Schließlich wird sich herausstel- 
len, daß Sie ebensowenig davon wissen wie ich, ja daß überhaupt 



14 G r (1 d e c k, Das Buch vom Es 



209 



Niemand etwas davon weiß. Ich kenne einen kleinen Jungen von 
2% Jahren, Stadio genannt. Der sah zu, wie sein neugeborenes 
Schwesterchen gewaschen wurde, sprach dann - und wies zwischen 
seine Beine - die Worte : „Stacho hat« und drehte dem Mädchen den 
Rücken. 

Nun also, über den Zeitpunkt, wann das Kind Kenntnis vom 
Unterschied der Geschlechter bekommt, wissen wir nichts, aber daß es 
schon vor dem vierten Lebensjahr ein lebhaftes Interesse dafür hat, 
diese Unterschiede festzustellen, über ihre Gründe nachzudenken und 
danach zu fragen, das wissen sogar die Mütter; für mich ein unwider- 
leglicher Beweis dafür, daß dieses Interesse überaus lebhaft ist. Ich 
erzählte Ihnen schon früher einmal, daß das Kind unter dem Asso- 
ziationszwang des Kastrationskomplexes annimmt, alle Menschen seien 
mit einem Schwänzchen ausgestartet, seien männlichen Geschlechts, und 
was Frau und Mädchen genannt werde, seien kastrierte, verschnittne 
Männer, verschnitten zum Zweck des Kinderkriegens und zur Strafe 
für die Onanie. Diese Idee, die gar nicht so dumm, in ihren Wir- 
kungen aber von unberechenbarer Bedeutung ist, weil darauf das 
Überlegenheitsgefülil des Mannes und das Minderwertigkeitsgefühl 
des Weibes beruht, weil deswegen das Weib unten, der Mann 
oben liegt, weil deswegen die Frau nach oben, gen Himmel, 
zur Religion strebt, der Mann aber nach vorn, in die Tiefe, 
zur Philosophie hin, diese Idee verbindet sidi in der verworrenen 
und doch so logischen Denkweise des Kindes mit den Resultaten 
sorgfältiger Prüfung der männlichen Geschlechtsteile. Man erwägt in 
angeborenem hausväterischen Sinn, - Sie und ich haben es getan 
und jeder tut es - wie wohl diese abgeschnittenen Geschlechtsteile 
verwertet werden mögen. Die Verwendung des Anhängsels selbst 
bleibt zunächst rätselhaft; unter Umständen scheint es als Blind- 
darm sein Dasein zu fristen. Dagegen sind in dem Säckchen zwei 
kleine Gebilde, die entschieden Ähnlichkeit mit Eiern haben. Eier 
aber werden gegessen. Also werden die Eier, die den zum Frausein 



210 



verurteilten Männern abgeschnitten werden, gegessen. Vor solchem 
Schluß scheut sich sogar das Kind, das im allgemeinen wenig Gefühl 
für fremdes Leid aufbringt. Es findet es sinnlos, nur des Essens wegen 
Menschen anzuschneiden, da ja von den Hühnern genug Eier gelegt 
werden. Damm wird ein weiterer Grund gesucht, um das Abschneiden 
und Aufessen verständlich zu machen. Da kommt dem nachdenklichen 
Kinde eine Erfahrung zu Hilfe, die es frühzeitig macht; aus Eiern 
entstehen Küchlein, Hühnerkinder ; und diese Eier kommen hinten aus 
der Henne heraus, aus dem Loch im Hennenpopo ; und aus dem Frauen- 
popo kommen, das ist schon ausgemacht, die Kinder. Jetzt wird die 
Sache klar. Die abgeschnittenen Eier werden gegessen, nicht weil sie 
gut schmecken, sondern weil daraus die kleinen Mensdienkinder 
werden. Und langsam schließt sich der Kreis der Gedanken, und aus 
dem nebelhaften Dunkel des Denkens tritt schreckenerregend ein 
Mensch hervor: der Vater. Der Vater schneidet der Mutter die Ge- 
schlechtsteile ab und gibt sie ihr zu essen. Und daraus werden die 
Kinder. Das ist es, weshalb die atemraubenden, betterschütternden 
Kämpfe zwischen den Eltern des Nachts sich abspielen, deswegen das 
Stöhnen und Ächzen, deswegen das Blut im Nachttopf. Der Vater 
ist furchtbar, ein Grausamer, Strafender. Was aber straft er? Das 
Reiben und Spielen. Sollte die Mutter auch spielen ? Der Gedanke 
ist unausdenkbar. Aber er braucht nicht gedacht zu werden. Denn 
an seine Stelle tritt die Erfahrung. Die mütterliche Hand reibt 
täglich die kindlichen Eierdien des Sohnes, spielt mit seinem 
Schwänzchen. „Die Mutter kennt das Reiben. Der Vater weiß davon 
und straft. So wird er auch midi strafen, denn ich spiele auch. 
Möchte er doch strafen, denn ich will Kinder haben! Ich will 
spielen, dann wird er mich strafen und ich bekomme Kinder. Gott 
sei Dank, ich habe einen Vorwand zum Spielen. Aber womit 
soll ich spielen, wenn der Vater mir das Schwänzchen ab- 
schneidet? Es ist besser, ich verstecke mein Vergnügen. Es ist sicher 
besser." 

"* 211 



So wechseln Sehnsucht und Angst, und das Kind wird langsam 
ein Mensch, schwankend zwischen Trieb und Moral, Begierde und 
Furcht 

Adieu, Liebe, Ihr 

PATRIK TROLL. 






24. 



WIE NETT VON IHNEN, LIEBE FREUNDIN, DASS SIE MEINE 
Schreiberei nicht tragisch nehmen, sondern darüber lachen. Ich bin so 
oft ausgelacht worden und habe dann mit so viel Vergnügen mit- 
gelacht, daß ich oft selbst nicht weiß, meine ich, was ich sage, oder 
mache ich mich lustig. 

Aber sitze nicht auf der Bank, da die Spötter sitzen, heißt es. 
Ich bilde mir nicht ein, daß das Gemisch von Phantasien, das ich 
Ihnen neulich als eine „kindliche Sexualtheorie" vorsetzte, wirklich 
jemals so im Gehirn eines Kindes oder überhaupt in einem andern 
als dem meinen gewesen sei. Bruchstücke davon werden Sie aber 
überall finden, oft verwittert, kaum kenntlich, oft eingemauert in 
andre Phantasiereihen. Worauf es mir ankam, war, Ihnen redit deut- 
lich zu machen, es Ihnen in die innerste Seele zu prägen, daß das 
Kind sich unausgesetzt mit den Rätseln der Sexualität, des Eros, des 
Es beschäftigt, viel intensiver als irgendein Psychologe oder Psycho- 
analytiker, daß es sidi wesentlich durch den Versuch, diese Rätsel zu 
lösen, entwickelt ; mit andern Worten, daß unsere Kindheit sich sehr 
wohl als die Schule betrachten läßt, in der Eros uns unterrichtet. 
Und nun denken Sie sich die abenteuerlichsten Phantasien aus, wie 
sich das Kind Empfängnis, Geburt, Gesdileditsunterschied vorstellt, 
Sie werden nie auch nur den millionsten Teil dessen ausdenken kön- 
nen, was sich das Kind, jedes Kind in Wahrheit darüber zusammen- 
träumt; ja, Sie werden im Grunde genommen nur ausdenken können, 
was Sie selbst wirklich einmal als Kind gedacht haben. Denn das ist 
das Merkwürdige am Es, - und ich bitte Sie, es wohl im Gedächtnis 
zu behalten - daß es nicht wie wir hochbegabten Verstandesichs 

212 



zwischen Wirklichkeit und Phantasie unterscheidet, sondern daß ihm 
alles wirklich ist Und wenn Sie nicht schon ganz verdummt sind, 
werden Sie einsehen, daß das Es recht hat. 

Ja, ich kann Ihnen über das Schicksal des Schwänzchens, das Sie 
sich von der Mutter verzehrt vorstellen sollen, auch etwas erzählen, 
nicht viel, aber etwas. Aus diesem Schwänzchen, vermutet das Kind, 
wird die Wurst. Nicht aus all den Eiern, die verzehrt werden, ent- 
stehen Schwangerschaften, die meisten werden im Bauche, wie jede 
andere Speise, in braune, kakaoähnliche Masse verwandelt, und diese 
Masse nimmt, weil in ihr auch das aufgegessene, wurstförmige 
Schwänzchen ist, die längliche Wurstform an. Ist es nicht seltsam, daß 
im dreijährigen Kindergehirn schon die Philosopliie der Form drin ist 
und auch die Theorie von den Fermenten ? Sie können sich das nicht 
wichtig genug vorstellen; denn die Gleichsetzung Stuhlgang - Ge- 
burt - Kastration — Empfängnis und Wurst — Penis - Vermögen — 
Geld wiederholt sich täglidi und stündlich in der Ideenwelt unsere 
Unbewußten, macht uns reich oder arm, verliebt oder schläfrig, 
schaffend oder faul, potent oder impotent, glücklich oder unglücklich, 
gibt uns eine Haut, in der wir schwitzen, stiftet Ehen und reißt sie 
auseinander, baut Fabriken und erfindet, was geschieht, ist überall 
beteiligt, auch bei den Krankheiten. Oder vielmehr bei den Krank- 
heiten läßt diese Gleichsetzung sich am leichtesten entdecken ; man 
muß sich nur nicht vor Hohn der Verständigen fürchten. 

Spaßeshalber teile ich Ihnen noch eine andere Idee mit, die das 
Hirn des Kindes ausgebrütet hat und die sich, wie es scheint, gar 
nicht selten bei dem Erwachsenen lebend erhält; das ist der Ge- 
danke, daß sich das verzehrte Schwänzdien ein- oder zweimal in einen 
Stock verwandelt, entsprechend der Erektion, daß sich die Eierchen 
daran festsetzen, und daß daraus ein Eierstock wird. Ich kenne 
jemanden, der war impotent, das heißt, er versagte im Moment, wo 
er sein Glied in die Scheide einführen sollte. Er hatte die Idee, daß 
sich im Leibe der Frau Stöcke befänden, an denen Eier aufgereiht 



213 



wären. „Und da idi einen besonders großen Sdiwanz habe," dachte 
seine Eitelkeit, „so werde idi beim Zustoßen all diese "Eier zer- 
brechen.« Er ist jetzt gesund. Das Merkwürdige dabei ist, daß er als 
Junge eine große Eiersammlung hatte. Und beim Ausblasen der Eier 
die er den Vogelmüttern aus dem Nest nahm, fand sich ab und zu' 
ems, ,n dem schon ein Junges war. Und darauf ging seine Theorie 
vom Eierstock zurück. Den großen Logikern ist das eine Torheit, 
aber achten Sie es nicht für zu gering, darüber nachzudenken. 

Ich kehre zu meinen Einfällen über die Situation zurück, in der 
idi midi neulidi beim Briefschreiben befand - Sie wissen wohl, als 
idi von der Uhrkette sprach. Ich bin Ihnen noch das Jucken am 
rechten Sdiienbein und das Bläschen an der Oberlippe schuldig. 
Seltsamerweise kehrte sich das Wort Schienbein sofort in Beinschiene 
um, und dabei stieg vor mir das Bild des Achill auf, wie ich es aus 
meiner Kindheit - etwa aus meinem achten oder neunten Lebensjahr 
in der Erinnerung habe. Es ist eine Illustration zu Schwabs griechi- 
schen Heldensagen. Und das Wort „unnahbar« fällt mir ein. Wo soll 
ich anfangen? Wo soll ich aufhören? Meine Kindheit wacht auf und 
etwas weint in mir. 

Kennen Sie Schillers Gedicht von Hektors Abschied von Andro- 
mache? Mein zweiter Bruder Hans - ich erzählte neulich von ihm bei 
Gelegenheit des Namens Hans am Ende - ja richtig, er hatte eine 
Wunde am rechten Sdiienbein. Er war beim Rodeln gegen einen 
Baum gefahren; ich muß fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein. Am 
Abend - die Lampe brannte schon - trug man den halbwüchsigen 
Jungen herein, und dann sehe ich die Wunde vor mir, eine vier 
Zentimeter lange tiefe Wunde, blutend. Sie hat einen entsetzlichen 
Eindruck auf mich gemacht; ich weiß jetzt, warum. Das Bild dieser 
Wunde vermischt sich unlösbar mit einem andern, wo schwarze Blutegel 
am Rande dieser Wunde hängen, und ein oder zwei sind abgefallen; die 
Erschaffung Evas, die Kastration, Blutegel, abgeschnittenes Schwänzchen 
Wunde und Weibsein. Und der Vater hat die Blutegel angesetzt. 



214 



Rodeln. - Warum rodeln dodi die Menschen ? Wußten Sie schon, 
daß die schnelle Bewegung genitale Lust erregt? Seitdem der Gleit- 
flug erfunden ist, weiß es jeder Flieger. Es treten dabei - mitunter 
- Erektionen und Ejakulationen auf; das Leben selbst gibt Antwort 
darauf, warum der Mensch seit Jahrtausenden und Jahrmillionen 
träumte, er wolle und könne fliegen, warum die Sage vom Ikarus 
entstand, warum Engel und Amoretten Flügel haben, warum jeder 
Vater sein Kind hochhebt und durch die Luft fliegen läßt, und warum 
das Kind jauchzt. Das Schlittenfahren, das Rodeln war für den Knaben 
Patrik Onaniesymbol und die Wunde mit den Blutegeln die Strafe. 

Aber zurüde zu Hektors Abschied und den „unnahbaren Händen". 
Mein zweiter Bruder Hans und der dritte Wolf - ein verhängnisvoller 
Name, wie Sie gleich sehen werden - pflegten das Gedicht dramatisch 
vorzuführen, wobei die Familie und etwa vorhandene Gäste das 
Publikum bildeten. Und dabei wurde ein Radmantel meiner Mutter 
mit rotem Futter und weißem Pelzbesatz als Schmuck für Andromache 
verwendet; der Purpur mit dem Hermelin, das ist die große Wunde 
des Weibes und die Haut, das Blut und die Binde. Welch einen Ein- 
druck hat das alles auf mich gemacht ! Gleich im Anfang die Worte : 
„dem Patroklus schrecklich Opfer bringt." „Patroklus - Patrik" und 
das Opfer, das Abschneiden, Abrahams Opfer und die Beschneidung, 
und das Weinen durdi die Wüste, die nun nach der Rache des Achill, 
nach der Kastration entsteht. Der Kleine, der Penis, der nicht mehr 
„Speere werfen" wird, weil den Hektor der finstre Orkus verschlingt. 
Hektor ist der Knabe und der Orkus der Mutterschoß und das Grab, 
um den Inzest handelt es sich, den ewigen Wunsch des Menschen 
und des kleinen Patrik. ödipus. Welche Schauer rieselten mir den 
Rüdcen entlang bei den Worten : „Hordi, der Wilde tobt schon an 
den Mauern." Ich kannte dieses Toben, den furditbaren Zorn des 
Vaters Achill. Und Lethes Strom vermischt sich mit dem Bächlein auf 
der Wiese aus Struwwelpeters Paulindien, dem Onanielied des Mädchens, 
und mit den bettnässenden Urinströmen in tiefvergessendem Schlaf. 



215 



Gewiß, Liebe, idi wußte das damals nicht, wußte es nicht mit 
dem Verstände ; aber mein Es wußte es, tiefer und besser verstand 
es das alles, als ich es jetzt verstehe, trotz all meines Bemühens um 
Kenntnis eigner und fremder Seele. 

Lassen Sie mich lieber von jenem Buche sprechen, von Schwabs 
griechischen Sagen. Man schenkte es mir zu Weihnachten. Meine Eltern 
waren damals schon verarmt und deshalb waren die drei Bände nicht 
neue Bücher, sondern nur neu eingebunden. Sie hatten früher dem 
ältesten Bruder gehört, was ihren Wert für mich bedeutend erhöhte. 
Und zu diesem Ältesten fällt mir wieder mancherlei ein, aber erst 
muß ich die Sache mit dem Schwab beenden. Der eine Band - er 
handelt von dem trojanischen Krieg - hatte abgeknickte Ecken. Ich 
hatte damit auf meinen Bruder Wolf eingeschlagen, auf den fünf Jahre 
älteren, der mich bis zur Wut neckte und dann spielend mit einer 
Hand bändigte. Wie habe ich ihn gehaßt und doch wie muß ich ihn 
geliebt haben, wie habe ich ihn bewundert, den Starken, den Wilden, 
den Wolf. 

Ich muß Binen etwas sagen : wenn ich irgendwie elend bin, Hals- 
oder Kopfschmerzen habe, taucht bei der Analyse das Wort Wolf auf. 
Mein Bruder Wolf ist unlösbar mit meinem innern Leben verknüpft, 
mit meinem Es. Es scheint nichts Wichtigeres für mich zu geben als 
diesen Wolfkomplex. Und dabei vergehen Jahre, daß ich nicht an ihn 
denke und dabei ist er längst tot Aber er drängt sich ein in meine 
Ängste, er ist dabei, was ich auch tue. Stets wenn der Kastrations- 
komplex auftaucht, ist Wolf dabei und etwas Dunkles, Furchtbares 
bedroht mich. Ich besinne mich nur auf ein einziges Sexualerlebnis, 
das ich mit ihm in Verbindung bringe. Ich sehe die Szene noch vor 
mir, es war im Freien, und ein Schulkamerad Wolfs hielt eine Spiel- 
karte gegen das Licht. Und irgend etwas Seltsames kam bei dem durch- 
fallenden Licht zutage, was sonst nicht zu sehen war, etwas Verbotenes ; 
denn ich besinne mich noch auf das scheue Wesen der beiden mit 
ihrem schlechten Gewissen. Was es war, weiß ich nicht. Aber mit 



216 



dieser einen Erinnerung ist innig untrennbar verwoben eine zweite, 
wie mein Bruder Wolf demselben Kameraden gegenüber seinen 
Namen Wolfram vom Riesen Wolfgrambär ableitete, was auf midi 
schauerlich wirkte. Und jetzt weiß ich, daß der Riese der personifizierte 
Phallus ist. 

Plötzlich fällt mir eine Kaulbachsche Blustration zu Reineke Fuchs 
ein, wie der Wolf Isegrim in das Bauernhaus eingebrochen ist, ent- 
deckt wird, den Bauern umgeworfen hat und mit dem Kopf unter 
dessen Hemde steckt. Ich habe das Bild seit mindestens vierzig Jahren 
nicht gesehen, aber es steht mir ziemlich deutlich vor Augen. Und ich 
weiß jetzt, daß der Wolf dem Bauern den Geschlechtsteil abbeißt Es 
ist eins der wenigen Bilder, die mir in Erinnerung geblieben sind. 
Isegrim aber - Grimm war der Name des Knaben, von dem ich die 
Onanie lernte - bezeichnend genug, wollte mich warnen und lehrte 
mich, was tief verdrängt war. 

Wie kam das Epos vom Reineke Fuchs dazu, gerade den Wolf 
als Kastrationstier zu wählen, wie kam Kaulbach dazu, dies Ereignis 
zum Bilde zu formen ? Was bedeutet das Märchen vom Rotkäppchen 
und das von den sieben Geißlein ? Kennen Sie es ? Die alte Geiß geht 
aus und warnt vorher ihre sieben Kinderchen, ja die Tür verschlossen 
zu halten und den Wolf nicht ins Haus zu lassen. Aber der Wolf 
drängt sich doch ein und verschlingt all die Geißlein bis auf das 
Jüngste, das im Uhrkasten steckt. Dort findet es die Mutter bei der 
Heimkehr. Das Geißlein erzählt von den Untaten des Wolfs, beide 
machen sich auf die Suche nach dem Räuber, finden ihn, gesättigt vom 
Fraß, in tiefem Schlaf liegen und schneiden ihm, da sich in seinem 
Bauch etwas zu regen scheint, den Bauch auf, wonach all die ver- 
schlungenen sechs Geißlein wieder zum Vorschein kommen. Nun füllt 
die Mutter dem bösen Tier den Bauch mit großen Wackersteinen und 
näht ihn wieder zu. Der Wolf erwacht durstig und fällt, als er sich 
über den Brunnen beugt, um zu trinken, von den schweren Steinen 
gezogen, in die Tiefe. 



217 









Ich maße mir nicht an, das Märchen so zu deuten, daß sich alle 
Geheimnisse, die die Volksseele hineingedichtet hat, aufhellen. Aber 
einiges darf ich wohl darüber sagen, ohne allzu verwegen zu sein 
Zunächst ist das Aufschneiden des Bauches, aus dem dann junges 
Leben hervorkommt, als Geburtssymbol leicht verständlich, da es an 
die allgemein gültige Idee des Kindes, bei der Entbindung werde der 
Baudi aufgeschnitten und dann wieder zugenäht, anknüpft. Damit ist 
auch das Motiv des Verschlingen«, ohne daß die Geißlein sterben, 
erklart: es ist die Empfängnis. Und aus der Mahnung der Mutter, die 
Tür verschlossen zu halten, kann man den Hinweis herauslesen, daß 
es nur eine Jungfernschaft zu verlieren gibt und daß das Maidlein 
niemand einlassen soll „als mit dem Ring am Finger". Aber rätselhaft 
Weibt, was mit der Rettung des siebenten Geißleins, mit seinem Sich- 
verstecken im Uhrkasten gemeint ist. Sie wissen, welche Rolle die 
Sieben in dem menschlichen Leben spielt; man begegnet ihr überall, 
bald als guter, bald als böser Zahl. Auffallend ist dabei, daß die Be- 
zeichnung „böse Sieben« ausschließlich für die Frau gebraucht wird. Es 
ist wohl anzunehmen, daß die gute Sieben den Mann bezeichnet Das 
stimmtauch; denn während das Weib mit Kopf, Rumpf und vier 
Gliedern als Sechs charakterisiert ist, hat der Mann noch einen siebenten 
Teil, das Zeichen der Herrschaft. Das siebente Geißlein ist demnach 
das Schwänzchen, das nicht verschlungen wird, das sich im Uhrkasten 
verbirgt und heil und ganz daraus hervorspringt. Und es bleibt Ihnen 
nun unbenommen, ob Sie annehmen wollen, daß der Uhrkasten die 
Vorhaut ist, oder die Scheide, die das Siebente nach der Samen- 
ergießung wieder verläßt. Daß der Wolf sdiließlich in den Brunnen 
fällt, vermag ich mir nicht recht zu erklären ; höchstens könnte ich 
sagen, daß es, wie so oft, eine Verdoppelung des Hauptmotivs 
der Schwängerung ist, wie sich denn auch das Verstecken im Kasten 
als Schwangerschaft und Geburt deuten läßt Wir wissen aus 

den Träumen, daß das Inswasserfallen ein Schwangerscfaafts- 
symbol ist 



218 



Soweit ist die Geschichte leidlich aus dem sdiönen Märchenstil in 
plattes Alltagserleben umgestaltet. Es bleibt nur der Wolf übrig. Und 
Sie wissen, bei dem fangen meine persönlichen Komplexe an. Aber 
ich will doch versuchen, etwas daraus zu machen. Ich möchte dazu 
auf die Sieben zurückgreifen. Das Siebente ist der Knabe. Die sechs 
zusammen sind die böse Sieben, das Mädchen, an dem das Siebente 
erkrankt und weggefressen, böse ist, weil es onanierte, bös handelte. 
Danach würde der Wolf die Kraft sein, die aus der Sieben die Sechs 
macht, die den Knaben in das Mäddien verwandelt, ihn kastriert, ihm 
das Schwänzchen abschneidet. Er würde mit dem Vater identisch 
werden. Ist es so, dann gewinnt das öffnen der Tür ein andres Aus- 
sehen; es ist dann die frühzeitige Onanie der Sieben, des Knaben 
der seine Sieben durch Reiben geschwürig, böse macht, so daß der 
Wolf ihn auffrißt, um ihn als Mädchen mit einer Wunde statt des 
Scfawänzdiens in die Welt zu setzen. Das siebente Geißlein wartet 
unter Vermeidung der Onanie oder wenigstens der Onanieentdeckung 
im Uhrkasten, in der Vorhaut die Zeit ab, wo es geschlechtsreif wird 
und behält deshalb sein Knabenzeidien. Das Wort böse, das der 
Sieben lünzugefügt wird, um das Weib zu bezeichnen, stellt in seinem 
weiteren Sinn der Eiterung, des Geschwürs die Assoziation zum Lupus 
zur Syphilis und zum Krebs her und gibt eine Handhabe, um die bei 
jeder Frau auftretende Angst vor diesen beiden Erkrankungen zu be- 
greifen. Das Fressen der Geißlein führt zu der Kindertheorie von der 
Empfängnis durch Verschlucken des Keimes hin, eine Verbindung, die im 
Märchen vom Däumling in der Person des Menschenfressers wieder- 
kehrt. Bei ihm ist dann im Siebenmeilenstiefel der Zusammenhang 
zwischen Wolf und Mann oder Vater hergestellt ; denn man geht 
wohl nicht fehl in diesem Wunderstiefel ein Symbol derErektion zu sehen. 
Nun muß ich noch auf etwas zurückgreifen, was ich früher er- 
wähnt habe, daß nämlich das Kind sich nicht gern in den Mund 
sehen läßt. Es fürchtet das Abschneiden des Zäpfdiens. In der Be- 
zeichnung Wolfsrachen haben Sie die Assoziation zwischen Wolf und 



219 



Onanie. Dem Wolfsrachen fehlt das Zäpfchen, das Ja das männliche 
Schwänzchen darstellt, es ist kastriert. Er versinnbildlicht die Strafe 
der Onanie. Und wenn Sie je bei einem Menschen einen Wolfsrachen 
gesehen haben, wissen Sie, wie fürchterlich die Strafe ist. 

Damit bin ich zu Ende. Ich weiß nicht, ob Ihnen die Deutung 
gefällt. Mir hat sie über viele Schwierigkeiten meines Wolf-Isegrimm- 
Bruderkomplexes weggeholfen. 

Herzlichst 

PATRIK. 

25. 
ALSO NACH IHNEN IST DIE BÖSE SIEBEN DER MUND, WOMIT 
ich ganz einverstanden bin. Es gibt ja auch Männer, die ein böses 
Maulwerk haben, aber schließlich bleibt es dasselbe, die siebente Öff- 
nung des Gesichts ist ebenso Symbol des Weibes wie die große 
Wunde des Unterleibes. 

Da wir nun einmal bei den Zahlen sind, wollen wir ein wenig 
damit spielen. Vorausschicken muß ich, daß das Es ein gewaltiges 
Zahlengedächtnis hat, die einfachen Arten des Rechnens beherrscht 
wie es sonst nur bei einer bestimmten Art von Idiotismus vorkommt, 
und daß es sich ebenso wie ein Idiot ein Vergnügen daraus macht, 
Rechenexempel im Augenblick zu lösen. Sie können sich davon durch 
ein einfaches Experiment überzeugen. Unterhalten Sie sidi mit irgend 
jemandem über ein Thema, das die Tiefen seines Es in Bewegung 
setzt; es gibt allerlei Zeichen, um festzustellen, daß eine solche Be- 
wegung vor sich geht. Fragen Sie, wenn Sie solch ein Zeidien bemer- 
ken, nach einem Datum, so wird mit einer absoluten Sicherheit sofort 
ein Datum genannt werden, das mit dem aufgerührten Komplex in 
inniger Assoziation steht. Oft tritt der Zusammenhang gleich zu 
Tage, so daß der Befragte selbst erstaunt über die Leistungsfähigkeit 
seines Unbewußten ist. Oft wird jeder Zusammenhang bestritten. 
Lassen Sie sich dadurch nicht irre machen. Das Bewußte des Men- 
schen liebt es, zu verneinen - fast hätte ich gesagt, zu lügen. Hören 

220 



Sie nidit auf das Nein, sondern halten Sie an der Erkenntnis fest, 
daß das Es nie lügt und nie verneint Nadi einiger Zeit wird die 
Riditigkeit der Assoziation sidi erweisen und gleichzeitig eine Menge 
psydiisdies Material zum Vorschein kommen, das, in das Unbewußte 
verdrängt, allerlei Gutes und Böses im Menschen vollbracht hat. 

Ich will Ihnen ein kleines Zahlenkunststück von meinem eigenen 
Es mitteilen, das mir viel Spaß gemacht hat, als ich es entdeckte. 
Lange Jahre hindurch habe ich, wenn ich meine Ungeduld und Un- 
zufriedenheit ausdrücken wollte, den Ausdruck gebraucht : „Ich habe 
Ihnen das schon 26783 mal gesagt" Sie besinnen sich wohl, daß Sie 
mich das letztemal, als wir zusammen waren, deswegen verspottet 
haben. Das hat mich geärgert und ich habe an der Zahl ein wenig 
herumgerätselt Da fiel mir auf, daß die Quersumme dieser langen 
Zahl 26 ist genau dieselbe Zahl, die beim Wegnehmen der Tausen- 
der von den übrigen Ziffern abgetrennt ist. Zu 26 fiel mir das Wort 
Mutter ein. Ich war 26 Jahre alt, als meine Mutter starb. 26 Jahre 
alt waren meine beiden Eltern, als sie heirateten ; im Jahre 1826 
wurde mein Vater geboren ; und wenn Sie die Quersumme von 783 
nehmen, so stoßen Sie auf 18. Isolieren Sie die drei ersten Ziffern 
als 2 X (6-(-7), so haben Sie 26. Addieren Sie die 2 zu den beiden 
letzten 8X3» so gibt es wiederum 26. Ich bin geboren am 13. IO. 1866. 
Die Quersumme davon ist 26. 

Ich habe die Zahl 26783 noch ein wenig anders zerlegt Die 2 
schien mir für sich zu stehen, weil ich sie unwillkürlich zu den beiden 
Rechnungen mit 6 + 7 und 8X3 verwendet hatte. Die übrigen Zif- 
fern gruppiern sich unter dem Einfluß der 2 betrachtet als 67, 78, 
83. 67 war das Alter meiner Mutter, als sie starb. 78 ist die Jahres- 
zahl, in der ich mein Elternhaus verlassen mußte, um in das Internat 
der Schule überzutreten. Im Jahre 83 ging mir die Heimat völlig ver- 
loren, da meine Eltern in diesem Jahre meine Geburtsstadt verließen 
und nach Berlin übersiedelten. In dasselbe Jahr fällt ein Ereignis, 
dessen Tragweite sich über einen langen Zeitraum meines Lebens er- 

221 



E«, *"»*?***»> "* Schulstunden sagte einer meto 

Mitschüler zu m,r : „Onanieren Sie nur so weiter, dann sind Sie bald 
ganz verrückt , halb sind Sie es sowieso.« Das Wort ist verhängnis- 
voll für nndr geworden, nicht weil etwa die Onanieangs. verstärkt 
worden wäre, sondern weil ich kein Wort erwidert habe, stiB und 
schwebend die Beschämung der öffentlichen Onaniebesdanldigung hin- 
nahm, als ob sie Xd, nhh, berühre. 14 empfand sie tief, aber ver- 
drängte sie sofort mit Hilfe des Wortes .verrückt". Mein Es hat sich 
damals dieses Wortes bemächtigt nnd es nicht wieder losgelassen. Mir 
schienen von nun an alle Schrullen meines Denkens erlaubt Halb 
verrückt, das bedeutet für mich: Du stehst mitten zwischen zwei 
Möghclikeiten, kannst Welt und Leben, je nachdem du dich naci der 
einen oder andern Seite biegst, wie ein Gesnnder, wie ein gewohn- 
ter Mensch ansehen oder wie ein Verrückter, aus der gewöhnlichen 
Lage gerückter, außergewöhnlicher Mensch. Das habe ich reichlich 
getan nnd tue es, wie Ihnen sattsam bekannt ist, noch. Die 
zwei Mütter - Amme nnd Mutter - fanden ihre neue not- 
wendige Begründung, das zwischen Zweien-Stehen wurde durch 
che halbe Verrücktheit für mich erträglich, sie führte mich aus 
dem Zwang zu zweifeln zur duldsamen Skepsis und zur Ironie 
*ur Gedankenwelt Thomas Weltleins. Ich halte es für möglich' 
daß ,d, mich in der Einschätzung des „halb verrückt- irre, aber 
es gibt mir eine Erklärung für die seltsamen Erscheinungen in 
me meill Wesen, das im allgemeinen zwei Möglichkeiten ausweicht, das 
aher imstande ist, unbeirrt durch Jeden Holm, durch jede Belehrung 
durch jeden Beweis, durch den inneren Widerspruch, gleichzeitig ent- 
gegengesetzte, ja gegensätzliche Gedankenrichtungen zu verfolgen. Bei 
sorgfältiger Prüfung meiner Lebensresultate habe ich gefunden, daß 
diese halbe Verrücktheit mir gerade das Quantum Übergewicht gege- 

fezeicht tTT mel " & ~ BewBlti ^ «■"» Aufgaben bedurfte, 
bann^T? , T " ^ ^^^ " "*» medizinische Lauf- 

bahn. Ich habe mich zweimal fremder ärztlicher Denkweisen bemäch- 



222 



tigt und sie so in midi aufgenommen und in mir umgestaltet, daß sie 
mein persönlidies Besitztum geworden sind, einmal durdi meine 
Sdiülerstellung zu Schweninger, das zweitemal durdi meine Jünger- 
schaft bei Freud. Jeder von Beiden repräsentiert für mich als Arzt 
etwas Gewaltiges, Unentrinnbares. Ihren Einfluß in mir zu vereinigen, 
ist mir im Jahre IQII gelungen und II ist die Quersumme von 83 und 
die Quersumme von II ist 2. 

Das Jahr 83 hat sich, entsprechend seiner Hervorhebung als End- 
ziffer der Rätselzahl 26783, auch in mein äußeres Leben als beson- 
ders wichtig hineingedrängt. Ich erkrankte bald nach jener Äußerung 
über die Onanie an Scharlach, in dessen Folge eine Nierenentzündung 
auftrat. Ich habe später, wie Sie wissen, noch einmal eine Nieren- 
erkrankung durchgemacht. Ich bin der Ansicht, daß die Nieren- 
erkrankung - das gilt von mir und von allen Nierenkranken - charak- 
teristisch für die Doppelstellung im Leben ist, für das Dazwischen- 
stehen, für die 2. Der Nierenmensch - um diesen Ausdruck einmal 
zu gebrauchen - ist doppelt gerichtet Er ist in uns in gewöhnlichem 
Grade gleichzeitig Kind und Erwachsener. Sein Es kann mit einer unge- 
wöhnlichen Souveränität, die gleichzeitig vorteilhaft und gefährlich ist, 
kindlich oder erwachsen sein; es ist zwischen die I - das Symbol des 
erigierten Phallus, des Erwachsenen, des Vaters - und die 3 - das 
Symbol des Kindes gestellt. Ich überlasse es Ihnen, der unausdenk- 
baren Kette phantastischer Möglichkeiten nachzugehen, die ein solcher 
Zwitter hat, bemerke nur dazu, daß meine eigene Lage sich außer 
durch die Nierenentzündungen noch dadurch erwiesen hat, daß ich 
bis in mein I5tes Lebensjahr ein Bettnässer gewesen bin. Und um 
schließlich auch das zu sagen : der Zwitter ist weder Mann noch Weib, 
sondern Beides, und das ist mein Fall. 

Und nun wollen wir spielen, mit Zahlen spielen, so weit wir es 
noch vermögen, Kind sein. Aber sie müssen nicht böse sein, wenn 
sich erwachsenes Zeug der Großen dazwischendrängt. So etwas läßt 
sich nicht vermeiden. Wer Kind ist, will groß erscheinen und setzt 



223 



sidi Vaters Hut auf und nimmt seinen Stock. Was würde auch daraus 
werden, wenn dieser Wunsch nach dem Großsein, nach der Erektion 
nicht im Kinde wäre? Wir würden klein bleiben, nicht wachsen. Oder 
halten Sie es für eine Täuschung, wenn ich festgestellt zu haben glaube, 
daß das Kleinbleiben der Menschen in gewissem Zusammenhang mit 
ihrem Kleinbleibenwollen steht, mit ihrem so tun, als ob sie die Erektion 
nicht kennten, unschuldig wären wie die Kindlein ;. daß das Nichthoch- 
gewachsensein aus dem Wunsch des Es entsteht, eine Entschuldigung, 
die Entschuldigung des Nochkindseins für alle sexuellen Neigungen, 
das heißt für alles und jedes Tun zu haben ? Gemäß den Worten : 
»Ich bin klein, mein Herz Ist rein ?" 

Setzen Sie sich mit mir vor die Schiefertafel, wir beide wollen tun, 
als ob wir wieder Zahlen schreiben lernten. Was mag wohl im Kinder- 
gehirn vor sich gehen, wenn es gezwungen wird, eine halbe Tafel voll 
Einser zu schreiben oder voll Achter? Sie können es auch auf die 
Buchstaben übertragen, auf die a's und p's und alle die Häkchen und 
Schlingen, die nach der Phantasie des Kindes angeln. Was ist die I 
für Sie ? Für mich ist es ein Stock. Und nun der Sprung ins Großsein, 
der Stock des Vaters, der Penis, der Mann, der Vater selbst, die 
Strenge und Kraft, in der Familie Nr. I. Zwei, das ist der Schwan. 
Spekters Fabeln. Ach, wie hübsch das war. Meine Schwester hatte den 
langen Hals und wurde weidlich damit geneckt Und war wirklich ein 
häßliches Entlein, das ein allzufrüh verstorbener Schwan wurde. Und 
plötzlich sehe ich den Schwanenteich meiner Heimat. Ich bin wohl 
acht Jahre alt und sitze mit Wolf, Lina und einer Freundin Anna 
Speck im Kahn und Anna Speck fällt ins Wasser, auf dem der Schwan 
schwimmt ; „mein Schwan, mein stiller, mit sanftem Gefieder," sollte 
ich mich deshalb so viel mit Ibsen beschäftigt haben, weil er dies Lied 
diditete und weil ich es in schwerer Zeit, als ich zu sterben glaubte, 
singen hörte ? Oder ist es Agnes aus „Brand" ? Agnes war meine 
Kindergespielin und ich liebte sie sehr. Sie hatte einen schiefen Mund, 
angeblich, weil sie einen Eiszapfen in den Mund genommen hatte! 



224 



Und der Eiszapfen ist symbolisch. Mit ihr spielte ich Seiltänzer und 
mein Familienroman vom Kinderraub und meine Schlagphantasien 
hängen mit ihr zusammen. Agnes und Ernst, so hieß ihr Bruder, der 
Unzertrennliche von mir, den ich später schnöde im Stich ließ. Und 
Ernst Schweninger: Ach, hebe Freundin, es ist so viel, so viel. 

Zurück zu Anna Speck. Speck, Spekters Fabeln. „Was ist das für 
ein Bettelmann ? Er hat ein kohlschwarz Röcklein an." Der Rabe. Und 
Rabe war der Name meines ersten Lehrers, den ich für das Urbild 
der Kraft hielt und der sich einst die Hose beim Springen zerplatzte, 
ein Ereignis, das später im Seelensucher wieder aufgetaucht ist. Und 
das Wort Rabe spielt seit Wochen eine Rolle in einer Kranken- 
behandlung, die ich zum guten Ende führen will. Denn es würde ein 
Triumph werden, wie ich ihn selten erlebte. 

Spekters Fabel vom Schwan. Sahen Sie einmal einen Schwan ein 
großes Stüdt Brot verschlingen? wie es den Hals hinunterkriedit ? 
Anna Speck hatte dicke, dicke Drüsen am Halse. Und ein dicker Hals 
bedeutet, daß etwas darin stecken gebheben ist, ein Kindeskeim. Glauben 
Sie mir, ein Kindeskeim. Ich muß es wissen, denn ich habe selber 
über ein Jahrzehnt einen Kropf gehabt und der ist so gut wie ver- 
schwunden, seit idi hinter das Rätsel vom steckengebliebenen Kind 
gekommen bin. Was hätte ich denken sollen, daß diese Anna so in 
mein Leben eingreifen würde? Wie wäre ich ohne den Glauben an 
das Studium des Es dazu gekommen, diese Wichtigkeit der Anna zu 
erkennen ? Aber Anna ist der Name der Heldin meines ersten Romans. 
Und ihr Mann heißt Wolf. Wolf und Anna, sie waren beide in jenem 
Kahn. Und da taucht auch wieder Alma auf, Sie wissen, jene Freundin 
Linas, die meine sadistisdien Spielchen störte. Wolf hatte ein Haus 
aus Matratzen gebaut, in dem wohnte er mit Anna. Wir Kleinen aber 
durften nicht mit hinein in dieses Matratzenhaus. Alma jedoch, die 
wissend war, sprang, als sie von Wolf weggewiesen wurde, mit Lina 
und mir in den Garten und rief: „Ich weiß, was die beiden dort 
machen." Ich verstand damals nicht, was Alma meinte, aber die Worte 



15 Groddock, Das Buch vom Es 



225 



sind mir im Gedächtnis geblieben und die Stelle, wo sie fielen, und 
ich fühle noch jetzt den Schauer, der mich damals durchrieselte. 

Anna, das ist ohne Anfang und Ende, das a und das o, Anna 
und Otto, von vorn dasselbe wie von hinten, das Sein, die Unend- 
lichkeit und Ewigkeit, der Ring und Kreis, die Null, die Mutter, Anna. 

Nun fällt mir ein, daß das Inswasserfallen der Anna eine große 
Rolle in meinem Leben gespielt haben muß. Denn Jahre lang hatte 
ich die Onaniephantasie, daß eine Anna vom hohen Ufer in meinen 
Kahn stieg, daß sie ausglitt, ihre Kleider sich hochstreiften und ich 
ihre Beine und Hosen sah. Wie seltsam sind die Wege des Un- 
bewußten. Denn vergessen Sie nicht, das Inswasserfallen ist ein 
Schwangerschaftssymbol und Geburtssymbol, und Anna hatte einen 
dicken Hals - wie ich.3 

Das ist also die 2. Und die 2 ist die Frau, die Mutter und das 
Mädchen, das nur zwei Beine hat, der Knabe hat aber deren drei. 
Drei Füße, Dreifuß, und die Pythia spricht nur, wenn sie auf dem Drei- 
fuß sitzt, ödipus aber errät das Rätsel der Sphinx von dem Tier, das 
ursprünglich vier-, dann zwei- und schließlich dreibeinig ist. Sophokles 
behauptet, ödipus habe das Rätsel gelöst. Aber ist das Wort „Mensch" 
eine Antwort auf eine Frage? 

2, du verhängnisvolle Zahl, die du die Ehe bedeutest, bist du auch 
die Mutter? Oder ist die 3 die Mutter? Sie erinnert mich an die 
Vögel, die meine Mutter uns zu zeichnen pflegte, diese Drei. Vögel 
und Vögeln, das stimmt. Aber wenn ich die Drei jetzt hegend sehe, ist 
sie für mich Symbol der Brüste, meine Amme und all die vielen 
Brüste, die ich geliebt habe und noch hebe. 3 ist die heilige Zahl, das 
Kind, Christus, der Sohn: die dreieinige Gottheit, deren Auge im 
Dreieck strahlt Bist du wirklich nur Eros' Kind, du Urbild der Wissen- 
schaft, Mathematik? Und auch der Gottesglaube stammt von dir, Eros ? 
Ist es wahr, daß die 2 das Paar ist, das Ehepaar und auch das Paar 
der Hoden und Eierstöcke, der Schamlippen und Augen. Ist das wahr, 
daß aus I und 2 die 3 wird, das allmächtige Kind im Mutterleibe? 






226 



*T5i^ 



Denn, was wäre wohl mächtig, wenn nicht das ungeborene Kind, dessen 
Wünsche alle erfüllt sind, noch ehe sie gedacht werden? Das in 
Wahrheit Gott und König ist und im Himmel wohnt ? Das Kind aber 
ist ein Knabe, denn nur der Knabe ist die 3, zwei Hoden und ein 
Schwänzchen. Nicht wahr, es geht ein wenig durcheinander? Wer 
könnte sich auch im Irrgarten des Es zurechtfinden I Man staunt, will 
kleinmütig werden und wirft sich doch mit wonnigem Erschauern in 
das Meer der Träume. 

I und 2, das ist die Zwölf. Mann und Weib, mit Recht eine heilige 
Zahl, aus der die 3 wird, wenn sie zusammenfließt zur Einheit, das 
Kind, der Gott. Zwölf Monde sind es und aus ihnen wird das Jalu* ; 
zwölf Jünger sind es und aus ilinen erhebt sich Christus, der 
Gesalbte, „des Menschen Sohn." Ist es nicht wunderbar, dies Wort 
„des Menschen Sohn ?" Und mein Es sagt laut und vernehmlich zu 
mir: „Deute, deute!" 

Adjö, Liebe. 

PATRIK. 



26. 
DAS ZAHLENSPIEL INTERESSIERT SIE ALSO, LIEBE FREUNDIN; 
das höre ich gerne. Sie hatten mich allzuoft sdilecht rezensiert, so daß 
ich die Anerkennung brauchte. Und ich bedanke mich sdiön, daß Sie 
meinen Namen in demselben Satz bringen, in dem Sie Pythagoras nennen. 
Ganz abgesehen von dem Genuß, den Sie meiner Eitelkeit damit 
gewähren, beweist es mir, daß Sie das erste Erfordernis zum Kritisieren 
haben, die Fähigkeit, unbedenklich einen Schulze, Müller, Lehmann 
oder Troll mit Goethe, Beethoven, Leonardo oder Pythagoras zu ver- 
gleichen. Es macht mir rhre Äußerungen doppelt wertvoll. 

Daß Sie nun gar Positives geben und mich auf die Dreizehn als 
Zahl der Abendmahlsteilnehmer aufmerksam machen, und die Angst, 
der dreizehnte Tischgast müsse sterben, mit Christi Kreuzestod zu- 
sammenbringen, läßt mich hoffen, Ihr Widerwille gegen mein Es- 



15* 



227 



Gerede werde nach und nach schwinden. Aber warum muß es durch- 
aus Christus sein? Auch Judas ist ein Dreizehnter und auch er 
mußte sterben. 

Ist Ihnen schon aufgefallen, wie eng diese beiden Ideen, Christus 
und Judas, miteinander verflochten sind ? Ich sprach Ihnen früher ein- 
mal von der Ambivalenz im Unbewußten, von der menschlichen 
Eigentümlichkeit, in der Liebe den Haß, in der Treue den Verrat zu 
haben. Diese tief innerliche unüberwindlidie Doppelheit des Menschen 
hat sich den Mythus des Judaskusses erzwungen, in dem alltägliches 
menschliches Handeln und Erleben symbolisiert ist. Ich möchte, daß 
Sie sich mit dieser Tatsache ganz vertraut machen, sie ist von großer 
Wichtigkeit. So lange Sie das nicht wissen, nicht ganz von solcher 
Erkenntnis durchdrungen sind, verstehen Sie nichts vom Es. Aber es 
ist nicht leicht, solche Erkenntnis zu erwerben. Denken Sie an die 
höchsten Momente Ihres Lebens und dann suchen Sie, bis Sie die 
Judasgesinnung und den Judasverrat gefunden haben. Sie werden 
ihn immer finden. Als Sie Düren Liebsten küßten, fuhr Dire Hand 
empor, um das Haar zu halten, das sich lösen konnte. Als Dir Vater 
starb, - Sie waren damals noch jung - freute es Sie, zum ersten Male 
ein schwarzes Kleid zu tragen, Sie zählten stolz die Kondolenzbriefe 
und legten mit geheimer Genugtuung die Beileidszeüen eines regie- 
renden Herzogs obenauf. Und als die Mutter krank war, schämten 
Sie sich, weil Ihnen plötzlich der Gedanke an die Perlenschnur durch 
den Kopf fuhr, die Sie nun erben würden ; am Begräbnistage fanden 
Sie, daß Sie der Hut acht Jahre älter mache, und dabei dachten Sie 
nicht an Ihren Mann, sondern an das Urteil der Masse, vor deren 
Augen Sie ein Schauspiel schöner Trauer aufführen wollten, recht wie 
eine Schauspielerin und Hetäre. Und wie oft haben Sie ebenso 
plump wie Judas die nächsten Freunde, Mann und Kinder um dreißig 
Silberlinge verraten. Denken Sie ein wenig diesen Dingen nach ! Sie 
werden finden, daß des Menschen Dasein von Anfang bis zu Ende 
mit dem erfüllt ist, was unser wägendes Urteil als verächtlichste und 



228 



^ — 



schwerste Sünde brandmarkt, mit Verrat. Aber Sie sehen auch sofort, 
daß dieser Verrat vom Bewußtsein fast nie als Schuld empfunden 
wird. Kratzen Sie jedodi das bißchen Bewußtsein, mit dem sich unser 
Es deckt, irgendwo ab, dann sehen Sie, wie das Unbewußte fort- 
während die Verratshandlungen der letzten Stunden sichtet, die einen 
aus sich herauswirft, die andern für den Gebrauch des morgigen 
Tages bereitlegt, die dritten in die Tiefe verdrängt, um aus ihnen 
das Gift zukünftiger Erkrankungen oder den Wundertrank kommen- 
der Taten zu brauen. Schauen Sie aufmerksam in dieses seltsame 
Dunkel hinein, liebste Freundin. Hier ist ein Spalt, durch den Sie 
undeutlich, und fast verzweifelnd, die nebeiförmig treibenden Massen 
einer lebendigen Kraft des Es sehen können, des Schuldbewußtseins. 
Das Schuldbewußtsein ist eines der Werkzeuge, mit denen das Es am 
Menschen sicher und ohne je zu stocken oder zu fehlen arbeitet. Das 
Es braucht dieses Schuldbewußtsein, aber es sorgt dafür, daß die 
Quellen des Schuldbewußtseins niemals vom Menschen ergründet 
werden; denn es weiß, daß im selben Augenblick, wo irgendwer das 
Geheimnis der Sdiuld aufdeckt, die Welt in ihren Fugen zittert. Des- 
halb häuft es Schrecken und Angst rings um die Tiefen des Lebens, 
ballt Gespenster aus den nichtigen Dingen des Tages, erfindet das 
Wort Verrat und den Menschen Judas und die zehn Gebote und ver- 
wirrt das Sehen des Idis mit tausend Dingen, die dem Bewußtsein 
schuldvoll erscheinen, nur damit nie der Mensch dem tröstenden 
Worte glaubt : fürdite didi nicht, denn ich bin bei dir. 

Und da haben Sie Christus. So unabänderlich wie in jeder edlen 
Tat des Menschen der Verrat mitwirkend einhergeht, so unabänder- 
lich ist in allem, was wir böse nennen, das Wesen des Christus - 
- oder wie Sie nun dies Wesen nennen wollen - das Liebende, 
Gütige. Um das zu erkennen, brauchen Sie nicht erst den weiten Um- 
weg zu machen, der über den mörderischen Dolchstoß hinweg auf 
den Urtrieb des Mensdien fahrt, der aus Liebe in das Innere des 
Nebenwesens zu dringen sucht, um Glück zu geben und zu empfan- 



229 



gen - denn der Mord ist letzten Endes nur Symbol verdrängter 
Liebes wut. - Sie brauchen den Diebstahl nicht erst zu analysieren, 
wobei Sie wiederum auf denselben alles gestaltenden Eros stoßen 
bürden, der nehmend gibt. Sie brauchen nidit über Jesu Worte an 
die Ehebrecherin nachzudenken : „Dir sind deine Sünden vergeben, 
denn du hast viel geliebt." In Ihren alltäglichen Handlungen finden 
Sie überall Aufopferung und Kindlichkeit genug, die Sie lehrt, was 
ich sagte: Christus ist überall, wo der Mensch ist. 

Aber ich schwatze und schwatze und wollte Ihnen doch bloß be- 
greiflich machen, daß es Gegensätze nicht gibt, daß alles im Es ver- 
eint ist. Und daß dieses Es ganz nach Belieben eine und dieselbe 
Handlung als Grund zum Gewissensbiß oder zum Hochgefühl edle 
Tat verwendet. Das Es ist listig und es macht ihm nidit viel Mühe, 
dem dummen Bewußtsein weiszumachen, Schwarz und Weiß seien 
Gegensätze und ein Stuhl sei wirklich ein Stuhl, während doch jedes 
Kind weiß, daß er auch eine Droschke ist und ein Haus und ein 
Berg und eine Mutter. Das Bewußtsein setzt sich hin, schwitzt und 
schwitzt vor Anstrengung, um Systeme zu erfinden und das Leben 
in Schubladen und Beutel zu tun, das Es aber schafft lustig und un- 
erschöpflich an Kraft, was es will, und ich denke mir, ab und zu 
lacht es über das Bewußtsein. 

Warum ich das alles erzähle? Vielleicht mache ich mich über Sie 
lustig, vielleicht wollte ich Ihnen bloß zeigen, daß man von jedem 
Punkt aus das ganze Leben durchschweifen kann, eine Binsenwahr- 
heit, die des Nachdenkens wert ist. Und damit gehe ich in einem 
kühnen Sprung wieder zu meiner Erzählung vom Federhalter zurück. 
Denn ich muß noch über das Bläschen am Munde etwas sagen. Viel- 
leicht das Wichtigste, jedenfalls etwas Seltsames, das Ihnen mehr über 
des Unterzeichneten Verdrängungen erzählen wird, als ich selber vor 
ein paar Jahren wußte. 

Das Bläschen am Munde - ich sagte es Ihnen schon früher ein- 
mal - bedeutet, daß ich gern küssen möchte, daß aber irgendein Bedenken 



230 



dagegen besteht, das mächtig genug ist, die obersten Schichten der 
Haut emporzuheben und die dadurch entstandene Höhlung mit 
Flüssigkeit zu füllen. Damit ist nicht viel anzufangen, denn, wie Sie 
wissen, küsse ich gern und wenn ich all die durchgehen wollte, die 
mir des Kusses wert scheinen und von denen ich nicht weiß, ob sie 
midi wieder küssen würden, würde mein Mund immer wund sein. 
Aber das Bläschen sitzt rechts und ich bilde mir ein, daß die rechte 
Seite die des Rechts, der Autorität, der Verwandtschaft ist. Autorität ? 
Unter meinen Blutsverwandten kommt da nur mein ältester Bruder 
in Betracht. Und der ist es wirklich, gegen den sich das Bläschen 
lichtete. An jenem Tage war ich in meinen Gedanken unablässig mit 
einem bestimmten Kranken beschäftigt. Das fiel mir, der ich im all- 
gemeinen dem Grundsatz huldige, nicht mehr an meine Patienten zu 
denken, sobald sich die Tür hinter ihnen geschlossen hat, der Selten- 
heit wegen auf, und bald wußte ich auch, was der Grund davon 
war: Jener Kranke hatte in seinen Gesichtszügen und noch mehr in 
seinem Wesen Ähnlichkeit mit meinem Bruder. Der Wunsch zu 
küssen ist damit erklärt. Er galt diesem Kranken, auf den ich die 
Leidenschaft für meinen Bruder übertragen hatte. Gelegenheit dazu 
gab die Tatsache, daß der Geburtstag meines Bruders in jener Zeit 
war, und daß ich dem Kranken kurz vorher im Zustand der Bewußt- 
losigkeit gesehen hatte. Als Kind bin ich mehrmals Zeuge von 
schweren Ohnmächten meines Bruders gewesen; die Form seines 
Kopfes steht mir aus jener Zeit noch deutlich vor Augen, ich habe 
Grund anzunehmen, daß meine Neigung hauptsächlich durch diesen 
Anblick entstand. Die Ähnlichkeit der beiden Männer ist mir bei der 
Unbeweglichkeit der Gesichter klar geworden. 

Zum Zustandekommen des Bläschens gehört aber außer dem 
Kußwunsch die Abneigung gegen den Kuß. Die ist erklärlich genug. 
In unserer Familie waren Zärtlichkeiten unter den Geschwistern 
streng verpönt. Es ist mir noch jetzt undenkbar, daß wir uns unter- 
einander hätten küssen können. Aber es handelt sidi bei der Ab- 



231 






neigung gegen den Kuß nicht bloß um die Familientradition, sondern 
um die Frage der Homosexualität. Und bei der muß idi einen 
Augenblick verweilen. 

Ich bin, wie Sie wissen, von meinem zwölften Lebensjahre an in 
einem Knabeninstitut erzogen worden. Wir lebten dort völlig von der 
übrigen Welt abgeschlossen, innerhalb von Klostermauern und all 
unsre Liebesfähigkeit und unser Liebesbedürfnis richtete sich auf unsre 
Kameraden. Wenn ich an die sechs Jahre zurückdenke, die ich dort 
zugebracht habe, taucht sofort das Bild meines Freundes auf. Ich sehe 
uns beide eng umschlungen durch den Kreuzgang des Klosters schreiten. 
Von Zeit zu Zeit bricht der feurig gefülirte Streit über Gott und die 
Welt ab und wir küssen uns. Es ist, glaube ich, nidit möglich, sich 
die Stärke einer verschwundenen Leidenschaft vorzustellen, aber nach 
den vielen Eifersuchtsszenen zu schließen, in die sich wenigstens von 
meiner Seite aus oft genug Selbstmordphantasieen einmischten, muß 
meine Neigung sehr groß gewesen sein. Ich weiß auch, daß damals 
die Liebe zum Knaben fast ausschließlich meine Onaniephantasien 
ausfüllte. Nadi meinem Abgang von der Schule hat meine Neigung 
zu diesem Freunde noch längere Zeit angehalten, bis sie ein Jahr 
später auf einen Universitätskameraden übertragen wurde und von 
dem jäh auf seine Schwester übersprang. Damit war meine Homo- 
sexualität, die Neigung zu meinen eigenen Geschlechtsgenossen, schein- 
bar erloschen. Ich habe von da an nur Frauen geliebt. 

Sehr treu und sehr treulos geliebt, denn ich besinne mich, daß 
ich stundenlang in Berlin umhergestrolcht bin wegen irgend eines 
weiblichen Wesens, das ich zufällig gesehen hatte, von dem ich nichts 
wußte und nie etwas erfuhr, das aber meine Phantasie Tage und 
Wochen lang beschäftigte. Die Reihe solcher Traumgeliebten ist un- 
endlich groß und sie hat sich bis vor wenigen Jahren fast täglich um 
dies oder jenes Wesen vermehrt. Das Charakteristische dabei war, 
daß meine wirklichen erotischen Erlebnisse nicht das geringste mit 
diesen Geliebten meiner Seele zu tun hatten. Ich habe für meine 



232 



Onanieschwelgereien, soviel idi weiß, nidit ein einziges Mal ein weib- 
liches Wesen gewählt, das ich wirklich liebte. Immer Fremde, Unbe- 
kannte. Sie wissen, was das bedeutet ? Nein ? Es bedeutet, daß meine 
tiefste Liebe einem Wesen gehörte, das ich nicht erkennen durfte, mit 
andern Worten, meiner Schwester und hinter ihr der Mutter. Aber 
vergessen Sie nicht, daß ich das erst seit kurzem weiß, daß ich früher 
nie gedacht habe, ich könne Schwester oder Mutter begehren. Man 
geht eben durch die Welt, ohne das geringste von sich selbst zu 
wissen. 

Zur Ergänzung dieses Liebeslebens mit Fremden, Unbekannten 
die ich nie kennenzulernen suchte, muß ich noch etwas sagen, ob- 
wohl es nur entfernt mit dem zusammenhängt, was ich eigentlich mit- 
teilen wollte, mit der Homosexualität. Es bezieht sich auf mein Ver- 
halten gegenüber den Frauen, an die mich wirklidie Liebe knüpfte. 
Nicht von einer, nein von jeder habe ich dasselbe verwunderliche 
Urteil gehört : „Wenn man mit dir zusammen ist, glaubt man dir so 
nahe zu sein wie nie einem andern Menschen; sobald du Abschied 
nimmst, ist eä, als ob du eine Mauer errichtetest, als ob ich dir völlig 
fremd wäre, fremder als irgend jemand sonst." Das habe ich selbst 
niemals gefühlt, wahrscheinlich, weil ich es gar nicht erlebt hatte, daß 
mir jemand nicht fremd war. Jetzt verstehe ich es aber : um lieben 
zu können, mußte ich die realen Menschen in der Entfernung halten, 
den Imagines von Mutter und Schwester künstlich annähern. Zu Zeiten 
muß das recht schwer gewesen sein, aber es war das einzige Mittel, 
die Leidenschaft lebendig zu erhalten. Glauben Sie mir, Imagines 
haben Macht. 

Und nun leitet mich das doch wieder zu meinen homosexuellen 
Erfahrungen. Denn mit den Männern ist es mir ähnlich gegangen. 
Drei Jahrzehnte lang habe ich sie mir ferngehalten ; auf welche Weise 
kann ich nicht sagen, aber daß es mir in hohem Grade gelungen ist, 
beweist mein Krankenverzeichnis, das erst in den letzten drei Jahren 
wieder mehr männliche Namen enthält Sie tauchen wieder auf, seit 



233 




idi nicht mehr auf der Fiudit vor der Homosexualität bin. Denn der 
Wunsch, dem Manne zu entfliehen, ist letzten Endes daran Schuld 
gewesen, daß ich von männlichen Kranken selten aufgesucht wurde. 
Lange Jahre hindurch habe ich nur Augen für das Weib gehabt, habe 
ich jedes Weib, das mir begegnete, prüfend angesehen und mehr oder 
weniger geliebt, während all dieser Jahre habe ich auf der Straße, in 
Gesellschaft, auf Reisen, ja selbst in Versammlungen von Männern 
nicht einen einzigen Mann wirklich bemerkt. Ich habe an allen vorbei- 
geschcn, selbst wenn ich ihnen stundenlang in die Augen sah. Sie 
gingen nicht in mein Bewußtsein, in meine Wahrnehmung über. 

Das hat sich geändert Ich blicke jetzt ebenso nach dem Mann 
wie nach der Frau, sie sind beide für mich Menschen geworden, ich 
verkehre mit beiden gleich gern und es ist kein Unterschied mehr. 
Vor allem bin ich dem Manne gegenüber nicht mehr verlegen. Ich 
brauche die Menschen mir nicht mehr zu entfremden ; der tief ver- 
drängte Inzestwunsch, der so unheimlich und ungeheuer gewirkt hat, 
ist bewußt geworden und stört nicht mehr. So wenigstens erkläre ich 
mir die Vorgänge. 

In gewisser Weise ist es mir auch mit Kindern so gegangen und 
mit Tieren und mit der Mathematik und mit der Philosophie. Aber 
das gehört in einen andern Zusammenhang, wenn es auch verknüpft 
mit der Verdrängung von Mutter, Schwester, Vater und Bruder ist 
So richtig mir nun diese Erklärung meines Wesens aus der Flucht 
vor Trolls erscheint die ja für mich eine besondre Gattung Menschen 
sind, - denn es gibt gute Menschen und es gibt böse Menschen und 
es gibt Trolls - so einleuchtend es mir ist daß ich gleichsam das 
Opernglas, mit dem ich meine Mitmenschen ansah, verkehrt benutzen 
mußte, um durch künstliches Fernsehen, durch Entfremdung sie meinen 
Imagines anzuähneln, so wenig genügt es, alles zu erklären. Es läßt 
sich eben nicht alles erklären. Eines aber kann ich noch sagen: ich 
brauche dieses gekünstelte Lieben und Entfremden, weil ich auf mich 
selbst eingestellt bin, mich selbst in gar nicht meßbarem Grade liebe, 



234 



weil ich das habe, was die Gelehrten Narzißmus nennen. Der Narziß- 
mus spielt eine große Rolle im Leben der Menschen. Besäße ich ihn 
nicht in so hohem Grade, so würde ich niemals geworden sein, was 
ich bin, würde auch nie verstanden haben, warum Christus sagt: 
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Wie dich selbst, nicht etwa 
mehr als dich selbst. 

Bei uns Trollkindern war eine Redensart Mode, die lautete : Erst 
komme ich, dann komme ich noch einmal, dann kommt lange, lange 
nichts und dann kommen die andern. 

Und denken Sie, wie spaßhaft! Ich besaß als kleiner Junge, als 
achtjähriger etwa, ein Stammbuch, in das die heben freunde Verse 
und Namen eintrugen. Auf der Schlußseite des Umschlags steht, in 
Umwandlung eines alten Spruchs, von meiner Handschrift geschrieben : 

Wer dich lieber hat als ich, 

der schreibe sich nur hinter mich! 

Dein Ich. 
So habe ich es damals gehalten und ich fürchte, viel anders bin 
ich nicht geworden. 

Immer der Rire 

PATRIK TROLL. 



27. 
DANK FÜR IHREN BRIEF, LIEBE FREUNDIN. ICH WERDE VER- 
suchen, wenigstens diesmal Iiirer Bitte um Sachlichkeit zu willfahren. 
Das Phänomen der Homosexualität ist wichtig genug, um es methodisch 
zu prüfen. 

Ja, ich bin der Ansicht, daß alle Menschen homosexuell sind, bin 
so sehr dieser Ansicht, daß es mir schwer fällt zu begreifen, wie 
jemand andrer Ansicht sein kann. Der Mensch liebt sich selbst zu- 
nächst, hebt sich mit allen Leidensdiaftsmöglidikeiten, sucht sich seinem 
Wesen nach jede denkbare Lust zu veischaffen, und da er selber 
entweder Mann oder Weib ist, so ist er von vornherein der Leiden- 



235 






sdiaft zu seinem eigenen Gesdiledit Untertan. Das kann nicht anders 
sein und jede unbefangene Prüfung irgend eines beliebigen Menschen 
gibt den Beweis dafür. Die Frage ist also nicht : ist die Homosexualität 
Ausnahme, ist sie pervers ? Davon ist nicht die Rede ; sondern sie 
lautet : warum ist es so schwer, dieses Phänomen der gleichgeschlecht- 
lichen Leidensdiaft unbefangen zu sehen, zu beurteilen und zu be- 
sprechen, und dann, wie kommt es, daß der Mensch, trotz seiner homo- 
sexuellen Anlage, es zustande bringt, auch für das entgegengesetzte 
Geschledit Neigung zu empfinden? 

Für die erste Frage findet sidi leicht eine Antwort. Die Päderastie 
ist mit Zuchthaus bedroht, als Verbrechen gebrandmarkt, wird seit 
Jahrhunderten als schändlidies Laster empfunden. Daß die große 
Mehrzahl der Mensdien sie nicht sieht, erklärt sich aus diesem Ver- 
bot. Es ist nichts wunderbarer als die Tatsache, daß so viel Kinder 
die Schwangerschaften ihrer Mutter nicht sehen, daß fast alle Mütter 
nicht imstande sind, die Geschiechtsäußerungen der kleinen Kinder zu 
sehen, daß niemand den Inzesttrieb des Knaben zu seiner Mutter 
deutlich gesehen hat, bis Freud ihn gesehen und beschrieben hat. 
Wer aber doch die Verbreitung der Homosexualität kennt, ist des- 
halb noch längst nicht befähigt, ihr Wesen unbefangen zu beurteilen, 
und wer auch dazu die Kraft hat, schweigt lieber, als daß er sich auf 
den Kampf mit der Dummheit einläßt. 

Man sollte denken, daß eine Zeit, die sich auf ihre Bildung et- 
was zugute tut, die, weil sie selbst nicht denkt, Geographie und Ge- 
schichte auswendig lernt, daß eine solche Zeit wissen müßte : Jenseits 
des ägäischen Meeres, in Asien, beginnt das Reich der freien Päde- 
rastie und eine so hoch entwickelte Kultur wie die der Griechen ist 
ohne Anerkennung der Homosexualität gar nidit denkbar. Ihr müßte 
zum mindesten das seltsame Wort des Evangeliums von dem Jünger 
Christi aufgefallen sein, den Jesus lieb hatte und der an des Herrn 
Brust lag. Nichts von all dem. Gegen all diese Zeugnisse sind wir 
blind. Wir dürfen nicht sehen, was sichtbar ist 

230 



Zunächst ist es von der Kirche verboten. Sie hat dies Verbot 
offenbar dem alten Testament entnommen, dessen Geist jede Ge- 
schleditsregung unter den Gesichtspunkt der Kindererzeugung zu 
bringen suchte und, als Ausfluß priesterlicher Machtgier, mit Vorbe- 
dadit die Urtriebe der Menschheit zu Sünden machte, um das be- 
drängte Gewissen zu unterjochen. Das war der christlichen Kirche 
besonders bequem, da sie mit der Verfluchung der Männerliebe die 
Wurzel der hellenischen Kultur treffen konnte. Sie wissen, daß sich 
die Stimmen mehren, die gegen die Bestrafung der Päderastie pro- 
testieren, weil man fühlt, daß liier aus vererbtem Redit längst Un- 
recht geworden ist. 

Trotz dieser wachsenden Einsicht ist eine baldige Änderung un- 
sere Urteils über die Homosexualität nicht zu erwarten. Das hat 
einen einfachen Grund. Wir alle verbringen mindestens fünfzehn bis 
sechzehn Jahre, meistens unser ganzes Leben in der bewußten oder 
wenigstens halbbewußten Erkenntnis, homosexuell zu sein und so und 
so oft homosexuell gehandelt zu haben und noch zu handeln. Es geht 
allen, wie es mir gegangen ist, daß sie zu irgend einer Zeit ihres 
Lebens eine übermenschliche Anstrengung machen, diese nach Wort 
und Schrift verächtliche Homosexualität zu ersticken. Nidit einmal 
die Verdrängung gelingt ihnen, und um das andauernde, tägliche 
Sichselbstbelügen durchzuführen, unterstützen sie die öffentliche 
Lästerung der Homosexualität und erleichtern sich so den inneren 
Kampf. Man macht eben bei der Betrachtung des Erlebens immer 
wieder dieselbe Entdeckung: Weil wir uns selbst als Diebe, Mörder, 
Ehebrecher, Päderasten, Lügner empfinden, eifern wir gegen Raub, 
Mord und Lüge, damit nur niemand, am wenigsten wir selber zur 
Erkenntnis unsrer Lasterhaftigkeit kommen. Glauben Sie mir: was 
der Mensdx haßt, verachtet, tadelt, das ist sein ureigenes Wesen. Und 
wenn Sie wirklich Ernst mit dem Leben und der Liebe machen wol- 
len, mit der Vornehmheit der Gesinnung, so halten Sie sich an den 
Spruch : 



237 






„Schilt nicht auf midi ! 

Sdiilt nur auf didi ! 

Und fehle Idi, 

So bessre didi l" 
Ich kenne nodi einen Grund, warum wir vor der Ehrlidikeit in 
homosexuellen Fragen zurüdcweidien, das ist unsre Stellung zur 
Onanie. Die Wurzel der Homosexualität ist der Narzißmus, die 
Selbstliebe und Selbstbefriedigung. Der Mensch, der dem Phänomen 
der Selbstbefriedigung unbefangen gegenübersteht, soll nodi geboren 
werden. 

Es wird Ihnen aufgefallen sein, daß ich bisher nur von der 
gleichgesdileditlidien Liebe zwischen Männern gesprochen habe. Das 
ist begreiflich, weil ich aus einer Zeit stamme, in der man so tat, - 
oder glaubte man es wirklich ? - daß es eine weibliche Sinnlichkeit 
außer bei einigen verworfenen Dirnen nicht gäbe. In dieser Hinsicht 
kann man das vergangene Jahrhundert beinahe spaßhaft nennen ; 
nur sind leider die Folgen dieses Spasses böse. Es kommt mir so vor, 
als ob man sich neuerlich wieder auf die Existenz von Brüsten, 
Scheide und Kitzler besinne und als ob man sogar den Gedanken 
gestatte, daß es einen weiblichen After mit Kack-, Furz- und Wol- 
lustgelegenheiten gäbe. Aber vorläufig ist das doch nur die Geheim- 
wissenschaft der Frauen und einiger Männer. Die große Masse des 
Publikums scheint das Wort homosexuell von Homo = Mann abzu- 
leiten. Daß die Liebe von Weib zu Weib alltäglich ist und sich offen 
vor jedermanns Augen abspielt, bemerkt man kaum. Trotzdem bleibt 
es eine Tatsache, daß eine Frau ohne jede Scheu jedes andre weib- 
liche Wesen, wes Alter es auch sein mag, küssen und herzen darf. 
So etwas ist eben nicht „homosexuell", ebensowenig wie die weibliche 
Onanie „Onanie ist So etwas gibt es ja gar nicht. 

Darf ich Sie an ein kleines Abenteuer erinnern, das wir gemein- 
sam erlebten: Es muß etwa I 9 I2 gewesen sein; der Kampf um die 
moralische Verurteilung der Homosexualität ging damals besonders 



238 



hoch, weil das deutsche Strafgesetzbuch neu bearbeitet wurde; man 
hatte vorgeschlagen, auch das weibliche Geschledit unter den Para- 
graphen 175 zu stellen. Ich war bei Ihnen und weil wir uns ein wenig 
gezankt hatten, uns aber doch bald wieder versöhnen wollten, hatte 
ich eine Zeitschrift zur Hand genommen und blätterte darin. Es war 
der Kunstwart und darin war ein Aufsatz, in dem eine der höchst- 
geachteten Frauen Deutschlands sich über weibliche Homosexualität 
äußerte. Sie nahm scharf gegen den Vorschlag, die Liebe von Weib 
zu Weib zu bestrafen, Stellung, meinte, damit werde der Aufbau der 
Gesellschaft in seinen Grundfesten ersdiüttert, jedenfalls müsse man, 
wenn man das Strafgesetz auf die Frauen ausdehnen wollte, die Zahl 
der Gefängnisse vertausendfachen. Ich schob Ihnen in der Hoffnung, 
ein harmloses Gesprächsthema gefunden zu haben, bei dem wir un- 
sern gegenseitigen Groll verplaudern könnten, das Blatt hin, aber 
mit einem kurzen „Ich habe es schon gelesen," wiesen Sie meine An- 
näherung zurück. Die Versöhnung kam dann auf andre Weise zu- 
stande, aber am selben Abend erzählten Sie mir ein kleines Ge- 
sdiichtchen aus Ihrer Mädchenzeit, wie Ihre Kusine Lola Ihre Brust 
geküßt hatte. Ich habe daraus geschlossen, daß Sie die Meinung jener 
Kämpferin für Straflosigkeit der sapphischen Liebe teilten. 

Für mich wurde damals die Frage der Homosexualität gelöst: 
dieser Angriff auf Ihre Brust machte mir auf einmal klar, daß die 
Natur selbst die Erotik zwischen Weib und Weib erzwingt. Denn 
schließlich werden kleine Mädchen nicht von ihren Vätern, sondern 
von den Müttern gestillt, und daß das Saugen an der Brustwarze ein 
Wollustakt ist, weiß jede Frau - und auch der Mann. Daß es kind- 
liche und nicht erwachsene Lippen sind, die diese Wollust hervor- 
rufen, macht höchstens insofern einen Unterschied, als das Kind sanf- 
ter und süßer die Brust umsdimeichelt, als es der Erwachsene jemals 
vermag. Die Schreiberin jenes Artikels scheint mir in noch in ganz 
anderem Sinne Recht zu haben, wenn sie behauptet, die Grundfesten 
des mensdilichen Lebens werden durch die Bestrafung der Homo- 



239 



Sexualität erschüttert, denn auf den geschlechtlichen Beziehungen von 
Mutter und Tochter, von Vater zu Sohn beruht die Welt. 

Nun kann man ja frischweg behaupten, - und tatsädilidi wird es 
behauptet - die Menschen seien bis zur Zeit der Pubertät, als Kinder 
also, samt und sonders bisexuell, um dann in ihrer großen Mehrzahl 
zugunsten des andern Geschlechts auf die Liebe zum eignen zu ver- 
ziditen. Aber das ist nicht richtig. Der Mensch ist bisexuell sein Le- 
ben lang und bleibt es sein Leben lang und höchstens erreicht dieses 
oder jenes Zeitalter als Konzession für seine modische Sittlichkeit lue 
und da, daß bei einem Teil - einem recht kleinen Teil - die Homo- 
sexualität verdrängt wird, womit sie aber nicht vernichtet, sondern 
nur eingeengt ist. Und ebensowenig wie es rein heterosexuelle Men- 
schen gibt, ebensowenig gibt es rein homosexuelle. Um das Schicksal, 
neun Monate lang im Bauch einer Frau zu stecken, kommt selbst der 
leidenschaftlichste Urning nicht herum. 

Die Ausdrücke „homosexuell" und „heterosexuell" sind eben Worte, 
Kapitelüberschriften, unter die jeder schreiben kann, was er will. Irgend- 
ein fester Sinn hegt nicht darin. Es ist Stoff zum Schwatzen. 

Viel merkwürdiger als die Liebe zum eignen Geschlecht, die ja 
als unbedingte Notwendigkeit aus der Selbstliebe folgt, ist es für mich, 
wie die Liebe zum fremden Geschlecht zustande kommt. 

Bei dem Knaben scheint mir die Sache einfach zu hegen. Der 
Aufenthalt im Mutterleibe, die langjährige Abhängigkeit von der weib- 
lichen Pflege, alle die Zärtlichkeiten, Freuden, Genüsse und Wunsch- 
erfüllungen, die ihm nur die Mutter gibt und geben kann, sind ein so 
starkes Gegengewicht gegen den Narzißmus, daß man nicht weiter zu 
suchen braucht. Aber wie kommt das Mädchen zum Anschluß an das 
männliche Geschlecht? Ich fürchte, die Antwort, die ich darauf gebe, 
wird Ihnen ebenso wenig genügen, wie sie mir genügt. Oder, um es 
noch deutlicher zu sagen, ich weiß keinen ausreichenden Grund zu 
nennen. Und da ich eine nicht unbegründete Abneigung habe, mit dem 
Worte Vererbung zu spielen, da ich von der Vererbung nicht mehr 

240 



weiß, als daß sie existiert, und zwar in ganz andrer Weise existiert, 
als man gewöhnlich annimmt, sehe ich mich genötigt zu schweigen. 
Nur einige Fingerzeige möchte ich geben. Zunächst läßt sich feststellen, 
daß die Vorliebe des Töchterchens für den Vater sehr früh entsteht. 
Die Bewunderung für die überlegene Kraft und Größe des Mannes 
müßte, wenn sie eine der' Urquellen der weiblichen Heterosexualität 
ist, als ein Zeichen originaler Urteilskraft des Kindes aufgefaßt werden. 
Aber wer soll feststellen, ob diese Bewunderung ursprünglich ist oder 
erst im Laufe der Zeit eintritt ? Genau dieselbe Unklarheit stört midi 
einem zweiten Faktor gegenüber, der später die Beziehung des Weibes 
zum Manne stark beeinflußt, dem Kastraüonskomplex. Irgendwann 
entdeckt das kleine Mädchen den Mangel, den sie von Natur hat, und 
irgendwann - gewiß sehr früh - gibt sich der Wunsch kund, sich das 
männliche Glied wenigstens durch Liebe zu leihen, wenn es durchaus 
nicht wachsen will. Gälte es, die weibliche Heterosexualität aus dem 
Verlauf der ersten Lebensjahre abzuleiten, so wäre es leicht, aus- 
reichende Gründe dafür zu finden. Aber die Zeichen der Bevorzugung 
des Mannes, der sexuellen Bevorzugung, treten in so jungen Tagen 
auf, daß sich mit derlei Gedankenspielen nicht viel erreichen läßt. 
Ich merke, daß ich anfange zu faseln, will Ihnen also lieber statt 
aller Gelehrtheit noch etwas von mir selber und von der Zahl 83 er- 
zählen. Im Jahre 83 fiel das ominöse Wort über die Onanie, von dem 
ich beriditete, bald darauf erkrankte ich an Scharlach und als ich 
genesen war, befiel midi die große Leidenschaft für den Knaben, 
mit dem ich im Kreuzgang herumging und den ich küßte. Ich habe 
Ursache, das Jahr 83 in meinem Unbewußten aufzubewahren. 

Eine andre Kleinigkeit muß idi noch nachholen. Ich sagte Ihnen 
von den Ohnmächten meines ältesten Bruders, die ich als besonders 
wichtig für die Ausbildung meiner Homosexualität betrachte. Eine 
dieser Ohnmächten, die mir am deutlichsten im Gedächtnis geblieben 
ist, fand auf dem Klosett statt Die Tür mußte aufgebrodien werden 
und sowohl die Gestalt meines Vaters mit der Axt in der Hand wie 

16 Gro dd eck, Das Buch vom Es 241 



die meines bewußtlos dasitzenden, nach hinten gesunkenen' Bruders 
mit .dem entblößten Unterleibe sind mir noch ganz gut erinnerlich. 
Wenn Sie bedenken, daß das Aufbredien der Tür die Symbolik des 
geschlechtlichen Eindringens in einen Menschenleib enthält, daß sich 
hier also für mein symbolisches Empfinden der Akt zwischen Mann 
und Mann vollzog, daß weiterhin die Axt den Kastrationskomplex 
aufwühlte, haben Sie Anknüpfungspunkte für allerlei Überlegungen. 
Zum Schluß gebe ich Ihnen noch zu erwägen, daß auch die Gleich- 
setzung von Entbindung und Kotentleerung in Kraft trat und daß das 
Klosett der Platz ist, an dem das Kind seine Beobachtungen über die 
Geschlechtsteile der Eltern und Gesdiwister, speziell des Vaters oder 
älteren Bruders anstellt. Das Kind ist gewöhnt, von Erwachsenen 
dorthin begleitet zu werden, erlebt oft genug, daß der Begleiter sein 
Geschäft gleichzeitig besorgt, und gewöhnt sein Unbewußtes daran, 
Klosett und Sehen nach den Geschlechtsteilen zu identifizieren, ähnlich 
wie er später Klosett und Onanie zusammen in eine Schublade der 
Verdrängung tut. Sie werden ja auch wissen, daß der Homosexuelle 
besonders gern öffentliche Bedürfnisanstalten aufsucht. Alle sexuellen 
Komplexe stehen eben in engem Verwandtschaftsverhältnis zur Kot- 
und Urinentleerung. 

Es fällt mir auf, daß ich meine Betrachtungen über die Entstehung 
der Heterosexualität mit Erinnerungen an meine Brüder und an After- 
komplexe unterbrochen habe. Der Grund dafür hegt im heutigen 
Datum. Es ist der 18. August. Seit etwa vier Wochen erzählt mir jener 
Kranke, der mich an meinen Bruder erinnert, daß vom 18. August an 
seine Behandlung keine weiteren Fortschritte machen werde. Tatsäch- 
lich ist heute auch eine Verschlimmerung seines Leidens eingetreten. 
Leider weiß er mir die Ideen seines Unbewußten, die den 18. August 
für ihn kritisch machen, nicht anzugeben, ich meinerseits aber fühle 
mich unbehaglich, weil ich den Grund seines Widerstandes nicht 
kenne und allerlei Schwierigkeiten für die nächste Zeit voraus- 
setze. 



242 



Die Frage, wie die Neigung des kleinen Mädchens zum Manne 
entsteht, ist für mich vorläufig unlösbar und ich überlasse sie Ihnen 
zur Beantwortung. Meinerseits mödite ich die Vermutung aussprechen, 
daß die Frau in ihrer Erotik viel freier der Tatsadie der zwei Ge- 
schlechter gegenübersteht; es kommt mir vor, als ob sie ein ziemlich 
gleiches Quantum Liebesfähigkeit für ihr eignes und für das entgegen- 
gesetzte Geschlecht habe, das sie je nach Bedürfnis ohne große Schwierig- 
keiten gebrauchen kann. Mit andern Worten, mir scheint, daß bei ihr 
weder die Homosexualität noch die Heterosexualität tief verdrängt 
wird, daß dieses Verdrängte ziemlich oberflächlich hegen bleibt. 

Es ist immer mißlich, Qualitätsgegensätze zwischen Mann und Frau 
anzunehmen ; man darf dabei nicht vergessen, daß es im wirklichen 
Sinne weder Mann noch Frau gibt, jeder Mensch vielmehr eine Mischung 
von Mann und Weib ist. Unter dieser Einsdiränkung bin ich geneigt 
zu behaupten, daß die Frage der Homosexualität oder Heterosexualität 
im Leben des Weibes wenig zu bedeuten hat. 

Ich füge noch eine weitere Vermutung hinzu : daß die Bindung an 
das eigne Geschlecht beim Weibe stärker ist als beim Manne, was mir 
tatsächlich bewiesen ist, erklärt sich daraus, daß die Selbstliebe und die 
Liebe zur Mutter zum gleichen Geschlecht treiben. Dem gegenüber 
steht, so viel ich sehe, nur ein wichtiger Faktor, der zum Mann hinführt, 
der Kastrationskomplex, die Enttäuschung, Mädchen zu sein und der 
darausfolgende Haß gegen die Gebärerin und der Wunsch, Mann zu 
werden oder wenigstens einen Knaben zu gebären. 

Beim Manne ist die Sache anders. Bei ihm handelt es sich, glaube 
ich, gar nicht allein um die Frage der Homosexualität oder Hetero- 
sexualität, sondern mit dieser Frage ist unlösbar verschmolzen die 
Frage des Mutterinzestes. Der Trieb, der verdrängt wird, ist die Leiden- 
sdiaft für die Mutter, und diese Verdrängung reißt unter Umständen 
die Neigung für die Trauen mit sidi in die Tiefe. Vielleicht mögen Sie 
davon später mehr hören ? Es sind leider nur Vermutungen. 

PATRIK. 






IG* 



243 



28/ 

DAS IST KEIN ÜBLER GEDANKE, DIE BRIEFE ZU VERöFFENT- 
lidien. Dank, liebe Freundin, für die Anregung ! Freilich, halb haben 
Sie mir die Lust dazu wieder genommen. Denn wenn Sie es wirklich 
ernst meinen, daß ich sie überarbeiten soll, lasse ich mich nicht darauf 
ein ; ich habe Arbeit genug in meinem Beruf. Die Schreiberei an den 
Briefen betreibe ich zu meinem Vergnügen, und Arbeit ist kein Ver- 
gnügen für mich. 

Aber ich hoffe, es ist nicht Ihr Ernst Ich kann mir lebhaft vor- 
stellen, wie wichtig Sie es nahmen, als Sie mir von den Fehlern und 
Übertreibungen, Widersprüchen und unnötigen Witzen schrieben, die 
nett im freundschaftlichen Verkehr, aber in der Öffentlichkeit unmög- 
lich sind ; das ist solch Rückfall in die Zeit, wo Sie Ihr Lehrerinnen- 
examen gemacht hatten. Ich habe es immer sehr gern gemocht, wenn 
Sie auf einmal würdig wurden ; mir war dann, als ob Sie demnächst 
warnend den Zeigefinger erheben würden, ich legte in fröhlicher Spott- 
phantasie Ihre rechte Hand auf den Rücken, tat in Gedanken einen 
Rohrstock hinein und setzte Ihnen eine Brille auf die Nase. Und dann 
kam mir diese ins Weibliche, Liebreizende übertragene Lehrer-Lämpel- 
Figur so unwiderstehlich vor, daß ich Sie absichtlich eine ganze Weile 
weiter dozieren ließ, nur um mich am Kontrast Ihres Wesens und Ihres 
Scheines zu ergötzen. Heute aber will ich auf Ihre ernsthafte Mahnung 
ernsthaft eingehen. 

Warum soll ich meinen Mitmenschen die Freude verderben, Fehler 
in diesen Briefen zu finden? Ich weiß, wie unerträglich untadelige 
Menschen wirken, - bei uns Trolls wurden sie Preßengel genannt - 
ich weiß, wie viel Vergnügen es mir macht, irgendwo eine Dummheit 
zu entdecken, und ich bin nicht lieblos genug, das andern Leuten zu 
mißgönnen. Außerdem bilde ich mir ein, so viel Brauchbares zu geben, 
daß es auf das Unbrauchbare nicht ankommt. Ich will oder ich muß 
mir das einbilden, sonst geht die Selbstanbetung verloren und ohne 
die mag ich nicht leben. Es ist derselbe Vorgang, wie ich ihn bei der 



244 



Besprechung von Ausschlägen im Gesidit, von Gestank aus dem Munde 
zu deuten versuchte. Man weiß nicht genau, ob eine Neigung erwidert 
wird, möchte es gerne wissen und schafft sich deshalb irgend etwas 
Abstoßendes an. „Gefalle ich meiner Angebeteten auch mit einer ver- 
schnupften Nase oder mit Schweißfüßen, dann ist ihre Liebe echt," so 
denkt das Es. So denkt die Braut, wenn sie Launen hat, so denkt 
der Bräutigam, wenn er Wein trinkt, ehe er zur Gehebten geht, so 
denkt das Kind, wenn es ungezogen ist, und so denkt mein Es, wenn 
es Felüer in meine Arbeiten hineinsetzt. Ich werde die Fehler stehen 
lassen, wie sie in meinen früheren Veröffentlichungen trotz freund- 
schafdicher und feindschaftlicher Mahnungen stehen geblieben sind. 
Vor einigen Jahren schickte ich einmal ein Manuskript an einen 
guten Freund, auf dessen Urteil ich viel gab. Er schrieb mir einen 
reizenden Brief mit vielen Lobeserhebungen, meinte aber, das Ding 
sei viel zu lang und viel zu derb. Es schaue aus wie ein Embryo mit 
unheimlich stark entwickelten Geschlechtswerkzeugen. Ich solle kürzen, 
kürzen, kürzen, dann werde es ein schönes Kind sein. Und um zu 
erfahren, was idi wegstreichen müsse, solle ich es machen wie jener 
Mann, der gern freien wollte. Wenn der merkte, daß er nahe daran 
war, sich zu verheben, richtete er es so ein, daß er sofort nach der 
präsumptiven Herrin seines Herzens auf das Klosett ging. „Riecht es 
mir lieblich, wie frisdi gebackener Kuchen, so liebe ich sie. Stinkt es, 
so lasse idi sie laufen." Ich habe nach dem Rezept meines Freundes 
gehandelt, aber alles, was ich geschrieben hatte, rodi mir nach Kuchen, 
und ich habe nichts gestridien. 

Ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Wir lassen die Dumm- 
heiten ruhig stehen, Sie schreiben mir aber Jedesmal, wenn Sic einen 
Fehler finden. Ich werde dann ein paar Briefe später den Fehler 
korrigieren. Dann hat der gewissenhafte Leser mit der Lehrer-Lämpel- 
Attitüde seinen Spaß und ein paar Seiten später beim Lesen 
der Verbesserung ärgert er sich und wir haben unsern Spaß. Ab- 
gemacht ? 



245 



Nun also zu den Fehlern, die idi durchaus wegschaffen soll. Zu- 
nächst ist es die Geschichte von Evas Erschaffung. Sie hat von vorn- 
herein Anstoß bei Ihnen erregt Und jetzt fahren Sie gar das schwere 
Geschütz der Wissenschaft auf und beweisen mir, daß diese Sage nicht 
aus der Volksseele stammt, sondern der absichtlichen Bearbeitung des 
Alten Testaments durch Priester ihr Dasein verdankt. Vermutlidi haben 
Sie damit recht ; wenigstens habe ich es so auch einmal gelesen. Aber 
es hat mich kalt gelassen wie vieles andre. Für mich ist die Bibel 
ein unterhaltendes, nachdenkliches Buch mit schönen Geschichten, die 
doppelt merkwürdig sind, weil man jahrtausendelang an sie geglaubt 
hat und weil sie für die Entwicklung Europas unermeßlich viel und 
für jeden einzelnen von uns ein Stück Kindheit bedeuten. AVer diese 
Geschichten erfunden hat, interessiert meine historische Wißbegierde, 
den Menschen in mir berührt es nicht. 

Ich gebe zu, die Priester haben die Geschichten erfunden. Darin 

haben Sie recht. Nun ziehen Sie aber daraus den Schluß, diese 

Schöpfungssage könne nidit, wie es von mir versucht worden ist, als 

Beweis für die Kindertheorie benutzt werden, daß das Weib durdi 

Kastration aus dem Manne entsteht. Darin haben Sie unrecht. Ich 

wage nicht zu behaupten, daß das Kind von Anfang an die Idee der 

Kastrationsschöpfung hat, halte es vielmehr für wahrscheinlich, daß es 

ursprünglich zum mindesten den Geburtsmechanismus so genau kennt, 

wie er durch Selbsterleben kennen gelernt werden kann. Auf diese 

ursprüngliche Kenntnis wird dann, genau wie es im Alten Testament 

geschehen ist, die Kastrationsidee von den Kindheitspriestern, Eltern 

und sonstigen Welsen aufgepfropft, und wie die jüdisch-christliche 

Menschheit jahrtausendelang das Kunstmärchen der Priester geglaubt 

hat, so glaubt das Kind das Kunstmärchen seiner eignen Beobachtung 

und der erziehenden Lüge. Und wie der Glaube an die Erschaffung 

Evas aus Adams Rippe an der tausendjährigen Mißachtung des Weibes 

mit all seinen bösen und guten Folgen mitgewirkt hat und mitwirkt, 

so gestaltet der Kastrationsglaube an unsrer eigenen Seele stetig weiter 

246 



bis an unser Ende. Mit andern Worten : es ist ziemlich gleichgültig, 
ob eine Idee selbständig wächst oder von außen aufgezwungen wird. 
Es kommt darauf an, ob sie bis in die unbewußten Tiefen sich ausbreitet. 

Bei dieser Gelegenheit will idi auch über die Erschaffung Adams 
ein Trollwort sagen. Er wird, wie Sie wissen, dadurch beseelt, daß 
Jehova ihm lebendigen Odem in die Nase bläst Dieser eigentümliche 
Weg durch die Nase ist mir immer aufgefallen. Danadi, so sagte ich 
mir, muß es etwas Riechendes sein, was Adam Leben gibt Was das 
für ein Riechendes war, wurde mir klar, als ich Freuds Erzählung 
vom kleinen Hans las. Mir wurde es klar, aber Sie brauchen meine 
Erklärung nicht anzunehmen. Der kleine Hans ist — in seiner kind- 
lichen Weise - der Ansicht, daß der „Lumpf", die Stuhlgangswurst, 
ungefähr dasselbe ist wie ein Kind. Ihr ergebner Troll hat die Idee, 
daß jene alte Gottheit den Mensdien auch aus seinem Lumpf schuf, 
daß das Wort „Erde" nur aus Schicklidikeitsgründen an Stelle des 
Wortes „Kot" gesetzt wurde. Der lebendige Odem würde dann mit- 
samt seinem belebenden Duft aus derselben Öffnung geblasen worden 
sein, aus der der Kot kam. Schließlich ist ja wohl audi das Menschen- 
geschlecht einen Furz wert. 

Wie ist es nun, verehrte Freundin, habe ich in die Erzählung 
vom Adam die Kindertheorie von der Geburt aus dem After hinein- 
gedeutet oder ist sie auf Grund der ungemeinen Erleichterung, die 
auch die Diditer der Bibel wie jeder andere nach der Entleerung 
empfanden, gewachsen? 

Der zweite Fehler, auf den Sie mich aufmerksam machen, hat 
mich nachdenklidi gemacht. Er wäre leicht zu entfernen, aber ich lasse 
auch ihn stehen. Lassen Sie mich sagen, weshalb. Ich habe bei der 
Bespredmng des Kastrationskomplexes eine Episode aus dem Reineke 
Fuchs erzählt und habe dabei Isegrim dem Wolf eine Rolle zuge- 
schrieben, die eigentlich Hinz der Kater hat. Die Ursachen dieser Ver- 
wedislung sind, glaube ich, verwickelt. Ich zweifle, ob ich sie ent- 
wirren kann. 



247 



Eins ist ohneweiters klar: der Wolfkomplex in mir ist so mächtig, 
daß er Dinge an sidi reißt, die gar nicht dazu gehören. Zur Ergänzung 
dessen, was ich darüber schon gesagt habe, erzähle ich ein Abenteuer 
aus meiner Kindheit. Lina und ich haben einmal - wir werden zehn 
und elf Jahre alt gewesen sein - zusammen mit einigen Freunden das 
Tiecksche Rotkäppchen aufgeführt. Mir war die Rolle des Wolfs zu- 
erteilt und ich habe sie mit besonderer Passion gespielt. Unter den 
Zuschauern befand sich ein kleines fünfjähriges Mädchen, Paula ge- 
nannt. Ich habe diese Paula, die ein besondrer Günstling meiner 
Schwester war, gehaßt, und es war mir eine Genugtuung, daß sie 
während der Vorstellung aus Angst vor dem Wolf zu heulen anfing. 
Das Spiel mußte unterbrochen werden, idi ging zu ihr, nahm die 
Wolfsmaske ab und beruhigte sie. Es ist das erstemal gewesen, daß 
sich jemand vor mir gefürchtet hat, und auch meines Wissens das 
erstemal, daß ich Schadenfreude empfand. Und es war der Wolf, der 
Furcht einflößte. Das Ereignis ist mir im Gedächtnis gebheben, wohl 
auch deshalb, weil unter den Mitspielern außer meiner Schwester die 
mehrfach erwähnte Alma und ein Namensvetter von mir Patrik war, 
bei dem ich die erste Erektion gesehen habe. 

Dieser Namensvetter war eigentlich ein Kamerad meines Bruders 
Wolf, also einige Jahre älter als idi. Er war jedoch aus irgendwelchen 
Gründen in der Vorschule, die ich besuchte, geblieben, als Wolf zum 
Gymnasium überging. Wir Jungens badeten damals viel im Sommer 
und hatten alle zusammen eine Badekabine. In der führte uns der 
Namensvetter die Erektion vor, hat wohl auch irgendwie Onanie- 
bewegungen gemacht, wenigstens wies er auf ein helles, fadenziehendes 
Sekret hin, das in einem Tropfen aus der Harnröhre hing und von 
dem er behauptete, es sei der Vorläufer der Samenergießung, für die 
er bald reif genug sei. Für meine Erinnerung ist dieses Vorkommnis 
dunkel gebheben, ich habe die Empfindung, als hätte ich die ganze 
Sache nicht verstanden, ihr nur unbehelligt als irgend etwas Neuem 
zugeschaut. Dagegen ist mir eine andre Spielerei noch lebhaft in 






248 



Erinnerung. Der Namensvetter schlug Glied und Hodensack nach 
hinten, klemmte sie zwischen die Schenkel und behauptete, nun ein 
Mädchen zu sein. Ich habe das oft selbst vor dem Spiegel wiederholt 
und Jedesmal ein seltsames Wollustgefühl dabei gehabt. Ich halte das 
Ereignis für besonders wichtig, weil es den Kastrationswunsch ohne 
Beimengung von Angst rein zeigt Für mich persönlich habe ich nie- 
mals an diesem Kastrationswunsch zweifeln können ; das beweisen hie 
und da auftretende Phantasien, in denen ich mir die Empfindung des 
Weibes während des Beischlafs vorzustellen suchte: wie das Glied in 
die enge Öffnung eingeführt wird und darin hin und her bewegt 
wird und was für Gefühle das auslöst. Aber ich habe auch seit jenem 
Tage mit der Mädchcnwerdung des Namensvetters auf andre Männer 
geachtet und feststellen können, daß der angstlose Wunsch, Mädchen 
zu sein, allen Männern gemeinsam ist. Man braucht dazu nicht lang- 
wierige Forschungen anzustellen. Man braucht nur ein wenig die 
Liebesspiele zwischen Mann und Weib zu beobachten, dann weiß man, 
daß die Variation, bei der der Mann unter dem Weibe liegt, überall 
gelegentlich vorkommt, wie denn an dem sogenannten normalen Ge- 
schlechtsakt, dem zuliebe alles andre pervers genannt worden ist, auf 
die Dauer wohl noch nie ein Menschenpaar festgehalten hat. Hält 
man es der Mühe für wert, sich näher mit dem Gegenstand zu be- 
schäftigen, - und wenigstens der Arzt sollte soviel Wißbegierde auf- 
bringen - so wird man leicht ähnliche bewußte Phantasien bei 
Freunden und Bekannten finden, wie ich sie vorhin erzählte, und 
wenn es wirklich einmal vorkommt, daß solche weiblichen Wünsche 
ganz aus dem Bewußtsein verdrängt sind, genügt es, diese normal 
Sexuellen zu einer Analyse ihres Verhaltens beim Essen, noch mehr 
beim Trinken, beim Zähnebürsten, beim Reinigen der Ohren zu bringen. 
Die Assoziationen springen dann bald zu allerlei andern Gewohn- 
heiten über, zum Rauchen, zum Reiten, zum Bohren in der Nase und 
andern Dingen. Und wo all das versagt, weil der Widerstand des 
Männlichscheinenwollens zu groß ist, gibt es die Alltagsformen der 



249 






Erkrankungen, clie Verstopfungen mit ihrem lustbefriedigenden Hin- 
durcbpressen des Kots durch die Afteröffnung, die Hämorrhoiden, die 
den Kitzel an dieser Pforte des Leibes lokalisieren, die AuftreiBung 
des Bauches mit ihrer Sdiwangerschaftssymbolisierung, das Klystier 
die Morphiuminjektion und die tausendfältige Vervendung des, 
Impfens, wie es in unsrem Verdrängungszeitalter Mode geworden ist' 
der Kopfschmerz mit seiner Verwandtschaft zu den Wehen, das 
Arbeiten und Schaffen am Werk, am Geisteskinde des Mannes. Stellen 
Sie meine Behauptung auf die Probe, bestürmen Sic hier, bestürmen 
Sie dort die Widerstände des Menschen, eines Tages - meist sehr 
bald - kommt die Erinnerung, wird bewußt, was verdrängt war, und 
es heißt dann wie bei uns weniger Normalen : „Ja, ich habe an der 
Brust eines Weibes gesogen, und wenn ich es nicht wirklidi tat, so 
stellte ich mir es doch vor; ja, ich habe den Finger in den After ein- 
geführt, und es war nicht nur der Juckreiz, den ich beschwichtigen 
wollte ; ja, ich weiß, daß in mir der Wunsch wach werden kann, Weib 
zu sein." 

Aber ich schwatze und gebe nicht Auskunft, warum ich an Stelle 
des Katers den Wolf zum Kastrator machte und warum aus dem 
Pfarrer, der in jener Szene des Reineke Fuchs der Gesddeditsteile 
beraubt wird, ein Bauer werden mußte. 

Für die zweite Verwechslung ist der Grund leicht zu erraten. 
Vom Pfarrer zum Pater, Vater, der kastriert werden soll, ist nur ein 
Schritt und an das Wort Pater reiht sich Patrik des Klanges wegen. 
Die Bedrohung der eignen Person durch die Zähne des Tieres nötigte 
mich zur Verdrängung und zum Gedächtnisfehler. Der sonderbare 
Humor des Es zeigt sich dabei. Es läßt zu, daß meine Angst den 
Pater-Patrik beseitigt, zwingt mich aber dazu, statt seiner einen Bauern 
zu nehmen und Georg - Bauer - ist, wie Sie wissen, mein zweiter 
Taufname. So verspotten wir uns selber. 

Warum habe ich aber den harmlosen Kater und Mäusefänger in 
den weit gefährlicheren Wolf verwandelt? Pater und Kater, das 



250 



' .-- 



reimt sidi, und wer, wie Sie, reimlustig ist, dichtet dazu Vater, und 
das Unbewußte ist oft reimlustig. Der Vater also wurde verdrängt. 
Der ist freilich furchtbarer als der Wolf. Er hatte Messer genug, denn 
er war Arzt, und während Bruder Wolf höchstens ein Taschenmesser 
führte, stand des Sonntags neben Papas Teller ein ganzes Besteck 
mit Bratenmessern, deren einige böse Ähnlichkeit mit dem Messer 
des Menschenfressers hatten. Er hätte leicht auf die Idee kommen 
können, auch einmal an meinem Schwänzchen die Schärfe dieses 
Messers zu erproben ; wenn er sie eine Weile am untern Tellerrand 
gewetzt hatte, sah es gefährlich aus. Nun fällt mir auch ein, warum 
er mir wie ein Kater vorkam. Irgend eine Anbeterin hatte seine 
schönen Beine gelobt, und ihr zu Gefallen stolperte er in hohen 
Stiefeln umher. »Der gestiefelte Kater", das war er und den las ich 
damals mit besondrer Vorliebe, hatte auch gerade eine Serie kleiner 
Stammbuchbilder mir erschmuggelt, in denen das Märchen schön bunt 
dargestellt war. 

Nun ist die Sache klar: für den, der in der Kastrationsangst 
lebt, ist der Vater schlimmer als der Bruder, das Katzen tier, das er 
täglidi sieht, schlimmer als der Wolf, den er nur vom Hörensagen 
aus „Märchen" kennt. Und dann, der Wolf frißt nur Sdiafe, und für 
dumm hielt ich mich weder damals nodi jetzt, der Kater aber frißt 
Mäuse — auch in der Reineke-Fudis-Sage tut er es - und der 
kastrationsbedrohte Teil, das Schwänzchen, ist eine Maus, die ins 
Loch sdilüpft, die Angst jeder Frau vor der Maus beweist das; die 
Maus kriecht unter die Röcke, will in das Loch, das dort verborgen 
ist. 

Hinter dieser Angst, daß der gestiefelte Vater mein Mäuschen 
fressen könnte, ist noch etwas andres verborgen, etwas Teuflisches, 
Furchtbares. Jener „gestiefelte Kater" bezwingt den Zauberer, der sich 
in einen Elephanten verwandelt und dann in eine winzige Maus. Die 
Symbole der Erektion und Erschlaffung sind deutlich, und da ich in 
jenem Alter, wo ich das Märdien las und die Kaulbadische niustra- 



251 



tion des Reineke sah, gewiß nicht aus eigner körperlicher Erfahrung 
diese Phänomene kannte, liegt mir der Schluß nahe, daß der Zau- 
berer, der sich in Rüsseltier und Maus verwandelt, mein Vater war, 
sein Schloß und Reich die Mutter, und der gestiefelte Kater ich selbst, 
sowie ich selber auch der Besitzer des Katers, der jüngste Sohn des 
Müllers, war. Da ich einsah, daß ich den ganzen Menschen in seiner 
Elephantengröße nicht vernichten könne, schien es mir ratsam, wenig- 
stens das symbolische Väterchen, die Maus, das Glied des Vaters zu 
verschlingen. Und wirklich schwebt mir vor, als ob ich in jener Zeit 
die ersten Stulpenstiefel in meinem Leben getragen hätte. In dem 
Märchen sowie in dem Bilde lag für mich die eigne Kastration und, 
viel gräßlicher noch, der verbrecherische Wunsch, die Maus des Vaters 
zu versdilingen, um in den Besitz der Mutter zu gelangen; beides 
wurde verdrängt und übrig blieb die harmlose Rivalität mit dem 
Bruder Wolf. Damit kommt auch die Verwandlung des Pfarrers-Pater 
in den Bauer-Georg in ein neues Licht. Der Wunsch, «den Pater, den 
Vater zu kastrieren, wird sicher mit der eigenen Kastration bestraft. 
Mein Es, das scheints ein leidlich empfindliches Gewissen hat, ver- 
drängte das Verbrechen und ließ die Sühne bestehen, machte also 
den Wunsch so gut wie möglich ungeschehen. 

Darf ich Ihre Aufmerksamkeit nun noch einen Augenblick auf 
die Stiefel richten; sie kommen auch beim Däumlingsmärchen vor und 
sind wohl als das Symbol der Erektion zu betrachten. Nun dürfen 
Sie aussuchen, welche Deutung Ihnen behagt. Zunächst könnten die 
Stiefel die Mutter sein, sind es auch nach Ihrer Meinung, die Mutter, 
weiterhin das Weib, das in After- und Scheidenöffnung zwei Stiefel- 
schäfte besitzt. Es können auch die Hoden sein in ihrer Paarigkeit, 
die Augen, die Ohren, vielleicht auch die Hände, die im vorbe- 
reitenden Spiel den Siebenmeilenschritt zur Erektion und zur Onanie 
ausführen. 

Damit bin ich beim dritten Verdrängungsgrund, der Onanie, 
einem ganz persönlichen Verdrängungsgrund, L der im Märchen keine 



252 



Stütze findet, wohl aber im eignen Erlebnis. In jener Zeit habe idi 
erfahren, daß der Kater ab und zu seine eignen Kinder auffrißt Bin 
idi der Kater, so ist mein eignes Kind das Schwänzchen gewesen, das 
durch das Stiefelspiel beider Hände bei der Onanie das Mäuschen 
dem Untergang weiht. Üble Gewohnheit. 

Und dabei fällt mir etwas zu dem Wort Wolf ein: es ist die 
Bezeichnung für das Wundlaufen zwischen den Schenkeln. Ich besinne 
mich, daß ich mich als Kind sehr oft wundgelaufen habe. Ich ging 
dann zur Mutter, die die wunden Stellen mit Talg einrieb. Nach 
meiner jetzigen Denkweise muß ich annehmen, daß mein Es sich das 
Wundsein, den Wolf verschaffte, damit die Mutter in der nächsten 
Nähe des Schwänzchens hantierte. Das Wundsein war ein betrüge- 
risches Mittel den Inzesttrieb zu befriedigen. Auf den Inzest aber 
steht als mildeste Stiafe die Kastration. Wundlaufen, Wolf, Kastra- 
tionsangst, das gehört zusammen. 

Sie sehen, wenn ich mir Mühe gebe, kann idi leidlich scheinende 
Gründe für meinen Irrtum erfinden. Aber mir widerstrebt solches Ver- 
fahren. Ich nehme für midi das Recht in Anspruch zu irren, schon deshalb, 
weil ich die Wahrheit und Wirklichkeit für zweifelhafte Güter halte. 

AUes Gute Ihnen und den Ihren, 

PATRIK. 



29. 
SIE ANTWORTEN NICHT, LIEBE FREUNDIN, UND ICH TAPPE 
im Dunkehi, ob Sie böse sind oder, wie es so schön heißt, keine Zeit 
haben. Ich werde auf gut Glück fortfahren, Ihnen von den Tieren zu 
erzählen, wenn ich audi noch nicht weiß, ob Sie die Veröffentlichung 
der Briefe mit Fehlern billigen. 

Ich berichtete Ihnen von Ihren Empfindungen beim Anblick einer 
Maus, habe aber nur die Hälfte davon gesagt Wenn die Maus nur 
das Unter-die-Röcke-faliren bedeutete, wäre die Angst nicht so über die 
Massen groß, wie sie wirklich ist. Die Maus ist als naschendes Tier 



253 






das Symbolwesen der Onanie und folgerichtig auch das der Kastra- 
tion. Mit andern Worten, das Mädchen hat die vage Idee : Dort läuft 
auf vier Beinen mein Schwänzchen umher; zur Strafe ward es mir 
weggenommen, zur Strafe mit eignem Leben beseelt. 

Da haben Sie ein Stück Gespensterglauben, Aberglauben. Wenn 
man der Entstehung von Spukgeschichten nachgeht, stößt man sehr 
bald auf das erotische Problem und die Schuld. 

Diese eigentümliche Symbolisierung der Maus als frei herum- 
huschendes Glied bringt mich auf ein der Maus verwandtes Tier, die 
Ratte, die neben Wolf und Kater als Kastratorsymbol aufritt. Merk- 
würdigemeise ist diese Symbolform die fürchterlichste und absto- 
ßendste von den dreien. An und für sich ist die Ratte weniger ge- 
fährlich als der Wolf und auch als der Kater. Aber sie vereinigt in 
sich beide Kastrationsrichtungen, die gegen das Kind und die gegen 
den Vater. Weil sie an allem, was vorragt, herumknabbert, ist sie 
dem Kind für Nase und Schwänzchen gefährlich, nach Form und 
Wesen aber ist sie der personifizierte, abgeschnittene Schwanz des 
Vaters, das Gespenst des frevelhaften Wunsches gegen die Mannheit 
des Vaters. Und weil sie sich in alles einmischt und in jedes Dunkel 
eindringt, ist sie gleichzeitig die symbolische Schuld und die zudring- 
liche Neugier der Eltern. Sie lebt im Keller, der Gosse, im Weibe. 
Verhaßt, verhaßt 

Im Dunkel des Kellers lebt auch die Kröte, feucht anzufühlen 
und quabblig. Und der Volksglaube hält sie für giftig. Kleine Kröte, 
nette Kröte, das ist etwas, was nicht fürs Tageslicht taugt, das kleine 
Tierchen des älteren Backfisches, das noch nicht die stetige Wärme 
der Liebe hat, nur von versteckter Begierde feucht ist. Ihr reiht sich 
im Gegensinn des Symbols das naschende Mäuschen an, mit seinem 
samtnen Fellchen, das frühreife Mädchen, das dem Speck nachgeht. 
Und gleich daneben taudit, von allen Spradien verwendet, das Wort 
Kätzchen auf als Bezeichnung des weichen Lockenpelzchens an der 
weiblichen Scham, als Ausdruck für den Schamteil selbst und für das 



254 



schmiegsame Weib, chat noir, die Kaize, die das Mäuschen fängt, damit 
spielt und es frißt, genau wie die Frau mit ihrem hungrigen Schamteil 
das Mausdien des Mannes verschlingt. 

Sahen Sie schon einmal die kindischen Zeichnungen des weiblichen 
Geschleditsteils, die halbwüchsige Knaben an Wänden und Bänken 
in alberner Begierde anbringen? Da haben Sie die Entstehung des 
Ausdrucks „Käfer" für das liebende Mädchen vor Augen, aber auch 
das wird klar, warum die Spinne als Schmähwort für das Weib ge- 
braucht wird, die Spinne, die Netze baut und der Fliege das Blut 
aussaugt. Das bekannte Spinnensprichwort : matin chagrin, soir espoir, 
malt die Stellung von Frauen zu ihrer Sexualität ; je heißer die Glut 
der Liebesnacht ist, um so verzagter blickt sie beim Erwachen nach 
dem Mann, was der von dem Toben wohl denkt. Denn immer stärker 
zwingt das Leben dem Weibe einen Seelenadel auf, der alle Wollust 
zu verdammen scheint. 

Die Symbole sind zweideutig : der Baum ist, wenn Sie den Stamm 
betrachten, Phallussymbol, ein sehr anständiges, von der Sitte er- 
laubtes ; denn selbst das prüdeste Fräulein scheut sich nicht, den 
Stammbaum ihres Geschlechts an der Wand zu betraditen, obwohl 
sie wissen muß, daß ihr die hundert Zeugungsorgane all ihrer Vor- 
fahren in strotzender Kraft aus dem Bilde entgegenspringen. Der 
Baum wird aber zum Weibessymbol, sobald der Gedanke an die 
Frucht auftritt, wird „die Eiche", „die Budie" — ehe ich es vergesse: 
seit einigen Wochen betreibe idi den Spaß, alle Bewohner meiner 
Klinik zu fragen, was für Bäume neben dem Eingang stehen. Bisher 
habe ich noch keine riditige Antwort bekommen. Es sind „Birken" ; 
an ihnen wächst das Reis, aus dem man die Rute bindet, die ge- 
fürchtete und noch mehr begehrte; denn in all den tausendfachen 
Unarten der Kinder und Großen lebt die Sehnsucht nach dem bren- 
nenden Rot des Schiagens. Und am Eingangstor, so daß jeder darüber 
stolpert, steht ein Eckstein, rund und ragend wie ein Phallus ; den 
sieht auch niemand. Er ist der Stein des Anstoßes und Ärgernisses. 



255 



[ & Verzeihung für die Unterbrechung. Auch andre Symbole sind 
doppeldeutig, das Auge ist es, das Strahlen empfängt und Strahlen 
ausschidtt, die [Sonne, die in Fruchtbarkeit Mutter, im goldgelben 
Strahl Mann und Held ist. So ist es auch mit den Tieren, dem Pferde 
vor allem, das bald als Weib gilt, auf dem man reitet, das in der 
Schwangerschaft die Frucht des Leibes fortbewegt, bald als Mann, der 
die Last der Familie mit sich trägt und auf dessen Schultern und 
Knien das jubelnde Kind dahintrabt. 

Diese doppelte Symbolverwendung der Tiere unterstützt ein selt- 
sames Verfahren meines Unbewußten, das dem Kastrationskomplex 
entstammt. Wenn ich an einem mit Rindern bespannten Karren vor- 
übergehe und hinschaue, weiß ich nicht, sind es Kühe oder Ochsen, 
die da ziehen. Ich muß erst eine ganze Weile suchen, ehe ich die 
Unterscheidungsmerkmale finde. So geht es nicht nur mir, so geht es 
vielen, vielen Menschen, und die Leute, die erkennen können, ob sie 
einen männlichen Kanarienvogel oder ein Weibchen vor sich haben, 
sind geradezu selten. Bei mir geht es ein bißchen weit. Wenn ich 
einen Hühnerhof sehe, kann ich den großen Hahn von seinen Hennen 
unterscheiden, sind junge Hähnchen dabei, so gelingt mir diese Un- 
terscheidung schwer und, wenn ich einem vereinzelten Halm begegne, 
muß ich mich auf das Raten verlegen, was sein Geschlecht ist. Ich 
besinne mich nicht, jemals mit Bewußtsein einen Hengst, Bullen oder 
Widder gesehen zu haben, für mich ist ein Pferd eben ein Pferd, ein 
Ochse ein Ochse, ein Schaf ein Schaf, und wenn ich theoretisch weiß, 
was eine Stute oder ein Wallach, ein Schaf oder ein Hammel ist, so 
kann ich diese Kenntnis praktisch doch nicht ohne weiteres verwer- 
ten, vermag auch nicht festzustellen, wie und wann ich meine theo- 
retisdien Kenntnisse erworben habe. Offenbar wirkt da ein altes Verbot 
nach, das sich mit einer bewußtseinslosen Angst vor der eigenen Entman- 
nung verbindet Ich bin in dem stattlichen Alter von 54 Jahren in den 
Besitz eines schönen Katers gelangt Schade, daß Sie das Erstaunen nicht 
miterlebt haben, das mich beim Gewahrwerden seiner Hoden befiel. 

256 



Damit bin idi wieder bei der Kastration angelangt und muß nodi 
zwei Worte über einige symbolisch verwendete Tiere sagen, die im 
Dunkel der Menschenseele ein seltsames Leben haben. Besinnen Sie 
sich darauf, wie wir gemeinsam in Wannsee am Grabe Kleists waren? 
Es ist lange her, wir waren beide noch jung und begeisterungsfähig 
und hatten uns wer weiß welche hohen Gefühle von diesem Besuch 
unseres toten Lieblingsdichters erhofft. Und während Sie voll frommer 
Scheu auf die heilige Stätte, von der ich ein Epheublatt pflückte, 
hinabsahen, fiel ein armseliges Räupdien in Ihren Nacken ; Sie schrien 
auf, wurden blaß und zitterten, und Kleist und alles war verges- 
sen. Ich lachte, nahm das Räuplein fort und tat groß und gewaltig. 
Aber wenn Sie nidit selbst zu sehr mit Ihrer Angst beschäftigt ge- 
wesen wären, hätten Sie sicher bemerkt, daß ich die Raupe mit dem 
Epheublatt wegnahm, weil mir davor grauste, die Raupe mit den 
Fingern zu berühren. Was hilft auch Mut und Stärke wider das Sym- 
bol? Wenn beim Anblick solch vielfüßig kriechenden Schwänzchens 
die Masse des Mutterinzests, der Onanie, der Vater- und Selbst- 
kastration über uns herfällt, werden wir vierjährige Kinder und kön- 
nen es nicht ändern. 

Gestern ging idi quer über das Rondell mit der schönen Aus- 
sicht, dort wo stets die große Versammlung von Kinderwagen, spie- 
lenden Bälgern und Kindsmägden ist. Ein dick pausbäckiges Mädchen 
von drei Jahren brachte strahlend einen langen Regenwurm zu ihrer 
Mutter getragen. Das Tier wand sich zwischen den kurzen Finger- 
dien ; die Mutter aber schrie auf, schlug das Kind auf das Händchen: 
„Pfui, bali, bah", rief sie und schleuderte den scheußlichen Wurm mit 
der Spitze des Soiinensdiirms weit den Abhang hinab, schalt sdireck- 
bleichen Gesidits weiter und wischte mit Eifer die Händdien des 
heulenden Kindes ab. Ich hätte mich gern über die Mutter entrüstet, 
aber idi verstand sie zu gut. Ein roter Wurm, der in die Löcher 
kriecht, was hilft dagegen alle Darwinsche Weisheit von des Regen- 
wurms segensreicher Minierarbeit? 

17 G r o d d e c k, Das Buch vom Es 257 



„Äx, bah, bah" darauf kommt die ganze Erziehungsweisheit der 
Mutter hinaus. AJIes was dem Kinde lieb ist, wird ihm damit ver- 
ekelt. Und es läßt sidi ja auch nichts dagegen sagen. Die Freude am 
Wasserlassen und am Drücken kann nicht geduldet werden, sonst, 
denkt man, - ob es wahr ist, weiß icn nicht - bleibt der Mensch 
dreckig. Aber ich muß Sie doch bitten, im Namen der Forschung, sich 
einmal den Urin über Schenkel und Arme laufen zu lassen, sonst 
glauben Sie gar nicht, daß das Kind so etwas genießt, und halten 
audi fernerhin Erwachsene, die sich hin und wieder solchen Genuß 
verschaffen, für pervers, unnatürlich, lüstern, krank. Krank daran ist 
nur die Angst. Versudien Sie es. Das Schwierige ist, es unbefangen 
zu tun. Das ist über die Maßen schwer. Man hat mir hie und da 
über das Experiment, das ich nicht erst Ihnen empfehle, berichtet, 
und soweit ich glauben darf, hat man durchweg zunächst sämtliche 
Lebewesen aus der Wohnung entfernt, sich in der Badestube einge- 
schlossen und nackt in der Wanne getan, was ich riet, damit man 
sich gleich reinigen könnte. Und man trägt doch die Flüssigkeit, die 
auf der Haut so schmutzig ist, dauernd in seinem Innern mit sich 
und denkt nidit einmal daran. Sind die Menschen nicht seltsam? 
Aber trotz all dieser Vorsichtsmaßregeln, die Angst, Verbotenes zu 
tun, blieb, aber der Genuß kam. Nicht einer hat zu leugnen gewagt, 
daß es genußvoll war. Welch ungeheures Maß von verdrängender 
Gewalt ist da tätig gewesen, um eine unbefangene Handlung eines 
jeden Kindes so mit Angst zu belasten. Und nun gar der Versudi, 
das A-a unter sich zu lassen und sich darein zu legen. Schon wie man 
das machen soll, kostet tagelanges Kopfzerbrechen, und kaum drei 
oder vier von denen, die wissensdurstig die Entwicklung des Unbe- 
wußten unter meiner Führung erforschen wollten, haben den Mut 
dazu gehabt. Aber was ich behauptete, haben sie bestätigt. Ach, liebe 
Freundin, wenn sie etwas Philosophisches lesen, tun Sie es so, wie 
man die Aufsätze von Karlchen Mießnick las - auch wenn Sie meine 
Briefe lesen. Der Ernst ziemt sich nicht dem Unsinn gegenüber. Nur 






258 



das Leben selbst, das Es versteht etwas von Psychologie, und die 
einzigen Vermittler durch das Wort, deren es sich bedient, sind die 
paar großen Dichter, die es gegeben hat. 

Aber ich wollte davon nicht sprechen, sondern über die Wirkun- 
gen des „Äx, bah, bah", auf unser Verhältnis zum Regenwurm Be- 
trachtungen anstellen, die Sie dann nach Gutdünken auf andre ge- 
ächtete Tiere, Pflanzen, Menschen, Gedanken, Handlungen und 
Gegenstände übertragen mögen. Ich überlasse Sie Ihrem Nachdenken. 
Und vergessen Sie nicht, sich dabei die Schwierigkeit aller Natur- 
forschung klar zu machen. Freud hat ein Buch über das Verbotene 
im Menschenleben geschrieben, er nennt es Tabu. Lesen Sie esl Und 
dann lassen Sie Ihre Phantasie eine Viertelstunde schweifen, was 
alles Tabu ist. Sie werden erschrecken. Und werden erstaunen, was 
der Menschengeist trotzdem zustande brachte. Und schließlich werden 
Sie sich fragen: Was mag der Grund sein, daß das Es des Menschen 
so seltsam mit sich selber spielt, sich Hindernisse schafft, lediglich 
um sie mit vieler Mühe zu erklettern. Und schließlich wird Sie 
eine Freude ergreifen, eine Freude, Sie ahnen nicht, wie groß diese 
Freude ist Ich denke mir, so ungefähr muß das Gefühl der Ehr- 
furcht sein. 

Sie wissen, Erziehung beseitigt nichts, sie verdrängt nur. Auch 
die Freude am Regenwurm läßt sich nicht töten. Es gibt eine 
seltsame Form, in der sie wiederkehrt, in der Form des Spulwurms 
Die Keime dieses Gasts unsrer Eingeweide, stelle ich mir vor, sind 
überall, kommen in aller Menschen Bäuche hinein, oft und oft. Aber 
das Es kann sie nicht brauchen, es tötet sie. Eines Tages überfällt dieses 
oder jenes Menschen Es, das gerade Kind geworden ist und kindisch 
schwärmt, eine sehnsuchtsvolle Erinnerung an den Regenwurm. Und 
flugs baut es sich ein Abbild davon aus den Eiern des Spulwurms. 
Es lacht über das Bahbah der Gouvernante und spielt ihr einen 
Schabernack und gleichzeitig fällt ihm ein, daß Wurm ja auch Kind 
ist; da lacht es noch mehr und spielt mit dem Eingeweidewurm 

"• 259 



Schwangerschaft und eines Tages will es „Kastration" spielen und 
„Kinderkriegen" spielen. Und dann läßt es den Spulwurm - oder sind 
es die kleinen weißen Würmdien, mit deren Hilfe man sich die Er- 
laubnis verschafft, den Finger in den After zu stecken, Afteronanie 
in hohem Maße zu treiben - dann läßt es diese Würmer aus der 
hintern Öffnung hervorkommen. 

Ach, bitte, Liebe, lesen Sie doch diese Stelle dem Herrn Sanitäts- 
rat vor. Sie werden einen seltenen Spaß haben, wie er diese ernsthaft 
gemeinte Theorie eines ernsthaften Kollegen über die Disposition zu 
Krankheiten aufnimmt. 

Nun muß ich Ihnen noch eine Geschichte von der Schnecke erzählen. 
Sie betrifft eine gemeinsame Bekannte von uns, aber ich werde Ihnen 
den Namen nicht nennen ; Sie wären imstande, sie zu necken. Ich ging 
mit ihr spazieren, da fing sie plötzlich an zu zittern, alles Blut wich 
ihr aus den Wangen und ihr Herz begann so zu jagen, daß man die 
Schläge an den Halsadern sah. Der Angstschweiß trat auf die Stirn 
und bald folgte Eibrechen. Was wars ? Eine Nacktschnecke kroch auf 
dem Wege. Wir hatten von der Treue gesprochen und sie hatte über 
ihren Mann geklagt, den sie auf Seitenwegen vermutete. Der Gedanke 
war ihr schon lange gekommen, so sagte sie, ihm den Schwanz auszu- 
reißen und daraufzutreten. Die Schnecke aber sei dies ausgerissene 
Glied gewesen. Das schien genug zu erklären, aber ich weiß nicht, 
weshalb ich ungenügsam war, ich behauptete keck darauf los, es müsse 
noch etwas andres dahinter stecken. Um solche Wut der Eifersucht zu 
empfinden, müsse man selbst untreu sein. Das kam auch hald zum 
Vorschein, wie es denn keine Eifersucht gibt, wenn nicht der Eifer- 
süchtige selbst untreu ist, die Freundin hatte nicht an das Glied ihres 
Mannes gedacht, sondern an meines. Wir lachten dann beide, aber da 
ich doch das Schulmeistern nicht lassen konnte, hielt ich ihr eine kleine 
Vorlesung. „Sie sind in einer Zwickmühle," sagte ich ihr. „Wenn Sie 
mich lieben, werden Sie Ihrem Manne untreu, und wenn Sie zu ihm 
halten, betrügen Sie mich und Ihre starke Liebe zu mir. Was Wunder, 

260 






daß Sie nicht weiter können, da Sie vor sich die Notwendigkeit sehen, 
die Schnecke, das Glied des einen oder des andern zu zertreten." So 
etwas ist nicht selten. Es gibt Menschen, die verlieben sich in jungen 
Jahren, behalten diese erste Liebe als Idealgestalt in ihrem Herzen, 
heiraten aber einen andern. Sind sie nun mißgestimmt, das heißt, 
haben sie der andern Hälfte etwas zuleide getan und zürnen ihr deshalb, 
so holen sie die Idealliebe hervor, stellen Vergleiche an, bereuen, den 
falschen geheiratet zu haben und finden nadi und nach tausend Gründe, 
um sich zu beweisen, wie schlecht der ist, den sie geheiratet und 
gekränkt haben. Das ist sdilau, aber leider zu schlau. Denn die Über- 
legung kommt, daß sie dem ersten Geliebten untreu wurden, um den 
zweiten zu nehmen, und dem zweiten untreu sind, um am ersten 
festzuhalten. Du sollst nicht chebredien! 

Solche Vorgänge, die von großer Tragweite sind, lassen sich schwer 
begreifen. Ich habe lange nach einer Begründung gesucht, warum 
solche Mensdien - sie sind gar nidit selten - sich in diesen Zustand 
ununterbrochner Untreue hineinbringen. Jene Freundin hat mir das 
Rätsel gelöst, und deshalb eigentlidi erzähle ich Ihnen die Schnecken- 
geschichte. Sie hatte ganz didit unter der Schenkelbeuge an der Innen- 
seite des Oberschenkels einen kleinen, fingerlangen, schwanzförmigen 
Auswudis. Der belästigte sie arg. Von Zeit zu Zeit ward er wund, 
Ein seltsamer Zufall wollte es, daß dieses Wundsein ein paar Mal 
während meiner Behandlung auftrat und jedesmal verschwand, wenn 
verdrängte homosexuelle Regungen an die Oberfläche gekommen 
waren. Man hatte ihr schon lange geraten, sidi das Ding abschneiden 
zu lassen; sie hatte es aber nicht getan. Ich habe ihr ein wenig auf 
die Seele gekniet, bis es in tausend Splitterchen zerstückt herauskam, 
daß sie das Sdiwänzchen ihrer Mutter zuliebe trug. Von dieser Mutter 
hatte sie stets behauptet, sie habe sie all ihr Leben lang gehaßt. Ich 
habe es ihr aber nie geglaubt, obwohl sie unermüdlich darin war, 
ihren Haß in vielen, vielen Geschichten kund zu tun. Ich glaubte es 
deshalb nicht, weil ihre gewiß starke Neigung zu mir alle Zeichen 



261 



einer Übertragung von der Mutter hatte. Es hat lange gedauert aber 
schließlich ist ein Mosaikbild zustandegekommen, natürlich mit schad- 
haften Stellen, worin alles verzeichnet war, die heiße Liebe zur Brust, 
zur Mutter, zu deren Armen, die Verdrängung zugunsten des Vaters 
im Anschluß an eine Schwangerschaft, die Entstehung des Hasses mit 
seinen homosexuellen Resten. Ich kann Ihnen von den Einzelheiten 
nichts mitteilen, aber das Resultat war, daß jene Frau, als ich sie 
im nächsten Jahr wiedersah, operiert war, keine Untreue mehr und 
keine Schnecke mehr fürchtete. Sie mögen glauben, was Sie wollen, ich 
meinerseits bin überzeugt, daß sie das Schwänzchen der Mutter 
zuliebe wachsen ließ. Und nun darf ich noch hinzufügen, daß die 
Schnecke doppeldeutiges Symbol ist, der Phallus der Gestalt und der 
Fühler halber und das Weibsorgan um des Schleimes willen. Wissen- 
schaftlich ist sie ja wohl auch doppelgeschlechtlich. 

Auch vom Axolottl muß ich Ihnen ein Geschichtchen zum Besten 
geben ; Sie haben das Tierchen wohl im Berliner Aquarium gesehen 
und wissen, wie ähnlich es einem Embryo ist Dort im Aquarium ist 
einmal vor dem Kasten des Axolottls eine Frau in meiner Gegenwart 
halb ohnmächtig geworden. Sie haßte auch ihre Mutter, angeblich, wie 
es immer der Fall ist. Sie war sehr kinderlieb, aber sie hatte' die 
Mutter auch bei einer Schwangerschaft hassen gelernt und sie hat 
keine Kinder bekommen, trotz aller Sehnsucht. Sehen Sie sich kinder- 
lose Frauen aufmerksam an, wenn sie wirklich kindersehnsüchtig sind. 
Da ist Tragik des Lebens, die oft sich wandeln läßt Denn alle diese 
Frauen - ich wage zu sagen, alle - tragen den Haß gegen die Mutter 
im Herzen, dahinter, aber in eine Ecke gequetscht, sitzt traurig die 
verdrängte Liebe. Helfen Sie ihr aus der Verdrängung heraus und 
jenes Weib wird einen Mann suchen und finden, der mit ihr ein 
Kind zeugt. 

Ich könnte noch eine WeÜe so fort reden, aber mich fesselt ein 
Schauspiel, von dem ich Ihnen berichten will. Das Beste kommt zuletzt. 
Sie müssen wissen, daß ich, während ich schreibe, auf jener Terrasse 

262 



mit den vielen Kinderwagen sitze, von der ich Ihnen schrieb. Vor mir 
spielen zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen mit einem Hunde. 
Der liegt auf dem Rücken und sie kraulen ihn am Bauch und jedesmal, 
wenn infolge des Kitzels der rote Penis des Hündchens zum Vorschein 
kommt, lachen die Kinder. Und schließlich haben sie es so weit ge- 
bracht, daß der Hund seinen Samen ausspritzte. Das hat die Kinder 
nachdenklich gemacht. Sie sind zur Mutter gegangen und haben sich 
nicht mehr um den Hund gekümmert. 

Haben Sie noch nie gesehen, wie oft Erwachsene mit der Stiefel- 
spitze ihren Hund kraulen? Kindererinnerungen. Und da die Hunde 
nicht sprechen können, muß man sie beobaditen und sehen, was sie 
tun. Es sind ihrer viele, die auf den Geruch der Periode reagieren 
und viele, die an den Beinen des Menschen onanieren. Und wenn die 
Hunde schweigen, fragen Sie die Menschen. Sie müssen dreist fragen, 
sonst bleibt die Antwort aus. Denn auch die Sodomie gilt als 
pervers. Und was mit dem Hund erlebt wird, ist tief verdrängt. 
Denn er ist nicht nur ein Tier, sondern ein Symbol des Vaters, 

des Wauwaus. 

Wollen Sie noch mehr von den Tieren wissen? Gut. Stellen Sie 
sich ein paar Stunden vor den Affenkäfig des zoologischen Gartens 
und beobachten Sie die Kinder ; auch den Erwachsenen dürfen Sie ein 
paar Blicke gönnen. Wenn Sie in diesen Stunden nicht mehr von der 
Menschenseele kennen gelernt haben, als in tausend Büchern steht, 
sind Sie der Augen nicht wert, die Sie im Kopfe tragen. 

Alles Gute von Ihrem getreuen 

TROLL. 



30. 
ALSO DAS WAR DER GRUND IHRES LANGEN SCHWEIGENS. 
Sie haben nochmals die Möglidikeit der Veröffentlidiung erwogen, be- 
willigen für meinen Teil der Korrespondenz das Imprimatur und ver- 
weigern es für Ihre Briefe. Sei es denn ! Und Gott gebe seinen Segen ! 



263 



Sie haben Recht, es ist an der Zeit, daß ich midi ernsthaft mit 
dem Es auseinandersetze. Aber das Wort ist starr, und deshalb bitte 
ich Sie, ab und zu um eins der gesdiriebenen Wörter herumzugehen 
und es von allen Seiten zu betrachten. Sie gewinnen dann eine 
Meinung, und darauf kommt es an, nicht darauf, ob diese Meinung 
richtig oder falsch ist. Ich will midi bemühen, sadilich zu bleiben. 

Da muß ich nun zunächst die betrübliche Mitteilung machen, daß 
es ein solches Es, wie ich es vorausgesetzt habe, nach meiner Meinung 
gar nicht gibt, daß ich es selber künstlich hergestellt habe. Weil ich 
mich durchaus nur mit dem Menschen, mit dem einzelnen Menschen 
besdiäftige und das bis an mein Lebensende tun werde, muß ich so 
tun, als ob es, losgelöst vom Ganzen Gottnaturs, Einzelwesen gäbe, 
die man Menschen nennt. Ich muß so tun, als ob ein solches Einzel- 
wesen irgendwie durch einen leeren Raum von der übrigen Welt ge- 
trennt wäre, so daß es den Dingen außerhalb seiner erdachten Grenzen 
selbständig gegenübersteht. Ich. weiß, daß das falsch ist, trotzem werde 
ich eigensinnig an der Annahme festhalten, daß jeder Mensch ein 
eignes Es ist, mit bestimmten Grenzen und mit Anfang und Ende. 
Ich. betone das, weil Sie, verehrte Freundin, schon mehrmals den 
Versuch gemacht haben, mich zum Schwatzen über Weltseele, Pantheis- 
mus, Gottnatur zu verführen. Dazu habe ich keine Lust, und ich er- 
kläre hiermit feierlich, daß ich es nur mit dem zu tun habe, was ich 
das Es des Menschen nenne. Und ich lasse kraft meines Amtes als 
Briefschreiber dieses Es beginnen mit der Befruchtung. Welcher Punkt 
des überaus verwickelten Befruchtungsvorgangs als Anfang gelten soll, 
ist mir gleidigültig, ebenso wie ich es Ihrem Belieben überlasse, aus 
der Masse der Todesvorgänge irgendeinen Moment auszuwählen und 
ihn als Ende des Es anzunehmen. 

Da ich Ihnen von vornherein eine bewußte Fälschung in meiner 
Hypothese zugebe, steht es Ihnen frei, in meinen Auseinandersetzungen 
so viel bewußte und unbewußte Fehler zn finden, wie Sie wollen 
Aber vergessen Sie nicht, daß dieser erste Fehler, Dinge, Individuen 



264 



lebloser oder lebender Art aus dem All herauszuschneiden, allem 
menschlichen Denken anhaftet, und daß unsre sämtlichen Äußerungen 
damit belastet sind. 

Nun erhebt sich eine Schwierigkeit. Diese hypothetische Es-Einheit, 
deren Ursprung in der Befruchtung festgelegt ist, enthält tatsädilich 
in sich zwei Es-Einheiten, eine weibliche und eine männliche. Dabei 
sehe ich ganz von der verwirrenden Tatsache ab, daß diese beiden 
Einheiten, die vom Ei und vom Samenfaden herkommen, wiederum 
keine Einheiten, sondern Vielheiten von Adams und der Urtierchen 
Zeiten her sind, in denen Weibliches und Männliches in unlösbarem 
Gewirr, aber wie es scheint unvermischt nebeneinander liegt. Daß 
beide Prinzipien nicht ineinanderfließen, sondern nebeneinander 
existieren, bitte ich zu behalten. Denn daraus folgt, daß jedes Menschen- 
Es mindestens zwei Es in sich enthält, die, irgenwie zu einer Einheit 
verbunden, doch in gewisser Weise unabhängig voneinander sind. 

Ich weiß nicht, ob idi bei Ihnen wie bei andern Frauen - und 
auch Männern natürlich - eine völlige Unkenntnis des Wenigen vor- 
aussetzen darf, was man über die weiteren Schicksale des befruchteten 
Eis zu wissen glaubt. Für meine Zwecke genügt es, wenn ich Ihnen 
mitteile, daß sich dieses Ei nach der Befruditung daran macht, sich 
in zwei Teile zu zerlegen, in zwei Zellen, wie die Wissenschaft diese 
Wesen zu benennen beliebt Diese zwei teilen sich dann wieder in vier, 
in acht, in sechzehn Zellen und so fort, bis schließlich das zustande 
kommt, was wir gemeiniglich „Mensch" nennen. Auf die Einzelheiten 
dieser Vorgänge brauche ich Gott sei Dank nicht einzugehen, sondern 
kann mich damit begnügen, auf etwas hinzuweisen, was für mich 
wichtig ist, so unbegreiflich es mir auch bleibt. In dem winzig kleinen 
Wesen, dem befruchteten Ei, steckt irgendetwas, ein Es, das imstande 
ist, die Teilungen in Zellenhaufen vorzunehmen, ihnen verschiedene 
Gestalt und Funktion zu geben, sie dazu zu veranlassen, sich zu Haut, 
Knochen, Augen, Ohren, Gehirn usw. zu gruppieren. Was in aller 
Welt wird aus diesem Es im Moment der Teilung? Offenbar teilt es 



265 



sich mit, denn wir wissen, daß jede einzelne Zelle eine selbständige 
Existenzmöglichkeit und Teilungsmögbchkeit hat. Aber gleichzeitig 
bleibt etwas Gemeinsames übrig, ein Es, das die beiden Zellen an- 
einanderbindet und ihr Schicksal in irgendeiner Weise beeinflußt und 
sich von ihnen beeinflußen läßt Aus dieser Erwägung heraus habe 
ich mich entschließen müssen anzunehmen, daß außer dem individuellen 
Es des Menschen eine unberechenbar große Zahl von Es-Wesen, die 
den einzelnen Zellen angehören, vorhanden sind. Wollen Sie sich 
dabei gütigst daran erinnern, daß sowohl das Individualitäts-Es des 
ganzen Menschen wie jedes Es jeder Zelle ein männliches und ein 
weibliches Es und ferner auch noch die winzig kleinen Es-Wesen der 
Ahnenkette in sich bergen. 

Verlieren Sie bitte die Geduld nicht! Ich kann nichts dafür, daß 
ich Dinge verwirren muß, die dem täglichen Denken und Sprechen 
einfach sind. Irgendein gütiger Gott wird uns, so hoffe ich, aus dem 
Gestrüpp, das uns zu umschlingen droht, herausführen. 

Vorläufig ziehe ich Sie noch tiefer hinein. Es kommt mir vor, als 
ob es noch weitere Es-Wesen gibt. Die Zellen schließen sich im Lauf 
der Entwicklung zu Geweben zusammen, zu Epithelien, Bindegeweben, 
Nervensubstanz usw., und jedes einzelne dieser Gebilde scheint 
wieder ein eigenes Es zu sein, das auf das Gesamt-Es, die Es-Einheiten 
der Zellen und die der andern Gewebe einwirkt und sich von ihnen 
in den Lebensäußerungen bestimmen läßt. Ja nicht genug damit. Neue 
Es-Formen treten als Organe auf, als Milz, Leber, Herz, Nieren 
Knochen, Muskeln, Hirn und Rückenmark, und weiter drängen sich 
uns in den Organsystemen andre Es-Gewalten auf, ja es scheinen sich 
gleichsam erkünstelte Es-Einheiten zu bilden, die ihr seltsames Wesen 
treiben, obwohl man annehmen könnte, daß sie nur Schein und Namen 
sind. So muß ich zum Beispiel behaupten, daß es ein Es der oberen 
und unteren Körperhälfte gibt, ein solches von rechts und links eins 
des Halses oder der Hand, eins des Hohlraums des Menschen und 
eins seiner Körperoberfläche. Es sind Wesenheiten, von denen man 



266 



fast annehmen möchte, daß sie durch Gedanken, Besprechungen, 
Handlungen entstehen, die man fast für Geschöpfe des vielgepriesenen 
Verstandes halten könnte. Aber glauben Sie das nur nicht ! Solch eine 
Ansicht entspringt nur dem verzweifelten und hoffnungslosen Be- 
mühen, irgendetwas in der Welt verstehen zu wollen. Sobald man 
das will, sitzt gewiß ein besonders schadenfrohes Es irgendwo im 
Versteck, spielt mit uns Schabernack und lacht sich halbtot über unsre 
Anmaßung, über das Gernegroßsein unsers Wesens. 

Bitte, Liebe, vergessen Sie nie, daß unser Gehirn und damit unser 
Verstand, Geschöpf des Es ist ; gewiß eins, das wiederum schaffend 
wirkt, das aber doch erst spät in Tätigkeit tritt und dessen Schaflfens- 
feld beschränkt ist. Längst ehe das Gehirn entsteht, denkt schon das 
Es des Menschen, es denkt ohne Gehirn, baut sich erst das Gehirn. 
Das ist etwas Fundamentales, etwas, was der Mensch nie vergessen 
dürfte und doch stets vergißt. In dieser Annahme, daß man mit dem 
Gehirn denkt, eine Annahme, die sicher falsch ist, ist die Quelle von 
tausend und abertausend Albernheiten, freilich auch die Quelle für 
wertvolle Entdeckungen und Erfindungen, für alles, was das Leben 
verschönt und verhäßlicht. 

Sind Sie mit der Wirrnis zufrieden, in der wir uns herumtreiben ? 
Oder soll ich Ihnen noch erzählen, daß sich fortwährend in buntem 
Wechsel neue Es-Wesen zeigen, gleichsam als ob sie neu entstünden ? 
Daß es Es-Wesen der Körperfunktionen gibt, des Essens, Trinkens, 
Schlafens, Atmens, Gehens? Daß sich ein Es der Lungenentzündung 
oder der Schwangerschaft offenbart, daß sich aus dem Beruf, aus dem 
Alter, aus dem Aufenthaltsort, aus dem Klosett und Nachttopf, aus 
dem Bett, der Schule, der Konfirmation und Ehe, der Kunst und der 
Gewohnheit solche seltsame Dinge bilden? Verwirrung, unendliche 
Verwirrung. Nichts ist klar, alles ist dunkel, unentrinnbare Ver- 
schlingung. 

Und doch, und doch! Wir meistern das alles, wir treten mitten 
hinein in diese brodelnde Flut und dämmen sie ein. Wir packen diese 



267 



Gewalten irgendwo und reißen sie hierhin und dorthin. Denn wir 
sind Mensdien, und unser Griff vermag etwas. Er ordnet, gliedert, 
schafft und vollbringt. Dem Es steht das loh gegenüber, und wie es 
auch sei und was audi sonst noch zu sagen wäre: für die Mensdien 
bleibt immer der Satz : Idi bin Ich. 

Wir können nicht anders, wir müssen uns einbilden, daß wir 
Herren des Es sind, der vielen Es-Einheiten und des einen Gesamt- 
Es, ja audi Herren über Charakter und Handeln des Nebenmenschen, 
Herren über sein Leben, seine Gesundheit, seinen Tod. Das sind wir 
gewiß nicht, aber es ist eine Notwendigkeit unsrer Organisation, 
unsers Menschseins, daß wir es glauben. Wir leben, und dadurch, daß 
wir leben, müssen wir glauben, daß wir unsre Kinder erziehen 
können, daß es Ursadien und Wirkungen gibt, daß wir aus freier 
Überlegung heraus zu nützen und schaden vermögen. In der Tat 
wissen wir nichts über den Zusammenbang der Dinge, können nicht 
für vierundzwanzig Stunden vorausbestimmen, was wir tun werden, 
und haben nicht die Macht, irgend was absichtlich, zu tun. Aber wir 
werden vom Es gezwungen, seine Taten, Gedanken, Gefühle für Ge- 
schehnisse unsers Bewußtseins, unsrer Absiditlichkeit, unsers Ichs zu 
halten. Nur weil wir in ewigem Irrtum befangen sind, blind sind und nicht 
das Geringste wissen, können wir Ärzte sein und Kranke behandeln. 
Ich weiß nicht bestimmt, warum ich Ihnen das alles schreibe. Ver- 
mutlich um mich zu entschuldigen, daß ich trotz meines festen Glau- 
bens an die Allmacht des Es doch Arzt bin, daß ich trotz der Über- 
zeugung von der außerhalb meines Bewußtseins liegenden Notwendig- 
keit all meiner Gedanken und Taten doch immer wieder Kranke 
behandle und vor mir selber und vor andern so tue, als ob ich für Erfolg 
und Mißerfolg meiner Behandlung verantwortlich sei. Des Menschen 
wesentliche Eigenschaft ist Eitelkeit und Selbstüberschätzung. Ich kann 
mir diese Eigenschaft nicht nehmen, muß an mich und mein Tun glauben. 
Im Grunde wird alles, was im Menschen vorgeht, vom Es getan. 
Und das ist gut so. Und es ist auch gut, einmal wenigstens im Leben 



268 



still zu stehen und sich, so gut es geht, mit der Überlegung zu be- 
schäftigen, wie ganz außerhalb unsers Wissens und Vermögens die 
Dinge vor sich gehen. Für uns Ärzte ist das besonders notwendig. 
Nicht um uns Bescheidenheit zu lehren. Was sollen wir mit solch un- 
menschlicher, außermensdilidier Tugend? Sie ist doch nur pharisäisch. 
Nein, sondern weil wir sonst Gefahr laufen, einseitig zu werden, uns 
selbst und unsern Kranken vorzulügen, daß gerade diese oder jene 
Behandlungsart die allein richtige sei. Es klingt absurd, aber es ist 
doch wahr, daß Jede Behandlung des Kranken die richtige ist, daß er 
stets und unter allen Umständen richtig behandelt wird, ob er nun 
nach Art der Wissenschaft oder nach Art des heilkundigen Schäfers 
behandelt wird. Der Erfolg wird nicht von dem bestimmt, was wir 
unsern Kenntnissen gemäß verordnen, sondern von dem, was das Es 
unsers Kranken mit unsern Verordnungen macht. Wäre das nicht 
so, so müßte ein jeder Knochenbruch, der regelrecht eingerenkt und 
verbunden ist, heilen. Dem ist aber nicht so. Wäre wirklich ein so 
großer Unterschied zwischen dem Tun eines Chirurgen und dem eines 
Internisten oder Nervenarztes oder eines Pfuschers, so hätte man recht, 
sich seiner gelungenen Kuren zu rühmen und sich der Mißerfolge zu 
schämen. Aber dazu hat man kein Recht. Man tut es, aber man hat 
kein Recht dazu. 

Dieser Brief ist, wie mir scheint, aus einer merkwürdigen Stim- 
mung heraus gesdiriebcn. Und wenn ich so weiter fortfahre, madie 
ich Sie aller Wahrscheinlidikeit nach traurig oder .bringe Sie zum 
Lachen. Und weder das eine noch das andre liegt in meiner Absicht. 
Ich will Ihnen Heber erzählen, wie ich zur Psychoanalyse gekommen 
bin. Sie werden dann eher verstehen, was ich mit meinem Drumrumreden 
meine, werden einsehen, was für seltsame Gedanken ich über meinen 
Beruf und seine Ausübung habe. 

Ich muß Sie zunächst mit dem Seelenzustande bekannt machen, 
in dem ich mich damals befand und der sich in die Worte zusammen- 
fassen läßt, daß ich abgewirtschaftet hatte. Ich kam mir alt vor, hatte 

269 



kerne Lust mehr am Weibe oder am Manne, meiner Liebhabereien 
war ich überdrüssig geworden, und vor allem, meine ärztliche Tätig- 
keit war mir verleidet. Ich betrieb sie nur nodi zum Gelderwerb. Ich 
war krank, daran zweifelte ich selber nicht, wußte nur nicht, was mit 
nur los war. Erst einige Jahre später hat mir einer meiner medizini- 
schen Kr.tiker gesagt, woran ich litt: ich war hysterisch, eine Diagnose, 
von deren Richtigkeit ich um so mehr überzeugt bin, als sie ohne 
persönliche Bekanntschaft, lediglich nach dem Eindruck meiner Schriften 
gestellt worden ist: die Symptome müssen also sehr deutlich gewesen 
sein. In dieser Zeit übernahm ich die Behandlung einer schwerkranken 
Dame ; die hat mich gezwungen, Analytiker zu werden. 

Sie erlassen mir es wohl, auf die lange Leidensgeschichte dieser 
trau einzugehen; ich tue das nicht gern, weil es mir leider nicht ge- 
lungen ist, sie vollständig wieder herzustellen, wenn sie auch im Lauf 
der vierzehn Jahre, die ich sie kenne und verarzte, gesünder geworden 
ist als sie es selbst je erwartet hat Um Ihnen aber die Sicherheit zu 
geben, daß es sich bei ihr wirklich um eine solide „organische-, also 
wirkliche Erkrankung, nicht bloß um eine „eingebildete-, eine Hysterie 
wie bei mir handelte, berufe ich mich auf die Tatsache, daß sie in den 
letzten Jahren vor unsrer Bekanntschaft zwei schwere Operationen 
durchgemacht hatte und mir mit einem reichlichen Vorrat von Digitalis, 
Skopolamin und anderem Dreck als Todeskandidatin von ihrem letzten 
wissenschaftlichen Berater übergeben wurde. 

Anfangs war unser Verkehr nicht leicht. Daß sie meine etwas 
gewalttätige Untersuchung mit reichlichen Gebärmutter- und Darm- 
blutungen beantwortete, überrascite mich nicht : dergleichen hatte ich 
bei andern Kranken des öfteren erlebt Was mir aber auffiel, war 
daß sie, trotz ilirer ansehnhchen Intelligenz, über einen lächerlich arm- 
seligen Wortschatz verfügte. für die meisten Gegenstände des Ge- 
hrauchs benutzte sie Umschreibungen, so daß sie etwa statt Schrank 
das Dmg für die Kleider sagte, oder statt Ofenrohr die Einrichtung 
für den Rauch. Gleichzeitig vermochte sie nicht bestimmte Bewegungen 



270 



zu ertragen, etwa das Zupfen an der Lippe oder das Spielen mit irgend 
einer Stuhlquaste. Verschiedene Gegenstände, die uns zum täglichen 
Leben notwendig vorkommen, waren aus dem Krankenzimmer verbannt. 

Wenn ich jetzt auf das Krankheitsbild, wie es sich damals darbot, 
zurückblicke, wird es mir schwer zu glauben, daß ich einmal eine Zeit 
gehabt habe, wo ich nichts von allen diesen Dingen verstand. Und 
doch war es so. Ich sah wohl, daß es sich bei meiner Kranken um 
eine enge Verquickung sogenannter körperlicher und psychischer Er- 
scheinungen handelte, aber wie die zustande gekommen war und wie 
man der Kranken helfen sollte, wußte ich nicht. Nur das eine war mir 
von vornherein klar, daß irgend eine geheimnisvolle Beziehung zwischen 
mir und der Patientin war, die sie veranlaßte, Vertrauen zu mir zu 
fassen. Damals kannte ich den Begriff der Übertragung noch nicht, 
freute mich nur der scheinbaren Suggestibilität des Behandlungsobjektes 
und arztete darauf los, wie ich es gewohnt war. Einen großen Erfolg 
errang ich schon bei dem ersten Besuch. Bisher hatte sich die Kranke 
stets geweigert, mit einem Arzt allein zu verhandeln; sie verlangte, 
daß die ältere Schwester dabei sei, und infolgedessen ging jeder Ver- 
ständigungsversuch immer durch die Vermittlung der Schwester vor sich. 
Seltsamerweise ging sie sofort auf meinen Vorschlag, mich das nächste 
Mal allein zu empfangen, ein : erst später ist mir klar geworden, daß das 
an der Art der Übertragung lag. Fräulein G. sah in mir die Mutter. 

Hier muß ich eine Bemerkung über das Es des Arztes einschieben. 
Es war damals meine Gewohnheit, die wenigen Anordnungen, die ich 
gab, mit absoluter Strenge - ich muß den Ausdruck gebrauchen - 
Unerschrockenheit durchzusetzen. Ich gebrauchte die Redewendung: 
„Sie müssen eher sterben, als irgend eine Verordnung übertreten", 
und ich machte damit Ernst. Ich habe Magenkranke, die nach bestimmten 
Speisen Schmerzen oder Erbrechen bekamen, so lange ausschließlich 
gerade mit diesen Speisen genährt, bis sie es gelernt hatten, sie zu 
vertragen, ich habe andre, die wegen irgend einer Gelenks- oder 
Venenentzündung unbeweglich zu Bett lagen, gezwungen, aufzustehen 



271 






und zu gehen, ich habe Apoplektiker damit behandelt, daß idi sie 
sich täglich bücken ließ und habe Menschen, von denen ich wußte, 
daß sie in wenigen Stunden sterben würden, angekleidet und bin mit 
ihnen spazierengegangen, habe es erlebt, daß einer von ihnen vor 
der Haustür tot zusammenbrach. Diese Art, als kraftvoller, gütiger 
Vater autoritative, unfehlbare, väterliche Suggestion zu treiben, kannte 
idi von meinem Vater her, hatte sie bei dem größten Meister des 
„Arzt- Vaterseins Schweninger gelernt und besaß wohl auch ein Stück 
davon von Geburt her. In dem Fall des Fräulein G. verlief alles an- 
ders, von vornherein anders. Ihre Einstellung mir gegenüber als Kind 
- und zwar, wie sich später herausstellte, als dreijähriges Kind - 
zwang mir die Rolle der Mutter auf. Bestimmte schlummernde Mutter- 
kräfte meines Es wurden von dieser Kranken geweckt und gaben 
meinem Verfahren ihre Richtung. Später, als ich mein eignes ärztli- 
ches Handeln aufmerksamer prüfte, fand ich, daß derlei rätselhafte 
Einflüsse mich schon oft in andre Einstellungen zu meinen Kranken 
als die väterliche gedrängt hatten, obwohl ich bewußt und theoretisch 
fest davon überzeugt war, der Arzt müsse Freund und Vater sein, 
müsse herrschen. 

Da stand ich nun auf einmal vor der seltsamen Tatsache, daß 
nicht ich den Kranken, sondern daß der Kranke mich behandelt ; oder 
um es in meine Sprache zu übersetzen, das Es des Nebenmenschen 
sucht mein Es so umzugestalten, gestaltet es auch wirklich so um, daß 
es für seine Zwecke brauchbar wird. 

Schon diese Einsicht zu gewinnen, war schwer ; denn Sie begreifen, 
daß damit mein Verhältnis zum Kranken gänzlich umgekehrt wurde. 
Es kam nun nicht mehr darauf an, ihm Vorschriften zu geben, ihm 
das zu verordnen, was ich für richtig hielt, sondern so zu werden, wie 
der Kranke mich brauchte. Aber von der Einsicht bis zur Ausführung 
der sich daraus ergebenden Folgerungen ist ein weiter Weg. Sie haben 
diesen Weg ja selbst beobachtet, selbst gesehen, wie ich aus einem 
aktiv eingreifenden Arzt ein passives Werkzeug geworden bin, haben 



272 



mich oft: deswegen getadelt und tadeln midi noch, bestürmen mich 
immer wieder und wieder, hier zu raten, dort einzugreifen und 
anderswo befehlend und führend zu helfen. Wenn Sie es doch lassen 
wollten I Ich bin für die Helfertätigkeit unrettbar verloren, vermeide 
es, einen Rat zu geben, gebe mir Mühe, jeden Widerstand meines 
Unbewußten gegen das Es der Kranken und seine Wünsche so rasch 
wie möglich aufzulösen, fühle mich glücklich dabei, sehe Erfolge und 
bin selbst gesund geworden. Wenn ich etwas bedaure, so ist es, daß 
der Weg, den ich gehe, allzu breit und gemächlich ist, so daß ich aus 
purer Neugier und füllenartigem Übermut davon abbiege, mich in 
Klüften und Sümpfen verliere und so mir selbst und meinen Schutz- 
befohlenen Mühe und Schaden bringe. Mir kommt es vor, als ob das 
Schwerste im Leben sei, sich gehen zu lassen, den Es-Stimmen des 
Selbst und des Nebenmenschen zu lauschen und ihnen zu folgen. 
Aber es lohnt sich. Man wird allmählich wieder Kind und Sie wissen : 
So Ihr nicht werdet wie die Kinder, so könnt Ilir nicht in das Himmel- 
reich kommen. Man sollte das Gernegroßsein mit fünfundzwanzig 
Jahren aufgeben ; bis dahin braudit man es ja wohl, um zu wachsen, 
aber nachher ist es doch nur für die seltenen Fälle der Erektion nötig. 
Sich erschlaffen lassen und die Erschlaffung, das Schlaffsein, das Schlapp- 
schwanzsein weder sich noch andern zu verbergen, darauf käme es an. 
Aber wir sind wie jene Landsknechte mit dem Holzphallus, von denen 
ich Ihnen erzählte. 

Genug für heute. Es drängte mich längst, einmal ein Urteil von 
Ihnen zu hören, wie weit ich im Kindwerden, in der Ent-Ichung ge- 
kommen bin. Ich selbst habe das Gefühl, daß ich noch in den An- 
fängen dieses meist Altern genannten Prozesses bin, der mir wie ein 
Kindwerden vorkommt. Aber ich kann mich irren ; das Zornwort einer 
Kranken, die mich nach zwei Jahren der Trennung wiedersah : „Sie 
haben seelisches Embonpoint angesetzt," hat midi etwas zuversiditlicher 
gemacht. Bitte, geben Sie Auskunft Ihrem getreuen 

PATRIK TROLL. 

18 G r o d d o c k, Das Buch vom Es 273 



31. 
ICH HÄTTE NICHT GEDACHT, DASS SIE SO SCHELTEN 
können, Vereinteste. Klarheit verlangen Sie, nidits als Klarheit. Klar- 
heit? Wenn mir die Es-Frage War wäre, würde ich glauben, Gott 
selbst zu sein. Gestatten Sie mir, bescheidener von mir zu denken. 

Lassen Sie mich dazu zurückkehren, wie ich Freuds Sdiüler 
wurde. Nachdem mich Fräulein G. zu ihrem Mutter-Arzte ernannt 
hatte, wurde sie zutraulicher. Sie ließ sich alle möglichen Hantierungen, 
wie sie mein Gewerbe als Masseur mit sich brachte, ruhig gefallen, 
aber die Schwierigkeiten der Unterhaltung blieben. Nach und nach ge- 
wöhnte ich mir - aus Spielerei, wie mir schien - ihre umschreibende Aus- 
drucksweise an und siehe da, nach einiger Zeit bemerkte idi zu meiner 
höchsten Verwunderung, daß ich Dinge sah, die ich früher nicht ge- 
sehen hatte. Ich lernte das Symbol kennen. Es muß sehr allmählich 
gegangen sein, denn ich besinne midi nicht, bei welcher Gelegenheit 
ich zuerst begriff, daß ein Stuhl nicht nur ein Stuhl, sondern eine 
ganze Welt ist, daß der Daumen der Vater ist, daß er Siebenmeilen- 
stiefei anziehen kann und dann als ausgestreckter Zeigefinger Erektions- 
symbol wird, daß ein geheizter Ofen eine heißblütige Frau bedeutet 
und das Ofenrohr den Mann, und daß die schwarze Farbe dieses 
Rohrs unausspredilichen Schrecken verursacht, weil in dem Schwarz 
der Tod ist, weil dieser harmlose Ofen den Geschlechtsverkehr eines 
abgeschiedenen Mannes mit einer lebendigen Frau bedeutet 

Was soll ich weiter davon sprechen? Ein Rausch kam über mich, 
wie ich ihn nie vorher noch nachher erlebt habe. Das Symbol war 
das erste, was ich von aller analytischen Weisheit lernte, und es hat 
mich nicht wieder losgelassen. Ein langer, langer Weg von vierzehn 
Jahren liegt hinter mir und wenn ich ihn zu überschauen suche, ist er 
voll von seltsamen Funden der Symbolik, verwirrend voll, herrlich 
bunt und schillernd vom Wechsel der Farben. Die Gewalt, mit der 
mich diese Einsicht in die Symbole umänderte, muß ungeheuer ge- 
wesen sein, denn sie trieb midi schon in den ersten Wochen meiner 

274 



Lehrzeit dazu, in der organischen Veränderung des menscblidien 
Äußeren, in dem, was man physische organische Krankheit nennt, das 
Symbol zu suchen. Daß das psychische Leben ein fortdauerndes Symboli- 
sieren sei, war mir so selbstverständlich, daß ich ungeduldig die sich 
aufdrängenden Massen neuer, für mich neuer Gedanken und Gefühle 
wegdrängte und in toller Hast die Wirkung des Symbolzeigens in 
Organerkrankungen verfolgte. Und diese Wirkungen waren für mich 
Zauberwirkungen. 

Bedenken Sie, ich hatte eine zwanzigjährige ärztliche Tätigkeit 
hinter mir, die sich - ein Erbteil Schweningers - nur mit dironischen, 
aufgegebenen Fällen beschäftigte. Ich wußte genau, was auf meinem 
früheren Wege zu erreichen war, und ich schrieb das Mehr, das nun 
entstand, ohne weiteres meiner Belehrung über die Symbole zu, die 
ich wie einen Sturmwind über die Kranken dahinbrausen ließ. Es war 
eine schöne Zeit. 

Gleichzeitig mit den Symbolen lernte ich durch meine Kranke eine 
andre Eigentümlichkeit menschlichen Denkens praktisch kennen, den 
Assoziationszwang. Vermutlich haben dabei auch Einflüsse andrer 
Herkunft, Zeitschriften, mündliche Mitteilungen, Klatsch mitgewirkt, 
das Wesentliche aber kam von Fräulein G. Auch mit Assoziationen 
beglückte ich sofort meine Klienten, es ist mir auch genug davon in 
meinen ärztlidien Gewohnheiten haften geblieben, um damit Fehler 
zu begehen, aber damals schien mir alles sehr gut. 

So lange es dauerte. Schon bald traten Rückschläge ein. Irgend- 
welche geheimnisvolle Kräfte stemmten sich mir plötzlich entgegen, 
Dinge, die ich später unter I r e u d s Einfluß als Widerstände zu be- 
zeichnen lernte; ich verfiel zeitweise wieder in die Methode des Be- 
fehlcns, wurde dafür durch Mißerfolge bestraft und lernte schließlich 
leidlich mich durchwinden. Alles in allem ging die Sache über Erwarten 
gut und als der Krieg ausbrach, hatte ich mir ein Verfahren zurecht- 
gebaut, das den Anforderungen meiner Praxis allenfalls entsprach. 
Ich habe dann während der paar Monate Lazarettätigkeit mein 

«" 275 






dilettantisches wildes Analysieren, das ich übrigens noch jetzt bei- 
behalten habe, an Verwundeten erprobt und habe gesehen, daß die 
Wunde oder der Knocfaenbrucfa ebenso auf die Analyse des Es reagiert 
wie die Nierenentzündung oder der Herzfehler oder die Neurose. 

Soweit schreibt sich das ganz nett und angenehm und es klingt 
wahrscheinlich. Aber mitten in dieser Entwicklung steht etwas Rätsel- 
haftes: ein öffentlicher Angriff auf Freud und die Psychoanalyse. 
Sie können ihn noch gedruckt lesen in einem Buch über den gesunden 
und kranken Menschen. Ich habe mir immer eingebildet, daß ich die 
Analyse von Fräulein G. gelernt habe, bilde es mir noch ein. Es kann 
aber nicht wahr sein ; denn wie sollte ich sonst zu einer Zeit, wo ich 
angeblich gar nichts von F r e u d wußte, seinen Namen gekannt haben ? 
Daß ich nichts Richtiges über ihn wußte, ergibt sich aus dem Wortlaut 
des Angriffs. Ich kann mir nichts Dümmeres denken als diesen Wort- 
laut. Aber wo in aller Welt haben die Glocken gehangen, die ich 
läuten hörte? Erst vor ganz kurzer Zeit ist es mir eingefallen. Die 
erste Idee davon bekam ich viele Jahre, ehe ich Fräulein G. kennen lernte, 
durch einen Artikel der „Täglichen Rundschau" und das zweitemal 
hörte ich Freuds Namen und den Ausdruck : Psychoanalyse durch 
das Geschwätz einer Kranken, die ihre Kenntnisse irgendwo auf- 
gelesen hatte. 

Die Eitelkeit hat mich lange daran gehindert, mich mit der wissen- 
schaftlichen Psychoanalyse zu beschäftigen. Später habe ich versucht, 
diesen Fehler wieder gut zu machen, hoffe auch, daß es mir leidlich 
gelungen ist, wenn auch hie und da unausjätbares Unkraut in meinem 
analytischen Denken und Handeln übrig geblieben ist Aber der Eigen- 
sinn, nicht lernen zu wollen, hat auch seinen Vorteil gehabt In dem 
blinden Dahintaumeln, das durch Kenntnisse nidit beschwert war, bin 
ich von ungefähr auf die Idee gestoßen, daß es außer dem Unbewußten 
des Gehirndenkens analoges Unbewußtes in andern Organen, Zellen, 
Geweben usw. gibt, und daß sich bei dem innigen Zusammenschluß 
dieser einzelnen Unbewußtwesen zum Organismus ein heilender Ein- 

276 






fluß auf jedes dieser Einzelwesen durch Analyse des unbewußten 
Gehirns gewinnen läßt. 

Sie müssen nicht denken, daß mir behaglich zumute ist, während 
ich diese Sätze niederschreibe. Ich habe das dunkle Gefühl, daß sie 
nicht einmal Ihrer hebenswürdigen Kritik standhalten, geschweige denn 
einer ernsthaften Prüfung der Fachwissenschaft. Da es mir immer 
leichter geworden ist, zu behaupten als zu beweisen, greife ich auch 
hier zur Behauptung und sage : Auf dem Wege der Analyse läßt sich 
jede Erkrankung des Organismus, gleichgültig, ob sie psychisch oder 
physisch genannt wird, beeinflussen. Ob man im gegebenen Fall ana- 
lytisch oder chirurgisch oder physikalisch, diätetisch oder medikamentös 
verfahren soll, ist eine Zweckmäßigkeitsfrage. An sich gibt es kein 
Gebiet der Medizin, auf dem sich Freuds Entdeckung nicht ver- 
werten ließe. 

Ihr Hinweis, liebe Freundin, daß ich praktischer Arzt bin und 
mich Doktor nenne, ist so energisch gewesen, daß ich midi genötigt 
sehe, ein wenig mehr von Krankheit zu plaudern, wie ich mir ihr 
Zustandekommen und ihre Heilung vorstelle. Zunächst aber müssen 
wir uns darüber einigen, was wir Krankheit nennen wollen. Ich denke, 
wir kümmern uns nicht darum, was andre Leute darunter verstehen, 
sondern stellen unsern eigenen Begriff auf. Und da schlage ich vor, 
klar auszusprechen: Krankheit ist eine Lebensäußerung des mensch- 
lichen Organismus. Nehmen Sie sich Zeit, darüber nachzudenken, ob 
Sie dieser Formel zustimmen wollen oder nicht. Und gestatten Sic mir, 
währenddessen so zu tun, als ob Sie meinen Satz billigten. 

Vielleicht halten Sie die Frage nicht für besonders wichtig. Aber 
wenn Sie, wie ich, sich dreißig Jahre lang Mühe gegeben hätten, Tag 
für Tag so und so viel Menschen diesen einfachen Satz begreiflich zu 
machen und doch Tag für Tag dreißig Jahre lang die Erfahrung ge- 
macht hätten, daß er durchaus nicht in die Köpfe der Menschen 
hineingeht, würden Sie mir beipflichten, wenn ich Wert darauf lege 
daß Sie wenigstens ihn verstehen. 

277 



Wem, wie mir, Krankheit eine Lebensäußerung des Organismus 
ist, der sieht in ihr nicht mehr einen Feind. Es kommt ihm nicht 
mehr in den Sinn, die Krankheit bekämpfen zu wollen, er sucht sie 
nicht zu heilen, ja er behandelt sie nicht einmal. Es wäre für mich 
ebenso absurd, sie zu behandeln, als wenn ich Ihre Spottsucht dadurch 
zu beheben suchte, daß ich die kleinen Bosheiten Ihrer Briefe säuber- 
lich in ebensoviel Artigkeiten umschriebe, ohne Ihnen auch nur Mit- 
teilung davon zu machen. 

Mit dem Augenblick, wo ich einsehe, daß die Krankheit eine 
Schöpfung des Kranken ist, wird sie für mich dasselbe, wie seine Art 
zu gehen, seine Sprechweise, das Mienenspiel seines Gesichts, die 
Bewegung seiner Hände, die Zeichnung, die er entworfen, das Haus, 
das er gebaut, das Geschäft, das er abgeschlossen hat, oder der Gang, 
den seine Gedanken gehen : ein beachtenswertes Symbol der Gewalten, 
die ihn beherrschen und die ich zu beeinflussen suche, wenn ich es 
für recht halte. Die Krankheit ist dann nichts Abnormes mehr, sondern 
etwas, was durch das Wesen dieses einen Menschen, der krank ist 
und von mir behandelt werden will, bedingt ist. Ein Unterschied be- 
steht darin, daß die Schöpfungen des Es, die wir Krankheiten zu 
nennen pflegen, unter Umständen für den Schöpfer selbst oder seine 
Umgebung unbequem sind. Aber letzten Endes kann auch eine schrille 
Stimme oder eine unleserliche Handschrift für Mensch und Neben- 
menschen unerträglich sein und ein unzweckmäßig gebautes Haus 
bedarf ebenso des Umbaues wie etwa eine Lunge, die entzündet ist, 
so daß schließlich keine wesentliche Verschiedenheit zwischen der 
Krankheit und dem Sprechen oder Schreiben oder Bauen zu finden 
ist. Mit andern Worten, ich kann mich nicht mehr dazu entschließen, 
mit einem Kranken anders zu verfahren als mit jemandem, der schlecht 
schreibt oder spricht oder schlecht baut Ich werde versuchen, heraus- 
zubekommen, warum und zu welchem Zweck sein Es sich des schlechten 
Sprechens, Schreibens, Bauens, des Krankseins bedient, was es damit 
sagen will. Ich werde mieb bei ihm, bei dem Es selbst erkundigen, 

278 



was für Gründe es zu seinem, mir und ihm selber unangenehmen 
Verfahren hat, werde midi darüber mit ihm unterhalten und sehen, 
was es dann tut. Und wenn eine Unterhaltung nicht genügt, so werde 
ich sie wiederholen, zehnmal, zwanzigmal, hundertmal, so lange, bis 
dieses Es die Unterredungen langweilig findet und entweder sein Ver- 
fahren ändert oder sein Geschöpf, den Kranken, zwingt, mich zu ent- 
lassen, durch Abbrechen der Behandlung oder durch den Tod. 

Nun gebe ich zu, es kann notwendig sein, ist es sogar meist, ein 
schlecht gebautes Haus so rasch wie möglich umzubauen oder nieder- 
zureißen, einen Menschen, der eine Lungenentzündung hat, ins Bett 
zu stecken, ihn zu pflegen, einem Wassersüchtigen etwa mit Digitalis 
das Wasser wegzutreiben, einen zerbrochenen Knochen einzurenken 
und unbeweglich zu madien, ein brandiges Glied abzuschneiden. Ja 
ich habe sogar begründete Hoffnung, daß ein Architekt, dessen Neubau 
sofort nadi der Übergabe an den Bauherrn umgebaut oder nieder- 
gerissen wird, in sich gehen, seine Fehler einsehen, sie in Zukunft 
vermeiden oder seinen Beruf ganz aufgeben wird, daß ein Es, wenn 
es sein eignes Fabrikat, Lunge oder Knochen, geschädigt und dadurch 
Schmerz und Leid erfahren hat, vernünftig wird und für später etwas 
gelernt hat. Mit andern Worten, das Es kann sich selbst davon durch 
Erfahrung überzeugen, daß es dumm ist, seine Kräfte in der Pro- 
duktion von Krankheiten zu zeigen, statt sie zur Produktion eines 
Liedes, eines Geschäftsgangs, einer Blasenentleerung oder eines Ge- 
schlechtsakts zu benutzen. Aber das alles entbindet mich, dessen Es 
mich zum Arzt hat werden lassen, nicht von der Notwendigkeit, wenn 
Zeit dazu ist, die Gründe des krankheitsüditigen Es meines Neben- 
menschen anzuhören, sie zu würdigen und wo es not tut und möglich 
ist, zu widerlegen. 

Die Sache ist wichtig genug, um sie noch einmal von einer andern 
Seite zu beleuchten. Wir sind im allgemeinen gewöhnt, die Gründe 
für unsre Erlebnisse, je nachdem es uns gefällt, in der Außenwelt 
oder in unsrer Innenwelt zu suchen. Wenn wir auf der Straße aus- 



279 



gleiten, suchen und finden wir die Apfelsinensdiale, den Stein, die 
äußere Ursache, die uns zu Fall gebracht hat. Wenn vir dagegen eine 
Pistole nehmen und schießen uns eine Kugel vor den Kopf, so sind 
wir der Ansicht, daß wir das aus inneren Gründen absichtlich tun. 
Wenn jemand eine Lungenentzündung bekommt, so schieben wir das 
auf die Infektion durch Pneumokokken, wenn wir aber vom Stuhl 
aufstehen, durch das Zimmer gehen und aus dem Schrank Morphium- 
gift holen, um es zu nehmen, so glauben wir aus inneren Gründen 
zu handeln. Ich bin, wie Ihnen bekannt ist, stets ein Besserwisser ge- 
wesen, und wenn mir jemand die berühmte Apfelsinenschale ent- 
gegenhielt, die trotz aller Polizei Vorschriften auf der Straße lag und 
den Armbrudi der Frau Lange herbeigeführt hatte, bin ich hinge- 
gangen und habe sie gefragt: „Welchen Zweck verfolgen Sie damit, 
den Arm zu brechen?" Und wenn mir jemand erzählte, der Herr 
Treiner hat gestern Morphium genommen, weil er nicht schlafen 
konnte, habe ich Herrn Treiner gefragt : »Wie und wodurch ist gestern 
die Idee »Morphium* so stark in Ihnen geworden, daß Sie sich schlaflos 
maditen, um Morphium nehmen zu können?" Bisher ist mir immer 
Antwort auf solche Fragen geworden, was auch nicht allzu verwunder- 
lich ist. Alle Dinge haben zwei Seiten, also kann man sie auch von 
zwei Seiten betrachten, und überall wird man, wenn man sich Mühe 
gibt, eine äußere und eine innere Ursache für die Geschehnisse des 
Lebens finden. 

Dieser Sport des Besserwissenwollens hat nun seltsame Folgen 
gehabt. In der Beschäftigung damit bin ich immer mehr dazu verlockt 
worden, die innere Ursache aufzusuchen, teils weil ich in eine Zeit 
hineingeboren wurde, die vom Bazillus und nur vom Bazillus 
schwatzte, wenn sie nicht gar noch die Wörter Erkältung und Magen- 
verderben anbetete, teils weÜ sich frühzeitig - aus Troll-Hochmut 
heraus - der Wunsch ausbildete, in mir ein Es, einen Gott zu finden, 
den ich für alles verantwortlich machen könnte. Da ich aber nicht 
schlecht genug erzogen war, um die Allmacht für midi allein zu be- 

280 



i 



1 



ansprudien, so vindizierte ich sie auch anderen Menschen, erfand 
auch für sie das Ihnen so anstößige Es und konnte nun behaupten : 
„die Krankheit kommt nicht von außen, der Mensch erschafft sie 
selbst, benutzt die Außenwelt nur als Werkzeug, um sich damit krank 
zu madien, greift aus seinem unerschöpflichen Instrumcntenlager der 
ganzen Welt bald die Spirochäte der Syphilis, heute eine Apfelsinen- 
schale, morgen eine GeMehrkugel und übermorgen eine Erkältung 
heraus, um sich selbst damit ein Leid zuzufügen. Stets tut er es mit 
dem Zweck der Lustgewinnung, weil er als Mensch von Natur Freude 
am Leid hat, weil er als Mensch von Natur sich sündig fühlt und 
das Gefühl der Schuld durch Selbstbestrafung fortschaffen will, weil 
er irgendeiner Unbecjuemlichkeit ausweichen will. Meist ist ihm von 
all diesen Seltsamkeiten nichts bewußt, ja in Wahrheit wird alles in 
Tiefen des Es beschlossen und ausgefülirt, in die wir nie hinein- 
schauen können, aber zwischen den unergründlichen Schichten des Es 
und unserem gesunden Menschenverstand gibt es für das Bewußt- 
sein erreichbare Schichten des Unbewußten, Schichten, die Freud be- 
wußtseinsfähig nennt und in denen lassen sich allerhand nette Dinge 
finden. Und was das Seltsamste ist, wenn man sie durchstöbert, ge- 
schieht es nicht gar zu selten, daß plötzlich das da ist, was wir 
Heilung nennen. Ohne daß wir das Geringste davon verstehen, wie 
die Heilung zustande kommt, von ungefähr, ohne all unser Ver- 
dienst und Würdigkeit, ich muß es immer wieder sagen. 

Zum Schluß alter Gewohnheit gemäß eine Geschichte oder lieber 
zwei. Die eine ist einfach genug und Sie werden es wahrscheinlich 
albern finden, daß ich ihr Wert beimesse. Zwei Offiziere unterhalten 
sich im Schützengraben von der Heimat und wie schön es wäre, einen 
Schuß zu bekommen, der einem den nötigen Urlaub von einigen 
. Wochen oder Monaten verschaffte. Einer von beiden ist damit nicht 
zufrieden, er wünscht sich eine ausreichende Verletzung, die ihn 
dauernd in die Heimat bringt und erzählt von einem Kameraden, 
der durch das rechte Ellenbogengelenk geschossen und dadurch 



un- 



281 






tauglidi für den Felddienst wurde. „So etwas wäre mir ganz recht ■ 
Eine halbe Stunde später ist sein rechtes Ellenbogengelenk durch- 
schossen. Die Kugel traf ihn in dem Augenblick, wo er die Hand 
zum Gruß erhob. Hätte er nicht gegrüßt, wäre das Gesdioß vorbei- 
geflogen. Und er hatte es nicht nötig zu grüßen, denn dem Kame- 
raden, dem sein Gruß galt, war er in den letzten zwei Stunden 
schon dreimal begegnet. Sie brauchen der Sache keine Bedeutung 
beizulegen ; es genügt, wenn ich mir meinen Vers darauf mache. Und 
da ich die wohlüberlegte Absicht gehabt habe, möglichst oft zwischen 
Verwundung und Verwundungs wünsch des Es innere Zusammen- 
hänge zu finden, ist es mir nicht schwer geworden, sie in die Leute 
hineinzureden. Basta. 

Ein andrer Herr kam lange nach dem Kriege in meine Behand- 
lung, es tut nichts zur Sache weshalb. Er litt unter anderm an 
kurzen epileptischen Anfällen und bei der Beschreibung solcher An- 
fälle erzählte er mir folgende Geschichte: Er war auch felddienst- 
müde geworden und beschäftigte sich mit dem Gedanken, wie er 
wohl ohne allzuschwere Folgen glücklich aus dem Schlamassel heraus- 
kommen könne. Da fiel ihm ein - und auch dieser Einfall war 
nicht zufällig, sondern durch kurz vorhergehende Eindrücke be- 
dingt, deren Aufzählung zu weit führen würde - es fiel ihm ein, 
wie er als Sekundaner von seinem allzu strengen Vater ge- 
zwungen worden war, Schneeschuh zu laufen, wie unbequem ihm 
das war und wie er seinen Kameraden, der sich beim Skilaufen die 
rechte Kniescheibe gebrochen hatte und infolgedessen monatelang 
aus der Schule bleiben mußte, beneidet hatte. Zwei Tage darauf war 
er als Batteriechef in seinem Beobachtungsstand. Seine Batterie wurde 
von drei französischen Batterien beschossen, einer leichten, die zu 
kurz schoß, einer mittleren, die zu weit nach links schoß und einem 
schweren Geschütz, dessen Granaten in regelmäßigen Zeitabständen 
von genau fünf Minuten gerade zwischen der Batterie und seinem 
Beobachtungsposten einschlugen. Wenn der Herr von So und So 







282 



seinen Stand sofort nach dem Platzen der schweren Granate verließ, 
konnte er ohne jede Gefahr zu seiner Batterie hinübergehen, was 
er auch zweimal tat. Da kam ein Befehl von den Herren hinten im 
sicheren Posten, die Batterie des Herrn von So und So solle ihren 
Platz wechseln. Er ärgerte sich weidlich über den Befehl, sehnte sich 
wieder einmal nach dem Heimatschuß und verließ — Ja ich muß 
glauben, was er mir sagte, und ich glaube es auch - verließ genau 
in dem Augenblick seinen geschützten Stand, in dem die wohl- 
bekannte Pause zwischen den scheren Granaten abgelaufen war. Der 
Erfolg war befriedigend : zwei Sekunden später lag er mit zerschmet- 
terter rechter Kniescheibe am Boden, bekam seinen Anfall und wurde, 
zum Bewußtsein gekommen, hinter die Front getragen. - Natürlich 
ist es ein Zufall. Wer könnte daran zweifeln? Aber die Sache hatte 
ein kleines Nachspiel, dessentwegen ich Ihnen die Geschichte erzähle. 
Der Herr von So und So hatte nämlich ein steifes Bein von jener 
Zeit zurückbehalten, nicht ganz steif, aber dodi so, daß man beim 
passiven Beugen des Gelenks bei etwa 2O auf einen Widerstand 
stieß, der nach Aussage von Leuten, die es wissen mußten, da sie 
gelernte Chirurgen und Meister im Röntgen waren, teilweise auch 
recht achtbare Namen trugen, auf einer Narbenverwachsung an der 
Kniescheibe beruhte. Am Tag nach jener Erzählung konnte der Herr 
von So und So sein Knie bis auf 3O bringen, am folgenden Tag 
noch etwas weiter und nach acht Tagen fuhr er Rad. Und war doch 
nichts mit seinem Knie geschehen, als daß er davon gesprochen hatte 
und auf die seltsamen Heilkuren des Es hingewiesen worden war. 
Knien hat er aber nicht gelernt. Und das ist sdiade. Seine Mutter ist 
eine fromme Frau und möchte gern, daß er wieder beten lernt, was 
er als Kind mit vielem Eifer getan hat. Aber, es scheint, daß er mit 
seinem Vater, nach dessen Bild er sich Gott geschaffen hatte, noch 
allzu sehr zerfallen ist, um vor ihm die Knie zu beugen. 

Ich muß Ihnen noch etwas erzählen: Ein junger Herr hat mich 
neulich besucht, der war vor Jahr und Tag in meiner Behandlung. 



2m 






Er litt an einer entsetzlichen Angst, die ihn Tag aus Tag ein ver- 
folgte. Als er zu mir kam, wußte er schon, daß es eine Kastrations- 
angst sei, erzählte mir auch gleich im Anfang einen Kindheits träum, 
wie zwei Räuber in die Koppel seines Vaters gekommen seien und 
seinen Lieblingsrappen - der Herr hat im Gegensatz zu seinen beiden 
Brüdern ganz schwarzes Haar - kastriert hätten. Als halbes Kind 
noch - ich glaube mit neun Jahren - hat er sich einen Dauer- 
schnupfen zugelegt, und es hat auch nicht lange gedauert, da hat 
man ihm ein Stück aus der Nasenscheidewand herausgenommen. Ich 
kenne das ; es ist ein Kniff des Es, den Vater symbolisch zu kastrie- 
ren. Und zehn Jahre später hat er sich ohne jeden Grund beide 
kleinen Zehen abnehmen lassen, im Symbol beide Brüder kastriert 
Es hat aber nichts geholfen, seine Angst ist geblieben. Er ist sie erst 
nach einer jahrelangen, mühseligen Analyse losgeworden. Komisch 
an der Sache ist, daß dieser Herr die lebhafte Lustphantasie hat, 
als Weib zu genießen, dabei aber doch heterosexuell im besonderem 
Maße tätig sein möohte. Er hat es vorgezogen, seinen Wunsch, 
kastriert, Weib zu werden, wie er sich im Traum ausspricht, gegen 
Vater und Bruder zu kehren, büßt diesen bösen Wunsch mit der 
Nasen- und Zehenoperation und mit der Angst. 

Das Es macht wunderliche Streiche, macht gesund, macht krank, 
erzwingt Amputationen heiler Glieder und läßt die Menschen in die 
Kugel hineinlaufen. Kurz, es ist ein launisch unberechenbares, kurz- 
weiliges Ding. 

Herzlichst Ihr 

PATRIK. 




NEIN, LIEBE FREUNDIN, DIE ZEHEN SIND JENEM KRANKEN 
nicht wieder gewachsen, trotz Es und Analyse. Das schließt aber nicht 
aus, daß irgendwann einmal eine Methode gefunden wird, mit deren 
Hilfe das Es veranlaßt werden kann, amputierte Glieder neu zu bilden 



284 



Die Experimente über das Wadistura von Organteilen, die aus dem 
Organismus heraus gelöst sind, beweisen, daß mandics möglich ist, 
was man vor dreißig Jahren für unmöglich hielt. Aber ich habe vor, 
Ihrem guten Glauben noch viel Seltsameres zuzumuten. 

Wie denken Sie zum Beispiel über das Ich? Ich bin Ich, das ist 
ein lundamentalsatz unsers Lebens. Meine Behauptung, daß dieser 
Satz, in dem sich das Ichgefühl des Menschen ausspridit, ein Irrtum 
ist, wird die Welt nicht erschüttern, wie er es tun würde, wenn man 
dieser Behauptung glaubte. Man wird ihr nicht glauben, kann ihr nidit 
glauben, ich selbst glaube nicht daran, und doch ist sie wahr. 

Ich ist durchaus nidit Ich, sondern eine fortwährend wediselnde 
Form, in der das Es sich offenbart, und das Ichgefühl ist ein Kniff 
des Es, den Menschen in seiner Selbsterkenntnis irre zu machen, ihm 
das Sichselbstbelügen leichter zu machen, ihn zu einem gefügigeren 
Werkzeug des Lebens zu machen. 

Ich. Mit der Verdummung, die das Älterwerden mit sich bringt, 
gewöhnen wir uns so an diese uns vom Es cingeblasene Größenidee, 
daß wir die Zeit ganz vergessen, in der wir diesem Begriff verständnis- 
los gegenüberstanden, in der wir von uns in der dritten Person 
sprachen: „Emmy unartig, muß Schläge haben." „Panik gut gewesen, 
Schokolade." Welcher Erwachsene könnte sich solcher Objektivität 

rühmen. 

Ich will nicht behaupten, daß der Begriff Ich, der Begriff der 
eigenen Persönlichkeit erst in dem Moment entsteht, wo das Kind 
dieses Sdiibboleth der geistigen Verarmung aussprechen lernt. Aber 
so viel kann man doch wohl behaupten, daß das Bewußtsein des Idi, 
die Art, wie wir Erwachsenen den Begriff Ich gebrauchen, nicht mit dem 
Menschen geboren wird, sondern ganz allmählich in ihm wächst, daß 
er es erlernt. 

Sie müssen mir schon gestatten, ein wenig über die Dinge weg zu 
schreiben. Kein Mensch kann sich in dem Wust des Ich zurecht finden, 
auch in den fernsten Zeiten wird niemand das fertig bringen. 

285 



14 spreche absichtlich von dem Ichbewußtsein, wie wir Erwachsenen 
« empfinden. Es ist „ämlich durchaus nicht sicher, daß das neu- 
geborene Kind des Bewußtseins, eine Individualität zu sein, entbehrt, 
la, td, hm geneigt, anzunehmen, daß es ein solches Bewußtsein hat, 
nur daß es sich nicht sprachlich äußern kann. Ich glaube sogar, daß 
em solches Individualitätsbewußtsein auch dem Embryo zukommt, ja 
selbst dem befruchteten Ei, dem unbefruchteten auch, ebenso wie dem 
Samenfaden find daraus ergibt sich für mich, daß auch Jede einzelne 
U le em solches Individualitätsbewußtsein hat, jedes Gewebe ebenso, 
Jedes Organ auch und jedes Organsystem desgleichen. Mit andern 
Worten: jede Es-Einheit kann, wenn sie Lust dazu hat, sich selbst 
weismachen, sie sei eine Individualität, eine Person, ein Ich. 

Ich weiß, diese Betrachtungsart verwirrt aUe Begriffe, und wenn 
Sie den heutigen Brief ungelesen fordegen, so wundere ich mich nicht 
darüber. Abec- ldl muß es doch aussprechen, daß ich glaube, die 
menscbhche Hand hat ihr eigenes Ich, sie weiß, was sie tut, und sie 
ist steh auch dieses Wissens bewußt Und jede NierenzeUe und jede 
Nagelzelle hat ebenso ihr Bewußtsein und ihr bewußtes Handeln 
ihr Ichbewußtsein. Beweisen kann ich das nicht, aber ich glaube es' 
deshalb, weil ich Arzt bin und gesehen habe, daß der Magen auf 
bestunmte Nahrungsmengen in ganz bestimmter Weise antwortet, daß 
er in Art und Menge seiner Absonderungen bedachtsam vorgeht er- 
wagt, was ihm zugemutet werden wird, und danach seine Maßnahmen 
tafft, daß er Auge, Nase, Ohr, Mund und so weiter als seine Organe 
benutzt, um damit festzusteUen, was er tun wiB. Ich glaube es deshalb 
wed eme Lippe, die nicht küssen wiB, während das Ich des Menschen 
den Kuß begehrt, sich wund macht, eine Blase bildet, sich entsteht 
Aren etgenen gegensätzlichen Willen to nicht mißzuverstehender Weise' 
erfolgreich genug, äußert. Ich glaube es deshalb, weil ein Penis gege n 

Z 2 TT e T hnten ***** m " H ^»'^en proper« 
Sex, 1 , , T geWidtSame M"****"* durch den begehrlichen 
Sexnaltrteb dadurch rächt, daß er sich mit Trippergif, oder Syphß" 



286 



gift anstecken läßt ; weil eine Gebärmutter hartnäckig die Schwanger- 
schaft versagt, obwohl das bewußte Ich der Frau sie so innig wünscht, 
daß sie sich behandeln oder operieren läßt; weil eine Niere den 
Dienst versagt, wenn sie findet, daß das Ich des Menschen Unbilliges 
verlangt : und weil, wenn es gelingt, das Bewußtsein der Lippe, des 
Magens, der Niere, des Penis, der Gebärmutter zu dem Willen des 
Gesamt-Ichs zu überreden, alle ihre feindlichen Äußerungen, ihre 
Krankheitssymptome verschwinden. 

Ich muß, um in meinen ohnehin unklaren Äußerungen von Ihnen 
nicht gänzlich mißverstanden zu werden, noch eines ausdrücklich 
betonen : dieses von mir für die Zellen, die Organe usw. beanspruchte 
Ich ist mir nicht etwa dasselbe wie das des Es. Durchaus nicht. Viel- 
mehr ist dieses Ich nur ein Produkt des Es, etwa wie die Gebärde 
oder der Laut, die Bewegung, das Denken, Bauen, Aufrechtgehen, 
Krankwerden, Tanzen oder Radfahren ein Produkt des Es ist. Die 
Es-Einheit betätigt ihr Lebendigsein einmal auf diese, ein andermal 
auf jene Weise : dadurdi, daß sie sich in eine Harnzelle verwandelt oder 
einen Nagel bilden hilft oder ein Blutkörperchen wird oder eine 
Krebszelle oder sich vergiften läßt oder einem spitzen Stein ausweicht 
oder sich irgendeines Phänomens bewußt wird. Gesundheit, Krankheit, 
Talent, Tat und Gedanke, vor allem aber das Wahrnehmen und 
Wollen und das Sichbewußtwerden sind nur Leistungen des Es, Lebens- 
äußerungen. Über das Es selbst wissen wir nichts. 

Das alles ist ziemlich verwickelt. Denn wenn Sie sich vorstellen, 
wie die Es-Einheiten und Gesamtheiten gegen- und miteinander wirken 
und wie sie sich bald hier, bald da, jetzt so und jetzt anders zusammen- 
schließen und trennen, wie sie bald vom Gesamt-Ich Gebrauch machen, 
um etwas bewußt werden zu lassen und zugleich dieses oder jenes ins 
Unbewußte zu verdrängen, wie sie einiges dem Gesamtbewußtsein zu- 
führen, andres wieder bloß dem der Teil-Ichs, wie sie wieder andres 
in Kammern einschließen, aus denen es mit Hilfe der Erinnerung 
oder Überlegung herausgeholt und dem Gesamtbewußtsein zugeführt 



287 



werden kann, während der weitaus größte Teil des Lebens, Denkens, 
Empfindens, Wahrnehmens, Wollens, Handelns in unerforsdibaren 
Tiefen vor sich geht, wenn Sie das alles bedenken, werden Sie eine 
leichte Ahnung davon bekommen, wie anmaßend es ist, irgend etwas 
verstehen zu wollen. Aber Gott sei Dank ist ein Verstehen auch nicht 
nötig, Verstehenwollen nur hinderlich. Der menschliche Organismus 
ist so seltsam eingeriditet, daß er - wenn es ihm behebt, sonst nicht 
- auf ein leises Wort, ein freundliches Lächeln, einen Druck der 
Hand, einen Messerschnitt, einen Eßlöffel Fingerhuttee mit Leistungen 
antwortet, die nur deshalb nicht angestaunt werden, weil sie alltäglidi 
sind. Ich habe mich in allerhand Arten ärztlichen Handelns betätigt, 
bald so, bald so und habe gefunden, daß alle Wege nach Rom 
führen, die der Wissenschaft und die des Pfuscfaertums, halte es daher 
auch nicht für besonders wichtig, welchen Weg man geht, voraus- 
gesetzt, daß man Zeit hat und nicht ehrgeizig ist. Es haben sich dabei 
in mir Gewohnheiten ausgebildet, denen gegenüber ich machtlos bin, 
denen ich folgen muß, weil sie mir lobenswert erscheinen. Und unter 
diesen Gewohnheiten steht obenan die Psychoanalyse, das heißt der 
Versuch, Unbewußtes bewußt zu machen. Andre machen es anders. 
Ich bin mit meinen Erfolgen zufrieden. 

Aber ich wollte vom Ich reden und von seiner Mannigfaltigkeit. 
Man pflegt ja unter dem Wort nur das zu verstehen, was ich vorbin 
das Gesamt-Ich nannte, dessen ich mich als Angriffspunkt bei meinen 
psychoanalytischen Experimenten bediene und auch einzig bedienen 
kann. Aber auch dieses Gesamt-Ich hat seine Sonderbarkeiten, die 
jedermann kennt, jedoch ihrer Selbstverständlichkeit halber selten be- 
achtet. Das Gesamt-Ich - nennen wir es jetzt einfach Ich - ist kein 
leicfatüberschaubares Wesen. Innerhalb weniger Minuten dreht es die 
verschiedensten Seiten seiner überaus zerklüfteten und schillernden 
Oberfläche uns zu. Bald ist es ein Ich, das aus unsrer Kindheit 
stammt, bald eins der Zwanziger Jahre, bald ist es moralisch, bald 
sexuell, bald das eines Mörders. Jetzt ist es fromm, im Augenblick 



288 






darauf frech, morgens das eines Offiziers oder Beamten, ein Berufs- 
Idi, mittags ist es viellcidit ein Ehe-Idi und abends das eines Karten- 
spielers oder eines Sadisten oder eines Denkers. Wenn Sie erwägen, 
daß alle diese Ichs - und man könnte ungezählte Mengen davon her- 
sagen - daß sie alle gleichzeitig im Menschen vorhanden sind, können 
Sie sich vorstellen, was für eine Madit das Unbewußte im Ich ist, wie 
aufregend seine Beobaditung ist, welch unsagbare Freude es ist, dieses 
Ich - mag es bewußt oder unbewußt uns gegenüberstehen - zu be- 
einflussen. Ach, liebe Freundin, erst seit idi midi mit der Analyse 
beschäftige, weiß ich, wie schön das Leben ist. Und es wird täglich 
sdiöner. 

Darf ich Ihnen etwas sagen, was mich immer wieder in Erstaunen 
setzt? Das Denken des Mensdhen — das Es-Denken oder wenigstens 
das unbewußte I<h-Leben - scheint sich in Kugelform zu bewegen. So 
kommt es mir vor. Lauter schöne runde Kugeln sehe idi. Wenn man 
eine Anzahl Wörter, so wie sie einem einfallen, hinsdireibt und ansieht, 
fügen sie sich ganz von selbst zu einer kugeligen Phantasie, zu einer 
Dichtung in Kugelform zusammen. Und wenn man seinen Neben- 
mensdien dasselbe tun läßt, wird es audi eine Kugel. Und diese 
Kugeln rollen dahin, drehen sidi rasch oder langsam und schimmern 
in tausend Farben ; in Farben so sdiön wie die, die wir mit geschlos- 
senen Augen sehen. Es ist eine Pracht. Oder um es anders auszu- 
drücken, das Es zwingt uns, in geometrisdien Figuren zu assoziieren, 
die sich - farbig - ähnlich zusammenfügen, wie es bei den niedlidien, 
optischen Instrumenten der Fall ist, bei deren Drehung aus farbigen 
Ciasstücken sich immer neue Figuren bilden. 

Nun sollte ich Ihnen etwas über die Entstehung der Krankheiten 
sagen, aber darüber weiß idi nidits. Und über die Heilung müßte idi 
audi sprechen, wenn es nach Ihnen ginge. Alier darüber Aveiß ich erst 
redit nidits. Beides nehme ich als gegebene Tatsachen hin. Höchstens 
von der Behandlung könnte ich etwas sagen. Und das will ich auch 
tun. 

19 Groddock, Das Buch vom Es 289 



Das Ziel der Behandlung, jeder ärztlidien Behandlung ist, Einfluß 
auf das Es des Menschen zu gewinnen. Im allgemeinen ist es Ge- 
brauch, zu diesem Zweck bestimmte Gruppen von Es-Einheiten direkt 
zu behandeln ; man greift sie mit dem Messer oder mit chemischen 
Substanzen, mit Licht und Luft, Wärme und Kälte, elektrischen Strö- 
men oder irgend welchen Strahlen an. Mehr als irgend welche Eingriffe 
versuchen, von denen niemand voraussagen kann, was die Folgen 
sein werden, vermag kein Mensch. Was das Es auf solchen Eingriff 
hin tun wird, läßt sich oft mit einiger Bestimmtheit sagen, oft nehmen 
wir nur infolge irgend welcher vager Hoffnungen an, das Es werde 
artig sein, unsern Eingriff gutheißen und seinerseits die heilenden 
Kräfte in Bewegung setzen, meist aber ist es nur ein blindes Tappen, 
dem selbst die mildeste Kritik keinen Sinn anzudichten vermag. Im- 
merhin ist dieser Weg gangbar und die Erfalirungen von Jalirtausen- 
den beweisen, daß dabei Resultate, günstige Resultate erzielt werden. 
Nur muß man nicht vergessen, daß nicht der Arzt die Heilung zu- 
stande bringt, sondern der Kranke selbst. Der Kranke heilt sich selbst, 
aus eigener Kraft, genau so wie er aus eigener Kraft geht, ißt, denkt 
atmet, sdiläft. 

Im allgemeinen hat man sidi mit dieser Art der Krankheits- 
behandlung, die man, weil sie sich mit den Krankheitserscheinungen, 
den Symptomen besdiäftigt, symptomatische Behandlung nennt, be- 
gnügt. Und kein Mensch wird behaupten, daß man darin nicht recht 
getan hat. Aber wir Ärzte, die wir von Berufs wegen dazu verurteilt 
sind, Herrgott zu spielen und infolgedessen zu anmaßlichen Wün- 
schen neigen, sehnen uns danach, eine Behandlung zu erfinden, die 
nicht das Symptom, sondern die Ursache der Erkrankung beseitigt. 
Wir wollen kausale Therapie treiben, so nennen wir es im medizini- 
schen Latein-Griechisch. In diesem Streben hat man sich nun nach 
diesen Ursachen der Erkrankung umgesehen, hat erst theoretisch unter 
Aufwand von viel Worten festgestellt, daß es zwei angeblich wesens- 
fremde Ursachen gibt, eine innere, die der Mensch aus sich heraus- 

290 




gibt, eine causa interna, und eine causa externa, die aus der Umwelt 
stammt. Und nadidem man sidi so über eine reinliche Zweiteilung 
einig geworden ist, hat man sich mit einer wahren Wut auf die 
äußeren Ursachen gestürzt, als da sind : Bazillen, Erkältungen, zu viel 
Essen, zu viel Trinken, Unfälle, Arbeit und was es sonst noch gibt. 
Und die causa interna hat man vergessen. Warum ? Weil es sehr un- 
angenehm ist, in sich hineinzuschauen - und nur in sich findet man 
einige Fünkchen, die das Dunkel der inneren Ursachen, der Disposi- 
tion erhellen - weil es etwas gibt, was die Freudsche Analyse Wider- 
stand der Komplexe nennt, der Ödipuskomplexe, Impotenzkomplexe, 
Onaniekomplexe usw., und weil diese Komplexe furchtbar sind. Aller- 
dings hat es immer und zu allen Zeiten Ärzte gegeben, die ihre 
Stimme erhoben haben, um zu sagen : der Mensch macht seine Krank- 
heiten selbst, in ihm liegen die causae internae, er ist die Ursache der 
Krankheit und eine andre braucht man nicht zu sudien. Zu solchem 
Spruch hat man mit dem Kopf genickt, hat ihn wiederholt und ist 
wiederum den äußeren Ursachen zu Leibe gegangen, mit Prophylaxe 
und Desinfektion und so weiter. Dann aber sind Leute gekommen, 
die haben eine starke Stimme gehabt und haben unablässig ge- 
schrieen : Immunisieren ! Das war nur eine Betonung der Wahrheit, 
daß der Kranke selber seine Krankheit schafft. Aber als es an die 
praktische Handhabung des Immunisierens ging, hielt man sich doch 
wieder an die Symptome und aus der scheinbaren kausalen Behandlung 
war unversehens eine symptomatische geworden. So ist es auch mit der 
Suggestion gegangen, und um das gleich zu sagen, so ist es auch mit 
der Psychoanalyse. Auch die benutzt die Symptome, ausschließlich die 
Symptome, obwohl sie weiß, daß der Mensch allein die Ursache der 
Krankheit ist. 

Und damit bin idi beim springenden Punkt. Man kann gar nidit 
anders als symptomatisch behandeln und man kann audi nicht anders 
als kausal behandeln. Denn beides ist dasselbe. Es existiert gar kein 
Unterschied zwischen den beiden Begriffen. Wer behandelt, behandelt 



19* 



291 



die causa interna, den Menschen, der die Krankheit aus seinem Es 
heraus erschuf, und um ihn zu behandeln, muß der Arzt die Sym- 
ptome beachten, sei es daß er mit Hörrohr und Röntgenapparat ar- 
beitet, sei es daß er zusieht, ob die Zunge belegt oder der Urin trübe 
ist, sei es daß er ein schmutziges Hemd betrachtet oder ein paar ab- 
geschnittene Haare. Es ist im Wesen dasselbe, ob man mit aller Sorg- 
falt jedes Krankheitszeichen durchstöbert oder sich damit begnügt, 
einen Brief des Kranken zu lesen oder die Linie seiner Hand zu be- 
trachten oder mit ihm somnambul zu verhandeln. Immer ist es ein 
Behandeln des Menschen und damit seiner Symptome. Denn der 
Mensch, seine Erscheinung ist Symptom des Es, dieses Gegenstandes 
aller Behandlung, sein Ohr ist ein Symptom, ebenso wie das Rasseln 
in seinen Lungen, sein Auge ist ein Symptom, Äußerung des Es, so 
gut wie der Scharlachausschlag, sein Bein ist Symptom im selben 
Sinne wie das Knirschen der Knochen, das den Bruch des Beines an- 
zeigt. 

Wenn nun alles dasselbe ist, werden Sie fragen, was hat es dann 
für einen Zweck, daß Patrik Troll solch langes Buch schreibt, dessen 
Sätze so klingen, als ob sie beanspruchten, neue Gedanken zu sein. 
Nein Liebe, sie beanspruchen das gar nicht, sie klingen nur so. In 
Wahrheit bin ich überzeugt, daß ich mit der Psychoanalyse nichts 
andres tue als früher, wo ich heiße Bäder gab, Diäten verordnete, 
massierte und herrisdi befahl, was alles ich auch jetzt nodi tue. Das 
Neue ist nur der Angriffspunkt der Behandlung, das Symptom, das 
mir in allen Verhältnissen da zu sein sdieint, das Ich. Meine Behand- 
lung, so weit sie nidit dieselbe ist wie früher, besteht in dem Ver- 
such, die unbewußten Komplexe des Ich bewußt zu machen, metho- 
disch und mit aller List und Kraft, die mir zur Verfügung steht. Das 
ist allerdings etwas Neues, aber es stammt nicht von mir, sondern 
von Freud, und was ich dazu getan habe ist nur, daß ich diese Me- 
thode auch bei organischen Leiden verwende. Da ich der Ansicht bin, 
daß der Gegenstand ärztlicher Tätigkeit das Es ist, da ich der An- 

292 



' " ' A 



sieht bin, daß dieses Es in selbstherrlicher Kraft die Nase formt, die 
Lunge entzündet, den Mensdien nervös macht, ihm Atmung, Gang, 
Tätigkeit vorschreibt, da idi weiter hin glaube, daß sich das Es ebenso 
durch Bewußtmachen unbewußter Idi-Komplexe beeinflussen läßt wie 
durdi einen Baudischnitt, so begreife ich nicht - richtiger begreife ich 
es nicht mein* - wie irgend jemand glauben kann, Psychoanalyse 
sei nur bei Neurotikern verwendbar, organische Erkrankungen müsse 
man nach andern Methoden behandeln. 

Gestatten Sie mir, daß ich darüber ladie. 

Immer Ihr 

PATRIK TROLL. 

33- 
DAS WAR EIN ERLÖSENDES WORT : „ICH HABE ES SATT, 
Ihre Briefe zu lesen," sdireiben Sie, und ich füge hinzu : „Ich habe 
es satt, sie zu schreiben." Leider sprechen Sie nodi den Wunsch aus 
- und Ihr Wunsch ist mir Befehl - idi solle kurz und bündig sagen, 
was ich mir unter dem Wort „Es" vorstelle. Idi kann es nicht besser 
ausdrücken, als ich es schon früher getan habe : „Das Es lebt den 
Mensdien, es ist die Kraft, die ihn handeln, denken, wadisen, gesund 
und kränk werden läßt, kurz die ihn lebt." 

Aber mit solcher Definition ist Ihnen nichts geholfen. Ich will 
daher zu meinem bewährten Mittel greifen und Ihnen Geschiditen 
erzählen. Sie müssen dabei nur bedenken, daß meine Erzählungen 
aus weitläufigen Zusammenhängen herausgenommen sind, daß es 
Zwischenfälle langwieriger Behandlungen sind. Sonst kommen Sie gar 
auf die Idee, daß ich mich für einen Wunderdoktor halte. Davon ist 
keine Rede : im Gegenteil, je länger ich Menschen behandle, um so 
fester wurzelt sich in mir die Überzeugung, daß der Arzt ver- 
schwindend wenig zur Heilung seiner Kranken tun kann, daß der 
Kranke sich selbst heilt und daß der Arzt, auch der Analytiker, nur 
die eine Aufgabe hat zu erraten, welche List das Es des Kranken im 
Augenblick gebraudit, um krank bleiben zu können. 



293 



Es ist nämlich ein Irrtum anzunehmen, daß der Kranke zum 
Arzt kommt, um sich helfen zu lassen. Nur ein Teil seines Es ist 
av illig zur Gesundheit, ein andrer aber will krank bleiben und lauert 
während der ganzen Zeit auf eine Gelegenheit, um sich vom Arzte 
schädigen zu lassen. Der Satz, daß die vornehmste Regel in der Be- 
handlung ist, nicht zu schaden, hat sich mir mit den Jahren immer 
tiefer eingeprägt, ja, ich bin geneigt zu glauben, daß in Wahrheit 
jeder Todesfall während einer Behandlung, jede Verschlimmerung des 
Zustandes auf einen Fehler des Arztes zurückzuführen ist, zu dem 
er sich durch die Bosheit des kranken Es verleiten läßt. Adi, es ist 
nichts Göttliches in unserm Tun, und der Wunsch wie Gott zu sein, 
der uns ja letzten Endes dazu treibt, Arzt zu sein, rächt sich an uns 
wie an unsern paradiesischen Voreltern. Strafe, Fluch und Tod ziehen 
in seinem Gefolge. 

Hier ist ein jüngst erlebtes Beispiel dafür, welche Stellung das 
tief verborgene Es eines Kranken gegen mich hatte, während sein 
bewußtes Ich bewundernd und dankbar auf mich blickte. Es sind 
zwei Träume einer Nacht, die des Lehrreichen genug enthalten. Zu- 
nächst sagte der Kranke, daß er vom ersten Traum nichts mehr 
wisse. Da er aber längere Zeit bei diesem vergessenen Traum blieb, 
ließ sich annehmen, daß in ihm der Schlüssel des Rätsels stecke. Idi 
habe eine lange Zeit geduldig gewartet um zu sehen, ob nicht doch 
irgendwelche Erinnerung komme. Aber sie kam nicht, und schließlich 
forderte ich den Kranken auf, irgendein beliebiges Wort zu sagen. 
Solch ein kleiner Kunstgriff lohnt sich manchmal. Ich habe zum Bei- 
spiel einmal erlebt, daß bei einer ähnlichen Situation das Wort 
Amsterdam genannt wurde, und daß um dieses eine Wort sich un- 
gefähr ein Jahr lang eine erfolgreiche, erstaunlich erfolgreiche Be- 
handlung drehte. Dieser Kranke nun nannte das Wort Haus und 
erzählte mir, daß er am vorhergehenden Tage sich mein Sanatorium 
von außen angesehen habe, daß ein gänzlich unmotivierter Turm da 
sei, eine Brücke als Notbehelf angebracht sei, weil das Haus an einem 

294 



falsdien Platz stehe und daß es ein häßliches Dach habe. Idi kann 
nicht bestreiten, - und da Sie das Haus kennen, werden Sie mir bei- 
stimmen - der Mann hatte Redit. Und doch bezog sidi seine Be- 
trachtung auf ganz andre Dinge, auf viel wichtigere, auf Dinge, die 
für ihn und für meine Behandlung entscheidend waren. Das lehrte 
der zweite Traum. Der Kranke erzählte: „Es ist ein ganz dummer 
Traum" und dabei lachte er. „Ich wollte einen Besuch in einem 
Hause machen, das einem Schuster gehörte. Vor dem Hause rauften 
sich zwei Knaben, der eine lief heulend weg. Der Schuster hieß 
Akeley. Kein Mensch war zu sehen, allmählidi kamen einige Dienst- 
boten, aber der Schuster, dem idx Visite machen wollte, ließ sidi 
nicht sehen. Dagegen ersdiien nadi einiger Zeit ein alter Freund 
meiner Mutter, sonderbarerweise mit einem schwarzbehaarten Kopfe, 
während er in Wirklichkeit vollständig kahl ist." Hätte der Kranke 
beim Erzählen nidit geladit, hätte er nicht vorher den Tadel gegen 
das Äußere meines Sanatoriums vorgebracht, vielleicht hätte idi 
Wochen zubringen können, ehe die Deutung gekommen wäre. So 
aber ging es rasch. Das Wort Akeley gab die erste Aufklärung. Es 
war aus einem kürzlich erschienenen Werk von Arno Holz ge- 
nommen, das den Titel „Die Bledisdimiede" führt. Es sei höchst 
geistreicher, erotischer Blödsinn. 

Der Hohn gegen meine Person lag auf der Hand, da der Kranke 
kurzvorher meinen vom gemeinsamen Freunde Groddeck heraus- 
gegebenen Seelensucher gelesen hatte. Das also war die „Blech- 
schmiede", der Schuster Akeley war ich, das Schusterhaus mein 
Sanatorium. Das ging audi daraus hervor, daß der Kranke tat- 
sächlich bei seiner Ankunft im Sanatorium eine ganze Weile im 
Korridor hat stehen müssen, ehe jemand ihm sein Zimmer anwies. 
Midi selbst hat er erst am nädisten Tage gesehen. Dergleidien Be- 
urteilung des behandelnden Arztes ist in jedem Kranken und immer 
da und die Konstanz des abfälligen, nur verdrängten Urteils beweist, 
daß wir es verdienen. Ich würde den Traum nicht erzählt haben, 



295 






wenn in ihm nicht auch der Grund angegeben wäre, warum der 
Kranke mich verachtet. Statt des Schusters erscheint im Traum ein 
alter Freund seiner verstorbenen Mutter, der seltsamerweise schwarzes 
Haar hat. Dieser Freund der Mutter stellt den Vater dar, der schwarz 
behaart ist, weil er ebenfalls tot ist. Der Haß gilt also nicht mir, 
sondern zunächst diesem Freunde der Mutter und hinter dem dem 
eigenen Vater. Es ist eine Verdichtung dreier Personen, die deutlich 
zeigt, welches gerüttelte Maß von Widerstand mein Patient auf mich 
übertragen hat. Aber der Freund der Mutter ist auch der Kranke 
selber, der sich eines üppigen, schwarzen Haarwuchses erfreut. Sein 
Unbewußtes erzählt ihm im Traum, wie ganz anders es sein würde, 
wenn an Stelle des Schusters Troll er selbst die Behandlung leitete. 
Er hat so unrecht nicht, der Kranke weiß immer besser als der Arzt, 
was ihm frommt ; nur leider vermag er sein Wissen nicht zu denken, 
sondern nur in Traum, Bewegung, Kleidung, Wesen, Krankheits- 
symptom auszudrücken, kurz in einer Sprache, die er selbst nicht 
versteht. Und freilich erzählt diese Identifizierung seiner selbst mit 
dem Freunde der Mutter und mit dem Vater mehr, als der Kranke 
ahnte. In ihr steckt der Inzestwunsch, der Wunsch der Kindheit, 
jedes Kindes Wunsch, Geliebter der Mutter zu sein. Und nun kommt 
eine seltsame Wendung. Mit einem heiteren, gar nicht spöttischen 
Lächeln sagt der Kranke : der Freund der Mutter hieß Lameer, er 
war Vläme, sein Name hat nichts mit la mere, die Mutter, zu tun. 
Wirklich nidxt ? Ich glaube doch. Und das ist tröstlidi für die 
Behandlung ; denn wenn der Kranke mich nicht nur mit dem Freund 
und Gatten der Mutter identifiziert, sondern mit der Mutter selbst, 
so hat er auch das Gefühl für sie auf mich übertragen, ein Gefühl, 
das sich seit seinem sechsten Jahr nicht mehr wesentlich geändert 
haben kann, da damals seine Mutter starb. Vielleicht ist das günstig, 
vorausgesetzt, daß eine Einstellung zur Mutter gut war, daß er von 
ihr Hilfe empfing. Aber wer kann das wissen? Es kann auch sein, 
daß er auch sie mehr haßte als liebte. 



296 



Da muß ich auf den Beginn des Traumes zurückgreifen, auf die 
beiden raufenden Knaben vor dem Schusterhause. Sie sind leicht zu 
deuten. Sie stellen dasselbe in zwei verschiedenen Zeitfolgen dar, der 
eine den Phallus im Zustand der Erektion, der zweite, der weinend 
davonrennt, das Glied im Zustand der Ejakulation. Hinter dieser 
ersten Deutung steckt die zweite, nach der der eine Knabe der 
Träumer, der zweite Weinende der Bruder des Träumers ist, den er 
aus der Gunst der Eltern vertrieben hat. Und als dritte tiefstgele- 
gene Deutung ist der eine Knabe der Träumer selbst, der den andern, 
seinen Penis, masturbiert. Diese Selbstbefriedigung findet vor dem 
Hause des Schusters statt, die erotischen Phantasien des Träumers 
gelten aber, wie der weitere Verlauf des Traumes zeigt, nicht nur 
dem Schuster, sondern dem Freund der Mutter, das ist der Vater 
und hinter ihm, wohl versteckt, der Mutter selbst, Lameer. 

Ich erzähle Ihnen den Traum, weil in ihm der Träumer die An- 
griffspunkte der Behandlung mitteilt, ohne es selbst zu wissen. Zu- 
nächst verkündet er dem aufmerksamen Zuhörer, längst, ehe der 
Kranke es selbst klar weiß, daß ein starker Widerstand gegen den 
Arzt vorhanden ist, daß also wieder einmal der Punkt erreidit ist, 
der für die Behandlung, ich möchte sagen einzig und allein in Frage 
kommt. Denn im bewußten oder unbewußten Erkennen und Be- 
seitigen des Widerstandes bestellt im Wesentlichen die Tätigkeit des 
Arztes, die um so ersprießlidier sein wird, je klarer der Arzt die 
Situation erblickt. Weiterhin erzählt der Traum, von wo der Wider- 
stand übertragen worden ist. Er stammt aus der feindseligen Ein- 
stellung zum Freunde und Gatten der geliebten Mutter und weiter 
vorher noch aus dem Rivalitätsstreit der beiden Brüder vor dem 
Eingang zur Mutter, die hinter mehreren Verschleierungen versteckt 
doch deudidi die eigentlidie Besitzerin des Hauses, des Sanatoriums, 
in dem man gesundet, des Muttersdioßes, in den man eintritt, ist. 
Schließlich verrät der Kranke auch noch die Komplexe, um die es 
sich bei ihm handelt, den des ödipus und den der Onanie. 



297 






Da haben Sie eine Probe von der Art, wie sioh das Unbewußte, 
das Verdrängte verständlidi zu madien sudit. Aber idi trage Eulen 
nach Athen : denn Sie schreiben mir ja, daß Sie Freuds Traum- 
deutung gelesen haben. Lesen Sie sie noch einmal und noch mehrere 
Male ; Sie werden belohnt werden, wie Sie es selbst nicht ahnen. 
Jedenfalls ist es überflüssig, daß ich mich weiter auf ein Gebiet be- 
gebe, das der Meister selbst und mit ihm Tausende seiner Gefolg- 
schaft in immer neuen Schilderungen jedem, der es betreten will, dar- 
gestellt haben. Audi die folgende kleine Erzählung bewegt sich in 
Bahnen, die Ihnen bekannt sind oder bekannt sein sollten. 

Es handelt sich um ein kleines Mädchen von acht Jahren, das 
sich seit einiger Zeit vor der Schule fürchtet, während es früher gern 
dorthin ging. Das Rechnen und das Stricken madien ihr Pein. Ich 
fragte sie, welche Ziffer ihr die unangenehmste sei und sie nannte 
sofort die 2. Sie mußte eine 2 hinmalen und sagte dann : „Das 
Häkchen unten ist unbequem ; wenn ich schnell schreibe, lasse ich es 
weg." Ich fragte nun, was ihr zu diesem Häkdien einfalle und ohne 
Besinnen erwiderte sie: „Ein Fleischhaken", „für Schinken und Wurst" 
fügte sie hinzu und als ob sie den Eindruck dieser seltsamen Ant- 
wort verwischen oder sie erläutern müsse, fügte sie rasch hinzu : 
„Beim Stricken lasse ich Maschen fallen und dann entsteht ein Loch." 
Wenn Sie von diesem Zusatz : „es entsteht ein Loch" ausgehen, be- 
greifen Sie, daß der Fleischhaken ein Haken aus Fleisch ist, daß also 
das Kind eine Zeit durchmacht, in der es sich gründlich mit der Tat- 
sache der beiden Geschlechter auseinanderzusetzen versucht. Und in 
sehr gedrängter Form gibt sie durch Angst und Fehlhändlung des 
Häkchenweglassens und des Maschenfallens ihre Theorie kund, daß 
das Weib, die 2 in der Familie, keinen Fleischhaken besitzt, ihn viel- 
mehr durch allzu schnelles Schreiben, Onanieren, verloren hat, daß 
durch die rasche Bewegung der Stricknadeln, ihr Hinein und Hinaus 
das große Loch entsteht, aus dem das früh lüsterne Mädchen ihr 
Wässerlein sprudelt, während der Knabe den Strahl aus der engen 

298 



Öffnung des Penis spritzt. Das ist wahrlich ein schweres Problem für 
ein Kleinmädchengehirn und es ist kein Wunder, daß Rechnen und 
Stricken nicht flecken will. Am nächsten Tage demonstriert das Kind 
dann weiter seine Kenntnisse, die diesmal tröstlich genug sind. Sie 
klagt, daß sie beim Stuhlgang schreckliche Schmerzen habe, betont 
also, daß das Mäddien als Ersatz für das genommene Häkdien Kinder 
gebären kann, wenn auch mit Schmerzen. Und wiederum in dem 
dunklen Drang, sich deutlicher zu erklären, beginnt sie zum Staunen 
der Mutter, die ihr Kind unwissend glaubte, zu erzählen, wie sie 
dabei gewesen sei, als ein Kalb aus dem Bauche einer Kuh geholt 
wurde und wie drei niedliche Kätzchen von der Katzenmutter ge- 
boren wurden. Es ist drollig zu hören, wie es aus der Seele des 
Kindes hervorsprudelt, wenn die Schicht über dem Verdrängten 
irgendwo leck geworden ist. 

In derlei symbolischen Handlungen oder Fehlleistungen äußert 
sich das Unbewußte gar oft. So traf ich neulich einen meiner Kranken 
- er gehörte zu den sogenannten Homosexuellen - verstimmt an, 
weil er seinen Klemmer zerbrodien hatte, ohne den er seines Lebens 
nicht froh sein könne. Er war ihm in dem Moment von der Nase 
gefallen, als er von einem Tisch eine Vase fortnehmen wollte. Als 
ich ihn nach anderen Gegenständen auf dem Tisch fragte, gab er mir 
die Photographie seines Freundes an, die noch dort liege. Tatsächlich 
fand sie sich unter einem Haufen von Kissen und Decken vergraben, 
mit der Rückseite nach oben, so daß man das Bild nidit sehen 
konnte. Es stellte sich heraus, daß der Freund ihm mit einem Mädchen 
untreu geworden war. Da es nicht in seiner Macht stand, den Knaben 
von dem Mädchen fern zu halten, wollte er wenigstens beide sym- 
bolisch trennen und nahm die Vase, die das Mädchen darstellte, weg. 
Dem folgte darauf automatisch das Umdrehen der Photographie auf 
die Bildseite, das Zudecken mit den Kissen und das Zerbrechen des 
Klemmers. In die Spradie des Bewußten übersetzt heißt das : „Ich 
will den Treulosen nicht mehr sehen." „Seine Rückseite bleibt mir 



I 

■ 



dodi immer, denn die weiß ein Mäddien nidit zu schützen. So möge 
denn die Photographie verkehrt liegen." „Es ist doch sicherer, auch 
die Rüdeseite zu schützen. Decken wir sie mit Kissen zu." „Das ist 
gut, nun sehe ich nichts mehr von ihm, zumal wenn ich noch eine 
Decke darauf tue." „Es genügt nicht : ich leide zu sehr. Am besten 
ist, ich mache mich blind. Dann brauche ich seinen Treubruch nicht 
zu bemerken und kann ihn lieb behalten." Und damit zerbricht der 
Arme seinen Klemmer. 

Das Unbewußte experimentiert seltsam mit den Augen. Es schal- 
tet Eindrücke auf der Netzhaut aus dem Bewußtsein aus, wenn sie 
unerträglich sind. Eines Tages forderte ich eine meiner Kranken auf, 
die Gegenstände auf ihrem Schreibtische genau zu betrachten und sie 
sich zu merken. Als ich sie dann aufforderte, mir zu sagen, was auf 
dem Tische stand, zählte sie alles auf, bis auf die Photographien 
ihrer beiden Söhne, die sie trotz mehrfachem Hinweis, daß sie zwei 
Dinge unterschlage, nicht nannte. Als ich sie fragte, warum sie die 
beiden Bilder fortlasse, war sie verwundert : „Ich habe sie nicht ge- 
sehen," sagte sie, „und das ist um so auffallender, als ich sie täglich 
und auch heute selbst abstaube. Aber freilich, Sie sehen ja, die armen 
Jungen stecken in der Uniform. Der eine ist schon gefallen, der an- 
dere ist mitten in den Kämpfen vor Warschau. Wozu sollte ich mein 
Leid, wenn ich es unterdrücken kann, durch meine Augen wecken?" 
Ein Andrer klagte darüber, ihm sei plötzlich schwarz vor den 
Augen geworden : das geschehe häufig. Ich bat ihn, sidi in Gedanken 
nochmals an den Platz zu stellen, wo ihn der schwarze Nebel über- 
fallen hatte, und mir zu sagen, was er sehe. „Steine," sagte er. „Ich 
ging eine Treppe hinauf und es waren die steinernen Stufen, die ich 
sah." Damit war wenig anzufangen. Aber da ich hartnäckig dabei 
blieb, daß der Anblick der Steine seinen Schwindel verursacht habe, 
verspradi er darauf zu achten. Tatsädilich kam er am nächsten Tag 
damit hervor, daß er bei einem neuen Anfall wiederum Steine ge- 
sehen habe. Die Sache sei vielleicht doch nicht ganz von der Hand 

300 



zu weisen, denn er wisse jetzt, daß er die ersten Beschwerden ähn- 
licher Art in Ostende gehabt habe, das ihm stets wie eine trostlose 
Anhäufung von Steinen und vielzuvielen kaltherzigen Menschen vor- 
gekommen sei. Als ich fragte, was denn eine solche Anhäufung von 
Steinen und Menschen bedeute, sagte er mir, „einen Kirdihof." Da 
ich wußte, daß er in Belgien erzogen war, machte ich den Versuch, 
ihn auf den Gleichlaut pierre und Piere hinzuweisen. Er erklärte 
aber, daß weder ein Peter noch ein Piere je eine Rolle in seinem 
Leben gespielt hätten. Am nächsten Tage kam er von selber auf die 
Sache zu sprechen. „Ich könne doch wohl Recht haben. Sein Eltern- 
haus, in dem er schon mit sechs Jahren seine Mutter verlor und das 
kurz nach ihrem Tode verkauft wurde, weil der Vater nach Ostende 
übersiedelte, lag in der Rue St. Piere und wenn auch die Mutter 
nicht auf dem Kirdihof St. Piere begraben sei, so habe doch seinem 
Kinderzimmerfenster gegenüber der riesige Steinhaufen der Kirche 
St. Piere gelegen. Er sei oft genug mit seiner Mutter in dieser Kirdie 
gewesen und die Steinmassen des Inneren mitsamt dem Gedränge 
der Andächtigen habe ihn stets verwirrt. Zu dem Wort Ostende fiel 
ihm dann Rußland ein, das Land des Rußes, das schwarze Land, 
das Land des Todes. Seit jenem Tage des Bewußtwerdens verdräng- 
ter Komplexe ist ihm nicht mehr schwarz vor den Augen geworden, 
dagegen hat sein Es eine andre Maßregel der Verdrängung nicht 
aufgehoben. Der Kranke, der von seiner Mutter streng katholisch er- 
zogen war, hatte den Glauben unter dem Druck des Verdrängungs- 
wunsches aufgegeben: er ist aber trotz der Aufhebung der Ver- 
drängung nidit wieder zur Kirche zurückgekehrt 

Besinnen Sie sidi auf Frau von Wessels? Wie kinderlieb sie ist 
und wie sie unter der Tatsache leidet, keine eigenen Kinder zu haben ? 
Eines Tages saß ich mit ihr am Waldrand ; die Unterhaltung schleppte 
seit einiger Zeit und stockte schließlich ganz. Plötzlich sagte sie : „Was 
ist das mit mir ? Von allem, was rechts von mir ist, sehe idi nicht das 
geringste, während links alles klar und deutlidi ist." Ich fragte sie, 



301 



wie lange das Phänomen sdion dauere, und sie erwiderte : „Schon 
vorhin im Walde habe ich es bemerkt." Ich bat sie, mir irgendeine 
Stelle unsers Spazierganges zu nennen, und sie gab eine Wegkreuzung 
an, die wir passiert hatten. „Was war an dieser Stelle rechts von 
Ihnen?" fuhr ich fort. „Dort ging die Dame mit ihrem kleinen Knaben 
an uns vorüber. Übrigens sehe ich jetzt alles wieder deutlich." Und 
nun erinnerte sie sich lachend, wie sie mich den ganzen Weg vor der 
Kreuzung mit der Phantasie unterhalten hatte, daß sie ein kleines 
Häuschen fern von allen Menschen mit Hühnern und Enten und allerlei 
Getier hätte und dort mit ihrem Söhnchen hauste, wälirend der Vater 
nur ab und zu auf einen Tag zu Besuch käme. „Wenn ich nicht längst 
wüßte, daß Sie recht haben mit Ihrer Behauptung, alle Krankheiten 
seien Schöpfungen des Es, zu irgendwelchen erkennbaren Zwecken, 
würde ich mich jetzt davon überzeugt haben. Denn meine halbseitige 
Blindheit kann nur dadurch hervorgerufen worden sein, daß ich den 
Anblick jener Mutter mit ihrem Sölinchen nidit ertragen konnte." 

Hysterisch ? Gewiß, kein Arzt und kein Gebildeter wird mit der 
Diagnose zögern. Aber wir beide, Sie und ich, haben gelernt, auf die 
Bezeichnung Hysterie zu pfeifen, kennen beide Frau von Wessels und 
können höchstens aus Ehrfurcht vor der bebrillten Gelehrsamkeit zu- 
geben, daß diese Frau für eine halbe Stunde hysterisch wurde. Aber 
was sollen wir uns mit soldi erzdummem und teuflischem Wort wie 
Hysterie noch weiter befassen ? Lassen Sie sich lieber erzählen, was 
einige Jahre später geschah. 

Eines Abends traf ich Frau von Wessels nach dem Theater. Sie 
sagte mir, daß sie hergekommen sei, um vielleicht einen alten Bekannten 
zu treffen, dessen Namen sie vor einigen Stunden im Fremdenblatt 
gelesen habe. Mir fiel auf, daß ihr linkes oberes Augenlid stark gerötet 
und gesdiwollen war. Sie hatte es selbst noch nicht bemerkt, zog ihren 
Taschenspiegel hervor, besah sich das Auge und sagte: „Es würde 
mich nicht wundern, wenn das Es mich wieder einmal mit einer halben 
Blindheit narren wollte." Dann fing sie wieder an, von dem unver- 

302 






muteten Eintreffen des früheren Freundes zu erzählen, unterbrach 
sich jedoch plötzlich mit den Worten : „Jetzt weiß ich, woher das dicke 
Auge kommt. Es ist entstanden, als ich den Namen meines Anbeters 
in der Fremdenliste las." Und nun berichtete sie, wie sie mit diesem 
Herrn während der langen Todeskrankheit ihres ersten Mannes 
kokettiert habe. Sie erzählte allerlei Einzelheiten aus jener Zeit und 
vertiefte sich immer mehr in die Idee, daß ihr Auge dick geworden 
sei, damit sie den beschämenden Namen nidit zu sehen brauche, 
akzeptierte auch meinen Gegenvorschlag, daß ihr Es sie nodi nach- 
träglich an dem Gliede strafe, mit dem sie gesündigt habe. Der Erfolg 
schien uns recht zu geben, denn als die Freundin wegging, war die 
Geschwulst verschwunden. Am nächsten Tag hatte sie einen heftigen 
Streit mit ihrem zweiten Mann wegen ihrer Stieftoditer. Beim Nach- 
mittagstee war ich zugegen und bemerkte, wie sie die ganze Zeit über 
von der links sitzenden Stieftochter das Gesicht wegdrehte und wie 
langsam das Augenlid wieder anschwoll. Idi sprach später mit ihr 
darüber und sie gab an, daß sie, die Kinderlose, den Anblick der Stief- 
tochter nicht ertragen habe und wahrscheinlich deshalb das dicke Auge 
wieder bekommen habe. Das gab ihr einen neuen Gedanken ein, den 
sie eine Zeitlang verfolgte. Möglicherweise sei die Stieftochter audi 
gestern die Ursache der Lidschwellung gewesen. Bald darauf kam sie 
jedoch auf ihren alten Gedanken zurück, daß es der Name ihres alten 
Kurmachers in der Fremdenliste gewesen sein müsse. „In ein paar 
Tagen", sagte sie, „jährt sidi der Todestag meines ersten Mannes. Ich 
habe seit Jahren beobachtet, daß ich um diese Zeit stets irgendwie 
krank und elend werde, und ich glaube, daß idi den Streit mit Karl - 
das ist der Name des Herrn von Wessels - herbeigeführt habe, um 
einen Grund zum Weinen um meinen ersten Mann zu haben. Das ist 
mir um so wahrscheinlicher, als mir eben einfällt, daß ich vorgestern, 
also schon den Tag vor der Anschwellung im Krankenhaus dabei war, 
wie ein Nierenkranker mit dem diarakteristisdien, urämischen Gerudi, 
den auch mein Mann hatte, sich mit dem Spatel den Belag von der 



303 



- 



Zunge sdiabte, genau wie mein verstorbener Mann. Am selben Abend 
habe ich beim Anblick von Meerrettichsauce Übelkeit bekommen, die 
sofort verschwand, als ich mir die Ähnlichkeit der Sauce mit dem 
Zungenbelag klar machte. Der Anblick der Stieftöchter war mir un- 
erträglich, weil sie mir die Tatsache des Treubruches gegen meinen 
ersten Mann durch ihr Dasein vor Augen führte. Denn Sie können 
sich denken, daß ich in jener Trauerzeit tausend Schwüre getan habe, 
nie wieder zu heiraten." Wiederum war die Anschwellung des Auges 
während der Unterhaltung verschwunden. 

Damit war die Entzündung des Augenlides endgültig erledigt. 
Statt dessen erschien jedoch am folgenden Tage Frau von Wessels 
mit einer halbzolldicken Oberlippe. Gerade über dem Zipfel der Lippe, 
dicht am Rand hatte sich ein feuerroter Fleck gebildet, so daß das 
Lippenrot fast um das Doppelte breiter zu sein schien. Halb lachend, 
halb zornig gab sie mir einen Brief, den eine entfernte Bekannte an 
eine ihrer Freundinnen geschrieben hatte und den ihr diese Freundin 
voller Empörung zugeschickt hatte, wie es Freundinnen zu tun pflegen. 
In diesem Brief stand neben allerlei andern Liebenswürdigkeiten zu 
lesen, daß Frau von Wessels mit ihrer, jedem Auge sofort erkennbaren 
groben Sinnlichkeit eine echte Hexe sei. „Schauen Sie meinen Mund 
an," sagte sie spöttisch, „kann es einen besseren Beweis für meine 
grob sinnliche Natur geben, als diese schwellenden grellroten Lippen ? 
Fräulein H. hat ganz recht, mich eine Hexe zu nennen, und ich konnte 
sie nicht Lügen strafen." Die Sache interessierte mich aus verschiedenen 
Gründen, von denen ich Ihnen den einen nachher mitteilen werde, und 
idi verwendete einige Tage lang viel Zeit auf eine gründliche Analyse, 
deren Resultat ich Ihnen kurz mitteilen will. 

Die Sache drehte sich weder um den Tod ihres Mannes, noch um 
die Stieftochter, noch um den alten Anbeter, sondern der Angelpunkt war 
eben jenes Fräulein IL, deren Brief ihr die dicke Lippe verschafft hatte. 
Diese, mit Frau von Wessels seit altersher verfeindete Dame - nennen 
wir sie Paula - war an demselben Abend - Freitag, den 16. August - 

304 



im Theater gewesen, an dem die Lidschwellung des linken Auges zum 
ersten Male aufgetreten war, und zwar hatte sie links von Frau von 
Wessels gesessen. Genau acht Tage vorher, am Freitag, den 9. August, 
war Frau von Wessels ebenfalls im Theater gewesen - wie Sie wissen, 
ist dieser mehrfache Besuch des Theaters etwas Unerhörtes bei ihr. 

— Ihr zweiter Mann war mit ihr gewesen und links von ihr hatte 
dieselbe Paula ihren Platz, von der sie wußte, daß sie - vergeblich 

- Herrn von Wessels nachgestellt hatte. Frau von Wessels hatte an 
jenem ersten Freitag - den 9. August - den haßerfüllten Blick aus 
den auffallenden grauen Augen Paulas aufgefangen, die unter Umständen 
einen eigentümlichen harten und stechenden Ausdruck haben. Die- 
selben grauen Augen hat die Frau jenes Nierenkranken, mit dessen 
Zungenbelag sie die Übelkeit am Donnerstag den 15. abends, in Zu- 
sammenhang brachte. Bei dem Besuch dieses Kranken, der mit seinem 
Uringeruch sie an den Tod des ersten Mannes erinnerte, war seine 
Frau mit den grauen Augen zugegen gewesen. Der Name dieser Frau 
ist Anna, Anna ist aber auch der Name der ältesten Schwester von 
Frau von Wessels, unter der sie als Kind über alle Maßen gelitten 
hat. Und diese Schwester Anna hat dieselben harten, stechenden Augen 
wie Paula. Und nun kommt das Seltsame : Frau von Wessels Schwester 
Anna hat am 21. August Geburtstag. Am 15. August hat Frau von 
Wessels den Kalender angesehen und beschlossen zu schreiben, am 
16. hat sie schreiben wollen, ist aber statt dessen ins Theater ge- 
gangen, um ein Ballett, das heißt, schöne Beine zu sehen, am 17. hat 
sie wiederum den Gcbui tstagsbricf aufgeschoben und erst am 18., dem 
Tag der dicken Lippe, gratuliert, und schließlidi am 21., dem Geburts- 
tag selbst, ist die Lippengesdiwulst rasch verschwunden und die bis 
dahin stockende Analyse floß plötzlich in rasdicm Lauf und eine Menge 
wirrer Verknäuelungen lösten sich. 

Frau von Wessels erzählte mir: „Als ich etwa mit 14 Jahren 
Näheres über die Schwangerschaft erfuhr, habe ich den Geburtstag 
meiner damals rechtschaffen gehaßten Sdiwester Anna mit dem Hoch- 

20 G r d d e c k, Das Buch vom Es 305 



zeitstage meiner Eltern verglichen und bin zu dem Resultat gekommen, 
daß sie schon vor der Hochzeit entstanden sein müßte. Daraus zog 
ich zwei Schlüsse : einmal daß meine Schwester nicht echtbürtig sei - 
das erscheint in meiner sonst gar nicht vorhandenen Abneigung gegen 
meine Stieftoditer am 17. August wieder, denn diese Stieftochter 
stammt nicht von mir, ist also nicht editbürtig, sondern vorehelidi 
- und dann daß meine damals ebenso rechtschaffen gehaßte Mutter 
eine grob sinnliche Frau sei, eine Annahme, zu der ich mich zu jener 
Zeit um so mehr berechtigt glaubte, weil meine Mutter ein halbes 
Jahr vorher - also in meinem 14. Lebensjahr - noch ein Kind be- 
kommen hatte. Sie als Analytiker wissen ja, was für Neid sich bei 
so späten Schwangerschaften in dem Herzen der älteren Töchter an- 
sammelt. Ich habe stets dieses Nachrechnen der Schwangerschaftsdaten 
meiner Schwester Anna für die erbärmlichste Handlung meines Lebens 
gehalten und auch jetzt wird mir das Geständnis schwer. Wie Sie an 
meiner Lippe gesehen haben, bestrafe ich mich für die Schandtat 
gegen meine Mutter damit, daß ich meine eigene Sinnlichkeit vor 
aller Welt offenbare, nadidem einmal der Vorwurf von Fräulein Paula 
erhoben worden ist. Nun weiter : ich weiß, daß meine Schwester Anna 
darauf rechnet, in meinem Geburtstagsbrief für den Oktober hierher 
eingeladen zu werden. Ich will sie aber nicht hier haben, obwolü ich 
meine Abneigung dagegen als schlecht empfinde. Der Mund, der 
diese Einladung nidit aussprechen will, muß bestraft werden. Dieser 
selbe Mund muß aber auch dafür bestraft werden, daß ich ihn zur 
Zeit jenes Nachrechnens des Hochzeits- und Geburtsdatums einen 
frevelhaften Schwur tun ließ, ich wolle niemals ein Kind gebären. 
Dieser Schwur fiel in dem Augenblick, wo ich zufällig das Schreien 
einer Kreißenden mit anhörte. Die Verbindung mit meinem Munde 
ist durch eine meiner Bekannten gegeben, die nach langer, langer 
Kinderlosigkeit schwanger geworden ist und deren früher zusammen- 
gekniffene Lippen jetzt voll und rot sind. Ich habe diese Bekannte 
am 15. August gesehen und eingehend mit ihr über das kommende 

306 



1- 



Kind gesprochen. So viel kann idi zur Erklärung der Mund- 
anschwellung angeben. Was das Auge betrifft, so ist das sehr einlud). 
Ich habe von den zahlreichen Schwangerschaften meiner Mutter nicht 
eine einzige erkannt, auch die des jüngsten Kindes nicht, obwohl ich 
schon 13 Jahre alt war und sein* gut wußte, wie die Kinder auf die 
Welt kommen. Der Versuch also, mich gegen Sdiwangerschaft blind 
zu machen, ist sehr alt, und daß ich jetzt gelegentlich zu dem be- 
währten Mittel greife, mein gutes linkes Auge - das rechte ist ziemlich 
unbrauchbar - auszuschalten, wenn der Schwangerschaftskomplex meiner 
Mutter an midi herantritt, wundert midi nidit Es sind da aber noch 
andre Dinge. So weiß ich zum Beispiel jetzt, daß mich bei dem 
Besuch des Nierenkranken nicht der Uringeruch störte, sondern der 
nach Kot, das heißt, hinter der Erinnerung an den Tod meines 
Mannes versteckt sich die tief beschämende an einen Augenblick*, wo 
meine Mutter mir die Backe streichelte und ich, statt mich der 
Zärtlichkeit zu freuen, dieser liebenden Hand einen Kotgeruch an- 
dichtete, mit andern Worten, ihr Cewohnheiten unterschob, denen 
ich als Kind selber gefrönt haben muß. Ich überlasse es Ihrem Sdiarf- 
sinn, ob Meerrettich irgend etwas mit meiner Mutter zu tun hat. - 
Von dieser Erlaubnis mache ich Gebrauch. Meer scheint mir mit mere 
zusammenzuhängen und der Rettidi ist ein bekanntes Mannessymbol 
Der Spruch : Einen Rettich in den After stecken, f ülirt zu dem Klosett- 
geruch. - Der Gerudiseindruck führt midi nun wieder auf des Nieren- 
kranken Frau, auf ihre grauen Augen, auf die harten Augen von 
Paula und auf die meiner Schwester Anna zurück. Die Angst vor 
Paula, die ich ganz gewiß habe, beruht auf diesen Augen, die eben 
Annas gefürditete Augen sind. Wenn ich aber gesagt habe, daß idi 
meine Schwester Anna haßte, so muß ich diese Aussage einschränken. 
Etwas liebte ich an ilir über alle Maßen, das waren ihre Beine und 
ihre Unterhosen. Ich besitze noch jetzt eine ganze Sammlung von 
Anna-Beinen in Spitzenhöschen, die idi in meiner Schulzeit an den 
Rand meiner Hefte gezeichnet habe. Ihre Beine sind jedenfalls bei 



20* 



307 






meiner Vorliebe für das Ballett stark beteiligt und Sie wissen, daß 
idi am 16. im Theater war, um schöne Beine zu sehen. Und da ist 
gleich eine weitere Verbindung, die in die fernsten Fernen meiner 
Kindheit führt, von wo dann kein weiterer Weg mehr ist außer dem 
der Phantasie. Die Angst vor harten Augen geht nämlich auf meine 
Großmutter zurück, die ich entsetzlich fürchtete. Das erste, was sie 
tat, wenn wir zu ihr kamen, war, daß sie uns die Röckchen hodihob, 
um zu sehen, ob wir reine Hosen anhätten. Ich begriff schon damals, 
daß sich dieses Manöver nicht gegen mich, sondern gegen meine 
Mutter richtete, und wegen ihrer Feindschaft gegen Mutter war mir 
die Alte in der Seele zuwider. Trotzdem halte ich es für möglich, 
daß dieses Untersuchen der Hosen für midi lustvoll war. Aber be- 
denken Sie, den Vorwurf des Schmutzes, den ich der Alten so sdiwer 
anrechnete, erhob ich später selbst gegen meine Mutter bei Gelegen- 
heit des Backenstreicheins. Das ist schlimm. Und noch etwas andres. 
Eine Tante von mir wurde - in meiner frühesten Kindheit hörte ich 
davon - von meinen Großeltern verstoßen, weil sie vor der Hochzeit 
von ihrem Verlobten schwanger wurde. Wieder derselbe Tadel, den 
ich gegen die Mutter vorgebracht hatte. Die Großmutter war für mich 
die Hexe schlechthin. Und von diesem Wort Hexe geht nun wieder 
ein Weg zu Paula und den Erscheinungen der letzten Tage. Es war 
mir bekannt, daß Paula, deren Gehirn mit allerlei okkulten Phan- 
tasien spielt, mir telepathisdie Kräfte zuschrieb und mich Hexe nannte. 
Denselben Ausdrude habe ich oft für die Mutter meiner Stieftochter 
verwandt, die ich freilich nur vom Ansehen oder besser vom Sehen 
und Hören kannte. Als ich ihre Stimme zum erstenmal hörte, durch- 
fuhr mich ein Eisesschrecken, ich fühlte, daß in dieser Stimme etwas 
Gräßliches aus meiner Kindheit war. Und als ich die Frau dann sah, 
fiel mir sofort auf, daß sie meiner Schwester Anna harte Augen hatte, 
und nun wußte ich auch, daß ihre Stimme die der Großmutter, der 
Hexe war. Die merkwürdige Abneigung des 17., meine Stieftochter 
anzusehen, hing damit zusammen, daß ich ihre Mutter mit meiner 



308 



Großmutter und meiner Schwester und meiner Gegnerin Paula 
identifizierte, daß sie also die schwersten, am tiefsten verdrängten 
Erinnerungen wachrief. Soweit idi die Sache verstehe, muß ich also 
die Ursachen für die Vorgänge an Auge und Lippe in Konflikten mit 
meiner Gioßmutter, Mutter und ältesten Schwester suchen, die durch 
das Geburtstagsdatum und die Begegnung mit Paula aus ihrem Ver- 
drängungsschlaf wachgerufen wurden, während die jährlidi hervor- 
geholte Trauer um meinen ersten Mann ein Versuch ist, diese un- 
bequemen Komplexe zuzudecken. Die Erschwerung des Sehens durch 
die Lidgeschwulst ist derselbe Versuch zu verdrängen in anderer 
Form, im Krankheitssymptom : ich will nicht sehen und folgerichtig 
kommt denn, als das Sehen der Komplexe infolge der Häufung der 
Phänomene nicht mehr zu verhindern ist, der Wunsch wenigstens 
nicht davon zu sprechen, was sich in der Schwellung der Lippe und 
der damit verbundenen Unbequemlichkeit im Sprechen äußert. Beides 
sind zugleich auch Strafen für das Sehen nach schönen Beinen und 
das Verschwören jeder Schwangerschaft." 

Ich lasse es dahingestellt, liebe Freundin, ob Frau von Wessels 
mit ihren Betrachtungen recht hat. Sicher hat sie noch eine Menge 
Material unterschlagen und von dem, was sie gab, kaum die Hälfte 
gedeutet. Ich erzähle Ihnen die Geschichte, weil hier eine nicht dumme 
Frau in anschaulicher Weise erzählend schildert, wie ich mir die 
Äußerungsform des Es durch das Krankheitssymptom denke. Ich habe 
aber, wie ich schon vorhin andeutete, noch einen andern Grund 
gehabt, diese Dinge so breit zu bcriditen. Zu jener Zeit, als Frau 
von Wessels ihre Augen- und Lippenerlebnisse hatte und mir vom 
Geruch der Urämischen sprach, befand sich in meiner Anstalt eben- 
falls ein Nierenkranker, der diesen charakteristischen Geruch hatte. 
Ich bekam ihn in den letzten Stadien in Behandlung und übernahm 
es, sein Sterben zu beobachten und zu erleichtern, weil seine Mund- 
form mit ihren scharf zugepreßten, dünnen Lippen mir eine Bestätigung 
meiner Annahme zu sein schien, daß das Es durch das Zurückhalten 



309 



der Uringifte dasselbe aussagt wie durch die zugekniffene Form des 
Mundes. Für mich bedeutet die Urämie den tödlich gefährlichen 
Kampf des verdrängenden Willens gegen das immer wieder empor- 
strebende Verdrängte, gegen starke aus frühester Kindheit herrührende 
und in tiefsten Schichten der Konstitution liegende und wirkende Urin- 
absonderungskomplexe. Der Fall hat meine phantastischen unwissen- 
sdiaftlichen Forschungen, für die ich durch mein eigenes Nierenleiden 
einen persönlichen Antrieb habe, nicht wesentlich gefördert. Ich müßte 
mich denn entschließen, einige seltsame Erscheinungen im Verlauf dieser 
Tragödie mit dem Versuch das Es zu deuten in Verbindung zu bringen. 
Da müßte ich erwähnen, daß bei dem Kranken schon nach den ersten 
Tagen der Analyse die Jahrzehnte alte Verstopfung in Diarrhöe um- 
schlug, deren Gestank unsagbar greulich war. Man könnte, wenn man 
genügend närrisch ist, den höhnischen Ruf des Es daraus herauslesen : 
ich will wohl den körperlichen Dreck hergeben, den ich sonst zurück- 
hielt, den seelischen aber gebe ich nicht her. Man könnte das Erbrechen 
ähnlich deuten, — allerdings pflegt das ja bei Urämie aufzutreten, 
ebenso wie die Durchfälle — während man anderseits mit einigem 
Wagemut sagen könnte, der urämische Krampfanfall - und schließlich 
das Sterben - sind Zwangsmittel des verdrängenden Es, um das Bewußt- 
werden der Komplexe zu verhindern. Schließlich ließe sich auch eine 
merkwürdige, von mir sonst nicht beobachtete wassersüchtige Ver- 
dickung der Lippen, durch die der Mund all seine Verkniffenheit verlor, 
als spöttisches Zugeständnis des Es deuten, das dem Munde die 
Freiheit wiederzugeben scheint, während es ihm in Wahrheit durch 
das ödem das Sprechen verbietet. Aber das alles sind Gedankenspiele, 
die ich mir leiste, für die ich aber nicht die geringste tatsächliche 
Gewähr habe. Dafür habe ich aber während jener Tage etwas Komisches 
erlebt, was ich kraft meiner Eigenschaft als persönlich Erlebender mit 
ziemlicher Gewißheit deute. In den Tagen, in denen ich mich infolge 
des Lippenabenteuers ernsthaft mit Frau von Wessels Analyse be- 
schäftigte, traten die ersten urämischen Krämpfe bei meinem Kranken 



810 



auf. Ich blieb über Nacht im Sanatorium und nahm, da es kalt war, eine 
heiße Gummiflasche mit ins Bett. Vor dem Einschlafen schnitt ich mit 
einem spitzen Papiermesser eine Nummer der psydioanalytischen Zeit- 
schrift Freuds auf und blätterte darin. Unter anderm fand ich darin 
die Anzeige, daß Felix Deutsch in Wien einen Vortrag über Psycho- 
analyse und organisdie Krankheiten gehalten hatte, ein Thema, das idi, 
wie Sie wissen, seit langem in mir wälze und das idi unserm gemein- 
samen Freunde Groddedc zur Bearbeitung überlassen habe. Idi legte 
Zeitschrift und Papiermesser unter mein Kopfkissen und fing an, ein 
wenig über diesen Gegenstand zu phantasieren, wobei ich denn bald 
bei meinem Urämischen und meiner Deutung der Harnverhaltung als 
Verdrängungszeichen landete. Idi sdilief darüber ein, wachte aber gegen 
Morgen mit einem seltsamen Gefülil der Nässe auf, so daß idi glaubte, 
ins Bett gepinkelt zu haben. Tatsädilidi hatte idi im Schlaf mit dem 
Papiermesser die Gummiflasche angestochen, so daß das Wasser im 
kleinen Sprudel hervorquoll. - Nun, die folgende Nadit blieb ich wieder 
in der Anstalt, und weil idi gern nasche, hatte ich mir dieses Mal ein 
paar Stück Sdiokolade mitgenommen, wie ich es öfter tue. Was denken 
Sie, was passiert? Als ich am nächsten Morgen aufwache, sind mein 
Hemd und mein Bettlaken über und über mit Schokolade beschmiert. 
Es hatte eine verteufelte Ähnlichkeit mit Aa, und idi war so be- 
schämt, daß ich sofort die Bezüge des Bettes eigenhändig abnahm, 
damit das Dienstmädchen nicht denken sollte, ich hätte ein großes 
Geschäft ins Bett gemacht. Gerade diese seltsame Idee jedoch, das 
Bett abzuziehen, weil sonst der Verdadit kommen könnte, ich hätte 
meine Notdurft darin verriditet, brachte mich darauf, mich ein wenig 
zu analysieren. Da fiel mir denn ein, daß ich schon bei dem Wärme- 
flaschenabenteuer empfunden hatte, es ließe sich als Bettnässen 
deuten. Und da ich so ganz und gar mit dem Gedanken bei dem 
Urämischen gewesen war, so erklärte ich mir die Sadie so: Dein Es 
sagt dir, du brauchst, obwohl deine Nieren nicht sauber sind, keine 
Sorge zu haben, daß du Je Urämie bekommst : du siehst ja, wie 



311 



leicht du Urin und Dreck von dir gibst, du hältst nicht zurück, ver- 
drängst nidit, bist wie ein Säugling, schuldlos und offen mit Herz 
und Bauch. Wenn ich nicht wüßte, wie listig das Es ist, hätte ich mich 
wohl damit begnügt. Aber so gab ich mich nicht damit zufrieden und 
auf einmal schoß mir der Name Felix durch den Kopf; Felix, so 
hieß der Herr, der über Psychoanalyse und organische Krankheiten 
gesprochen hatte. Felix Schwarz hieß aber auch ein Schulfreund und 
dieser Schulfreund war an Urämie im Gefolge von Scharlach zu- 
grunde gegangen. Schwarz, das ist der Tod. Und in Felix steckt das 
Glück und die Verbindung von Felix und Schwarz, von Glück und 
Tod kann nur der Augenblick der höchsten Geschlechtslust verbunden 
mit der Angst vor Todesstrafe sein, mit andern Worten, es ist der 
Onaniekomplex, dieser uralte Komplex, der immer wieder unter- 
irdisch sich regt, wenn ich an meine Nierenkrankheit denke. - Damit 
schien mir die Deutung, die ich den beiden Unfällen gegeben hatte, 
nun bestätigt zu sein. Mein Es sagte damit: sei ehrlich, verdränge 
nicht und dir wird nichts geschehen. Zwei Stunden später wurde ich 
eines Besseren belehrt. Denn als ich an das Bett meines Urämie- 
kranken trat, traf midi plötzlich der Gedanke : der sieht aus wie dein 
Bruder Wolf. Noch nie hatte ich die Ähnlichkeit bemerkt, aber jetzt 
sah ich sie deutlich. Und dunkel erhob sich vor mir die Frage : Was 
hat dein Bruder Wolf oder das Wort Wolf mit deinen Verdrängun- 
gen zu tun? Immer wieder taucht es auf, so viele Analysen du auch 
angestellt hast und nie findest du die Lösung. Auch die, die dir jetzt 
durch den Kopf schießt, ist nicht die letzte, tiefste. 

Trotzdem will ich sie Ihnen nicht unterschlagen. Als ich ganz 
kleines Kind war, - doch schon alt genug, um Erinnerungen zu be- 
wahren - lief ich mir oft die Kerbe zwischen den Popobäckchen 
wund, bekam also einen Wolf. Ich ging dann zur Mutter und sie 
strich mir Salbe in die Kerbe. Das hat mir gewiß einen Anstoß zur 
späteren Onanie gegeben, war gewiß schon eine Form kindlicher 
Onanie, bei der ich in halbbewußter, fuchsschlauer List zur bösen 



312 



Tat die Hand der Mutter benutzte, wohl in Erinnerung an die Won- 
nen, die jeder Säugling durch die Reinlichkeitssorge der Kinder- 
pflegerin empfängt. Und als ich soweit mit dem Analysespiel war, 
fiel mir noch ein, daß ich am Tage vorher mir wirklich beim Radeln 
einen Wolf zwischen den Schenkeln angeradelt hatte. Das ist also der 
Wolf, den du so lange suchtest, jubelte es in mir und ich war freudig 
und half dem Weibe meines Kranken über eine schwere Stunde hin- 
weg. Aber als ich zur Tür hinaustrat, wußte ich: Audi das ist die 
Lösung nicht ! Du verdrängst und wenn dir dein Es und deine 
Freunde noch so sehr die Offenheit nachrühmen, du bist doch genau 
wie andere. Und anständig ist nur der, der ist wie jener Zöllner : 
Gott sei mir gnädig. Aber finden Sie nicht, daß selbst dies letzte, 
gerade dies letzte, pharisäisch ist? 

Adieu Liebe ! Idi bin Ihr PATRIK. 












813 



f 


















GEORG GRODDECK 

DER SEELENSUCHER 

EIN PSYCHOANALYTISCHER ROMAN 

In Ganzleinen gebunden Mark 1V— 



Inhalt: Agathe, der Herausgeber, August Müller und der Scelensucher. 

— Die Wanzen kriechen hervor. — Ein Scharlachfall. Dr. Vorbeuget* 
Ein Fluchtversuch. — August wird eingesperrt, Agathe besucht Ihn. — Die 
Wanzen werden angesteckt. Auguste Berufung. — Der Vikar wird durdi 
ein Junges Mädchen in die Geschichte verwickelt und hat ein Stelldich- 
ein. - August Müller stirbt. — Thomas Weltlcin begegnet dem Sein, dem 
Werden und dem Fittidi der Tat. - Der Lumpcnwilhelm und Agathcs Uhr. 

— Der Weg der Sdimerzen. - Ein Weinbergskarl und noch einer. - Der 
Tunnel der Erniedrigung. Kleider machen Leute. — Verrückt oder boshaft ? 

— Strickt der Strumpf oder wird er gestrickt? — Docendo disclmus. - Eine 
Wanze, die mit Gedanken und Goldwasscr malt. — Wie Lachmann einen 
Stein rollen laßt. — Thomas macht am Insekt Mensch Experimente über 
psychisch-physische Ansteckung. - Vom Nutzen der Krankheit. - Wie sich 
Frauen und wie sich Thomas die Hebung der Sittlichkeit denken. - Was eine 
Glocke Ist. Agathe reist ab und Thomas spielt Eisenbahn. - Nicht wahr, 
zwei Damen ? Und der Schlag aufs ParadicsäpfJeln. - Von der inneren An- 
steckung, dem Artikel, Held Onan und der Entrüstung des Lesers. - Großes 
und kleines Geschäft. Der Kegclkönig. - Das vierte Gebot. - Apfclkraut 
und Hosenbein. Musik und Liebe. - Eine Schlägerei. Was das Du eines 
Prinzen vermag. - Ein langweiliges Kapitel, das aber nicht unterschlagen 
werden kann, da es vom Waschen und dem Geheimnis der Sixünischea 
Madonna handelt. - Noch ein Muscumsbesuch, ebenso langweilig wie der 
vorige. - Die Idee des Pferdes und der Wettkampf mit dem Löwen. - Der 
Narr als Held. Vom Sozialismus. - Wie Thomas die Welt von unten an- 
sieht und was es mit Mädchenfreundschaften auf sich hat - Ein Ver- 
brechen? Der Gruß des Kaisers und die Resultate des Studiums. - Agathe 
erscheint wieder. - Mathematik als reine Wissenschaft. Kinderverse und 
das Rätsel der Brustwarzen. - Der rote Prinz. Willkommen und Ab- 
schied. - Tod und Begräbnis. Agathe beansprucht Thomas Weltleins 
Vermögen, Lachmann den Scelensucher und Alwine seinen Unglauben 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

Wien, VII., Andreasgsse 3 



• 



Pressestimmen über Groddecks »Seelensuc her « ; 

Es kann kein schlechtes Buch sein, dem es, wie diesem, gelingt, den Leser vom Anfang bis 
zum Ende zu fesseln, schwere biologische und psychologische Probleme In witziger, Ja be- 
lustigender Form darzustellen, und das es zustande bringt, derbzynische, groteske und tief- 
tragische Szenen, die in ihrer Nacktheit abstoßend wirken mußten, mit seinem guten Humor 
wie mit einem Kleide zu behängen . . . Der erziehliche Wert des Buches liegt darin, daß 
Groddeck, wie einst Swift, Rabelais und Balzac, dem pietistlsch-hypokrltlschen Zeitgeist die 
Maske vom Gesicht reißt und die dahinter versteckte Grausamkeit und Lüsternheit, wenn auch 
mit dem Verständnis für deren Selbstverständlichkeit, offen zur Schau stellt Die Symbolik, die 
die Psychoanalyse zaghaft als einen der gedankenbildcndcn Faktoren einstellt, ist für Welt- 
lein tief im Organischen, vielleicht im Kosmischen begründet und die Sexualität ist das Zen- 
trum, um das sich die ganze Symbolwelt bewegt. (Dr. S. Ferenczi in der „Imago") 









Ein Buch, das kaum seinesgleichen hat unter deutschen Büchern, ein Buch von eigentümlicher 
spiritueller Schärfe, die ilire Zeichen ins Hirn des Lesers ätzt. Was sonst als erzählende 
deutsche Prosa Humor übt, scheint Wasser neben dieser Quintessenz... 
So was Freches, Ungeniertes, raffiniert Gescheit-Verrücktes Ist von Erzählern unserer 
Sprache noch nicht gewagt worden. Man muß zu den Großen satirischer Dichtung, wlü man 
die Patrone dieser Schrift nennen. Von Jonathan Swifts unsterblicher Galle kreist ein 
Tropfen in des Seelensuchers Bitterkeit ; an Cervantes erinnert der Ritus, nach dem hier 
einer zugleich den Priester und das Lamm seiner Narrheit abgibt, erinnert die Durchsetzung 
dieser Narrheit mit Idee und Idealität; In der Rabies Ihrer Witzigkeit aber gespenstert das 
Überdimensionierte der Gargantu a-Komik . . . Die Figuren haben beiläufige Kontur. Auch 
der Held Thomas, der als Don Qulxote Sigmund Freud scher Weltanschauung seiner für- 
sorglichen Schwester Agathe durchbrennt, streitbar durch die deutschen Lande zieht, In die 
wunderlichsten Händel und skurrilsten Abenteuer gerät, als Ritter seiner Dulcinea Psycho- 
analyse die erbittertsten Reden und andere Schlachten schlägt, aller Orten — wie der de la 
Mancha Burgen, Ritter, Burgfräulein - aller Orten Symbole, insbesonders erotische Symbole 
sieht, erfüllt von der heiligen Gewißheit, daß die Menschen ihre Psyche zwischen den Beinen 
tragen und ihre Genitalien an Jeder Stelle Körpers und Geistes. Dieser Thomas ist ein ur- 
gemütliches Gespenst, das seine Hirnschale in Händen hält und aus dem muntren Qualm, der 
Ihr entsteigt, die Welt deutet . . . Eine Figur, so voll der kostbarsten Narrheit - die keine 
Narrheit, sondern Ernst-Clownerie — Ist noch durch keinen deutschen Roman gewandelt . . . 
Sie hat ein Format und eine Funktion ; der Rest ist Ulk. Aber Ulk von der hellsten Sorte. 
Hier lehrt einer, zum Gaudium der Leser, dleWelt über den psychoanalytischen 
Stock springen. Alles muß drüber, Mensch und Tier, Politik, Kunst, Wissenschaft; und, 
mit etlicher Gewalt und Schlauheit, glückt es bei allen. Eine drolligste demonstratio ad rem 
et homlnem Yon der Unfreiheit der Erscheinungen. Wie sich hier Sinn zu Hanswurstladen 
übersteigert, Geist In närrische Aktion umsetzt, Dogma possenreißerisch sich behauptet, Er- 
kenntnis, ihrer Unverletzbarkeit hochmütig gewiß, Ins dichteste Gelächter stürzt — solche 
lustige Abenteuerfahrt des Gedankens hat noch kein deutscher Mann gewagt. 

(Alfred Po/gar im „Berliner Tageblatt") 



i 



Pressestimmen über Groddecks »See/ensucher«: 

Ein ungewöhnlich geistreicher Kerl, der sehr amüsant zu reden weiß. Der Stil erinnert etwas 
an die Plckwidder, wenn auch der Inhalt durchaus nicht so harmlos ist. 

(Dr. Drill in der „Frankfurter Zeitung") 

Ein tüchtiger Mann, der Spaß machen kann und sein Publikum in 36 Kapiteln trotz aller 
Wissenschaft harmlos und kurzweilig unterhalt. (Alfred Döblin in der „Neuen Rundschau") 

Ein Schalk, der lustig, ausgelassen und frivol ist und doch zum Denken reizt . . . Prüde 
Flachköpfe, Philister, laßt die Hände davon, aber Ihr, die Ihr lachen könnt, bis die Augen 
tränen, macht Euch in Eurer stillen Ecke über dieses Buch. („Wiener Freimaurer-Zeitung") 

Gespräche und Heden des Seelensuchers Thomas Weltlcin, den der Verfasser auf die schmale 
Grenze zwisdien dem weisen Grübler und dem Narren gestellt hat, um Ihn recht ungestört 
alles zwischen Himmel und Erde durchcinanderqulrlen lassen zu können . . . Für öffentlidie 
Büchereien ist das Buch wegen seines Obermaßes an Zynismus in erotischen und religiösen 
Dingen unbrauchbar. („Bücherei und Bildungspflege") 

Weder die Vertiefung noch der soziale Ernst wird der Psychoanalyse hier entnommen, sondern 
der Kehricht, den sie, das seelische Innere des Menschen fegend, vor der Tür anhäuft. Diese 
unappetitliche Masse wird hier zum Hauptthema, als ob das Absehen darauf gerichtet wäre, 
die Psychoanalyse durch Ordinarhelt zu diskreditieren, was indessen kaum In den Intentionen 
des Verfassers, selbst Psychoanalytikers, liegen kann. 

(Herbert Silberer in der „Neuen Freien Presse") 



Groddeck hat der Literatur einen modernen Don Quichotte geschenkt . . . Wer Freude daran 
hat die Dinge auch einmal durch eine andere Brille als seine eigene zu sehen, lese das Budi. 
Er wird Stunden reinster Freude haben I („Ostseezeitung") 

Ein witziges Buch ! Ein kluges Buch I Eine geschickte Fopperei, nichts mehr 1 Ein köstliches 
Buch ein abscheuliches Buch ! Ein fidclcr Roman, ein wissenschaftliches Werk I . . . Das Buch 
ist vor allem von einer imponierenden Rückslditslosigkclt. („Die Wage") 

Groddeck hat sich seine Aufgabe insofern erleichtert, als sein Held gleichzeitig Psychopath 
und Psychoanalytiker Ist } dadurch kann er manche bedeutsame Glossierung unauffällig ein- 
fügen. Groddedk nützt die Immunität reichlich aus, um die Phantasie des kranken Zynikers 
sich in Zweideutigkelten ergehen zu lassen ; aber man behält den Eindruck der Echtheit. 

(„Basischer Zentralanzeiger") 



Wer für Humor keinen Sinn hat, gehe dem" Buch weit aus dem Wege . . . Groddeck probiert 
mit einer tollen Donquichotterie die psychoanalytlsdie Methode an seinem Helden aus und 
mengt Witz und Unsinn, Weisheit und Tollheit wild durcheinander. 

(Jörn Oven in der „Schönen Literatur") 



• 






DK- SIEGFRIED BERNFELD 

SISYPHOS 



ODER 



DIE GRENZEN DER ERZIEHUNG 

Geheftet Mark 5—, Ganzleinen 6 m 50 



Hier redinet einer flott und gründlich mit Praxis und 
Theoorie der Erziehung ab. Ein unvorhergesehener Über- 
fall auf Verlogenheit, die sich in Sicherheit wähnt, muß 
wohl auch diese auf wühlerisch „unzeitgemäße Betraditung" 
eines unbequemen Zeitgenossen zunächst hauptsächlich nur 
auf Leser rechnen, die sie als Pamphlet schmähen werden, 
allerdings ohne das Buch vor der letzten Zeile aus der 
Hand geben zu können. Vor allem verblüfft hier die 
psychoanalytische Herkunft dieser rhapsodischen Stellung- 
nahme und fesselt das Wie und Warum dieses hemmungs- 
losen Bekenntnisses eines Freudianers zum radikalen So- 
zialismus. In der an Jean Paul gemahnenden, anekdo- 
tisch instrumentierten Melodie eines „enthusiastischen 
Pessimisten" tritt uns eine Entschlossenheit des Gedankens 
und der Tat entgegen, die mehr als alles Sdiulmeisterisdie 
den Erzieher, den Erzieher im nächsten und im fernsten 
Sinne, ausweist. Mandiem Leser wird es schwer fallen, den 
Respekt, den das Budi Sisyphos gebietet, das Vergnügen, 
das sein Raffinement bereitet, mit jener beklemmenden 
Verlegenheit zu versöhnen, in die es das aus herkömm- 
lichen Bahnen gelockte Denken drängt. 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

Wien, VII., Andreasgasse 3 









Pressestimmen über Bernfelds „Sisyphos" 

Der geistreichste unter den Schülern des großen, genialen Sigmund Freud hat da den Päda- 
gogen ein Büchlein gewidmet, das sie hoffcntlidi lesen und sobald nicht vergessen werden. 
Ich meinerseits glaube, daß seit langem im fragwürdigen Bereich der Pädagogik keine wich- 
tigere Erscheinung zu verzeichnen war, als diese Schrift. Übrigens auch keine bei allem bitte- 
ren Ernst witzigere und vergnüglichere . . . Bernfelds zentrale These wird für mandicn etwas 
Erschreckendes haben . . . Aber ob wir die Gedankengange dieses merkwürdigen Büchleins 
nun als unverhoffte Bestätigung eigener Ansiditen oder als unbequeme Störung des päda- 
gogischen Burgfriedens empfinden: wir werden nicht an ihm vorbei können, nidit an ihm 
vorbei dürfen. So sei es denn nachdrückÜchst empfohlen — allen, denen Erziehung nicht nur 
Reflexbewegung, sondern auch eine immer neue Angelegenheit ihres Nachdenkens ist. 

Qustav Wyneken im „Berliner Tageblatt" 

Das ist Tubaton gegen das Treiben befugter und weniger befugter Erzichungskünstlcr, die 
sich erschreckend vermehren und auf die Kinder stürzen. Ehedem versuchte man es mit 
strenger Erziehung: Knüppeldick und liungergurt feierten sadistische Orgien. Das ist nun ins 
Gegenteil umgeschlagen. Bande pädagogischer Zeitschriften werden mit dem Schlagwort: 
lieben und ermutigen! angefüllt, so daß alle Tanten von Europa zu tun bekommen, um die 
Kinderchen zu ermutigen, wahrend Mutter die Suppe kocht . . . Ein geistreicher Beobachter 
der Jungen Brut hat ein Buch herausgebracht, das er mit kühnem Mute „Sisyphos" nennt . . . 
Bernfeld sieht die Welt von einer Brücke, deren Köpfe auf Freud gestützt sind und auf Marx 
Die bürgerliche Gesellschaft sieht er als einen Ozean der Lüge, auf dem die angeblichen 
Ziele der Erziehung treiben, wie verfaulte Schiffstrümmer . . . Verniditungstrleb und Liebe 
sind Scylla und Charybdis aller Einzelerziehung. Diesen Gedanken führt Bernfeld im Haupt- 
teil seines Buches in einem fast zu großartigen Bogen durdi, der ihn über Psydioanalyse und 
prähistorisch-anthropologische Spekulationen bis in die Politik und Ihren MacchiuveUismus 
führt . . • Bernfeld wird wohl redit haben, wenn er sidi aUes vom Gemeinschaftsleben der 
Jugend erhofft, womöglich ganz ohne Erwachsene. Dahin geht der Zug der Zelt und das ist 
Antipädagogik. Man soll das Kind unter seinesgleichen aufwachsen lassen. Die rasende Päda- 
gogik, die In die Herde der Kinder elnbrldit, um sich da auszutoben - gleichgültig ob In 
Liebe oder in Haß - bleibt immer verdächtig, auch im Schafspelz . . . Erst wenn wir unsere 
Kinder in Ruhe lassen werden, erst dann ist das Jahrhundert des Kindes gekommen. 

Fritz Witte/s im „Tag" 



Besonders sei auf die glänzende Programmredc des Untcrriditsmlnisters im zweiton Kapitel 
liingewiesen, die an Anatole France heranreicht und in der Insel der Pinguine stehen könnte . . . 
Durch all die Skepsis und den pessimistischen Flor leuchten deutlidi die Sdiwärmeraugcn 
des Jungen Bernfeld. '■ Die Mutter" 



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